Von Teddybären und Puppenhäusern – ein Besuch im Spielzeug Welten Museum Basel

 In Alltagsleben, Ausstellungsbericht, Museumsbesuch, Unkategorisiert

Mit welchen Spielzeugen wurde in den damaligen Kinderzimmern Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich gespielt? Dazu habe ich das Museum „Spielzeug Welten Museum Basel“ besucht. Beim Museums-Rundgang mit der engagierten Leiterin Laura Sinanovitch habe ich einiges darüber erfahren und auch, dass einige der ausgestellten Spielzeuge gar nicht zum Spielen vorgesehen waren. Hier mein Bericht:

  1. Das 1. Kuscheltier: Der Steiff-Bär (oder doch der amerikanische Roosevelt-Teddy?)

Eins ärgert Frau Sinanovitch schon – sie haben kein Exemplar der ersten Charge des Steiff-Bären von 1903 in der Ausstellung. Zum Glück aber auch niemand sonst! Und deshalb ist -Achtung- zur Erfassung des Bärens aus dem Jahre 1903 eine Prämie von einer Million Euro, Franken oder Dollar – das habe ich vergessen, ausgesetzt. Von einem Sammler. Also alle mal auf dem Dachboden nachschauen.

Wobei Ihr wohl kein Fundglück haben werdet – wie mir die Leiterin noch dazu erzählt, ist diese gesamte Kollektion nach Amerika exportiert worden. Wo seltene Bären-Sammlerstücke sowieso leichter zu finden sind – es gab dort im Gegensatz zu Europa keine Kriege, denn bei kriegsbedingter Fluchten und Umzügen waren Stofftiere nicht unbedingt unter den lebensnotwendigen Dingen, die man zuerst einpackte.

Zurück zu den Bären, von 1904 und 1905 sind dafür gleich mehrere Steiff-Bär-Exemplare zu sehen – sehr gut erhalten und tatsächlich den heutigen Teddies ähnlich – nur dass in den ersten Jahren Arme und Beine noch gleich lang waren – wie bei den echten Bären! Später wurden sie verkürzt, die Kinder mochten lieber Bären mit kürzeren Armen – wahrscheinlich weil es den menschlichen Proportionen näher kam. Auch eine kürzere Schnauze verlieh den Teddys einen sympathischeren Ausdruck.

Teddies sieht man im Museum in Hülle und Fülle in allen Größen. Und auch in verschiedenen Farben. Kein Wunder, ist hier doch mit über 2500 Teddybären die größte Sammlung der Welt zu sehen, darunter auch einige Besonderheiten. So sind in der gleichen Vitrine mit den ersten Teddybären auch einige schwarze Bären ausgestellt – Trauerbären, gefertigt 1912 aus Anlass des Untergangs der Titanic. Weiterhin gab es Bären in Modefarben, z.B. rosa und grün, die dann zu den jeweiligen Outfits passten und „getragen“ wurden. Durchgesetzt haben sich aber am Ende doch die Bären in hellen Brauntönen. Sie waren bei den Kindern beliebter und wurden deshalb einfach am häufigsten gekauft.

Und der Roosevelt-Teddy? Wurde in einer ähnlichen Zeit -auch mit einer schönen Story- in den USA „geboren“. Das zeigt eine weitere Vitrine und läßt offen, wer denn nun den Bären wirklich erfunden hat. Manchmal gab es parallele Entwicklungen in der gleichen Zeit – meint Frau Sinanovitch diplomatisch dazu. Und man will ja schließlich auch die Touristen aus den USA nicht vor den Kopf stossen…

Die Story des Steiff-Bären bzw. insbesondere seiner Erfinderin, Margarete Steiff, ist recht bekannt, aber hier noch einmal die Kurzform: Zunächst produzierte Margarete Steiff Filzröcke und es gab als Zugabe ein „Elefantle“, ein Nadelkissen mit Elefant. Damit spielten die Kinder so gerne, dass man auf das Produkt Stofftiere umstellte, die zunächst aus Filz waren. Filz hatte jedoch den Nachteil, sich sehr schnell abzunutzen und außerdem das Lieblingsfutter von Motten zu sein. So stellte man Anfang des 20. Jahrhunderts auf Mohairwolle um. Diese hatte viele Vorteile, der größte: es war ein kuscheliges Material! Und so wurde der Bär tatsächlich zum ersten Kuscheltier! Einen Nachteil hatten die Bären aus Mohair aber, sie waren sehr teuer und wurden deshalb zunächst in den USA geordert, wo den Leuten der Dollar lockerer saß. Erst in den Jahren darauf faßte er auch in Deutschland Fuß. Und ist bis heute mit das beliebteste Spielzeug, nicht nur in der Variante mit dem Knopf im Ohr. Eine Nachbildung von Margarete Steiff ist übrigens gleichfalls in der Ausstellung zu sehen – sie sitzt in ihrem Rollstuhl (ein Original aus dieser Zeit) am Schreibtisch.

