Was geschah vor 110 Jahren im August?

 In Alltagsleben, Aus dem Frauenleben, Eisenbahn, Frauenberufe, historische Luftfahrt, Sport, Unkategorisiert, Was geschah vor 110 Jahren, Zeitgeschehen

Für alle Neulinge, welche die Rubrik noch nicht kennen, gibt es hier eine Einführung dazu.

Motor der Luftfahrt: 1. Internationale Luftfahrtausstellung in Frankfurt

 

Die Idee kam eigentlich aus Münchner Aviatiker-Kreisen, aber Bayern war an einer Massenveranstaltung zum Thema Fliegen nicht interessiert. Als der Fabrikant Paul Gans-Fabrice dagegen in Frankfurt anfragte, waren die Verantwortlichen sofort begeistert. Denn wozu hatte man zwei Jahre davor die bis dato größte Kuppelhalle Europas in Frankfurt bauen lassen? Und so richtete Frankfurt die ILA aus, die im Zeitraum von Juli an genau 100 Tagen stattfand. ILA? Das war die Internationale Luftfahrt-Ausstellung. Die Ausstellung wurde maßgeblich durch Spenden der Frankfurter Bürger finanziert – immerhin gab es um die Jahrhundertwende ca. 600 Goldmark-Millionäre in der Stadt. Die Werbetrommel dafür rührte insbesondere der damalige Frankfurter Bürgermeister Franz Adickes. So kamen 1,25 Millionen Mark in einem Garantiefond zusammen und noch einmal einige hunderttausend Mark an Preisstiftungen.

Wir berichteten in der Rubrik „Was geschah vor 110 Jahren?“ bereits verschiedentlich über „die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ (z.B. im letzten August oder im Juni). Fliegen und die dazugehörigen Flugapparate waren damals ein ganz großes Thema. Über Zeppelinflüge und Ballonwettfahrten wurde viel ausführlicher berichtet als z.B. über einen Kanzlerwechsel (siehe unten). Die Flugobjekte und ihre Möglichkeiten waren auch ein Symbol für eine hoffnungsvolle Zukunft.

Die ILA – ich hoffe, es ist in Ordnung, dass ich diese Abkürzung gegenüber dem sperrigen langen Titel vorziehe – war die erste ihrer Art. Einen guten Eindruck, was dort eigentlich gezeigt wurde, vermitteln zusammen mit den gezeigten Bildern die 12 Themenschwerpunkte der Ausstellung:

  1. Ballons und Ballonfabrikation
  2. Motorballons
  3. Militärluftschifffahrt
  4. Signal-Dienst für Ballons
  5. Gasfabrikation und Kompression
  6. Wissenschaft der Luftschifffahrt
  7. Feinmechanische und physikalische Apparate
  8. Ausrüstungen
  9. Flugapparate und Drachen
  10. Motoren
  11. Kunstgegenstände mit Bezug zur Luftschifffahrt
  12. Spielwaren

Breit gefächert, oder? Wie weitläufig die ILA war, ist an diesem Plan des Ausstellungsgeländes zu sehen. Und das Spannendste waren sicherlich die Schauflüge aller Luftobjekte, die während der Zeit der Ausstellung stattfanden!

Ein Höhepunkt war sicherlich (mal wieder!) die Landung des Zeppelins Z II am 31.7. in Frankfurt. Zur Ankunft fanden sich nicht nur Persönlichkeiten der Stadt Frankfurt, sondern auch Größen der Luftfahrt ein. So z.B. Major von Parseval – der das „unstarre“ Konkurrenzluftschiff gleichen Namens baute, auf dem Bild der Herr vorne mit der Melone auf dem Kopf.Und wer ist dahinter in der Gondel zu sehen (mit weißer Mütze): Graf Zeppelin, auch „Der Alte vom Bodensee“ genannt.

Hier Bilder vom unstarren (oder auch halbstarren) Parseval – im Unterschied zur Bauweise der Zeppelin-Luftschiffe mit einem kompletten „Skelett“ innen, haben diese nur ein „Teilskelett“, was meist aus einem festen Kiel entlang der Längsachse besteht.

Für die Ballons gab es eigene Ballonshallen (auf dem Ausstellungsplan rechts zu sehen) und einen Korbplatz, an dem man in den Ballons Passagierfahrten unternehmen konnte. 52 Ballone nahmen an der Ausstellung teil.

