Was geschah vor 110 Jahren im Januar?

 In Alltagsleben, Frauenberufe, Gewinnspiel, historische Luftfahrt, Unkategorisiert, Was geschah vor 110 Jahren, Winter, Zeitgeschehen

Einführung
Diese Rubrik gab es bereits für die Jahre 1908 und 1909. Ich möchte sie dieses Jahr fortführen, allerdings etwas verkürzt – nach dem Motto „In der Kürze liegt die Würze!“ In den Artikeln berichte ich von zeitgeschichtlichen Ereignissen, welche die Menschen damals bewegten und über die in Wochenzeitschriften berichtet wurden. Ob aus Politik, Gesellschaft, Kultur, Sport – und (meinen geheime Lieblingsrubriken) „Frauenleben“ und „Kurioses“.

Eine Neuerung gibt es: ab und zu gibt es auch ein Gewinnspiel – dazu ist eine Frage zu beantworten, die aufmerksame Leser der jeweiligen Ausgabe entnehmen können. Wir starten mit dieser Ausgabe – hier  geht es zur Frage und Verlosung.
Zu gewinnen gibt es ein tolles Buch zur Entstehung der Oper „Der Rosenkavalier“.

Das Kronprinzenpaar ist auf Weltreise …

so hieß es zumindest etwas reißerisch. De fakto waren beide in Indien und Ägypten unterwegs – und werden dabei sehr oft fotografiert! In allen Zeitschriften finden sich viele Fotos von den Reisestationen und ein besonders beliebtes Fotomotiv ist dabei die Kronprinzessin Cecilie.
Sehr hübsch anzuschauen, auch mit Tropenhelm! Cecilie bezauberte nicht nur durch ihr gutes Aussehen, sondern auch durch ihr ruhiges und bescheidenes Auftreten. Ihre Beliebtheit war mit der späteren von Prinzessin Diana zu vergleichen und wenn man danach suchen würde, fände man noch weitere Parallelen in ihren Lebenswegen.

Parallelen gibt es gleichfalls bei der Berichterstattung, die an jene heutiger Adelsbesuche erinnert, z.B. von Mitgliedern des britischen Königshauses. Man schüttelte viele Hände, traf sich mit den jeweiligen Honoratioren vor Ort, pflegte die Handelsbeziehungen und absolvierte mit mehr oder weniger Engagement das kulturelle Begleitprogramm. Zunächst reiste man allerdings getrennt – er zum Jagen nach Indien, sie per Dampfer „Mayflower“ nach Ägypten.
Die Zeitschriften nutzten die Indien-/Ägyptenreise gleichzeitig, um diese Länder einmal näher vorzustellen, die damals für die Normalsterblichen tatsächlich schwer zu bereisen waren.

Am Schluss wurde die Reise allerdings verkürzt – aufgrund akuter Pestgefahr! Die Sonntagszeitung erzählt dazu kurz und bündig:

„Da in China die Pest herrscht, hat der Kronprinz die Reise dorthin und nach Japan aufgegeben und kehrt von Kalkutta (Ostindien) aus in die deutsche Heimat zurück.“

Leider schaffte er es vorher noch, „im Innern von Ostindien“ an einer Tigerjagd teilzunehmen.

Abenteuer Winter-Ballonfahrt – mit nur einem „Happy end“!

Nicht nur über Pilot(innen) und deren Flüge wurde in den Wochenzeitschriften gerne berichtet, sondern auch über Ballonfahrten und deren Insassen – bestehend aus Führer und Passagieren. Im Januar 1911 endeten zwei die Fahrten anders als geplant. Die Erzählungen dazu hören sich höchst spannend an, insbesondere von dieser Ballontour:

„Der Freiballon „Touring-Club“ des Deutschen Touring-Clubs in München stieg um 41/2 nachmittags in Gersthofen bei Augsburg auf, mit Direktor Distler (der Führer war), Kaufmann Metzger und Hauptmann a.D. Jördens in der Gondel. Sofort nach dem Aufstieg geriet der Ballon in dichten Nebel. Die Luftschiffer glaubten, sie flögen über die Schweiz nach Frankreich. Als jedoch nach einer fast fünfzehnstündigen Fahrt der Nebel zerriß, sahen sie zu ihrem Schrecken unter sich die vom Sturm gepeitschte Nordsee. Bald darauf fiel der Ballon, die Gondel sank unter das Wasser, und als sie wieder emportauchte, fehlte Ernst Metzger: die Wogen hatten ihn aus der Gondel fortgespült. Infolge des verminderten Gewichts hob sich der Ballon wieder, und die Luftschiffer wurden, immer den Tod vor Augen, vom Sturm bis zu den an der nördlichen Küste Schottlands gelegenen Orkney-Inseln getrieben, wo gegen 10 Uhr abends, also nach einer Fahrt von fast dreißig Stunden, die beiden Ueberlebenden landen konnten. Die Entfernung von Augsburg bis zu den Orkney Inseln beträgt in der Luftlinie 1600 Kilometer. Die Gruppe der Orkney Inseln umfaßt 67 Inseln, von denen fast die Hälfte unbewohnt ist. Im Winter ist dort die Sonne nur vier Stunden sichtbar. (Quelle Sonntagszeitung)

