Weihnachtsgeschichte: Der Spatz und sein Schatz Teil 1

 In Fortsetzungsroman
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Hier findet Ihr eine Vorschau der Geschichte und einige Worte zum Autor (und ein Bild, wie er aussah):

Seit der junge Doktor Burmeister die Praxis des Sanitätsrats Heising übernommen hatte, war es in der sonst so gemütlichen Himmeltorstraße richtig ungemütlich geworden. Dieser Doktor Burmeister war nämlich ein „Neumodscher“, wie Frau Sponnagel, die bei Frau Major von Lodeneck die Aufwartung besorgende Pantoffelmacherswitwe, mit einem deutlichen Groll in ihrer ewig heiseren Stimme feststellte. Alles an ihm war anders als es bei dem Alten, niemals hastenden Sanitätsrat gewesen, den leider auf seine alten Tage noch das Reisefieber gepackt hatte, und der nun, weiß Gott wo, bei den Türken oder Mohren, vielleicht gar in den Eisgefilden der Eskimos umhertroddelte und sich die Welt besah. Genau wusste das die Sponnageln nicht. Aber das eine wusste sie: gefallen konnte ihm das auf die Dauer unmöglich, so immer aus einem Bett ins andre, und manchmal womöglich gar nur in einem Zelt unter groben Wolldecken. Ebenso wenig wie ihr in Haldenburg sein „neumodscher“ Nachfolger gefiel, der dem guten Sanitätsrat so wenig ähnlich war, wie etwa eine Nebelkrähe ihrem goldgelben Kanarienvogel daheim sein konnte.

Wenn sich die Sponnageln zu solchen Vergleichen verstieg, mußte es schon ziemlich arg sein. Und in der Tat waren gewichtige Unterschiede zwischen den beiden Ärzten auch nicht wegzuleugnen. Mit dem Alter fing’s an. Was konnte dieser junge Mensch von all den verschiedenen Sorten von „Reißen“ zum Beispiel verstehen, die ihren Seligen seinerzeit geplagt hatten? Selbst der alte Sanitätsrat Zeising hatte zu mancher von Sponnagel stöhnend geschilderten Abart manchmal ungewiß den Kopf schütteln müssen. Und der hatte doch eine vierzigjährige Erfahrung!

Das Bild von der Krähe und dein Kanarienvogel hatte also seine Berechtigung. Die jungen, naseweisen Dienstmädchen in der Nachbarschaft meinten zwar, der schmucke junge Doktor mir seiner straffen Haltung und dem flotten, braunen Schnurrbart unter der fein geschnittenen, aber eine ziemlich derbe Schlägernarbe(?) aufweisenden Nase müsse dann zum mindesten der Kanarienvogel sein. Die Sponnageln indes behauptete i zähe das Gegenteil. Und das knüpfte sich bei ihr an eine ganz bestimmte, wohl zu berücksichtigende Vorstellung.

Sie hatte nämlich den neuen Doktor bei seinem Einzug im Oktober zum allerersten Male in einem großen, grauschwarzen, ledernen Überrock gesehen, der beinahe bis an die Erde gereicht hatte und nach ihrem sachverständigen Urteil viel zu weit war. Dazu hatte er eine großschirmige Mütze auf dem Kopfe getragen, die ihr wie ein flacher, schwarzblechener Kochtopf vorgekommen war. Und die Handschuhe erst an den Fäusten! Wie alte, unförmliche Tabaksbeutel hatten sie ausgesehen! Auf der Nase aber hatte ihm ein Ungetüm von Brille gesessen wie es die Steinklopfer draußen an den Chausseen zu tragen pflegen. Nur war die seine noch viel größer und abschreckender gewesen. Selbst der Gendarm hätte sich vor ihm gefürchtet.

Dieser Neumodsche hatte sich nämlich ein Automobil mitgebracht, um seine Krankenbesuche in der Stadt und draußen darin schneller erledigen zu können.

