Ronnefeldt – ein Pionier im Teehandel

 In Alltagsleben, Unkategorisiert, Werbung des Monats

Eine Werbung, die ich in alten Zeitschriften immer wieder entdeckt habe – T(h)ee der Firma Ronnefeldt – so wurde Tee bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts noch geschrieben.

Denn nicht nur Kaffee wurde damals gerne nachmittags getrunken, sondern auch Tee. Gerade das wohlhabende Bürgertum trank ihn gerne – man eiferte der britischen „upper class“ nach. England war als führendes Industrieland Vorbild und Vorreiter, nicht nur bei gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Und so wurde der Fünfuhr-Tee auch in Deutschland Mode.

Aufbewahrt wurde Tee in dekorativen Blechdosen, die man heute noch manchmal in Antiquitäten-Geschäften oder auf Flohmärkten findet. Auf der Innenseite der Dosen oder auch -wie hier- auf Bestell-Listen fand man oft eine Anleitung wie die folgende zur Zubereitung des Tees:

Ein Pionier im Teehandel war die Firma Ronnefeldt, 1823 von Johann Tobias Ronnefeldt in Frankfurt gegründet. Davor hatte Johann in einem großen Kolonialwarenhaus in Rotterdam schon einige Jahre Erfahrung im Import- & Exportgeschäft gesammelt und vor allem auch -wichtig- die ersten Handelsbeziehungen geknüpft. Zurück in Frankfurt knüpfte Johann eine weitere wichtige Beziehung: er lernte die Frankfurter Bürgertochter Friederike kennen, deren Vater gleichfalls Handelsmann war. Die beiden heirateten und kauften das Haus an der Neuen Kräme – ein guter Kauf, war es doch strategisch günstig gelegen – im Zentrum der Stadt – und in der Nähe der alten Börse. Es sollte 60 Jahre der Sitz der Firma bleiben. Das Geschäft prosperierte und brachte auch viele Geschäftsreisen mit sich. Von diesen Reisen berichtete Johann seiner Frau in Briefen – vor allem auch über die damaligen Beschwerlichkeiten.

Als Johann Ronnefeldt 1845 starb, hinterließ er seiner Frau ein Geschäft, welches inzwischen beträchtliche Ausmaße angenommen hatte. Trotz der fünf minderjährigen Kinder, die sie gemeinsam hatten und die sie nun allein versorgen musste, führte Friederike das Geschäft mit bewundernswerter Energie weiter. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass es damals schon erfolgreiche Unternehmerinnen gab. Allerdings waren es meist die Umstände und nicht unternehmerische Planung, warum Frauen führende Positionen übernahmen – denn die entsprechenden Bildungsvoraussetzungen gab es für sie zu dieser Zeit noch nicht.

Anfang des 20. Jahrhunderts ist Ronnefeldt als Teemarke etabliert. In der Stadt Frankfurt ist man ab 1884 in einem großen Haus auf der Zeil präsent. Von diesem Standort zieht das Unternehmen 1904 wegen des Neubaus eines großen Kaufhauses an den Roßmarkt in das Haus „Goldener Brunnen“. Dort hatte eine bekannte Persönlichkeit ihre letzten Lebensjahre verbracht: Frau Rat Goethe – Goethes Mutter.

Für die Thee-Werbung engagiert man berühmte Künstler. So ist das nachfolgende Plakat vom Jugendstilkünstler Hans Christiansen gestaltet, einer der ersten sieben Mitglieder der Darmstädter Künstlerkolonnie. Der vielseitige Künstler entwarf Möbel, Keramik und Schmuck und arbeitete als Graphiker für die damals renommierte Zeitschrift „Jugend“, nach dessen Titel diese Stilrichtung benannt worden war. Daneben nahm er auch Auftragsarbeiten für Werbungen an. Da der Jugendstil als Kunstrichtung das Ziel hatte, das alltägliche Leben in die Kunst zu integrieren, war das kein Wiederspruch.

Lobte sich das Unternehmen schon zu dieser Zeit als Lieferant gehobener Hotels (damals oft „Häuser ersten Ranges“ genannt“), so spricht man in einer Preisliste von 1910 doch vorsichtshalber einen recht breit gestreuten Kundenkreis an:

 „Vorzüge, die in rasch wachsendem Maße Ronnefeld’s Thee in allen Gesellschaftskreisen, in Sanatorien und Krankenhäusern, in den Kurhäusern der besuchtesten Bäder des In- und Auslandes, in Theeküchen von Fabrikbetrieben usw. zur Einführung bringen und den verwöhnten Kenner ebenso wie den Laien aus einfachen Kreise, zum treuen Kunden zu gewinnen:“

Das sprach tatsächlich Thee-Trinker aus allen Schichten an, oder? Interessant ist hier, dass Ronnefeldt schon zu dieser Zeit neben den Privatkunden gezielt um Geschäftskunden (heute würde man Business-to-Business sagen) warb, als regelmäßige Abnehmer größerer Mengen.

