Was geschah vor 110 Jahren im März?

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Einmal USA hin- und zurück – Migration 1908

Ist Deutschland heute ein beliebtes Zielland von Migranten, so war das Ende des 19. Jahrhunderts noch ganz anders: Deutschland war eher ein Auswanderungsland. Viele Deutsche sahen keinen anderen Ausweg, als ihr Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu suchen. So wanderten zwischen 1871 und 1900 insgesamt ca. 1,8 Millionen Männer und Frauen aus, oft auch im Familienverband. Der Hauptgrund war, dass sie im eigenen Land wirtschaftlich keine Chancen sahen. Auch wenn die USA das Einwanderungsland schlechthin war: nicht jeder durfte bleiben. So wurden körperlich oder geistig Behinderte, politisch Radikale, sowie Bettler und potenzielle Sozialfälle zurückgeschickt – ab 1891 wurden Passagiere der dritten Klasse und des Zwischendecks sofort nach ihrer Ankunft einer ärztlichen Untersuchung unterzogen. Im Einwanderungsgesetz war geregelt, dass die Reedereien, die ansonsten gut an den Auswanderern verdienten, für den Rücktransport aufkommen mussten. Aus diesem Grund wurden Auswanderer schon vorher medizinisch untersucht und potentielle Risikofälle gar nicht erst an Bord gelassen.

Auch denen, die bleiben durften, wurde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nichts geschenkt. Jeder musste sich aus eigener Kraft seine Existenz schaffen, soziale Systeme oder finanzielle Unterstützung gab es nicht und auch keine staatlich finanzierten Sprachkurse.

Manch einer brachte es trotzdem vom Tellerwäscher zum Millionär, andere gingen unter –  oder zurück. Davon erzählt der Artikel in einer Märzausgabe der Sonntagszeitung von 1908:

Die Rückwanderung aus Amerika hat in den letzten Monaten besonders große Dimensionen angenommen, da die große wirtschaftliche Krise, die durch die Ausschreitungen amerikanischer Unternehmungslust über das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hereingebrochen ist, die Einschränkung vieler industrieller Großbetriebe und damit in Zusammenhang viele Arbeiterentlassungen zur Folge hatte. So sind in einem der letzten Monate 50 000 Einwanderer nach Europa zurückbefördert worden, darunter nur 558 aus dem Deutschen Reich.

Die geringe Zahl der rückkehrenden Deutschen wird sogleich mit der auch nicht so rosigen wirtschaftlichen Lage im eigenen Land erklärt:

Daß die Rückwanderung gerade nach Deutschland eine so kleine ist, ist bezeichnend dafür, daß die Erwerbsverhältnisse in Amerika nicht so ungünstig sind, wie im alten deutschen Vaterland.

Allerdings wird gleich darauf bemerkt, dass auch die Zahl der deutschen Auswanderer stark zurückgegangen ist.

So heißt es dann auch weiter:

…Die Zahl der der deutschen Auswanderer ist von einer Viertelmillion in früheren Jahren auf 50 000 bis 35 000 in den letzten Jahren gesunken…

Auch wenn in diesem Artikel als Momentaufnahme von 1908 nicht gerade der Eindruck erweckt wird – in den Jahren von 1900 bis zum Beginn des 1. Weltkrieges prosperierte Deutschland wirtschaftlich – die Arbeitslosigkeit war sehr gering, die Löhne stiegen und auch wenn es noch wirkliche Armut gab, so war doch durch das damals fortschrittliche Sozialsystem ein Mindestmaß an sozialer Absicherung vorhanden.

Tatsächlich wird geschätzt, dass ein Fünftel der deutschen Auswanderer zurückkehrten.

Die übrigen Rückkehrer aus dem Artikel kamen übrigens größtenteils aus Süd- und Osteuropa. Seit 1900 machten sie mit 90% den weitaus größten Teil der Auswanderer per Schiff aus. Da die Schiffsrouten und –preise günstiger waren, reiste ein Großteil dieser Auswanderer von Deutschland aus – und wie im Artikel beschrieben dann auch wieder ein.

