Was haben der Salonwagen des Kaisers, das Flugobjekt von Otto Lilienthal und eine Sammlung historischer Zuckerdosen gemeinsam? Man kann sie allesamt im Deutschen Technikmuseum in Berlin bewundern.
Aber der Reihe nach – bei meinen Recherchen, wie die Bürger Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt haben, war dieses Mal das Deutsche Technikmuseum mein Anlaufpunkt. Gehörten doch technische Errungenschaften schon immer zum Leben dazu – und haben das alltägliche Leben der Menschen bis heute entscheidend beeinflußt.

Das großräumige (klar, bei Lokomotiven Voraussetzung) Technikmuseum in Berlin zeigt in verschiedenen Sektionen ein breites Spektrum der Entwicklung von Technik und Naturwissenschaft. Von Herstellungstechniken (z.B. von Papier und Textilien), über Exponate zum Thema Zucker (nicht nur Zuckerdosen) bis zu Schiffen, Flugobjekten und historischen Lokomotiven und Eisenbahnwaggons ist viel zu sehen. Ich möchte mich allerdings auf drei Bereiche konzentrieren, die für das Thema „Bürgerleben“ besonders interessant sind.

Vorab einige praktische Details: Eintritt kostet 8 €, was für die gezeigte Vielfalt sicher in Ordnung ist. Das Museum ist definitiv etwas für Familien, auch mit kleineren Kindern – ich war an einem Sonntagnachmittag dort und es war von Kindern bevölkert. Ob es auch an den sehr winterlichen Temperaturen draußen lag? Egal. Ich freue mich immer über gut besuchte Museen. Es ist toll, wenn Kindern auf diese anschauliche Art und Weise Geschichte nahegebracht wird.
Das Museum besteht aus mehreren Gebäuden, die aber (außer dem Science Center, dort war ich auch nicht) miteinander verbunden sind.

Was waren nun meine „Highlights“ des Museums? Definitiv die Ausstellung mit den Lokomotiven und Eisenbahnwaggons. Auf dem Weg dorthin kann man auch noch einige historische Fahrräder bewundern und versteht, warum sich das Fahrrad in der Form, wie wir es heute kennen, damals etwas sperrig als „Sicherheits-Niederrad“ bezeichnet, gegen das zunächst existierende „Hochrad“ mit einem ganz großem und einem ganz kleinen Rad durchgesetzt hat. Letzteres erforderte ja fast akrobatische Fähigkeiten zur Besteigung des Sattels – und wahrscheinlich auch zum Fahren darauf.

Die Eisenbahn-Ausstellung befindet sich im historischen Bahnbetriebswerk des Anhalter Bahnhof. Dort wurden früher die Lokomotiven gewartet und ihre Wasser- und Kohlevorräte erneuert. Der Anhalter Bahnhof war als Kopfbahnhof einmal der bedeutendste Berliner Bahnhof, wurde aber dann nach dem 2. Weltkrieg still gelegt. Nur die Ruine des prächtigen Hauptportals unweit des Museums erinnert noch an den Standort.
Zwei große Statuen „Tag“ und „Nacht“, die den Bahnhof einst zierten und erhalten sind, kann man im Eingangsbereich der Ausstellung betrachten.
In dem Ringlokschuppen sind insgesamt mehr als 40 originale Schienenfahrzeuge aus der Zeit von 1843 bis 1980 zu sehen.
Insgesamt ist die Austellung von 1800 bis 2005 zeitlich gegliedert, was ich schlüssig finde.

Auch wenn man kein Lokomotiv-Fan ist, sind die alten Dampfrösser in ihrer schwarz-roten Optik einfach eine Augenweide. Und es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Dienstjahre sie auf dem Buckel hatten, bevor sie dann -in diesem Fall im Museum- in den verdienten Ruhestand gingen.
Natürlich wird auch einiges über das Eisenbahnfahren an sich erzählt. Die erste Eisenbahnverbindung in deutschen Landen überhaupt gab es 1835 von Nürnberg nach Fürth. Danach entwickelte sich das Streckennetz rasant und es wurden auch immer mehr kleinere Städte und Ortschaften daran angeschlossen. Die sogenannten „Bummelbahnen“ wurden meist regional finanziert. Die staatlichen Eisenbahnen der größeren Länder wie z.B. Preußen waren daran nicht interessiert, da sie nicht sonderlich profitabel waren. Aber sie waren natürlich – wie auch heute- ganz wichtig als Verbindungsglied zu den Städten, in denen es mehr Arbeit gab und die sich in rasant entwickelten.
Waren es 1880 noch 14 Großstädte mit über 100 000 Einwohnern, so gab es 1900 schon 33 Großstädte (Quelle Mayers Lexikon 1907).
Orte ohne Eisenbahnen wurden da leicht „abgehängt“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Zwischen den Städten verkehrten die größeren und schnelleren D-Züge – hier kann man einen Musterwaggon mit den 3 Klassen besichtigen, welche damals existierten.