Man denke: so einen Höllenkasten von Automobil in der Himmeltorstraße! Tagtäglich fauchte er aus der breiten Einfahrt des großen, altmodischen Patrizierhauses auf die stille, schmale Straße hinaus, gab dabei Töne von sich wie ein vorsintflutliches Untier und verbreitete neben einem ganz abscheulichen Benzingeruch allerlei Ängste, Schrecken und Entrüstung.

Nicht nur bei der Sponnageln! Die ganze Himmeltorstraße war sich so ziemlich darüber einig. Und die arme Frau Major hatte bei dem schrecklichen Getute im Anfang jedes Mal ein nervöses Zittern bekommen!

War das, im Vergleich zu den früheren, ruhigen Zeiten, nicht wirklich im höchsten Grade ungemütlich? Wie still und friedlich war es gewesen, wenn Almansor, der brave Schimmel des alten Sanitätsrats, aus demselben Torweg herausspazierte, vorsichtig wie ein Kätzlein bei nassem Wetter, und die kleine Kalesche hinter sich herzog. Alle Welt kannte Almansor und seine unbedingte Zuverlässigkeit. Niemand brauchte ein Unglück zu fürchten, wenn er in gemütlichem Trott, sanft nickend, die Straße heraufklepperte, als müsse er rechts und links die bekannten Gesichter alle grüßen. Und wie vergnügt lächelnd hatte der alte Sanitätsrat in seinem hellen Paletot auf den schwarzen Lederpolstern gesessen und die Zügel geführt. Sein weißer Vollbart hatte etwas Patriarchalisches gehabt, und die blitzenden Gläser seines goldenen Kneifers mit den schalkhaften, gütigen Augen dahinter hatten die Sponnageln immer an die schönen, blanken Unterscheiben des goldglänzenden Vogelbauers erinnert, von dessen Erwerb für ihr Mätzchen sie manchmal kühn zu träumen pflegte.

Für sie also war der alte Sanitätsrat der Kanarienvogel, und der „Neumodsche“ war die Nebelkrähe. Darüber gab’s für sie gar keinen Zweifel!
Und sie sorgte dafür, dass ihre Auffassung im Kreise der Majorsfamilie, zu der sie als unentbehrliches Faktorum nun einmal gehörte, mit Überzeugung geteilt wurde. Keinen Tag ließ sie vergehen, an dem sie nicht von irgendeinem kaum noch zu verhüten gewesenen Unglücksfall berichtete, den dieser rücksichtslose junge Doktor mit seinem teuflischen Vehikel angerichtet hatte, und wenn draußen der Warnruf laut wurde und Frau Major nicht wenigstens ein kleines Zeichen von Angst merken ließ, so sagte sie, auf den dumpfen Ton hinweisend, vorwurfsvoll: „Da fährt er wieder los mit seinem wilden Drachen! Gott behüte die kleinen Kinder und die alten Leute!“

Das genügte natürlich, um bei der schreckhaften Dame sogleich das nötige Gruseln mit den dazugehörigen schweren Seufzern hervorzurufen. Diese Seufzer waren wiederum hinreichend, um bei dem jungen Töchterchen der Frau Major das Gefühl jener reizenden Besorgnis zu alarmieren, das bei ihr gleichsam auf Posten stand, um alle Behaglichkeitsstörungen von den: zarten, kränklichen Mamachen nach Möglichkeit abzuwehren. Es war nämlich ein Verhältnis rührendster Art zwischen dieser kleinen, blassen, dein Witwentum frühzeitig verfallenen Frau und ihrer schönen, hoch gewachsenen, in der ganzen Stadt für spröde, ja wohl gar hochmütig geltenden Tochter, das die Beziehungen von der Mutter zum Kinde in anmutigster Weise umgekehrt zeigte, indem Fräulein Aspasia in tausend Dingen die Rolle des fürsorglichen Hausmütterchens übernommen hatte. Auch der zärtliche Respekt, den gut erzogene Kinder selbst im reiferen Alter nie vor den Eltern verlieren, war in dem Herzen des Mädchens trotz aller Hausfrauenpflichten und Wirtschaftssorgen fest eingewurzelt geblieben, und jede kleine Plage, über die sich Mamachen beklagte, kränkte sie heftiger, als irgendeine wirkliche Unbill, die ihr selber widerfuhr.
So kam es natürlich, daß auch ihr der Besitzer des „Drachens“, Doktor Burmeister, nach und nach wie ein böswilliger Störenfried erschien und der Groll gegen ihn und sein Fahrzeug mit jedem Warnungssignal zunahm. Obgleich sie sollst ein sehr lebendiges Gerechtigkeitsgefühl hatte, dachte sie in diesem einen Falle merkwürdigerweise gar nicht darüber nach, ob der junge Arzt nicht ganz nüchterne Gründe dafür gehabt hatte, sich mit diesem modernen Reisewagen auszurüsten.