Und last but not least waren natürlich auch Flugzeuge auf der ILA zu sehen. Dazu war eine Fliegerwoche geplant. Es gab nur ein Problem: zumindest deutsche Flieger gab es kaum und das Flugzeug des vorhandenen deutsche Fliegers Euler hob nicht ab. Flieger aus anderen Ländern hatten sich nicht angemeldet. Was tun? Der Leiter der ILA, Tschudi, setzte sich in einen Schnellzug und organisierte „auf die Schnelle“ die französischen Flieger Bleriót, der kurz zuvor den Ärmelkanal überflogen hatte (wir berichteten in der letzten Ausgabe) und Rougier sowie den Belgier de Caters. Wahrscheinlich hatte Tschudi die Flieger nicht zuletzt mit den beträchtlichen Preisgeldern, die es für die Flüge zu gewinnen gab. 40 000 Mark, damals eine Menge Geld, gewann z. B. der Belgier de Caters als Sieger, dass er eine über Stunde mit seinem Flugzeug in der Luft blieb. Aber auch für August Euler ging die Flugwoche noch gut aus: schließlich hob er mit seinem Flieger doch noch ab und gewann sogar den Langstreckenflug.

Insgesamt war die 100-tägige Ausstellung ein Erfolg: 1,5 Millionen Besucher kamen und genossen: so wurden 370 000 Liter Bier und 100 000 Liter Apfelwein ausgeschenkt. Und auch wenn man mit einem Defizit abschloß, zeigte sich Ausstellungspräsident Gans in seinem Fazit zufrieden und optimistisch: „…Neue Bahnen haben sich in unseren Tagen der Menschheit erschlossen“. Der Luftraum war als neue zukünftige Dimension des Verkehrs beim Volk angekommen.

Begrüßung auf der Kaiserjacht – Der neue Kanzler Bethmann-Hollweg kommt

Nicht nur heute verblüfft es manchmal, welche Nachrichten erste Priorität genießen und über welche Ereignisse in den Medien ausführlich berichtet wird. Sagen wir es mal diplomatisch: Es sind nicht immer die für das Land, Europa oder die Welt relevantesten Dinge, die auf Seite 1 stehen. Und damals? War es ähnlich. Immerhin gab es im Juli 1909 einen Kanzlerwechsel, wir berichteten darüber in der letzten Ausgabe. Der „Neue“, also der Nachfolger, hieß Theobald von Bethmann-Hollweg. Und was wurde darüber in den Wochenzeitschriften (im politischen Teil wohlgemerkt!) berichtet? Wenig. Auf Seite 1 in der Zeitschrift „Daheim“ war am 17. Juli 09 z.B. ein großes Foto der der spanischen Königsfamilie „nach der Taufe der jüngsten Prinzessin…“ Das ist natürlich wichtiger! Immerhin wurde der neue Kanzler in der nächsten Ausgabe mehr oder weniger kurz vorgestellt:

Zum Nachfolger des Fürsten Bülow im Reichskanzleramt wurde der bisherige Staatsekretär des Innern und Vizepräsident des Staatsministerium Dr. Theobald Bethmann-Hollweg ernannt, der seit Jahren dem Kaiser sehr nahe steht und für einen der befähigsten und tüchtigsten Männer gilt…Er besuchte die Landesschule Pforta und studierte von 1875-1879 in Straßburg, Leipzig und Berlin die Rechte (heute: Jura). Seine eigentliche Laufbahn begann er 1886 als Landrat in Ober-Barnim. 1896 wurde er zum Oberpräsidialrat in Potsdam, 1899 zum Regierungspräsidenten in Bromberg, drei Monate später zum Oberpräsidenten von Brandenburg, 1905 zum Minister des Innern ernannt. In seiner letzten Stellung befand er sich seit 1907.