In der 1. Klasse lehnte man sich im Abteil gemütlich in weinrote Polster, über den Sitzen waren plüschige Leselampen mit Fransen, das ganze Abteil war an den Wänden samt Gepäckablagen im Jugendstil gestaltet.
Das zu besichtigende 2. Klasse-Abteil ist leider keine Augenweide – die Polster in diesem Abteil sind quasi nicht mehr existent – schade, daß es hier keine Mittel gibt, dieses Abteil wieder so herzurichten, wie es früher einmal aussah, bei aller Liebe zum Authentischen. Als Sponsor würde mir spontan die Deutsche Bahn einfallen…

Bei der 3. Klasse ist die Bezeichnung „Holzklasse“ sehr treffend – alles ist aus Holz, einfach, aber in Ordnung. Bei langen Reisen tat einem wahrscheinlich danach der Hintern weh…Diese ist aber wieder gut erhalten – die Einrichtung sieht auch recht „unkaputtbar“ aus.

Ein weiteres Highlight ist noch der Salonwagen Kaiser Wilhelm des II. Der Kaiser war oft und gerne unterwegs – wohl auch per Bahn- und wurde von seinen Kritikern deshalb auch als „Reisekaiser“ verspottet.
Der Waggon steht beim Jahr 1914 – die Bezeichnung „Kriegsmobilisierung“ bezieht sich eher auf die Zeit. Der Salonwagen ist älter, er wurde bereits 1889 gebaut, aber das ist nur ein Detail. Er ist sehr prunkvoll ausgestattet bis zum kleinen Bad (bei der Toilette ist das Fenster leider undurchsichtig – aber das mit schönem Muster).

Auch die Geschichte des Waggons selbst ist spannend – nachdem er von 1914 bis 43 schon einmal im alten Berliner Technik-Museum stand, wurde er nach Kriegsende ab 1945 zunächst von einem sowjetischen Marschall in Beschlag genommen. 1954 wurde der Waggon in Gotha entdeckt – dort sollte er als Propagandawagen der sozialistischen Jugendorganisation FDJ hergerichtet werden. Zum Glück kam es dazu nicht und das Verkehrsmuseum Dresden bekam den Wagen zugewiesen. In den folgenden Jahren wurde er in verschiedenen Lokschuppen abgestellt – sein Zustand verschlechterte sich, da die teilweise recht maroden Lokschuppen sicherlich nicht gerade ideale Bedingungen für dessen Aufbewahrung boten. Aber er wurde aufbewahrt (und nicht verschrottet)! Aus der schon in der DDR Ende der 80er Jahre geplanten Restaurierung wurde nichts – so kam der Wagen 1990 nach Potsdam und nach erfolgter äußerlicher Restaurierung ist er nun wieder in Berlin zu besichtigen – das Innenleben wird nach und nach vom Museum saniert, sah aber bei meinem Besuch ganz ordentlich aus (Polstersitze vorhanden!). Wen noch mehr Details der Geschichte des kaiserlichen Salons interessieren, hier sind sie nachzulesen.

Von einem Podest (siehe Bild oben) kann man dieses Innenleben beider beschriebener Waggons übrigens gut betrachten. Ansonsten erfährt man auch vieles rund um das Eisenbahnfahren – z.B. über die Arbeitsbedingungen der Lokführer, die Anfang des 20. Jahrhunderts eine wöchentliche Arbeitszeit von 70 Stunden hatten. Zu sehen sind alte Koffer und Reise-Accessoires und Kuriositäten wie das letzte erhaltene kobaltblaue Mitropa-Kännchen (danach war das Geschirr weiß). Genau diese Details und Ausstellungsstücke machen die Ausstellung lebendig, abgesehen von den technischen Exponaten.

Eine weitere interessante Abteilung ist „Lebenswelt Schiff“. Die Geschichte der Schifffahrt wird mit vielen kleinen und grösseren Modellen und Exponaten erzählt. Und – was ich gut finde, auch die Geschichten dazu, wie so das Leben der Menschen verändert wurde.
Wir greifen uns das Modul „Auswanderung“ heraus. Im 19. Jahrhundert gab es von Deutschland aus drei Auswanderungswellen, Hauptzielland war die USA.
Gründe für eine Auswanderung waren hauptsächlich Armut und die Aussicht auf ein besseres Leben. In den USA, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten gab es Land und Arbeit.
So machten sich zunächst viele Familien, aber auch einzelne junge Männer und Frauen in die USA auf.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren es Segelschiffe, mit denen die Auswanderer ins gelobte Land reisten. Ab 1860 wurden diese von grösseren und schnelleren Dampfschiffen abgelöst.
Die bedeutendsten Häfen, von denen Schiffe fuhren, waren Hamburg und Bremerhaven. Zwei Reedereien, Hapag und die Norddeutsche Lloyd, erhielten das Monopol für die Auswandererbeförderung. Ärmere Passagiere fuhren auf dem Zwischendeck mit, es gab auch noch eine vierte Klasse.
Ein Dampfschiff von damals war die „Kronprinzessin Cecilie“, der oben zu sehende Längsschnitt des Schiffes ist auch in der Ausstellung zu sehen.

