Emilie Mayer – ein Unicum in der musikalischen Weltgeschichte

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Spricht man über bekannte Komponisten des 19. Jahrhunderts, fallen einem Namen wie Beethoven, Chopin, Wagner, Schumann und Brahms ein. Emilie Mayer, die einzige ernsthafte weibliche Konkurrenz von damals ist vergessen. Zu Unrecht, fand Autorin Barbara Beuys. Sie begab sich auf Spurensuche – was sie über Emilie Mayer herausfand und wie ihre Recherchen verliefen, erzählt sie im nachfolgenden Artikel:

Ein Gastbeitrag von Barbara Beuys

Der renommierten Neuen Berliner Musikzeitung war die Nachricht aus gehobenen gesellschaftlichen Kreisen am 2. Juni 1881 eine Meldung wert: „Der bekannten Componistin Emilie Mayer wurde von der Fürstin Mestschersky für die Dedication der Faust-Ouvertüre ein prachtvoller Schmuck verehrt.“

Die Komponistin hatte ihre 1879 entstandene „Faust-Ouvertüre für grosses Orchester“ umgehend drucken lassen, was die Chancen, möglichst bald in Konzertsälen aufgeführt zu werden, enorm erhöhte. Zugleich gab Emilie Mayer die Bearbeitung der Orchester-Ouvertüre zu einem Stück für Klavier zu vier Händen in Auftrag, die sie ebenfalls drucken ließ. Damit konnte ihre „Faust-Komposition“ auch Eingang in ehrgeizige Hausmusiken finden, wo das Klavier im Mittelpunkt stand. Beide Drucke hat sie der russischen Fürstin, die in Berlin lebte, gewidmet.

Die Überlegung, mit Druck und Widmung Öffentlichkeit für ihr neues Werk zu gewinnen, ging auf. Schon im Februar 1881 gab es die erste Aufführung der Faust-Ouvertüre in der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches durch die „Berliner Sinfonie-Capelle“. Viermal wird sie in Stettin aufgeführt; im Laufe des Winters in Carlsbad, Prag und Wien vom Konzertpublikum bejubelt.

Auf der Suche nach einer interessanten Frau in der Musikszene des 19. Jahrhunderts entdeckte ich im Internet eine knappe Biografie von Emilie Mayer. Sofort verfolgten mich zwei Fragen: Welches Geheimnis steckt dahinter, dass Emilie Mayer als Komponistin eine einmalige Karriere hinlegte in einer Zeit, die für eine Frau nur ein Lebensziel kannte – Ehefrau und Mutter zu sein?

Und wie ist es möglich, dass diese erfolgreiche Komponistin, die zwei Jahre nach dem Triumph ihrer Faust-Ouvertüre starb, innerhalb kürzester Zeit total  aus dem Konzertbetrieb verschwand und erst im 21. Jahrhundert langsam, langsam wieder mit einigen Werken auftaucht? Als Historikerin und Autorin etlicher Biographien eindrucksvoller Frauen stand für mich schnell fest: Ich mache mich auf die Spurensuche nach dem Profil von Emilie Mayer, eingebunden in das vielfältige Panorama ihrer Zeit.

Emilie, 1812 im mittelalterlichen Städtchen Friedland, östlich der Mecklenburgischen Seenplatte, geboren, fiel schon mit als kleines Kind durch ihr musikalisches Talent auf. Wenn die Soldaten mit Musik über den großen Markt gezogen waren, wo ihr Vater die Ratsapotheke führte, summte die Vierjährige anschließend die Grundmelodie aus dem Gedächtnis korrekt nach. Sie war fünf Jahre alt, als der Vater entschied: Emilie bekommt Klavierunterricht. Ihre Mutter war drei Jahre zuvor gestorben.

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hatte das Bildungsbürgertum, zu dem in Friedland außer dem Apotheker Mayer, die evangelischen Pfarrer und die Lehrer gehörten, in größeren Städten Beamte und Unternehmer, seine Liebe zur Musik entdeckt. Musik war nicht länger ein Privileg des Adels. Bald gehörte der Klavierunterricht für bürgerliche Mädchen zum guten Ton; stand ein Klavier als Statussymbol in jedem Wohnzimmer.

Im Rahmen einer Skizze über ihren musikalischen Werdegang schreibt Emilie Mayer rückblickend: „Nach kurzem Unterrichte componirte ich Variationen, Tänze, kleine Rondos etc.“ Ihr Lehrer war offensichtlich beeindruckt und ermutigte sie auf mecklemburgischem Platt: „Wenn du die Meu gifst, kann ut die wat warden… Wenn du dir Mühe gibst, kann aus dir etwas werden.“ Es gibt Sätze, die vergessen Kinder nie.

