Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge – der Lehrer und Spielzeuggestalter Max Schanz

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Ein Gastbeitrag von Mathias Zahn

Europa im Übergang vor über zweihundert Jahren. 1806 wurde infolge der Napoleonischen Koalitionskriege Europa neu geordnet. Die nun entstandenen Königreiche und Herzogtümer mussten Reformen mittragen und vermehrt öffentliche Verwaltungen übernehmen. Dabei blieben ihre Repräsentationsbedürfnisse unverändert.

Aus der gefühlsbetonten Zeit der Romantik und dem kleinbürgerlichen Biedermeier erwuchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unaufhaltsam die neue Zeit der industriellen Gründungen. Vom Erfindergeit und großbürgerlichem Geltungsstreben getragen, entwickelten sich im sogenannten Historismus restaurativ  verklärende Haltungen. Neoromanik, Neogotik, Neoklassizismus und weitere Zitierungen bestimmten im Konglomerat die Baukunst. Dabei bildeten die Industriebauten und die allseits entstandenen Stadterweiterungen jener Zeit eine Ausnahme. Städtebauliche Kontexte bestimmten deren Gestaltung ebenso wie die Anforderungen neuer Maschinentechniken, Überlegungen zu rationellen Arbeitsabläufen, Ergonomie und veränderten Arbeitsformen. In ihrer Sachbezogenheit und ästhetischem Anspruch waren sie durchaus Vorläufer der Neuen Sachlichkeit im Sinne der Klassischen Moderne.

An den Königlichen Akademien und Kunstgewerbeschulen wurden künstlerisch-handwerklich perfekte „Gestaltungsgeneralisten“ ausgebildet. Die Strömungen und Richtungen der Stile sollten uneingeschränkt bedient werden können. Eine möglichst breit aufgestellte Ausbildung in themenbezogenen, fachgerechten Mal-, Zeichen-, Muster- und Modellierkünsten bildeten Grundlage für die eigene Spezifizierung im späteren Beruf. Es entstand der Begriff des akademischen Malens nach Auftrag.

Freie und fantastische Künste entwickelten sich außerhalb der Akademien.

Die Produktwelt für das tägliche Leben beschränkte sich auf funktionales Gerät, zumeist solide handwerklich geschaffen. Eine eigene, gar kindgerecht gestaltete Spielwelt gab es nicht. Die Anforderungen an schöne Produkte änderten sich rapide mit dem aufstrebenden und immer reicher werdenden Bürgertum. Die Firmen betrieben zunehmend Überseehandel, in Deutschland bauten europäische und amerikanische Firmen eigene Handelshäuser, der Markt wurde international und entwickelte sich rapid. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die moderne industrielle Entwicklung der bestimmende Treiber in einem nicht mehr aufzuhaltenden Wettbewerbskampf der Ideen und Märkte.

Die klassischen Ausbildungen an den Werkschulen und Akademien jedoch waren immer noch die zum Zeichenlehrer, Form- und Mustergestalter. Vor allem aus der Industrie kamen zunehmend die Forderungen, nach technologisch angepassten, gut gestalteten Produkten, die auch im internationalen Markt Bestand haben sollten. Es wurde selbstbewusst formuliert, neue und ästhetisch ansprechende Waren zu schaffen. In den Akademien wurden zunehmend spezifizierte Fachklassen eingerichtet und Lehrer ausgebildet, die diese Fähigkeiten in der Industrie, aber auch im immer noch weit verbreiteten Handwerk umsetzen sollten. Zuerst kamen diese Ergebnisse in den Städten an. Münchner Werkstätten, Wiener Werkstätten, Gablonz, Hellerauer Werkstätten gehörten zu den bekanntesten neuen Produktionen, die sich bereits dem Jugenstil, der Neuen Sachlichkeit oder dem Art Deco verpflichtet fühlten. Stets auf hohem handwerklichen Niveau agierend.

Zur selben Zeit fand insbesondere im ländlichen Raum, eine zunehmende und nicht enden wollende Verarmung statt. Die Gebiete waren infrastrukturell zurückgestellt, Energie- Straßen- und Eisenbahnanschlüsse erfolgten oft Jahrzehnte zeitversetzt. Gerade an der ‚Lebensader Schienenverkehr‘ kann in ganz Europa wie auch in Amerika nachvollzogen werden, wie abhängig die infrastrukturelle Entwicklung ländlicher Gebiete seinerzeit von davon war. Große Auswanderungswellen nach Nord- und Südamerika und in die östlichen Siedlungsgebiete waren die Folge.