Und heute? Natürlich gibt es noch Auswanderer in die USA, obwohl das Land (nicht erst seit Trump) inzwischen eine sehr restriktive Einwanderungspolitik verfolgt. Voraussetzung für einen dauerhaften Aufenthalt ist eine Green Card für die man sich bewerben muss. Selbst wenn man an der Green Card Lotterie teilnimmt, müssen bestimmte Voraussetzungen wie z.B. eine abgeschlossene Schulausbildung (ab Realschule) und eine abgeschlossene Berufsausbildung erfüllt sein. Aus Deutschland wandern jährlich ca. 12 000 Menschen in die USA aus, jedoch kommen auch ca. 10 000 zurück (Stand 1916), wenn auch meist nicht mehr per Dampfer wie dazumal.

Übrigens gibt es zu diesem Thema sogar ein Museum und zwar das Deutsche Auswanderer Haus in Bremerhaven – damals neben Hamburg ein wichtiger Hafen als Ausgangspunkt für die Überfahrt per Schiff. Auch im Deutschen Technikmuseum Berlin kann man einiges über die Auswanderer und vor allem die Schiffe (erst Segel- später Dampfschiffe) mit denen sie in die neue Heimat fuhren, erfahren. Auch in meinem Besuchsbericht in diesem Museum ist davon die Rede.

Im Automobil um die Welt – das längste Autorennen der Geschichte

Der Siegeszug des Automobils machte sich nicht nur auf den Straßen bemerkbar, sondern auch in immer spektakuläreren Autorennen. So berichtet dieser Artikel über die „Riesenfahrt Neuyork-Paris“ an der auch ein deutscher „Motorwagen“ teilnimmt:

Automobilfahrten von Erdteil zu Erdteil, durch unerforschte Gegenden, sogar durch Polargebiete, sind jetzt an der Tagesordnung, nachdem die vor etwa einem Jahre beendete Wettfahrt Peking-Paris so gewaltiges Aufsehen gemacht hat. Alle diese gigantischen Automobilfahrten werden jetzt überboten durch eine jüngst begonnene Wettfahrt, die von Neuyork nach Paris führt und insgesamt 27 000 km lang ist, von denen etwa 3500 Kilometer unter Benutzung des Dampfschiffes zurückgelegt werden. Der Start zu der Fahrt, die etwa 7 bis 10 Monate dauern wird, fand kürzlich in Neuyork statt. Sechs Wagen nehmen an der Rundfahrt teil, unter ihnen ein deutscher Wagen, der drei deutsche Reisende (Knape, Maas, und Leutnant Koeppen) trägt. Die andern fünf Wagen setzen sich aus drei französischen, einem italienischen und einem amerikanischen zusammen. Die Fahrt über die 70 Kilometer breite Behringstraße von Amerika nach Asien soll bei günstigen Eisverhältnissen im Automobil erfolgen.

 Soweit der Originalbericht. Spannend ist nun die Auflösung. Wer kam an und wer gewann das Rennen? Das deutsche Team um Fahrer Koeppen kam tatsächlich zuerst in Paris an und zwar am 26. Juli 08 – 4 Tage vor den Amerikanern. Der Gewinner aber war: das US-Team. Was war passiert? Die Deutschen bekamen eine Zeitstrafe von 30 Tagen, weil sie ihr Automobil einen Teil der Strecke mit dem Zug transportieren ließen. Ob der Transport von der Rennleitung genehmigt war oder nicht –darüber scheiden sich die Geister bis heute.

Von den ursprünglichen sechs Teams kamen übrigens neben den Genannten nur noch die Italiener in Paris an und zwar Ende September, also fast zwei Monate später als die ersten beiden Teams.

Insgesamt war das Rennen aber eine Pionierleistung – denn oft mussten die Teilnehmer über freie Flächen und schlammige Wege fahren, da es erst wenige befestigte Straßen gab. Selbst die Bahnschienen der transsibirischen Eisenbahn wurden als Fahrspur genutzt und dafür der Fahrplan der Bahn abgeändert. Die Wettfahrt wurde übrigens mit großem Interesse der Medien in der Öffentlichkeit verfolgt. Wen der deutsche Wagentyp interessiert, mit dem Koeppen das Rennen fuhr – es war ein PROTOS, den man noch heute im Deutschen Museum  bewundern kann – hier auch noch ein Link mit mehr Fakten und Details über das Rennen.

Wer jetzt noch mehr über die Anfangszeit deutscher Automobile wissen möchte, den interessiert vielleicht dieser Artikel über die Anfänge zweier deutscher Automobilmarken.