Diese Tour schreit fast nach Verfilmung. Man stelle sich vor, in der Gondel mal kurz in der eiskalten Nordsee unterzutauchen, um dann wieder emporzusteigen! Anscheinend landeten die beiden verbliebenen Insassen glücklicherweise auf einer bewohnten Orkney-Insel, sonst hätte die Geschichte so nicht erzählt werden können…

Ein weiterer Ballon stürzte im Januar ab, jedoch, anders als erwartet worden war, vollkommen unspektakulär, aber nicht minder tragisch, in der nächsten Umgebung. Hier der Bericht aus der Sonntagszeitung dazu:

„Die Katastrophe des Ballon „Hildebrandt“, der in Schmorgendorf bei Berlin mit dem Rechtsanwalt Kohrs (als Führer) und dem Kaufmann Keidel (als Passagier) aufgestiegen und dann fast 3 Wochen lang verschollen war, erhält durch die Umstände, unter denen sie erfolgte, einen besonders traurigen Charakter. Man nahm an, daß der Ballon der Elemenargewalt der Meereswogen zum Opfer gefallen oder in fernen Landen verunglückt sei. Und nun hat sich herausgestellt, daß er wenige Meilen von seinem Ausgangspunkt Berlin entfernt mit seinen Insassen im Eise und Morast eines pommerschen Landsees ein vorzeitiges und klägliches Ende gefunden hat. Offenbar haben die beiden Luftschiffer den vereisten See für eine Wiese gehalten, auf der sie landen wollten. Dabei ist der Ballon mit seinen Insassen unter das dünne Eis geraten.“

Winterliche Ballonfahrten scheinen damals „en vogue“ gewesen zu sein. Und ja, natürlich landeten die meisten davon wieder wohlbehalten – hier ein Link zu einem Bericht einer gelungenen Winterfahrt unter weiblicher Führung. Ob es daran lag 😉? Emmy la Quiante war übrigens die allererste geprüfte weibliche Ballonführerin.

Es lebe der Schneesport!
Wintersport, damals auch als „Schneesport“ bezeichnet, ist ein großes Thema in Zeitungen und Zeitschriften! Es wird über Wettbewerbe und Meisterschaften berichtet, von neuen Schlitten und Skikursen. Dabei gab es Wintersport in diesem Sinne noch gar nicht lange, wie in einem Artikel bemerkt. Erst in den ersten 1900er Jahren wurde er zum Volkssport. Und so veranstaltete man im Harz Wintersporttage mit Wettbewerben, im Riesengebirge fuhr man Schlitten und Ski und in Bayern wurden Kurse im Schneeschuhlauf abgehalten – damals verwendete man den Begriff „Schneeschuhe“ übrigens meist als Synonym für Ski.

Vom Mannequin zur Probier-Mamsell
Jetzt kehre ich mal den Besserwisser heraus: von wegen, es gibt erst seit den 20er Jahren „Probier-Damen“ – so von wikipedia behauptet! Hier ist der Fotobeweis – lebendige Fotomodelle gab es schon 1911 (und ich bin auch vorsichtig mit der Behauptung, dass es „die ersten“ waren).
Auf diesem Foto, erschienen in der Zeitschrift „Die Woche“ in einer Januarausgabe sind sie zu sehen, die Bildunterschrift dazu lautet:

Eine amerikanische Modenschau: Vorführung neuer Toiletten an lebenden Modellen in Philadelphia.“

In der Notiz dazu bestätigt sich die Annahme, dass diese Art der Vorführung neu war:

„Die Zeiten des „Mannequins“, der steifen Probierpuppe, scheinen vorbeizusein. Die hübsche, sehr lebendige Probiermamsell ist an die Stelle des hölzernen Ungetüms getreten. So hat auch ein Modenhaus in Philadelphia kürzlich in einer geschmackvoll dekorierten Halle seinen Kundinnen die neusten Pariser Toiletten vorgeführt.“

Hölzernes Ungetüm? Tatsächlich stammt das Wort „Mannequin“ aus dem Französischen und bedeutet in der wörtlichen Übersetzung „Glieder- oder Schaufensterpuppe“. Kleider wurden bis dato an diesen Puppen gezeigt. Bleibt die Frage, warum sich der Begriff der Probiermamsell nicht durchsetzte? Kleiner Scherz! Alles klingt besser, selbst Probierdamen – so wurden die Models wohl in den 20er Jahren genannt. Ob nun Mannequin, Top- oder Supermodel – so fing es an 🤓.