Trotz vieler Parallelen zu anderen Spielzeugregionen wie Sonneberg in Thüringen, dem nördlichen Alpenraum von Salzburg bis Oberammergau und auch dem Grödner Tal wiesen Seiffen und die Region des Mittleren Erzgebirges eine Besonderheit auf.

Nirgendwo lebte eine derart große Zahl volkskünstlerischer Typen, die bereits über mehrere Generationen ureigene, originelle bis geradezu skurrile Holzkunstwaren produzierten. Dabei blieb die Region aufgrund ihrer abseitigen Lage länger als alle anderen strukturell unterentwickelt.

Für die Entwicklung der Volkskunst aus ihren Nischen heraus war ein weiteres Phänomen um die Jahrhundertwende entscheidend. Volkskundler und Kulturhistoriker entdeckten den fantastischen Schatz ethnischer Volkskulturen innerhalb Europas. Sie sorgten dafür, dass dieser kulturelle Fundus entdeckt, achtungsvoll geschätzt und erhalten wurde. Das Engagement des Volkskundlers und Hochschullehrers Prof. Oskar Seyffert in Dresden sei hierfür genannt. Seine Sammlung sorbischer Volkskunst war die beispielhaft für die Rettung dieser Schätze.

In diese Zeit hinein wurde Max Schanz am 12. April 1895 in Dresden-Niedergorbitz geboren.

Er kam aus einer Familie, deren Vorfahren ausschließlich als Handwerker, Fabrik- und Lohnarbeiter in schweren Berufen ihren Lebensunterhalt verdienten. Sein Vater arbeitete als Eisendreher und ging mit über siebzig Jahren noch täglich zu seiner Arbeitsstätte in Heidenau zu Fuß. Die Mütter waren in allen Generationen zuvor Hausfrauen. Es ist nicht bekannt, wer seinen jugendlichen Weg ins Künstlerische veranlasste.

Max Schanz besuchte in Niedergorbitz von 1901 bis 1909 die Volksschule und anschließend – mit 14 Jahren – wurde er Schüler, ab 1910 Student an der Königlichen Kunstgewerbeschule Dresden. Ziel war die klassische Ausbildung zum Zeichenlehrer. Die Zeiträume und Übergänge vom Kind ins Erwachsenenleben waren vor über 100 Jahren äußerst kurz bemessen. Jugendzeit fand im Beruf, im Militär und oft in ganz unvermutet entstandenen Verantwortungsbereichen statt. In der Studienzeit absolvierte er verschiedene, praktische Ausbildungen als Musterzeichner und Modellbauer in Dresdner Ateliers und Werkstätten. Diese standen noch überwiegend in der Tradition der beschriebenen, historisierenden Tradition. Das Kunstgewerbliche Atelier Anton Rieger (1913), in dem Max Schanz tätig war, arbeitete im Sinne des Jugendstils.

1915 wurde Max Schanz zum Kriegsdienst einberufen, dabei im April 1917 so schwer verwundet, dass ihm das rechte Bein bis zum Knie amputiert werden musste. Es war im Monat seines 22. Geburtstages.

Seine Zeichnungen aus der Zeit von 1915 bis 20 sprechen für sich. Die fröhliche Farbigkeit verschwand fast vollständig. Eine eigenartige Stille liegt in den wenigen Skizzen, die aus seiner Zeit er als junger Soldat zwischen den Kampfschlachten erhalten sind. Nach 1918 kippte diese Stille in den Bildern ins Düstere. Die einst feinen Aquarelle wurden von harten Kohle- und Kreidestiftzeichnungen abgelöst.

Unmittelbar nach Ende des 1. Weltkrieges konnte er sein Studium an der Staatlichen Kunstgewerbeschule wieder aufnehmen. Prof. Oskar Seyffert wurde sein Lehrer, vermutlich gab es auch die Kontakte oder Kenntnisse zu Theodor Artur Winde, der dort einen Studiengang Holzklasse aufbaute. Nach einer kurzen Anstellung im Schulamt Dresden wurde Max Schanz am 01. August 1920 als Gewerbelehrer für Zeichnen an die Staatlichen Fachschulen in Seiffen und Grünhainichen berufen. Auf Empfehlung seines Zeichenprofessors Oskar Seyffert, mit dem ihn zeitlebens eine besondere Freundschaft und befruchtender Austausch verband.

