Grünheide – Ein Bild und meine Geschichte dazu

 In Bildbetrachung, Kunst, Romane

Was meine Einstellung zu Zufällen und Schicksalsfügungen angeht, bin ich eher der nüchterne Typ. Aber dass es merkwürdige Zufälle gibt, erlebte ich vor kurzem – hier ist meine Geschichte dazu:

Beim Durchschauen einer Gartenlaube für die kommenden Ausgaben der Rubrik „Was geschah vor 110 Jahren“ stieß ich auf ein Landschaftsbild, was mich spontan ansprach. War es die Stimmung, die Farbigkeit oder der Kontrast zu den anderen „Kunstbeilagen“, die sich im Buch befanden? Die sind nämlich teilweise „schrecklich“ – alte Genreszenen sowie kitschige Kinder- oder auch Tierporträts.

Am Ende ist es bei Bildern oft ein Bauchgefühl. Das Bild mit dem Titel „Trüber Tag in Grünheide“ vom Künstler Walter Leistikow blieb im Hinterkopf.

Am gleichen Abend: Eine Bekannte hatte mir ein Buch empfohlen, in dem ein Vater über die Erziehung seiner Kinder schreibt – ja, natürlich zur Bürgerleben-Zeit! Ein „Vater-Tagebuch“  (Affiliate Link) von Theodor Wolff, im Wallstein Verlag erschienen. Vater-Tagebuch, das klingt noch heute ungewöhnlich und war es erst recht zu dieser Zeit: von 1906-1913.

Ich schaute zum ersten Mal in das Buch und las die Einführung. Darin stand, dass Walter Leistikow, der Maler, ein guter Freund vom Verfasser der Vater-Tagebücher, Theodor Wolff, war. Den Maler-Namen hatte ich noch im Hinterkopf. Er war ein so enger Freund von Wolff, dass er Pate des zweiten Sohnes Rudolf wurde. Einige Zeilen später:

Über das Patengeschenk, das Gemälde „Grünheide“ erzählte Rudolf Wolff, dass es zuerst im Salon, später im Kinderzimmer gehangen habe. Als die Familie Wolff 1933 emigrieren mußte, konnte das Ölbild dank der Unterstützung des Außenministers Konrad Neurath zusammen mit einem Viertel der kostbaren Bibliothek und Mobiliar in die Schweiz und später von dort nach Nizza transportiert werden. Nach der Vermählung von Rudolf mit der holländischen Jüdin Hélène (Helna) Marie Tenbergen (März 1943) hing das Bild „Grünheide“ in ihrer Wohnung in der Promenade des Anglais 63. Als Rudolf und Helna Wolff mit gefälschten Papieren als „Ehepaar Baratier“ vor den Razzien der Gestapo im Winter 1943/44 in die Cevennen flüchteten, verloren sie das Patengeschenk aus den Augen. Durch einen glücklichen Zufall entdeckten sie es nach der Befreiung Nizzas auf einer Ausstellung. Die amerikanischen Behörden hatten dort die vom NS-Besatzungsregime für den Abtransport ins Deutsche Reich zusammengestellten Gegenstände zusammengetragen. 1948 nahmen sie das Gemälde mit nach Paris…

Handelt es sich nun tatsächlich um das abgebildete Gemälde in der Gartenlaube? Dort steht dazu folgendes:

 Einen rechten und echten Leistikow bringen wir in unserer diesmaligen Kunstbeilage „Trüber Tag in Grünheide“. Alle Vorzüge des verstorbenen Meisters finden wir auf diesem Bilde vereinigt, vor allem seine Fähigkeit, uns die Seele eines früher viel verkannten, zum großen Teil erst durch ihn als Schönheitsgebiet erschlossenen Landstrichs nahe zu bringen.  – Gar nicht fern von der tosenden, dunstigen Großstadt finden wir diese märkischen Seen, mit ihrer Umrahmung von düsteren Föhren und fröhlich grünenden Laubbäumen, eine leise Melancholie sinkt von dem schwerverhängten Himmel auf das reglose Gewässer – Abendschatten dunkeln herauf – das Herz wird stiller und wunschloser vor dieser schlichten Schönheit.

Ja, so blumig wurde das Bild damals beschrieben. Weiter heißt es:

Das Original zu unserm Bild befindet sich in Privatbesitz; der glückliche Eigentümer zählt es zu den schönsten Werken seiner Sammlung.

Und so schließt sich der Kreis. Tatsächlich habe ich bei meiner Recherche kein weiteres Bild von Leistikow mit „Grünheide“ im Titel gefunden. Den Künstler möchte ich Euch jetzt noch kurz vorstellen:

Walter Leistikow (1865-1908) gilt als einer der deutschen impressionistischen Maler. Als er mit 17 Jahren 1883 nach Berlin an die Akademie der bildenden Künste ging, um Maler zu werden, wurde er bereits nach einem halben Jahr entlassen: wegen Talentlosigkeit.

Jedoch ließ er sich davon nicht entmutigen: Er nahm Privatunterricht und beteiligte sich 1886 zum ersten Mal am Berliner Salon. Leistikow war vielseitig: Als Kunsthandwerker entwarf er Möbel, Teppiche und Stoffe und für die Kölner Schokoladenfabrik Firma Stollwerck 1902 sogar Sammelbilder. Er versuchte sich auch schriftstellerisch, allerdings ohne großen Erfolg.