Die Sonntagszeitung charakterisiert ihn wie folgt:

v. Bethmann-Hollweg, der Nachfolger des Fürsten Bülow, steht im 53. Lebensjahre. Im Jahre 1886 wurde er Landrat des Kreises Ober-Barnim bei Berlin, 1899 war er bereits Regierungspräsident in Bromberg und schon einige Monate später Oberpräsident der Provinz Brandenburg. Minister des Innern wurde er im Jahre 1905 und nach dem Rücktritt des auf sozialem Gebiete hochverdienten Grafe Posadowsky, Staatsekretär des Reichsamtes des Innern. (…) v. Bethmann-Hollweg gilt als gemäßigt konservativ und ist ein Mann von großer Charakterfestigkeit. Als ihm als Landrat eine Beeinflussung der Wahlen zum Reichstag zugemutet wurde, erklärte er, daß er Verwaltungsbeamter, aber nicht Wahlagent sei. v. Bethmann-Hollweg hat sich bisher nie mit Auslandspolitik amtlich beschäftigt, es ist daher anzunehmen, daß er die Bearbeitung der äußeren Politik den bewährten Händen des Staatssekretärs des Aeußeren, von Schön, überlassen wird.

Fassen wir also zusammen: Ein rechtschaffender Beamter mit einer steilen Karriere, der viel Erfahrung in der Innenpolitik, aber wenig in der Außenpolitik besitzt. Als der Kaiser Bethmann-Hollweg auf seiner Yacht „Hohenzollern“ empfing und ihm zum Amt gratulierte, kannten sich die beiden schon eine ganze Weile – und schätzten sich.

Trotzdem ist überliefert, dass es Bethmann-Hollweg nicht unbedingt zur Position des Kanzlers drängte. Der damalige Leiter der Reichskanzlei, v. Loebell, erzählte, dass v. Bethmann-Hollweg Bülow unter Tränen gebeten habe, davon abzusehen, ihn zur Ernennung vorzuschlagen. Jedoch sah er die Ernennung als kaiserlichen Befehl, dem er Folge leistete.

Im Ausland wurde seine Wahl übrigens durchweg positiv aufgenommen – er bekam viele Glückwunsche, u.a. vom amerikanischen Präsidenten Taft und sogar aus Frankreich.

Obwohl er auch bei Eintritt in den 1. Weltkrieg bis 1917 Kanzler war, werden sein Wirken und seine Persönlichkeit heute überwiegend positiv eingeschätzt. Warum? Weil er davor als – im übrigen parteiloser – Politiker wichtige politische Impulse setzte: Zum einen verstand er sich als Mittler zwischen den Konservativen und der Sozialdemokratie. Es war zu dieser Zeit nicht selbstverständlich, aber er nahm die Sozialdemokraten als neue politische Vertretung der arbeitenden Klasse ernst und respektierte ihre aufstrebende Bedeutung. So befürwortete er z.B. in seiner Antrittsrede im preußischen Abgeordnetenhaus von 1905 die von den Linken geforderte Schaffung eines Volkswohlfahrtsamtes, was ihm deren Sympathien brachte. So konnte er die Sozialdemokraten gleichzeitig in die Realpolitik einbinden.

Als Mensch war er kosmopolitisch eingestellt. Schon in seiner Kindheit hatten ihm Reisen zur Verwandtschaft nach Paris und nach Italien (zur Belohnung fürs mit Auszeichnung bestandene Abitur) andere europäische Kulturen nahegebracht. Als er 1904 zu Gast bei Freunden in London weilte, beobachtete er dort die Eingemeindung der Vororte Londons und nahm dies für Berlin zum Vorbild.

Seine liberale Einstellung zeigte sich z.B. in der Haltung zu den Teilen Preußens mit polnischen Einwohnern. Er erlaubte nach einem Schulstreik in der Provinz Posen, den Religionsunterricht dort zukünftig auf polnisch abhalten zu lassen. Andere Politiker hatten dazu die Idee, die militärische Präsenz zu verstärken. Auf seine Initiative erhielt das Reichsland Elsass-Lothringen durch eine eigene Verfassung eine autonomere Stellung. Er fühlte sich diesem Land und den süddeutschen Staaten verpflichtet und hatte sicherlich auch eine persönliche Beziehung zu Elsass-Lothringen. Schließlich hatte er dort eine Zeitlang studiert und kannte die Mentalität der Menschen gut.

