Zwei Blicke durch das kaiserliche Schlüsselloch: Die „kapriziöse“ Kaiserin Sisi und die „tugendsame“ Kaiserin Auguste Viktoria.

Ein Gastartikel von Alexandra von Ilsemann

Einleitung:

Zwei Provinzprinzessinnen werden Kaiserinnen, die eine direkt durch Heirat mit 16 Jahren, 1854, und die andere nach nur sieben Jahren Ehe, 1888. Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede gab es zwischen Sisi und Auguste Viktoria? Hatten sie ähnliche Probleme und wenn ja, wie gingen sie damit um?

Gastautorin Alexandra von Ilsemann, die durch ihre Biografie der Kaiserin Auguste Viktoria bekannt geworden ist, wirft einen doppelten Blick durch die kaiserlichen Schlüssellöcher und beleuchtet beide Schicksale.

Kaiserin Auguste Viktoria mit 18 im weissen Kleid Jahren Ganzkörper Lithografie
Die junge Auguste Viktoria mit 18 Jahren (zeitgen. Lithographie)
Die junge Kaiserin Sisi, Foto Atelier (Sammlung Petra Herzberg)

Gemeinsamkeiten auf den zweiten Blick

Ein Vergleich der beiden kaiserlichen Damen bietet sich nicht auf den ersten Blick an. Zu groß sind die Unterschiede zwischen Habsburg und Preußen. Zudem Sisi (1837-1898) und Auguste Viktoria (1858-1921) nicht der gleichen Generation angehörten, — es lagen 20 Lebensjahre dazwischen — und dann doch…

Auf den zweiten Blick gab es einiges, was die Kaiserinnen von Deutschland und Österreich, vor allem als junge Frauen verband. Zunächst die Männer, die sie geheiratet haben, und die durch ihre Position ihr Leben, — in Teilen tragisch — bestimmten. Außerdem waren beide Protagonistinnen des sogenannten „nervösen Zeitalters“, des 19. Jahrhunderts: das für den Übergang der Belle Epoche in eine neue Zeit stand.

„Plötzlich Kaiserin“

Sisi, die mit 16 Jahren den Kaiser von Österreich (Franz Joseph 1830-1916) heiratete, wurde damit sofort Kaiserin. Aber sie war zum einen zu jung und zu schüchtern, und zum anderen absolut nicht emotional und intellektuell vorbereitet auf das, was auf sie zukam. Dazu geriet sie sofort unter die strenge und unnachgiebige Fuchtel ihrer Schwiegermutter, der Erzherzogin Sophie (1805-1872), Schwester ihrer Mutter Ludovika, deren Ziel es war, sie in Unmündigkeit zu erziehen und die alleinige Bestimmerin am Habsburger Hof zu bleiben.

Eine Rolle, die der junge Kaiser Franz Joseph (1830-1916) bei aller Liebe zu seiner Sisi, nicht in Frage stellte. Auch er hatte sich immer schon dem strengen Regime seiner Mutter unterworfen, die für ihn ihren Gemahl Franz Carl als Erzherzog kaltgestellt hatte, nachdem dieser seinen schwachsinnigen Bruder hatte beerben müssen.

Junge Kaiserin Sisi mit ihrem irischen Wolfshund (Sammlung Petra Herzberg)

Auguste Viktoria war dagegen über 20 Jahre alt, als sie mit dem gleichaltrigen Wilhelm (1859-1941) in den preußischen Hof einheiratete.  Nach menschlichem Ermessen hätten lange Jahre vor ihr gelegen, an denen sie als „Prinzessin Wilhelm“ erst an dritter Stelle im Protokoll nach Kaiserin Augusta und ihrer gleichfalls „nervigen“ Schwiegermutter Kronprinzessin Vicky gekommen wäre. „Hätte“: Ohne das Drei-Kaiser-Jahr 1888, mit dem erst späten Tod des Schwieger Großvaters Kaiser Wilhelm I. und dann 100 Tage später, — viel zu früh — dem grausamen Krebstod seines Sohnes, des Kurzkaisers Friedrich III.

Mit neunundzwanzig bestieg Wilhelm II. den Thron und seiner Gemahlin blieben nur das Klagen über diesen Umstand:

Ach, wenn ich doch mit meinem Mann und mit meinen Kindern auf eine einsame Insel entfliehen könnte.“   

Junges Kaiserpaar Auguste Viktoria und Wilhelm II. zeitenössische Lithografie
Zeitgenössische Lithografie des jungen Paares (Sammlung Bürgerleben)

Aus „kleinem Hause“ in der Provinz

Beide Prinzessinnen stammten aus eher „kleinen Häusern“ und sie hatten viele Freiheiten genossen, bevor sie an die beiden ihnen nicht wohlgestimmten Höfe kamen.

Sisi, als Tochter des provinziellen Herzogs in Bayern wurde nur erwählt, weil ihre künftige Schwiegermutter, die Schwester ihrer eigenen Mutter war. Dazuhin war sie die zweite Wahl, denn eigentlich sollte ihre ältere Schwester Helene, die dazu wesentlich besser vorbereitet war, Kaiserin werden. In beiden Fällen eine Inzucht, die eine Verbindung von einem Vetter und einer Cousine ersten Grades, nicht nur erlaubte, sondern förderte.

