Vorwort

Über den Roman „Laß mich allein!“ und die Schriftstellerin Julia Jobst

Der Roman „Laß mich allein“

wurde im Jahrgang 1907/08 als Fortsetzungsroman in der wöchentlich erscheinenden Sonntagszeitung abgedruckt. Hier eine kurze Inhaltsangabe:
Marianne Hoffmann, die Hauptperson des Romans, ist eine junge Frau Ende zwanzig, verheiratet mit Jürgen, einem vielbeschäftigten Arzt im kleinen holsteinischen Städtchen Holm an der Schlei. Marianne ist unzufrieden, da nicht ausgefüllt. Ihre zehnjährige Ehe mit Jürgen ist kinderlos geblieben und ihr Leben ist komplett auf Jürgen und seinen Beruf, der ihn vollkommen ausfüllt, ausgerichtet.
Unverhofft gelangt sie zu einer größeren Erbschaft durch einen entfernten Verwandten, was sie sehr freut, da sie und ihr Mann bisher recht bescheiden in einem kleinen Haus gelebt haben. Sie kauft sich neue schicke Kleidung und beginnt, Haus und Garten neu zu gestalten. Ihr Mann steht dem skeptisch gegenüber.
Eines Tages klingelt Hartmut Raven an ihrer Tür. Raven ist ein mittelloser Schriftsteller aus Berlin, der gerade eine Weile in Holm weilt, nach seiner Aussage, zum Studium von Land und Leuten für seinen neuen Roman.
Bei ihrem Kennenlernen spielt ein Roman-Manuskript einer Patientin von Jürgen, Mariannes Ehemann, eine Rolle. Im Roman wird eine mysteriöse Geschichte aus dem Dorf erzählt. Maren, so der Name der Patientin, vertraute das Manuskript kurz vor ihrem Tod ihrem Arzt an, mit der Bitte es an ihren Geliebten in Berlin zu schicken. Sein Name: Hartmut Raven.
Im weiteren Verlauf freunden sich Raven und Marianne an. Der Schriftsteller unterstützt auch Mariannes schriftstellerische Ambitionen im Gegensatz zu Jürgen, der diesen gleichgültig gegenüber steht.
Bald möchte Raven mehr als Freundschaft von der schönen wohlhabenden Frau.
Bleibt Marianne zunächst auch standhaft, kann sie sich doch nicht wirklich ihrer aufkommenden Gefühle für den einfühlsamen Schriftsteller erwehren.
Jürgen, ihr Mann begreift spät, wie weit sich seine Frau schon von ihm entfernt hat, beginnt dann aber gleichfalls, um sie zu kämpfen. Zu spät?
Im weiteren Verlauf der Geschichte, in dem auch das Manuskript noch eine wichtige Rolle spielt, spitzt sich die Dynamik der Dreiecksbeziehung zu. Nicht nur im holsteinischen Holm spielt dabei die Handlung, sondern auch in der Metropole Berlin und schließlich im alpinen Gebirge um Pontresina. Dort kommt es zu einem dramatischen Höhepunkt, der alles ändert … Ob es ein Happy-End gibt, wird an dieser Stelle nicht verraten.

Mir gefiel an diesem Roman neben der recht spannenden Handlung auch die Schilderung der damaligen Zeit. Man muß sich erst an die Sprache gewöhnen, aber einmal eingelesen, störte es zumindest mich nicht mehr. Daneben gibt der Roman auch gut Schilderungen des damaligen bürgerlichen Lebens und der Konventionen wieder, ob in der Provinz oder der Metropole Berlin.
Insbesondere der kleine Ort Holm wird dabei übrigens sehr authentisch beschrieben: Der Ortskern mit dem Friedhof in der Mitte existiert noch heute, wie man hier ersehen kann.
Die dargestellte Hauptperson Marianne ist als Frau ein interessanter Charakter ihrer Zeit. Sie will mehr als nur „Gattin“ ohne eigene Beschäftigung sein, hat eigene Ambitionen und ist dafür bereit, einiges aufzugeben…
Ob Julia Jobst, die Verfasserin hier eigene Erfahrungen von den Anfängen ihrer schrillstellerischen Tätigkeit mit einfließen läßt? Wir wissen es nicht – aber hier sind ein paar weitere Informationen über sie:

Über die Schriftstellerin

Julia Jobst wurde durch ihren Roman „Mußte es sein“, erschienen 1904, bekannt. Der Roman hatte einen tragischen autobiographischen Hintergrund – wir kommen später noch darauf zurück.