Bethmann-Hollwegs liberale Haltung zeigte auch sein Verhalten im Zuge der Eulenburg-Affäre um homosexuelle Beziehungen von Politikern (wir berichteten hier darüber). Als Minister des Innern sollte er 1906 eine vom kaiserlichen Hof in Auftrag gegebene Liste mit allen höhergestellten homosexuellen Politikern vom Polizeipräsidium Berlin in Berlin prüfen. Er gab sie dem verantwortlichen Kriminalisten mit der Bemerkung zurück, er wolle so viele Menschen nicht unglücklich machen. Und zu dieser Zeit hätte die Personen auf der Liste ein Outing definitiv unglücklich gemacht! Homosexualität war verpönt und nach § 175 strafbar (Hatte ich schon einmal erwähnt, dass dieser Paragraph erst 1994 abgeschafft wurde?).

Seine Rolle im 1. Weltkrieg bleibt umstritten. Bethmann-Hollwegs letzte Initiative war 1917 der Vorschlag einer Wahlreform – das ungerechte Dreiklassenwahlrecht in Preußen sollte in ein gleiches Wahlrecht für alle (zunächst Männer) umgewandelt werden. Schon lange hatte er dafür gekämpft. Sogar der Kaiser machte in seiner Osterbotschaft danach Versprechungen zu einer Wahlreform, wenn auch recht unkonkret.

Summa summarum wollte er mit seiner „Politik der Diagonale“ ein Vermittler zwischen linken und konservativen Kräften sein. Das war zumindest sein Ziel. Dabei machte er sich oft bei keinem der beiden Lager beliebt, was eine Schwächung für ihn bedeutete. Im Juli 1917 wurde er schließlich „abgesägt“ – um seiner Entlassung vorzubeugen, reichte er seinen Rücktritt ein. Theobald Bethmann-Hollweg starb 1921 an einer Lungenentzündung.

Aus dem Frauenleben:

Wir haben zwei weitere „Erste“ (Tusch!) und eine „Einzige“ diesen Monat:

Die erste Armenvorsteherin Berlins

war Frau O. Gerndt – also die stellvertretende Armenvorsteherin, wie im Untertitel steht, aber da sind wir mal so großzügig wie es die Sonntagszeitung auch war, als Frau Gerndt so vorgestellt wurde. Im Text dazu heißt es:

Endlich ist auch die Reichshauptstadt dem Beispiel vieler Provinzstädte gefolgt und hat durch eine ihrer Armenkommissionen allen bisherigen Vorurteilen zum Trotz eine Frau in das Amt einer stellvertretenden Armenvorsteherin wählen lassen. Es hat jahrelange Kämpfe gekostet, bis man nun auch praktisch der Einsicht Rechnung trägt, daß gerade das Gebiet der Armenpflege der Mitarbeit der Frau nicht länger entbehren kann.

Von wegen die Provinz hängt den Trends hinterher – dieses Mal war die Hauptstadt Nachzügler! Und im Text klingt auch an, was sonst selten erwähnt wird: dass es „ein jahrelanger Kampf“ war, eine Frau in dieser Position durchzusetzen.

Johanna Mestorf gestorben: Die erste Professorin in Preußen und Erfinderin der Moorleiche

Auf dem Bild schaut sie etwas grimmig drein – vielleicht, weil sie sich nur so in der damaligen akademischen Männerwelt behaupten konnte? Die Sonntagszeitung schreibt Anfang August zu ihrem Tod am 20. Juli 1909 diesen Nachruf:

 Johanna Mestorf wurde am 17. April 1829 in Bramstedt in Holstein geboren. Sie wandte sich nach Verlassen der Schule archäologischen Studien zu und betätigte sich im besonderen auf dem Gebiet der archäologischen Literatur Skandinaviens mit solchem Erfolge, daß sie im Jahre 1873 von der preußischen Regierung zum Kustos (veraltet für Kurator) am Museum vaterländischer Altertümer in Kiel berufen wurde. Ihre eigentliche Aufgabe aber erblickte Fräulein Johanna Mestorf ihr ganzes Leben hindurch darin, die alte skandinavische Literatur durch Übersetzungen dem deutschen Volke zugänglich zu machen. An ihrem 70. Geburtstage wurde sie zum Professor ernannt.