Ein Kronzprinz als Student

Wer den Januar-Artikel gelesen hat, kennt den Kronprinz schon – auf dem Rodelschlitten beim Urlaub in der Schweiz war er dort abgebildet. Nicht nur jeder Schritt des Kaisers wurde in den Medien kommentiert, sondern natürlich auch die seiner sieben Kinder, allen voran seines ersten Sohnes, der ihn später als Kaiser beerben sollte. Sollte, denn dazu kam es bekanntlich nie.

Wenn man es mit der noch existenten Monarchie in England vergleicht – dort (und auch hier J und aller Welt ) steht nicht nur die Queen im Fokus der Öffentlichkeit, sondern auch ihre Kinder Charles und Anne – gut, wenn man ehrlich ist, inzwischen eher ihre Enkelsöhne, die Prinzen William und Harry mit ihren Frauen und Kindern (William).

Zurück zum Kronprinzen. Das Bild zeigt ihn, wie er (wahrscheinlich nach der Einschreibung) das Gebäude der technischen Universität Charlottenburg (heute TU Berlin) freudig verlässt, eine Zigarette zwischen den Mundwinkeln. Der Text darunter erzählt auch einiges über die Zeit:

Es ist das erstemal, daß ein deutscher Kronprinz sich als Student einer Technischen Hochschule hat eintragen lassen. Diese Neuerung und Wertschätzung der technischen Wissenschaft findet ihre Begründung in den gegen früher ganz wesentlich geänderten wirtschaftlichen Verhältnissen des deutschen Volkes. Im neuen Deutschland, in dem nicht mehr wie früher die landwirtschaftliche Erwerbstätigkeit allein die Masse des Volkes ernährt, sondern auch Handel und Industrie eine hohe Bedeutung haben, da von 60 Millionen Einwohnern in Deutschland über die Hälfte von der Industrie leben, muß auch der zukünftige Kaiser eine Vorbildung besitzen, die diesen Verhältnissen Rechnung trägt. Die militärische Vorbildung allein genügt heute für einen Thronerben bei weitem nicht mehr.

Die Industrie war auf dem Vormarsch und wurde auch für die Wirtschaft immer wichtiger. Dem mußte auch ein zukünftiger Kaiser Rechnung tragen. Abgeschlossen hat Kronprinz Wilhelm das Studium übrigens nie, jedenfalls ist darüber nichts bekannt…

Aus dem Frauenleben

hieß eine Rubrik in der Sonntagszeitung, in der neue Berufe, Ausbildungen und auch Pionierinnen in bisher männlichen Berufen vorgestellt wurden – und zwar nicht nur aus Deutschland, sondern aus aller Welt. Wir werden sie mit ausgewählten Meldungen gleichfalls in die monatliche Rückschau mit aufnehmen:

Der preußische Landwirtschaftsminister hat genehmigt, daß vom 1. April 1908 an Damen ihre vollständige gärtnerische Ausbildung an dem Kgl. Pomologischen Institut (Gärtnerlehranstalt) zu Proslau, Bezirk Oppeln, erhalten können. Fräulein Elise Reinsch und Fräulein Friedel Gradowski waren die ersten Damen, die sich meldeten, um in den zweijährigen, unter günstigen Bedingungen erteilten Kursus den ebenso schönen wie gesunden und einträglichen Beruf einer Gärtnerin zu erlernen.

 Frau Dr. Poussel ist zur Direktorin der Gynäkologischen Universitätsklinik in Montpellier ernannt worden. Sie ist die erste Frau, die an einer französischen Universität eine so verantwortungsvolle Stelle einnimmt.

Auch als Schiffsärztinnen und Gefängniswärterinnen sind in Frankreich mehrere Frauen angestellt worden.

Werbung des Monats: Norddeutscher Lloyd Bremen

Da es so schön zum Thema Auswanderung paßt, hier eine Werbung von 1906 der „Norddeutschen Lloyd“, welche eine der Dampferlinien war, die zu dieser Zeit Marktführer auf der Nordatlantik-Route waren. Während es mit den ersten Dampfschiffen noch 14 Tage gedauert hatte, ehe man in New York ankam, waren es mit den neuen „Schnelldampfern“ – wie es auf der Werbung heißt, nur noch 5-6 Tage. Das Unternehmen hatte dabei noch das „Postdampfer“-Monopol. Dieses bedeutete Prestige – der Staat setzte auf die Verlässlichkeit des Unternehmens bei der Zustellung. Gleichzeitig bedeutete es auch staatliche Subvensionen – welche bei der Linie New York sicherlich nicht nötig waren, aber dafür bei anderen weniger frequentierten Routen z.B. nach Ostasien schon ein Kriterium darstellten, sie zu befahren.