Bei den Vorzügen wurden übrigens u.a. „eine gewissenhafte Auswahl fehlerloser Original-Thee’n“ sowie „Bearbeitung des Thee’s in elektrisch betriebenen…Siebmaschinen“, „vollkommen staubfreie Lieferungen“ und „wohlschmeckender Qualitäten zu reellen Preisen“ aufgezählt.

Für 1 Mark konnte man 4 beliebige Sorten probieren, das wurde auch oft in den Zeitschriftenwerbungen so annonciert. Und wenn man mehr als 8 Pfund bestellte, gab es „auf Wunsch Blechkästen zur sachgemäßen Aufbewahrung des empfindlichen Artikels ohne Berechnung“ dazu.

Als Genußmittel war Tee recht teuer – bei Ronnefeldt kostete das Pfund Tee zwischen 2,50-4,50 Mark. Zum Vergleich, ein Kilo Butter kostete ca. 2 Mark, ein Kilo Kalbfleisch 1,50 Mark, ein Liter Milch 15 Pfennig, 10 Eier 60 Pfennig und ein Kilo Weißbrot 30 Pfennig.

1914 zog man wiederum um, dieses Mal in die Goethestrasse – im entfernten Sinne war der Standort also wiederum mit dem deutschen Dichter verbunden. Ob er gerne Thee trank, ist nicht überliefertSicher ist aber, dass er Thee-Gesellschaften gab.

Im 1. Weltkrieg kam der Teehandel zunächst zum Erliegen – die Transportketten zwischen China und Deutschland funktionierten nicht mehr. 1916 waren alle Vorräte aufgebraucht – Gelegenheitshändler brachten ab und zu wenige Pfund Tee in die besetzten Gebiete, die dort zu enormen Preisen verkauft wurden. Nach dem Krieg folgte die Inflation.

In den 20er Jahren stabilisierte sich die Lage wieder. Trotz steigender Preise am Weltmarkt wurde mehr Tee konsumiert – für das Teehaus Ronnefeldt bedeutete das nach den harten Jahren wieder einen Aufschwung.

Zu den wichtigen Tee-Importeuren hatte man enge Verbindungen, so auch zur 1796 in Hamburg gegründeten Firma „G.W.A. Westphal & Sohn“. Dieses Bündnis wurde durch familiäre Bande gestärkt – Emma Ronnefeldt, eine Tochter von Carl Rudolf (für alle ganz genauen: dessen Vater war Carl Adolf) und seiner Frau Emmy, hatte einen Sohn der Westphal-Familie geheiratet. Emma selbst stammte gleichfalls aus einer bekannten Unternehmer-Familie: sie war die Tochter des Degussa Gründers Heinrich Roessler. Das Ehepaar lebte in Shanghai und dort kam 1922 Sohn Herwarth Westphal zur Welt. Er sollte in den 60er Jahren dann Mitinhaber der Firma werden. Die Städte Shanghai und Hankow waren zu dieser Zeit die wichtigsten Handelszentren für Tee, im Bild ein Blick in einen damaligen Teeverkostungsraum.

In der Folgezeit wurde die Firma nicht nur wieder ein wichtiger Teelieferant für den Endverbraucher am deutschen Markt, sondern konnte auch international punkten. In den 80er Jahren besann man sich unter der Führung von Frank Holzapfel, der das Unternehmen auf Wunsch von Herwarth Westphal als alleiniger Gesellschafter  übernommen hatte, wieder stärker zu seinem Ursprung als Genuss- und Luxusprodukt. Ronnefeldt wurde ein wichtiger Lieferant für die Vier- und Fünf-Sterne-Hotellerie.

Inzwischen ist das Unternehmen J.T. Ronnefeldt KG weltweit präsent – der Hauptsitz ist nach wie vor in Frankfurt. Mittlerweile werden 350 Teesorten produziert, die in über 80 Länder exportiert werden.

2023 steht das 200-jährige Jubiläum der Firma an.

Neuste Artikel

Kommentieren