Außerdem kann  man Kabinen der 1. Klasse und der 3. Klasse solcher Schiffe vergleichen, die als Modelle nachempfunden wurden. Wobei die 3. Klasse einfach aus vielen engen Doppelstockbetten, die nebeneinander liegen, bestand. Man konnte in die Betten nur über das Fußende „einsteigen“.

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts nahmen dann die Zahl der deutschen Auswanderer stark ab, wie eine Darstellung im Museum zeigt: Waren 1881-85 noch fast 80% der Auswanderer Deutsche, so waren es ab 1900 weniger als 10 Prozent— jedoch wurden sie durch von einer großen Zahl an Auswanderern aus Süd- und Osteuropa sozusagen abgelöst. Die meisten starteten ihre Überfahrt auch von deutschen Häfen aus – in späteren Jahren kamen übrigens auch etliche Auswanderer zurück, die aus verschiedenen Gründen nicht ihr Glück dort gefunden hatten. Ein ausgestelltes Plakat rührt mit einem weinenden Mädchen mit der Überschrift „Dringende Warnung an auswandernde Mädchen“ mit der Botschaft „Nimm im Ausland keine Stelle an ohne vorherige Erkundung.“ Hilfe in der Not bot die Bahnhofsmission. Auch hier wird deutlich, daß nicht alle Auswanderungen Erfolgsgeschichten waren, obwohl es natürlich genauso den Tellerwäscher gab, der es dann zum Millionär schaffte. Über die Rückkehr von Auswanderern und eine Werbung der Schiffsgesellschaft Norddeutscher Lloyd wird übrigens auch im Blog- Artikel „Was geschah vor 110 Jahren im März“  berichtet.

Später wurden zunächst das Luftschiff und dann das Flugzeug zur Konkurrenz der Übersee-Dampfer. Diesem Transportmittel ist gleichfalls ein Bereich gewidmet – die Luftfahrt-Ausstellung.
Auch dieser Teil der Ausstellung ist sehr facettenreich mit vielen originalgetreuen Nachbauten, z.B. der ersten Flugobjekte von Otto Lilienthal, Modellen sowie vielen Informationen und weiteren Exponaten zum Thema gestaltet.

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts faszinierten die neuen Aviatiker – wie die Piloten damals genannt wurden, die Massen. Nachdem dem deutschen Flieger Karl Jatho 1903 der erste Luftsprung mit seinem selbstgebauten Zweidecker gelang, starteten im Herbst des gleichen Jahres die Gebrüder Wright in den USA den ersten Motorflug. Die Entwicklung ging rasant voran, auch in Deutschland. Nach dem ersten erfolgreichen Motorflug 1908 entstanden die ersten Flugschulen und Flugplätze -z.B. in Johannisthal bei Berlin.

Dort starteten und landeten die Aviatiker. Bei Wettbewerben versammelten sich bis zu einer halben Million Menschen, um ihnen zuzuschauen und auch sonst war das Interesse groß, wie Berichte, Fotos und Plakate der Ausstellung bezeugen. Hersteller von Flugzeugen siedelten sich rund um den Flugplatz an, z.B. Rumpler und Albatros.
In der Ausstellung ist der Flugplatz durch eine Inszenierung des Haupteinganges sowie den Nachbau der ersten Fliegerkneipe präsent.

Aber nicht nur Flugzeuge machten zu dieser Zeit von sich reden, sondern ein weiteres Luftgefährt – der Zeppelin. Die großen zigarrenähnlichen Körper mit der im Vergleich kleinen Kabine darunter schwebten elegant am Himmel und faszinierten die Menschen gleichermaßen. Das Luftschiff wurde als Transportmittel der Zukunft angesehen. So gab es die ersten Rundflüge und auch Fahrten von Stadt zu Stadt, z.B. vom Bodensee nach Düsseldorf – die Fahrt dauerte neun Stunden, wie ein Original-Bericht aus der Zeitschrift „Kränzchen“ von 1910 bezeugt. Auch diese Entwicklung wird im technischen Museum anschaulich dargestellt, auch wenn leider kein Original-Luftschiff ausgestellt ist 🙂

Insgesamt kann ich einen Besuch des Museums auf jeden Fall empfehlen – Familien mit Kindern, Technikbegeisterten sowieso, Lokomotiven-Fans und allen Geschichtsinteressierten!