Dass Max Schanz durch die Kriegsunterbrechung und schwere Verwundung seine Abschlussprüfung zum Zeichenlehramt erst 1919 ablegen konnte, war gewissermaßen auch eine glückliche Fügung. So erlebte er den Beginn einer neuen Ausrichtung der Fachklassen und Lehrpädagogik in der Zeit der Weimarer Republik unmittelbar mit. Viele Aspekte seiner Lehrtätigkeit fußten auf den Ideen und Intentionen der Reformpädagogik der ersten Jahrzehnte im 20. Jahrhundert. Er bot einen freiwilligen, vorschulischen Unterricht an. Anhand alter Muster und Spielzeugen lernten die Kinder im Schnitz- und Malunterricht praktische Werkkenntnisse und die ganz Welt der Spielzeugfiguren kennen. Ganzheitliches Sehen, der Wert ästhetischer Gestaltung waren so wichtig wie material- und sachgerechte Fertigungen und sorgfältige Ausführung.

Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Arbeit war, durch die Qualifizierung der Schüler die staatliche Anerkennung des Spielzeugmachers als Lehr- und Meisterberuf zu erlangen. 1924 und 26 wurden Innungen für Spielwarenhersteller und Drechsler gegründet. Zahlreiche große Ausstellungen folgten in Seiffen und außerhalb in Leipzig, Dresden, Köln, München und Berlin. 1931 wurde er zum Gewerbeoberlehrer ernannt. 1933 übernahm er zunächst kommissarisch, 1935 hauptamtlich die Leitung der Fachgewerbeschule in Seiffen. 1936 erfolgte die Anerkennung der Spielzeugmacher zum Handwerks- und Lehrberuf. 1942 wurde die Spielwaren Fach- und Gewerbeschule als staatliche Lehrwerkstatt anerkannt. Unmittelbar nach Kriegsende 1945 nahm er zahlreiche Bemühungen zur Fortsetzung der Lehr- und Ausbildungsmöglichkeiten für die erzgebirgischen Spielzeugmacher wieder auf.

Nachdem er seine Lehrtätigkeit nicht mehr fortsetzen durfte, lebte und arbeitete er als Werkkünstler der DDR, fertigte zahlreiche neue Entwürfe zur eigenen Fertigung, vielfach für den Evang. Kunstdienst Sachsen und beriet die örtliche Handwerkerschaft in Seiffen bis zu seinem Tod 1953. Seine langjährige Mitarbeiterin Elfriede Jahreiß legte 1955 ihre Meisterprüfung als Spielzeugmacherin ab und gründete als erste Frau in Seiffen einen kunstgewerblichen Betrieb. Zeitlebens führte sie – wie auch jahrelang viele andere Seiffener Betriebe – u.a die Motiventwürfe von Max Schanz fort.

Die Lebenschronologie von Max Schanz ist typisch für die meisten Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die vom späten Kaiserreich bis in die frühen Jahre der DDR und BRD vier extrem wechselnde politische Zeitläufe und zwei Weltkriege durchlebten und überleben mussten.

Die Spielzeugregionen in Sonneberg, Thüringen, dem Voralpenland von Salzburg bis Oberammergau wie auch das Grödner Tal in Südtirol haben zeit- und entwicklungsgeschichtlich viele Parallelen. In einer Sache hebt sich die Region des Mittleren Erzgebirges jedoch deutlich ab: Nirgendwo lebte eine derart große Zahl volkskünstlerischer Typen, die bereits über mehrere Generationen ein so große Anzahl ureigener, origineller bis geradezu skurriler Holzkunstwaren produzierte. Dabei blieb die Region aufgrund ihrer abseitigen Lage länger als alle anderen bettelarm.

Trotz seiner immer wieder betonten und unverbrüchlichen Treue zum Dorf Seiffen und seinen Tätigkeiten ausschließlich für die dortige, heimindustrielle Fertigung war sich Max Schanz der Möglichkeiten und Privilegien aus seiner akademischen Ausbildung wohl bewusst. Er schätzte die ursprüngliche Volkskunst und das gestaltete Spielzeug als zwei Seiten derselben Medaille. Seine zukunftswirkende Arbeit setzte bei den jungen Leuten an und bezog immer auch neue und rationellere Fertigungsmethoden ein. Gegenüber den – wie man im Gebirge sagt – Altvorderen hatte er eine hohe Wertschätzung und oft lebenslange Freundschaften. Seine Beziehungen, Bekanntschaften und Freunde aus Dresdner Zeit nutze er zeitlebens für die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Belange der Seiffener Handwerks- und Schulgemeinschaft. Davon zeugt u.a. ein Gästebuch, das im Hause Schanz privat von 1922 bis 59 geführt wurde.