Ein guter Pädagoge würden wir heute sagen. Doch für damalige Verhältnisse war es ein absolutes Tabu, ein Mädchen, das künstlerische Talente zeigte, auf diesem Weg zu ermutigen. Auch wenn es unseren Vorstellungen widerspricht: Es waren führende Männer der Aufklärung, mit der eigentlich die moderne Zeit anbricht, die Mitte des 18. Jahrhunderts die These aufstellten, die Natur habe aufgrund der unterschiedlichen biologischen Ausstattung Frauen und Männern zwei gegensätzlich Aufgaben zugewiesen. Dieses radikal polare Geschlechtermodell hatte sich um 1800 endgültig durchgesetzt. Während die Männer in der Öffentlichkeit auftraten und dafür von der Natur mit Verstand, Kreativität und Kampfgeist ausgestattet wurden, war es die natürliche Aufgabe der Frau, einem Mann zu dienen und Kinder zu bekommen. Ihr Lebensraum war der private Bereich; für den brauchte sie nur wenig Verstand und keinerlei Antriebskraft. Eine gesellschaftliche Prägung, die bis ins 21. Jahrhundert wirkt.

„Das Weib gebiert Menschen,“ postulierte der Philosoph Friedrich Schlegel, der zum Männerbund um Goethe  und Schiller und die Romantiker gehörte, „der Mann das Kunstwerk.“ Also mussten Mädchen von früh auf in dem Bewusstsein erzogen werden, nur für die Familie da zu sein und keinerlei eigene Ambitionen zu haben. Dass Emilie Mayers musikalisches Talent zu Hause nicht unterdrückt sondern vom Klavierlehrer – offensichtlich mit Zustimmung des Vaters – gefördert wurde, kann als eine wichtige Grundlage für ihr außergewöhnliches selbstbestimmtes Leben  angenommen werden.

Emilie Mayer entschied 1840, nach dem Selbstmord des Vaters, als 28jährige Frau von Friedland nach Stettin zu gehen, um sich dort bei Carl Loewe, Musikdirektor und angesehener Komponist, als Komponistin ausbilden zu lassen.

Sie war, ungewöhnlich für ihr Alter, unverheiratet. Auch das lässt auf eine bewusste Entscheidung schließen. Emilie Mayer wusste, mit Mann und Kind hatte sie keine Chance für eine berufliche Karriere. Und die hatte sie sich als Frau – gegen alle gesellschaftlichen Zwänge –  zum Ziel gesetzt. Auch wenn  es keinerlei persönliche Aussagen dazu gibt: Ihre Entscheidungen ab 1840 sind ein eindeutiger Beweis.

Am 20. April 1850 meldet die renommierte Vossische Zeitung, dass am nächsten Tag „eine Dame, Emilie Mayer“ im Konzertsaal des Königlichen Schauspielhauses in Berlin „eine Anzahl ihrer Compositionen“ aufführen lassen wird: „… ein solches Concertprogramm, ganz von weiblicher Hand ins Leben gerufen, ist nach unserer Erfahrung und Kenntnis wenigstens, bis jetzt ein unicum in der musikalischen Weltgeschichte.“ So groß war der Jubel beim Publikum, als die letzten Töne verklangen, so anerkennend die Kritiken in den Musikzeitschriften, dass Emilie Mayer bis 1854 in jedem Frühjahr ein eigenes Konzertprogramm im Königlichen Schauspielhaus organisierte. Und 1853 demonstrierte die gesamte königliche Familie mit ihrer Anwesenheit, dass die Komponistin Emilie Mayer sich ins Buch der „musikalischen Weltgeschichte“ eingeschrieben hatte. Sie wurde Europas größte Komponistin im 19. Jahrhundert – mit Werken, wie sie „männlicher“ nicht sein konnten.

Neben vielfältiger Kammermusik schrieb Emilie Mayer fünfzehn Ouvertüren für großes Orchester – und acht Sinfonien, eine Form, die bisher als männliches Musik-Monopol galt. Frauen, so hatte schon 1758 Jean- Jacques Rousseau, einer der führenden Köpfe der Aufklärung, geschrieben, könnten in der Musik nur „kleine Arbeiten“ gelingen. Denn „jenes himmlische Feuer, das die ganze Seele erwärmt, jenes Genie, das alles … mit sich fortreißt“, besäßen nur männliche Künstler.

Es ist spannend, in den Besprechungen der Musikkritiker – alle Fachzeitschriften seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sind digitalisiert und im Netz nachlesbar  – zu verfolgen, wie ihnen das weibliche Genie zuerst fast die Sprache verschlug. Eine „eigentümliche Erscheinung“ sei diese Komponistin. Aber die besten Experten erkannten bald, dass hier – jenseits der Geschlechterklischees – ein eigenständiges Genie am Werke war.