Nicht ganz richtig, sie wurde ein Jahr eher geboren, 1828 und deshalb zu ihrem 71. Geburtstag zur Professorin ernannt. Aber eigentlich nicht so wichtig, denn ein Jahr hin oder her – es war sehr bemerkenswert, als Frau zu dieser Zeit einen Professorentitel verliehen zu bekommen, erst recht in Preußen. Denn der größte Bundesstaat „glänzte“ durch eine rückschrittliche Frauen-Bildungspolitik. Erst ab 1908 durften Frauen dort ihr Abitur ablegen und damit an Universitäten zugelassen werden. Bis dato war die höchste mögliche Bildung der Abschluss einer Höheren Töchterschule, von den Inhalten her nicht mal mit dem Realschulstoff der Jungen vergleichbar. Und erst ab 1919 durften sich Frauen habilitieren, also einen Doktortitel an einer Hochschule erwerben.

Aber noch einmal zurück zu Johanna Mestorf: Das Interesse für Archäologie hatte sie von ihrem Vater, einem Arzt, der sich für Altertumsforschung interessierte, geerbt. Nachdem Johanna eine Höhere Töchterschule besucht hatte, ging sie einige Jahre als Erzieherin nach Schweden. Dort lernte sie die nordischen Sprachen – später übersetzte sie mit diesem Wissen skandinavische Schriften zu archäologischen Themen ins Deutsche. Sie reiste in verschiedene Länder, arbeitete als Fremdsprachensekretärin (so würde man es heute nennen) und begann schon 1869 ehrenamtlich für das „Museum vaterländischer Altertümer“ (puh, sperriger Titel!) in Kiel zu arbeiten.

Wie schon erwähnt, wurde sie dort 1873 Kuratorin und 1891 zur Direktorin berufen – damit war sie auch eine der ersten weiblichen Museumsdirektorinnen in Deutschland. Der Bestand dieses Museums ist heute im Museum für Archäologie aufgegangen, welches sich im Schloss Gottorf bei Schleswig befindet.

Ihr gesamtes Wissen zur Archäologie hatte sich Johanna Mestorf autodidaktisch erarbeitet.

Manche Begriffe, die in der Archäologie noch heute verwendet werden, hat sie erfunden, z.B. Einzelgrabkultur, Prachtmantel und Moorleiche –! Sie sorgte auch dafür, dass eine Reihe schleswig-holsteinischen Fundstätten früh gesichert und so erhalten werden konnten.
An Johanna Mestorf wird auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg mit einem Erinnerungsstein im „Garten der Frauen“ gedacht. Ihr zu Ehren gibt es einen Preis mit ihrem Namen, mit dem herausragende Doktorarbeiten zu den Themen Mensch-Umwelt und natürlich Archäologie jährlich prämiert werden.

Eine Lebensretterin darf zur Belohnung Bootsfrau sein (und ist keine Mörderin!)

Über die sportliche Engländerin Lizzie Williams heißt es im Text der Sonntagszeitung:

Miß Lizzie Williams, die erst 17 Jahre alt ist, hat wiederholt Menschenleben vom Tode gerettet und erhielt als Anerkennung von der englischen Regierung als einzige Frau die Berechtigung, als Bootsmann in der englischen Marine zu wirken.

Ob der Orden an Lizzies Brust die Lebensrettermedaille ist? Apropos Lizzie bzw. Lizzie Williams – als ich den Namen googelte, kam als Ergebnis: Der weibliche Jack the Ripper. Oops! Lebensretterin und Mörderin in einem? Passt irgendwie nicht. Und es passt auch nicht von den Lebensdaten: Diese im Nachhinein verdächtigte Lizzie, immerhin Ehefrau des königlichen Leibarztes, agierte schon 1888. Unsere Lizzie wurde da wahrscheinlich gerade einmal geboren, so jung, wie sie auf dem Foto aussieht. Interessant ist die Theorie vom weiblichen Jack the Ripper trotzdem, wenn auch bis heute nicht wirklich bewiesen. Wer sie mal lesen möchte, hier ein Link dazu. Zu unserer Bootsfrau Lizzie habe ich leider keine weiteren Informationen gefunden.