Auch aus seiner Dresdner Jugendzeit stammen die Wurzeln, die zur Entwicklung und Umsetzung seiner Figurenentwürfe führten. Dass er ein Liebhaber der rauen, in ihrem Licht besonderen erzgebirgischen Landschaft war, davon zeugen seine zeitlebens in der Freizeit gemalten Aquarelle. Eine besondere Bedeutung nahmen dazu seine vielen Tierzeichnungen ein, die über alle Jahre zum größten Teil im Dresdner Zoo entstanden. Skizzenbögen, dicht an dicht mit Studien unterschiedlicher Ansichten, Bewegungen und typischen Haltungen der jeweiligen Tiere entstammen seinen Entwurfsmappen. Von der kleinen Maus bis zu Elefantengruppen, ruhenden Raubkatzen und galoppierenden Pferde, Dutzende von Vögeln auf ein und demselben Zeichnungsbogen dicht gedrängt – Max Schanz war als Tierzeichner exzellent. Es steckte unübersehbar eine große Freude an der Unbefangenheit der Tiere dahinter.

Das Erzgebirge ist voller Sagen und Geschichten. Keine andere Region hat in dieser kleinen Ausdehnung dermaßen viele Motive, Brauchtümer, Figuren und Bedeutungen in ihrer Volkskunst vereint. Selbstverständlich, heute wahrscheinlich noch stärker als vor hundert Jahren, wird das Erzgebirgische Spielzeug der Weihnachtszeit zugeordnet. Dabei fand natürlich die Produktion ganzjährlich statt und früher wie heute gibt es außer Bergmann, Engel, Nussknacker und Räuchermänner viel ganzjahreszeitliche Bedeutungstypen, Motive zu anderen Jahreszeitfesten und natürlich die Vielzahl der mechanischen und konstruktiven Spielzeuge, die sich zunehmend in allen Familienhaushalten befanden.

Die Figuren von Max Schanz haben alle ihren eigenen Charme und augenzwinkernden Humor. Die Zwergenwerkstatt im Seiffener Spielzeugmuseum ebenso wie die Bestückung der dortigen Museumspyramide mit Gänseliesel, Motorradpärchen, schicker Limousine und Altenberger Bimmelbahn.

Auch der sogenannte Wackelweihnachtsmann steckt voller Besonderheiten und liebenswerter Details. Schwer beladen mit Spielzeug, das überall aus seinen Taschen und dem Rucksack quillt. Streng, aber vielleicht doch auch etwas betriebsblind mit seiner beschlagenen Brille, blickt er auf die Kinderlein. Dabei schwingt sein massiger Körper lustig auf einer kleine Wippmechanik vor und zurück. In kleiner Ausführung auf den Gabentischen ebenso wie als zentrale 3m-Figur 1935 bei der Weihnachtsausstellung im Berliner Funkhaus.

Im Herbst 2021 wurde das Lebenswerk von Max Schanz vom Fachverband in Marienberg/Erzgebirge mit einem Sonderpreis geehrt.

 Autor & Buch:

Mathias Zahn, geb. 1953, trat als diplomierter Designer in die Fußstapfen seines Großvaters Max Schanz. Er ist Spielzeugliebhaber, -sammler und -kenner und lebt gerne und schon lange am Rande der Schwäbischen Alb – aktuell in Schwäbisch Gmünd.

Das Buch „Max Schanz, Spielzeug Gestalten im Erzgebirge“ erschien 2020 als Jubiläums-Erstausgabe mit Hardcover. 2021 folgte eine 2. Auflage in broschierter Form. Konzipiert, fotografiert und gestaltet von Mathias Zahn und seiner Schwester Sabine Rommel, sowie der Urenkelin von Max Schanz, Julia Jasmin Rommel.Erschienen ist das Buch im Verlag „arnoldsche Art Publishers“, Stuttgart. In Dresden gewann die Erstausgabe den 1. Landespreis „Heimatforschung“ des Sächsischen Kultusministeriums.

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Kommentare
  • Regina Herbold
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    Es ist eine sehr schöne Geschichte, ich liebe das Leben der Vorfahren. Ich komme aus Hessen, aber ich liebe das Erzgebirge und die Geschichte und Leben der Menschen. Danke dafür, das ich alles miterleben durfte.

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