Danach veröffentlichte sie einige Romane zunächst als Fortsetzungsromane in der Sonntagszeitung, so z.B. „Schwimmendes Land“ welches bei den Leserinnen wohl außerordentlich gut ankam. Deshalb wurde (was eher ungewöhnlich war), die Schriftstellerin am Ende der Fortsetzungsgeschichte mit Text und Bild vorgestellt und es hieß:

Zahlreichen Bitten unserer Leserschaft entsprechend veröffentlichen wir heute das Bild von Julia Jobst, der Verfasserin des Romans „Schwimmendes Land“. Bei dem ungewöhnlich großen Beifall, den dieser Roman allenthalben in unserem Leserkreis gefunden hat, dürfte das Bild, sowie die folgende autobiographische Skizze, die uns die Dichterin auf unsere Bitte freundlichst zur Verfügung gestellt hat, von doppeltem Interesse sein“.

Und so lassen wir sie einmal die wichtigsten biographischen Fakten über sich selbst erzählen:

Meine Heimat ist das bergische Land, wo ich in dem dreihundertjährigen Herrenhause in Ehringshausen bei Remscheid im Jahre 1853 geboren bin. Ich gehöre der Familie Hasenclever, einem alten Geschlecht von Handelsherren, an, das seit dem sechzehnten Jahrhundert im Bergischen Lande ansässig ist, und dessen Name noch kräftig blüht.

Die mächtige Kastanie, die das alte Haus noch jetzt beschattet, hat manchen bedeutenden Gast unter ihrem Blätterdach beschreiten sehen, wie: Ernst Moritz Arndt, Turnvater Jahn, Brandis, Freiherr von Vinke, die Brüder Jacobi aus Pempelfort und deren vielgeliebte Tante, Johanna Fahlmer, die Freundin Goethes und zweite Frau von dessen Schwager Schlosser. Durch die Heirat ihrer Tochter Henriette mit meinem Großvater David Hasenclever wurde sie meine Urgroßmutter und hat uns als köstlichen Familienschatz viele Briefe Goethes zugebracht.“

Mein Vater fasst solche Verwandtschaftsverhältnisse über drei Ecken immer mit dem Satz „Die Müdder waren Brüdder“ (die Mütter waren Brüder“) zusammen. In jedem Fall war es sicher immer gut, in irgendeiner Weise mit dem großen Goethe verwandt zu sein. Und wenn man, wie Julia, schriftstellerisch tätig war, natürlich erst recht!

Über ihr weiteres Leben erzählt sie:

Mit achtzehn Jahren folgte ich meinem Mann nach Köln, wo er in Garnison stand. Später führte der Beruf meines Mannes uns nach Stralsund und Naugard. Nach seiner Verabschiedung als Oberstleutnant wählten wir das schöne von Wäldern umgebene Eberswalde zum Wohnsitz“.

Ein Ereignis, welches sie im Artikel nicht erwähnt, das jedoch aus anderen Quellen bekannt ist: Während der Zeit in Köln wurde sie Mutter eines Sohnes, Walter. Jedoch starb Walter 1903 als Leutnant der kaiserlichen Schutztruppe in Südwest-Afrika. Er kam bei einem Aufstand ums Leben. Seine Mutter verarbeite ihre Trauer im eingangs erwähnten Roman. Der Titel „Mußte es sein“ spricht für sich.

Über ihre schriftstellerische Tätigkeit und ihren Erfolg sagt sie (1906):

Erst in reiferen Jahren sollte ich mir meines Talents bewußt werden, das mir vor zwei Jahren ersten größeren Erfolg brachte. „Mußte es sein?“ eine südwestafrikanische Novelle erlebte in der kurzen Zeit von sechs Monaten vier Auflagen, denen kürzlich als fünfte eine Volksausgabe folgte.

Wie ging es weiter mit Julia Jobst? Neben „Schwimmendes Land“ wurde auch „Laß mich allein“ als Buch veröffentlicht. Bis Anfang der 30er Jahre folgten noch eine Reihe weiterer Romane, die gleichfalls erfolgreich waren, manche mehr und manche weniger.

Recht früh Witwe geworden – ihr Mann starb bereits 1911 – lebte sie bis zu ihrem Lebensende in Eberswalde, wo sie 1935 starb.

Die Fortsetzungen werden wöchentlich veröffentlicht – in der gleichen Länge, wie die in der Sonntagszeitung erschienen. Und zwar immer am Freitag. Wer Fortsetzungen verpasst hat, kann vergangene Folgen als Seiten lesen. Der Roman ist zur einfacheren Lesbarkeit in die neue Rechtschreibung übertragen worden.