Befreundet war er mit wichtigen Künstlern seiner Zeit wie z.B. dem Schriftsteller Gerhard Hauptmann und den Malern Lovis Corinth und Max Liebermann. Diese gehörten auch zu den Unterstützern des Deutschen Künstlerbundes, den Leistikow zusammen mit Harry Graf Kessler 1903 in Weimar gründete. Als erste überregionale Künstlervereinigung (die es noch heute gibt) sollte er gegen die Bevormundung durch den staatlichen Kunstbetrieb vorgehen, die Freiheit der Kunst und ihren verschiedenen Richtungen stärken und junge Künstler fördern.

 

Schon 1892 hatte sich Leistikow, u.a. mit Max Liebermann, mit der Gründung der Künstlergruppe „Die XI“ (nach der Anzahl der Mitglieder benannt) gegen das Etablissement der Akademie aufgelehnt. Sie vertrat und förderte (nicht zuletzt auch von Kaiser Wilhelm II. beeinflusst) eine historische Auffassung der Kunst und andere Strömungen (z.B. Impressionismus und Symbolismus) wurden unterdrückt bzw. bei Ausstellungen nicht zugelassen. Zu dieser Künstlergruppe gibt es übrigens ab 30. Mai im Bröhan-Museum eine Ausstellung, auch mit Bildern Walter Leistikows – auch dies fand ich bei meiner Recherche „zufällig“ heraus.

Walter Leistikow starb tragisch – er litt schon einige Jahre an Syphillis – im Endstadium der Krankheit erschoss er sich im Sommer 1908 mit 42 Jahren in einem Sanatorium nahe Berlin.

Und zum Schluss noch einige Worte zum ursprünglichen Besitzer des Bildes, Theodor Wolff.

Theodor Wolff war zu dieser Zeit (also die Zeit der Vater-Tagebücher) einer der bekanntesten Journalisten im Kaiserreich. Zunächst arbeitete er als Korrespondent der fortschrittlichen Zeitung „Berliner Tageblatt“ in Paris, hier wurde er Ende des 19. Jahrhunderts als kritischer Berichterstatter der „Dreyfuß“-Affäre bekannt. Auch Wolff versuchte sich schriftstellerisch, entschied sich dann aber für eine journalistische Karriere. Mit seiner Frau lebte er während seiner Zeit als Korrespondent großbürgerlich in Paris, nahm dort am gesellschaftlichem Leben teil und genoss es! In seinem Salon verkehrten u.a. Auguste Renoir Camille Pissarro, Auguste Rodin, Frank Wedekind und auch bedeutende Schauspielerinnen dieser Zeit wie Sarah Bernhardt und Gabrielle Réjane.

Nach einigen Jahren wurde er 1906 von seinem Vetter Rudolf Mosse, Inhaber des Zeitungsverlags, zum Chefredakteur des Berliner Tageblatts berufen, was einen Umzug nach Berlin bedeutete. Zunächst fiel es ihm schwer, in Berlin wieder heimisch zu werden – aber er wurde heimisch und gewöhnte sich an den nicht ganz so glamourösen Alltag in der preußischen Hauptstadt.

Chefredakteur des Berliner Tageblatts blieb er viele Jahre – bis 1933. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft verließ er mit seiner Familie 1933 Deutschland und zog nach einem Aufenthalt in der Schweiz nach Nizza. Im Juni 1940 versuchte er, nach Amerika auszuwandern, allerdings erfolglos. So blieb er in Nizza. 1943 wurde er dort verhaftet und der Gestapo übergeben. Danach wurde Wolff in das KZ Sachsenhausen deportiert und starb schließlich wenig später im Berliner Jüdischen Krankenhaus, in das er zum Schluss verlegt worden war. Seine Familie überlebte die Nazi-Zeit: seine Frau Aenne konnte sich verstecken und zog nach dem Krieg zu ihrem ältesten Sohn, der schon in den 30er Jahren in die USA ausgewandert war. Die zwei jüngeren Kinder konnten sich gleichfalls während des Krieges in Frankreich den Nazis entziehen.

Der Publizist Theodor Wolff ist auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee in einem Ehrengrab begraben. Der „Theodor Wolff“-Preis, ein Journalistenpreis der deutschen Zeitungen, wird jährlich zur Erinnerung an diesen liberal-demokratischen Journalisten verliehen.

 

Dies soll der Auftakt zu einer lockeren Reihe sein, in der ich Euch Bilder aus dieser Zeit vorstelle, die als Kunstbeilagen der Wochen- und Frauenzeitschriften veröffentlicht wurden. Da die „Geschmäcker“ verschieden sind und es damals auch schon waren, werden es Bilder ganz unterschiedlicher Stilrichtungen sein.

 

PS: Es war wohl doch ein zu großer Zufall, um wahr zu sein. Tatsächlich war DAS BILD in der Gartenlaube nicht das Patengeschenk – nach dem Schreiben des Artikels fand ich eine Abbildung des Bildes im besagten „Vater-Tagebuch“. Es sah anders aus. Also gab es doch mehrere Grünheide-Bilder! Ich habe mich trotzdem entschieden, den Artikel zu veröffentlichen…

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