Noch viel weniger fiel ihr ein, dass es eigentlich niemand auf der Welt, die sämtlichen Bewohner der Himmeltorstraße nicht ausgeschlossen, etwas anging, ob sich der junge Doktor zu seinen Patienten von wirklichen oder künstlich erzeugten Pferdekräften befördern ließ.
Sie nahm es wie etwas Persönliches, wie eine gewollte Rücksichtslosigkeit der Straße gegenüber, in der bisher das behagliche Gefühl der Sicherheit geherrscht hatte. Denn zu den leisen Klagen des empfindsamen Mütterchens gesellte sich sehr oft eine heimliche Angst um den dritten und letzten im Bunde der kleinen Familie, den bald achtjährigen Wildfang Rolf, der nach Erledigung seiner Schulpflichten mit den Kameraden aus der Nachbarschaft irgendwo draußen Kriegsspiele inszenierte, die ihre Vorbilder bald auf den kalten Gefilden der Mandschurei, bald aus dein heißen Boden Deutsch-Afrikas suchten.

Rolf war ein so wagehalsiger Junge der jedem Gefährt erst aus den: Wege ging, wenn es nach seiner Schwester Meinung eigentlich schon zu spät war. Dass er trotzdem noch alle seine gesunden Gliedmaßen und nicht mindestens ein Dutzend Löcher im Kopfe hatte, war ein Wunder! Wenn das kecke Schlingelchen einmal dem hechtgrauen Ungetüm mit den blitzblanken, messingumränderten Laternenaugen vor die Räder käme: Das Unglück war gar nicht auszudenken!

Selbstverständlich stimmte mich Rolf zunächst in die allgemeine Missbilligung über den „Drachen“ und seinen ahnungslosen Besitzer ein. Schon aus angeborenem Familiengefühl! Aber er konnte es doch nicht hindern, dass seine Augen manchmal mit schreckhafter Neugier zu den Hebeln und Ventilen, dein schnurrigen Steuerrad und den wie mit einem Kürass gepanzerten Brustkasten des Ungetüms hinüberwanderten. Wenn dann das unheimliche Surren begann und gleich danach die ersten Bewegungen an dem Automobil sichtbar wurden, steigerte sich die Neugier zu einer gruseligen Bewunderung. Nicht allzu lange dauerte es, und er ging mit dem jungen, munteren Chauffeur des Doktors ein kleines Schwatzverhältnis ein, wobei sich das Gruseln vor dem „Drachen“ auffällig schnell verflüchtigte und dafür ein ganz ungetrübter Enthusiasmus zutage trat, der selbst seine stürmische Neigung zu dem gefangenen Eichkätzchen seines Freundes Hans Erich für ganze Stunden zu verdunkeln vermochte. Die Hupe, die das surrende Signal verursachte, verklärte sich ihm mehr und mehr zu einem wirklich musikalischen Instrument, und der Duft des Benzins bekam sogar etwas Faszinierendes für ihn.
Natürlich erschien auch der große Tag, an dem ihm die atemberaubende Freude zuteil wurde, ein paar Straßen weit in dem neuen Wunderwagen mitzufahren.