Spürt man die Mosaiksteine ihres Lebens auf und fügt sie zusammen, zeigt sich eine kluge, kommunikative Frau, die auf eine gewiefte Taktik setze und keineswegs naiv in den Erfolg stolperte. Ihr Auftreten in der Öffentlichkeit wird von den männlichen Musikexperten als bescheiden, freundlich und zurückhaltend gerühmt. Emilie Mayer wusste, sie war von einem total männlichen Musikbetrieb abhängig und dem bürgerlichen wie adligen Publikum. Beide Kreise fühlten sich dem traditionellen Frauenbild fest verbunden.

Hinter den Kulissen aber hat Emilie Mayer selbstbewusst und zielstrebig ihre Konzerte organisiert; es gab noch keine Musikagenturen. Sie knüpfte die Verbindung zu berühmten Orchestern und deren musikalischen Leitern. Sie organisierte und bezahlte das Notenmaterial, das auf den Pulten der Orchester liegen musste. Anfangs als Kopie per Hand, mit den Jahren gewann sie einen Berliner Verlag für den Druck wichtiger Werke. Ihre Briefe zu ihm sind die einzigen, die sich erhalten haben – ebenfalls freundlich und selbstbewusst.

Wie gut sie in die tonangebende Berliner Gesellschaft integriert war, zeigt eine bisher unentdeckte Spur, die in die Familie des angesehenen Historikers Leopold von Ranke führt. Genauer: in den Salon seiner Frau Clarissa, wo sich in den 1850ger Jahren einmal wöchentlich Berlins geistig-intellektuelle Elite traf, darunter Alexander von Humboldt, die Gebrüder Grimm, die Schriftstellerin Bettine von Arnim, auch Mitglieder der königlichen Familie. Man tauschte Gedanken aus oder hörte Musik. Einmal, so wissen wir nun aus einem Brief von Clarissa von Ranke, trug „Fräulein Emilie Mayer“ am Klavier eigene Kompositionen vor.

Es war keine Zufalls-Bekanntschaft. Viele Jahrzehnte nach dem Tod der Gastgeberin, eine literarisch versierte Frau, die aus einer traditionsreichen englischen Familie stammte, kamen Gedichte über ihre geliebten Gäste – „Stars of my Life“ – ans Licht. Auf gleicher Stufe mit Geistesgrößen, die in die Geschichtsbücher eingegangen sind, ist das Sonett Nr. 139 der Komponistin Emilie Mayer gewidmet.

Auch  Musik ist abhängig von gesellschaftspolitischen Entwicklungen. Als in den 1870ger Jahren die geistige Elite mit wütenden Pamphleten auf die neu gegründete Frauenbewegung reagiert, die gleiche Bildung für das weibliche Geschlecht fordert, fallen etliche Musikkritiker in die alten Vorurteile über Komponistinnen zurück. Selbst Emilie Mayer bleibt nicht verschont oder wird als die Große weibliche Ausnahme isoliert.

Doch das scheint ihr musikalische Selbstbewusstsein geradezu anzuspornen. Dass Richard Wagner, Robert Schumann, Hector Berlioz und andere von Goethes „Faust“ zu einer Komposition angeregt wurden,  hindert die Siebenundsechzigjährige nicht, mit den männlichen Genies in einen Wettbewerb zu treten. Sie komponiert ebenfalls eine „Faust-Ouvertüre“, die 1880/81 die Konzertsäle erobert. Um so unverständlicher, dass nur wenige Jahre nach ihrem Tod 1883 die Werke von Emilie Mayer aus den Konzertsälen verschwinden.

Auch eine penible Spurensuche kann nicht alle Fragen lösen. Aber das neu gewonnene scharfe Profil von Emilie Mayer liefert ein wichtiges Argument. Sie war als Persönlichkeit enorm wichtig  für die Aufführung ihrer Musik. Als sie nicht mehr im Hintergrund der Musikszene agierte, gewannen die eingefleischten Vorurteile gegenüber  weiblicher Kreativität wieder die Oberhand im zu hundert Prozent männlichen Musikbetrieb. Die Meisterwerke von Emilie Mayer verschwanden aus den Konzertsälen.

Glaubt wirklich jemand, das Publikum würde den Konzertsaal verlassen, wenn im 21. Jahrhundert neben Mozart, Beethoven, Mahler und anderen Etablierten die Komponistin Emilie Mayer wieder zur Aufführung käme?

Über die Autorin

Barbara Beuys hat schon einige Biografien über besondere Frauen, die sie beschäftigten und faszinierten, geschrieben. Auf Bürgerleben veröffentlichte sie als Gastautorin bereits Artikel zu Sophie Scholl und Asta Nielsen. In ihrem neuen Buch über Emilie Mayer, auf die sie durch Zufall stieß (durch ihre Liebe zur klassischen Musik kam…) erzählt sie deren spannende und für damalige Frauen vollkommen untypische Lebensgeschichte.

„Emilie Mayer – Europas größte Komponistin – Eine Spurensuche“, Dittrich Verlag 2021, 235 Seiten, 22 Euro

Hier eine musikalische Kostprobe aus der Feder Emilie Mayers, die Faust-Ouvertüre:

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