Der Kavalier ist eine Frau – zur Uraufführung des Rosenkavaliers
Oft und gerne wurde in den Zeitschriften über neue Theaterstücke sowie Uraufführungen berichtet. Der Komponist Richard Strauß war schon damals beliebt und bekannt und so bekam sein neues Stück „Der Rosenkavalier“ bzw. die Uraufführung dazu auch genügend Publicity in den Zeitschriften. Die Erstaufführung fand im königlichen Opernhaus zu Dresden (der heutigen Semperoper) statt. Die Kritik in der Zeitschrift „Woche“, aus der auch die abgebildeten Aufnahmen entnommen sind, war wohlwollend. Obwohl „der geistreichen Textdichtung Hofmannsthals einige Schwächen anhaften“ und zwar „all zu reichliches Beiwerk…entsprossen… aus zu weitgehender Gewissenhaftigkeit“ bei der „Begründung von Situationen und Charakteren“ – hieß es am Schluss, die Musik sei stark genug:

„…die Freude an dem Werk, dem einstweilen die zeitgenössische Opernproduktion keines Landes etwas Gleichartiges an die Seite zu stellen hat, lebendig zu erhalten“

In der Sonntagszeitung gab es dagegen einen kräftigen Verriss des Stücks. In der Einführung des Artikels wird die Popularität des Komponisten deutlich:

„Die mit den gewaltigsten Mitteln der Reklame in Szene gesetzte Uraufführung der ersehnten neuen Oper von Richard Strauß ist nun auch vorüber; DAS musikalische Ereignis der Saison liegt hinter uns.“

Dessen Erwartungen für den Verfasser nicht erfüllt wurden. Er kritisierte die Leichtigkeit des Stücks, den Text („sehr befremdend, dass der kluge und gewandte Dichter ein so wenig brauchbares Buch verfassen konnte“), die Handlung („kommt nicht vom Fleck, die Nebensächlichkeiten überwuchern“) und die Musik (banale Melodien, viel zu breiten Raum für die Walzer). Außerdem die persönliche Note vom Komponisten Richard Strauß. Um es mit seinen Worten zusammenzufassen:

„Über die Wirkungslosigkeit des Ganzen können einige gelungene Stellen nicht hinwegtäuschen.“

Auch die Darsteller überzeugten ihn größtenteils nicht, mit einer Ausnahme:

„Bei der Dresdner Uraufführung des Rosenkavalier war das Fräulein von Osten die einzig vollendete Leistung.“

Ja, der Rosenkavalier wurde von einer Frau gespielt, wie auch das Bild zeigt. Daran stieß sich in den (mir vorliegenden) Kritiken übrigens niemand…

Schon nach der Uraufführung, die ein überwältigender Erfolg beim Publikum war (im Gegensatz zu den gemischten Kritikerstimmen) zogen andere Häuser nach und die Oper wurde wurde bis zum Jahresende auf mehr als 40 Bühnen im In- und Ausland aufgeführt.

Der Text von Hugo von Hofmannsthal gehört heute zur Weltliteratur und die beliebte Oper wird mit ihrer zeitlosen Handlung wird nach wie vor gerne gespielt – und gesehen!

Gewinnspiel und Verlosung
Alle „Rosenkavalier“- Fans aufgepasst – wir verlosen das Buch „Der Rosenkavalier – Textfassungen und Zeilenkommenare“ mit wunderschönen Aquarellen illustriert.
Verleger und gleichzeitigs Sponsor des Buches ist der Hollitzer Verlag aus Wien. Der Verlag hat sich auf wissenschaftliche Publikationen und Belletristik spezialisiert. Hier geht es zum Webshop

Um das Buch zu gewinnen, beantwortet die folgende Frage im Kommentar:
Wie hieß die Oper, in welcher „Der Rosenkavalier“ uraufgeführt wurde, damals?
Bis zum 31.1. könnt Ihr teilnehmen, dann wird der Gewinner ausgelost – viel Glück!

Das Gewinnspiel ist beendet! Wir freuen uns, dass Ihr so zahlreich teilgenommen habt! Die richtige Lösung ist „Königliches Opernhaus Dresden“. Das Buch gewonnen hat Ulrike E. – herzlichen Glückwunsch!

Ihr Lieben, ich hoffe, Ihr habt die erste Ausgabe der Rubrik gerne gelesen und es waren ein oder mehrere Themen für Euch dabei – im besten Fall alle!

Ich wünsche Euch noch einen winterlich schönen Januar – genießt den Schneesport (ob beim Rodeln wie  Strauß oder Skifahren…), wenn Ihr könnt (trotz aller Einschränkungen), unternehmt Weltreisen – wenn auch z.Z. nur virtuell oder als Lesestoff und bleibt abenteuerlustig, auch unter diesen Umständen – aber Vorsicht bei winterlichen Ballonfahrten – nur unter weiblicher Führung 😉!

Herzlichst

Eure Grete

PS: Ich werde mich gleich mal als Probiermamsell betätigen, in der Küche steht frischer Apfelkuchen…

Für alle Interessierten die Links zu den Artikeln „Was geschah im Januar 1908?“ (einer meiner ersten Artikel!) sowie „Was geschah im Januar 1909?

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