  1. Themenwelten als Ausstellungskonzept

Aber bevor ich zu weiteren interessanten Objekten der Ausstellung komme, ein paar Worte zum Konzept des Museums. Auf vier Stockwerken eines schönen Altbaus, zeitgemäß und modern saniert und behindertengerecht ausgestattet, werden die Ausstellungsobjekte gezeigt.

Dabei sind die Spielzeuge (im weitesten Sinne) aus der Zeit Ende 18. bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu Themenwelten zusammengestellt. Die meisten Exponate sind jedoch aus der Zeit der vorigen Jahrhundertwende. Paßt also perfekt zur Bürgerleben-Zeit!

In großen Glasvitrinen sind die Spielzeuglandschaften zu sehen, oft eingerahmt von Puppen und Teddies sowie mit weiteren Accessoires wie nostalgischen Werbeschildern und Einrichtungsgegenständen – alle original- ergänzt. Das wirkt sehr lebendig – wie ein großes nostalgisches Spielzeugparadies. So sind u.a. die Themen „Schule“, „Matrosen“, „Mode“, „Einrichtung“ bis zu „Jahrmarkt“ zusammengestellt.

Etliche Exponate der permanenten Ausstellung haben Nummern – wenn man möchte, kann man Informationen dazu entweder in am jeweiligen Eingang ausliegenden Heften nachschlagen, auf interaktiven Informationsstationen suchen oder auch auf dem Mobilphone weitere zusätzliche Informationen erhalten. Die Digitalvariante wurde übrigens schon bei der Eröffnung des Museums vor 20 Jahren eingeführt. Jedoch merkte man alsbald, dass dafür die Zeit noch nicht reif war und stellte die Infos auch in Papierform bereit.

Und heute? Ist es wahrscheinlich umgekehrt! So ändern sich die Zeiten.

Die Dauerausstellung und die dazugehörigen Texte sind so konzipiert, dass sie kein Vorwissen erfordern und möglichst viele Menschen ansprechen – nicht nur wenige Experten und Sammler.

Für mich hätte es trotz allem etwas weniger Dekoration und etwas mehr Information sein dürfen.

Aber insbesondere die kleinen Besucher lieben die lebendigen Zusammenstellungen mit Puppen und Teddies, bei denen es so viele Details zu entdecken gibt.

Ansonsten gefällt mir dieses moderne Konzept, was mit Sonderausstellungen (die nicht unbedingt mit Spielzeug zu tun haben müssen) und vielen Veranstaltungen und Workshops ergänzt wird, gut.

In der Unterhaltung über verschiedene Ausstellungskonzepte äußert die Museumsleiterin Frau Sinanovitch: Museen bilden zwar die Vergangenheit ab, müssen aber in ihrer Präsentation mit der Zeit gehen. Die Umsetzung dieses Konzepts ist dem Museum definitiv gelungen.

  1. Puppenhäuser – im weitesten Sinne

Wie ich finde, die Stars der Ausstellung! Denn in ihren detailgetreuen Darstellungen erzählen sie uns viel vom damaligen Leben. Puppenhäuser ist deshalb auch eine ungenügende Beschreibung dieser handwerklichen Kunstwerke. Was gibt es da nicht alles zu entdecken in einer beeindruckenden Vielfalt: ob nun Nachbildungen von Wohnungen und ganzen Häusern mit passenden Tapeten, Mobiliar und Garten, originalgetreu gestalteten Läden als „Kaufmannsläden“ mit vielen Schubladen, einer Waage und Mini-Packungen damaliger Markenware, nachgebildete Klassenzimmer, Wäschestuben, voll eingerichtete Küchen inklusive Topfsets, Geschirr und funktionierendem Herd etc. Aber wurde mit diesen wertvollen und sicherlich auch schon damals teuren Dingen gespielt? Eher nicht, meint Frau Sinanovitch dazu, das waren Prestige-Objekte, die zum Anschauen dastanden und die (nach meiner Meinung) wahrscheinlich gleich bei der ersten Benutzung kaputtgegangen wären. Im Beisein der Gouvernante wurde der Kochherd wohl schon mal angezündet, aber eben nur unter Aufsicht (und wahrscheinlich, wenn Besuch da war, um es stolz zu präsentieren).

Hier eine Bildergalerie von Kaufmannsläden der verschiedensten Art, in der man viele detailgetreue Möbel, Accessoires und Produkte von damals entdecken kann:

Ein Teil dieser so originalgetreu gestalteten Exponate war also nie als Spielzeug gedacht, sondern zur Repräsentation des eigenen Wohlstandes. Was die vornehmen Puppen-Wohnhäuser anging, die gehörten auch oft den Ehefrauen und so manch bürgerliche Frau richtete sich damit ihr Traumhaus schon mal als Miniaturausgabe ein. Ob sich der Traum dann immer erfüllte?