Aber da er seiner Mutter hatte versprechen müssen, dem „Drachen“ überall und unverzüglich aus dem Wege zu gehen, so hütete er sich, diese Fahrt schon in der Himmeltorstraße anzutreten. Soviel zarte Rücksicht auf Mutter und Schwester wohnte in ihm, dass er diese Luftfahrt nicht vor ihren entsetzten Augen anzutreten gewillt war. Er wartete also an der nächsten Straßenecke auf seinen neuen Freund, der das Steuer führte, und kletterte herzklopfend dort hinein. Ehe Doktor Burmeister erschien, der zu einer längeren Tour abgeholt werden sollte, hatte er seinen Sitz wieder verlassen. Da sich aber diese heimlichen Freuden, die noch süßer waren als verbotene Früchte, in der Folge wiederholten, geschah es eines Tages, dass Doktor Burmeister früher kam, als ihn die beiden erwartet hatten, und den jungen, wie eine Tomate rot gewordenen Passagier im Wagen überraschte. „Wen haben wir denn da?“ fragte er erstaunt, aber nicht ohne Wohlwollen an dem verlegenen, kleinen Prachtkerl, der höflich sein Schülermützchen gezogen hatte und ängstlich zu ihm aufschaute. „Sind wir nicht halbe Nachbarsleute?“

„Wir wohnen gegenüber von Ihnen!“ sagte Rolf verlegen.

„Richtig! Und eine große Schwester hast du auch, die immer noch stickt am Fenster, selbst wenn es schon ganz dämmrig ist! Nicht wahr?“ Rolf nickte, zutraulicher werdend. Dieser Doktor gewann bei näherer Bekanntschaft nicht weniger als sein Automobil. Das stand im Herzen des Jungen sogleich fest. „Wie heißt du denn, kleiner Mann?“ erkundigte sich Doktor Burmeister und drückte das Bübchen auf den Sitz zurück. „Rolf von Lodeneck!“ gab er zur Antwort.

„Sehr angenehm!“ quittierte der Doktor und nahm den Platz neben ihm ein. „Du darfst noch ein bisschen mitfahren, wenn du willst. Es geht bald nach Hause!“ „Aber nur bis an die Ecke von der Himmeltorstraße!“ bat er ein wenig beklommen. „Dort muss ich aussteigen!“ „Warum?“ fragte der Arzt lächelnd. „Daß Mama mich nicht darin sieht! Und Spatz! Und die Sponnageln!“ „Und weshalb dürfen die dich alle nicht sehen?“ „Weil sie so große Angst haben vor dem „Drachen“ platzte er offen heraus.
Doktor Burmeister lachte belustigt. „Das ist ja ein netter Name für unser schönes Automobil!“ sagte er. „Aber erzähle mir doch mal, wer der „Spatz“ ist, der dich auch nicht sehen darf, Freund Rolf!“

Rolf lugte glückselig zu ihm hinüber. Das Wort Freund hatte ihn sehr stolz berührt. „Spatz?“ erklärte er dann. „Spatz ist meine Schwester!“„Na, höre mal, das ist ja ein merkwürdiger Name! Lässt sie sich denn das von dir gefallen?“ „Wir nennen sie immer so, Mütterchen und ich!“„Aber so kann sie doch unmöglich heißen?“

„Nein, sie heißt Aspasia, wie unsre Urgroßmutter geheißen hat. Daraus hat Väterchen ,Spatz‘ gemacht, weil ihm das zu lang gewesen ist, sagt Mütterchen“ plauderte der Kleine. „Hm, dann empfiehl mich nur deinem Mütterchen und dem Fräulein Schwester und bestelle ihr, sie möchte ihre Augen besser schonen. Der Arzt ließe es ihr sagen! Verstanden?“„Ja!“ erwiderte Rolf bedrückt. „Aber wenn ich ihr das bestelle, so weiß sie gleich —“ „Richtig. Das geht also nicht. Dann werd‘ ich’s ihr also schon selber sagen müssen!“ sagte Burmeister lachend und nahm sich vor, die nächste Gelegenheit zu benutzen, sich dem schönen, stolzen Geschöpf endlich zu nähern und dabei für Rolf eine Aufhebung des Freundschaftsverbots mit seinen Auto zu versuchen.

Nächsten Freitag (7.12.) geht es mit dem zweiten (von vier) Teilen weiter:

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