Aber bevor ich jetzt vom tausendsten zum hunderttausendsten komme, auf zur nächsten Kategorie:

Kurznachrichten:

Rüstige Rentner I: Prinz Luitpold von Bayern im Hochgebirge

Von wegen nur die heutigen Rentner sind fit – „der greise Prinz Luitpold“, wie es in der Bildunterschrift heißt, war zu diesem Zeitpunkt immerhin 89 Jahre alt. Im Text der Sonntagszeitung heißt es:

Prinzregent Luitpold steht jetzt im 89. Lebensjahre, doch merkt man seinem Körper die Last der Jahre nicht an. Wie alljährlich weilte er auch jetzt einige Wochen im Hochgebirge, wo er die von dem unglücklichen König Ludwig II. errichteten Königsschlösser Hohenschwangau und Linderhof besuchte. Ist der Weg nicht allzu lang und steil, so legte der Prinzregent ihn zu Fuß zurück; im andern Falle besteigt er eins seiner Reitpferde oder bedient sich der sogenannten „Bergwägelchen“, die durch Ponys gezogen werden.

Auf jeden Fall wusste sich Prinz Luitpold zu helfen bei der Wahl der passenden Fortbewegung und ist auch ein schönes Beispiel für Berichte über damalige Promis im Urlaub. Waren es zu dieser Zeit eher die Adeligen, über deren Urlaubsaktivitäten berichtet wurde, so sind es heute Bundeskanzler und die Kanzlerin, über deren (oft wiederkehrende Urlaubsorte) gerne alle Jahre wieder berichtet wird.

Rüstige Rentner II: Der älteste aktive Staatsbeamte geht in den Ruhestand

Wie alt war wohl der älteste Staatsbeamte?

Im Alter von 95 Jahren ist der Steuereinnehmer Hartmann aus Rützheim in der Pfalz in den Ruhestand getreten. Er war 70 Jahre lang im Staatsdienst.

Und da meckern manche wegen drei mickriger Jahre Mehrarbeit vor der Rente! Die gab es damals übrigens ab 70 Jahren – viele Männer erreichten sie bzw. dieses Alter jedoch gar nicht. 1910 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern ca. 55 Jahre (genauer 47,4 – aber da das 1. Lebensjahr mitgezählt wurde und die Säuglingssterblichkeit immer noch recht hoch war, ist diese Zahl realistischer).

In jedem Fall hoffe ich, dass der Steuereinehmer Hartmann seinen Ruhestand noch ein paar Jahre genießen konnte. 😉

Glück im Unglück: Turmkran stürzt auf Vorortzug

Schon zu dieser Zeit wurde in Berlin viel gebaut und hin und wieder passierten Unfälle. In diesem Fall verlief er noch recht glimpflich, wie der Originaltext erzählt:

Gerade als an der Schöneberger Gasanstalt bei Berlin ein Zug der Vorortbahn vorüberfuhr, stürzte ein für den Bau eines neuen Gasometers benutzter, 85 Meter hoher, eiserner Kran infolge von Überlastung zusammen. Er schlug über die Bahngeleise und zertrümmerte das Abteil eines Waggons. Drei Personen wurden schwer verletzt. Nur dadurch, daß der Zug sofort zum Stehen kam, wurde unabsehbares Unglück verhütet.

Und zum Schluss noch etwas für’s Herz und alle Liebhaber von Kinderpromifotos (und Ponies):

Der älteste Sohn des deutschen Kronprinzen, Prinz Wilhelm, steht im vierten, der jüngere Sohn, Prinz Louis Ferdinand, im zweiten Lebensjahre.

steht als Text unter dem Bild. Wie das Lieblingspony hieß, wurde nicht mit überliefert.

In diesem Sinne wünsche ich Euch einen luftigen, nicht zu heißen August! Ob in den Ferien, zuhause oder anderweitig unterwegs. Auch wenn das Leben nicht immer ein Ponyhof ist!

Und zum Schluss noch ein Tipp an alle rüstigen Rentner: nicht erst mit 90 in den Ruhestand gehen, wenn „die Last der Jahre“ zu drückend wird! Und denkt daran, wenn Ihr (hoffentlich davor) im Hochgebirge wandert – wenn der Berg zu steil wird, entweder das Reitpferd parat haben oder nach einem „Bergwägelchen“ Ausschau halten. Für alle anderen, die auf Schusters Rappen unterwegs sind: auf den nächsten Berggasthof freuen oder eine Picknickpause einlegen…

Bis zum nächsten Monat grüßt Euch

herzlichst

Eure Grete

Empfohlene Artikel

Kommentieren