Apropos Miniaturen: Dazu gibt es eine ganze Abteilung, diese sind jedoch ausnahmsweise neueren Datums, also keine historische Objekte. Die Miniaturen kommen aus der ganzen Welt und sind handwerkliche Meisterleistungen. Man kann sich Läden, Häuser und Szenen mit Figuren anschauen, vorzugsweise wird der Anfang des vorigen Jahrhunderts gestaltet – die gute alte Zeit eben, wie man sie sich heute verklärt vorstellt. Die Detailgetreue der Darstellungen im Maßstab 1:12 und Qualität der Nachbauten, insbesondere im Bezug auf ihre Größe ist beeindruckend – hier geht es buchstäblich um Millimeter!

Während der Führung erzählt mir Laura Sinanovitch ein paar Anekdoten aus ihrem Museumsalltag, z.B. von einem Kind, welches seine Oma fragte, was das denn da für ein komisches Gerät mit der Scheibe wäre? Ein Telefonapparat, antwortete Oma und erklärte, wie mit der Wählscheibe gewählt wurde. Plötzlich fühle ich mich alt – mit so einem Teil habe ich doch selbst noch, äh, telefoniert!

Ja, auch technische Sachen sind zu sehen. Für alle Frauen, deshalb hier

  1. 5 Gründe, Männer zu einem Besuch der Spielzeug Welten zu motivieren:

Klar werden hier mal wieder Klischees bedient, aber wenn sie doch oft stimmen… Hier also die für Männer interessanten Objekte:

  1. Tretautos, die alten Originalmodellen nachempfunden sind und bei Knopfdruck auf einer Rennbahn fahren
  2. In Vitrinen aufgereihtes Blechspielzeug mit Funktionen
  3. Ein Jahrmarkt mit Achterbahn, Karussells und Autoscooter, die sich bei Knopfdruck gleichfalls einer nach dem anderen in Bewegung setzen
  4. Nachbildungen von Werkstätten und einer alten Fabrikhalle mit Fertigung in der 1. Etage
  5. Es gibt eine digitale Version für’s Mobilphone!
    (Wer kontrolliert, was man dann wirklich anschaut?)

Apropos Männer, da fand ich die Beobachtung der Museumsleiterin amüsant, wie unterschiedlich eine vorherige Sonder-Ausstellung zum Thema „Korsett“ von Frauen und Männern bewertet worden war.

Das Thema fanden grundsätzlich beide Geschlechter spannend, wobei es für Männer einen eher anrüchigen „Touch“ hatte und Frauen voller Interesse für die unterschiedlichen Facetten des Kleidungsstücks waren. Da liefen wohl unterschiedliche Filme im Kopfkino ab…

 

  1. Was gibt es sonst noch zu sehen?

Vieles! Alles zu beschreiben, würde diesen Rahmen sprengen, aber Ihr wollt ja bei einem Besuch auch noch selbst Entdeckungen machen – jeder hat andere persönliche Highlights.

Mir blieb noch eine Ausstellungsvitrine (im 1. Stock) besonders im Gedächtnis. Darin waren auf alten Fotos Kinder mit ihren Stofftieren zu sehen – daneben lag das Originalstofftier vom Foto! Teilweise würden sich Kind und Stofftier-Charakter ähneln, meinte die Leiterin des Museums dazu und ich kann dem nur zustimmen!

Im Treppenhaus zwischen den Etagen (es gibt auch einen Fahrstuhl) hängen weitere Fotos und Ansichtskarten (mehr zum Thema Ansichtskarten erfahrt Ihr übrigens in diesem Artikel) mit Kindern. Eine Beobachtung bei der Auswahl der gezeigten Karten: Anscheinend gab es damals schon Kindermodelle, denn einige Kinder kommen auf verschiedenen Kartenmotiven vor.

Außerdem sind in einer Abteilung noch Figuren und Szenen eines neapolitanischen Krippenkünstlers zu sehen, die die Lebenswelt Neapels im 18. Jahrhundert darstellen. Die Darstellung der Personen ist sehr realistisch, Falten und auch körperliche Gebrechen wurden mit abgebildet und wären die aus Wachs geformten Früchte und Gemüse nicht so winzig, wollte man glatt reinbeißen, so realistisch sehen sie aus.

Mein Fazit: Das Museum ist definitiv einen Besuch wert.

 

6. Praktische Informationen:

Der Eintritt ist mit 7 Franken für Erwachsene und 5 Franken für Rentner moderat, zumal er für Kinder bis 16 Jahren (nur in Begleitung Erwachsener) kostenlos ist und auch die Sonderausstellungen einschließt. Dafür wird viel geboten. Das schon erwähnte Restaurant im Haus habe ich zum Mittagessen ausprobiert – mir hat es dort geschmeckt. Es sind Schweizer Preise, mit denen allerdings die Preise der Restaurants in deutschen Großstädten in ähnlicher Qualität inzwischen mithalten können.

Besonders zu empfehlen ist das Museum für:

  • Familien & Single-Elternteile mit Kindern
  • Frauen- und Seniorengruppen
  • und natürlich -wie immer- alle Geschichtsinteressierten 🙂

Webseite:      https://www.spielzeug-welten-museum-basel.ch

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