Der auf der Werbung gezeigte Schnellpostdampfer „Kaiser Wilhelm der Grosse“ erhielt übrigens 1897 als erster deutscher Dampfer das berühmte blaue Band als schnellstes Passagierschiff auf der Transatlantikroute von Europa in die USA, daß er bis 1900 behielt. Falls Euch das blaue Band bekannt aus einem anderen Zusammenhang bekannt vorkommt – diese prestigeträchtige Auszeichnung war ein Grund, warum dann 1912 – also 12 Jahre später eine gewisse Titanic auf der Strecke nach New York einen Eisberg rammte und sank.

Zum Schluß noch ein kurzer Hinweis in eigener Sache: die zitierten Artikel (kursive Schrift) erscheinen jeweils in der originalen Rechtschreibung von damals.

Einen schönen März mit viel Sonne, vielleicht einer Spritztour im Cabrio (es muß ja nicht gleich Paris-New York sein) und einem Osterfest ohne Schnee

wünscht herzlichst

Grete

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Zeige 6 Kommentare
  • Claudia
    Antworten

    Liebe Grete,
    die monatlichen artikel gefallen mir ehrlich gut und sind eine tolle idee.
    Ich freue mich auf die fortsetzung.
    Liebe grüße aus dem schönen österreich
    deine Claudia
    PS: auch bei uns ist zu dieser zeit viel spannendes passiert.

    • Grete Otto
      Antworten

      Liebe Claudia,
      danke Dir für Dein Feedback. Du hast recht, daß bei Euch auch viel passiert ist während dieser Zeit und es werden in künftigen Monatsrückblicken sicher auch immermal Nachrichten dabei sein, bei der beide Länder eine Rolle spielen bzw. die aus Österreich sind. Beide Länder waren ja auch eng verbunden zu dieser Zeit und es gab viele ähnliche Entwicklungen. Die Nachrichten aus dem Frauenleben, die neue Rubrik, ist übrigens auch nicht nur auf Deutschland bezogen. Apropos, es gibt es einen kleinen Artikel im Januar-Beitrag, da wurde die Frauenfrisur des Jahres in Wien gekürt.

      Ich freue mich, wenn Du bald wieder vorbeischaust,
      herzliche Grüsse

      Grete

  • Alex
    Antworten

    Hallo Grete.
    Die Geschichte des Autorennens finde ich faszinierend, wo bekomme ich mehr Informationen dazu?
    Viele Grüße
    Alex

    • Grete Otto
      Antworten

      Hallo Alex,
      es gibt tatsächlich ein Buch zum Thema von Hans Koeppen, der das Rennen von Anfang bis Ende fuhr (Teile der deutschen Autobesatzung wechselten), was 1908 erschien, sogar mit Bildern. Leider ist es recht schwer zu bekommen. Aber schau doch mal wieder vorbei, vielleicht ist es einer der nächsten Fortsetzungsromane…
      Herzliche Grüsse

      Grete

  • Seraphin
    Antworten

    Hallo Grete,
    ich finde es mal sehr spannend und abwechslungsreich zu erfahren, wie es zu der Zeit in wirtschaftlicher Hinsicht um Deutschland stand. Als großer Auto-Fan hat mir jedoch natürlich „das längste Autorennen der Geschichte“ besonders gefallen. Mal wieder sehr unterhaltend geschrieben! Ich freue mich schon auf den nächsten Artikel von Dir.
    Liebe Grüße Seraphin

    • Grete Otto
      Antworten

      Hallo Seraphin,
      toller Name 🙂 Tatsächlich ist die Entwicklung des Autos zu dieser Zeit sehr spannend mit all seinen Begleiterscheinungen wie z.B das spannende Rennen von New York nach Paris.
      Es freut mich, dass Dir Rubrik „Vor 110 Jahren…“ gefällt!

      Herzlichst

      Grete

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