Auguste Viktoria und ihr Gemahl Wilhelm II. waren ebenfalls miteinander verwandt, nicht ganz so nahe, aber beider Vorfahrin war Queen Viktoria von Großbritannien.

Schloss Possenhofen Lithografie
Sisi wuchs im Schloss Possenhofen (Bayern) auf
Prinzenpalais Primkenau, Lithografie, dort wuchs die spätere Kaiserin Auguste Viktoria auf
Im Palais in Primkenau wuchs Auguste Viktoria auf

Von oben arrangierte Verbindungen, Liebe oder beides?

Beide Prinzessinnen wurden „verheiratet“. Denn letztlich waren beide junge Frauen das Objekt von arrangierten Ehen, wie es üblicherweise alle jungen Fürstinnen des 19. Jahrhunderts waren, — und mit diesem Bewusstsein aufwuchsen. Der Amour Schwung, der den jungen Kaiser Franz Joseph bei ihrem Anblick traf, — einer 15-jährigen, besiegelte ihr Schicksal.

So ähnlich war es auch bei Auguste Viktoria gewesen: Bereits seit dem Sommer 1878 bewegte die Eltern von Prinz Wilhelm und dann ihre Eltern die Idee einer Vermählung ihrer Kinder. Deshalb deren orchestrierte Treffen.

Allerdings dauerte es dann Jahre bis zu deren aktuellen Verbindung  in Form einer Verlobung. Diese waren dem Umstand geschuldet, dass sich von Seiten des preußischen Hofes kein Enthusiasmus einer Prinzessin gegenüber zeigte, die aus einem nicht mehr regierenden Haus, das heißt „nicht ebenbürtig“ war.

In der Tat, Auguste Viktoria kam als Herzogin von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg aus einer abgesetzten Dynastie. Allerdings dank der preußischen Familie, in die sie einheiratete, und deren Kanzler Bismarck, der das Herzogtum Schleswig für die Vereinigung zum Deutschen Reich erfolgreich beanspruchte.

Ohne jeglichen Anflug eines schlechten Gewissens titulierte er die Zukünftige des Prinzen Wilhelm als „Holsteinkuh“, und erhoffte sich von ihr zumindest „Fruchtbarkeit“. Er war nicht unschuldig daran, dass die junge Herzogin im weit entfernten Schlesien, in Primkenau eher simpel aufwuchs.

 

Herzogin Auguste Viktoria als junge Frau (Sammlung Bürgerleben)
Jung verlobt - die spätere Kaiserin (Sammlung Herzberg)

Kaiserliche Höfe – ein Kriegsgebiet für die Prinzessinnen

Beide, die junge bayerische Herzogin und die schleswig-holsteinische Herzogin kamen an einen Hof, der ihnen nicht wohlwollend gegenüberstand. Das höfische Parkett sowohl in Berlin und noch mehr in Wien, war für die jungen Prinzessinnen zu glatt, — die Aufmerksamkeiten zu viel, die kritischen Blicke enorm und die boshaften Bemerkungen, die sehr wohl trafen, zahlreich.

Das fing bei beiden schon mit ihrer mitgebrachten Kleidung an. Der Trousseau, wie die Aussteuer genannt wurde stellte für die Augustenburger ein finanzielles Problem dar. Nach dem Tod des Vaters musste Auguste Viktorias Mutter alle Kosten alleine stemmen. Deshalb wurde sehr viel für die Aussteuer in England gekauft, wohin die verlobte Auguste Viktoria mit ihrer Schwester geschickt wurde: Garderobe in Paris zu kaufen, war nicht möglich, und in England half Helene, die Tante und Tochter von Queen Victoria. Trotzdem liest sich die Liste der Aussteuer Auguste Viktorias, insbesondere im Hinblick auf die offiziellen „Ballkleider“ (Hofroben) sehr spärlich: genau vier an der Zahl.

Bei der sehr jungen Sisi, sah das nicht viel besser aus, die Anzahl war ähnlich gering, aber ihre Aussteuer war bereits durch ihren Verlobten und ihre künftige Schwiegermutter zum Thema Schmuck sehr auf die Höhe gebracht worden. Auch bei den ihr zur Verfügung stehenden Finanzen hatten der junge Kaiser und seine Mutter sehr zugeschossen. Denn ein eigenes Vermögen konnte Sisi ebenfalls nicht mitbringen. Höfe waren zu jeder Zeit ein Kriegsgebiet von Intrigen, böser Nachrede und Gemeinheiten. Zwei junge Frauen, die unvorbereitet und nicht mit ausreichend und eleganter Garderobe dort ankamen, hatten zu leiden.

Jung und neu am kaiserlichen Hof: Auguste Viktoria (Sammlung Bürgerleben)
Kaiserin Sisi im ungarischen Krönungsgewand

Trumpfkarte Aussehen

Interessanterweise wurde das Aussehen der beiden Eingeheirateten zu deren persönlichen Kampfplatz, den sie mit Erfolg besetzten. Sisi kann zu Recht als die „Diana des 19. Jahrhunderts“ bezeichnet werden. Sie war die anerkannte Schönheit unter allen monarchischen Gemahlinnen und wurde ohne Ende angeschwärmt.

Der junge Wilhelm traf zum ersten Mal auf sie im Jahr 1874, mit knapp 16 Jahren: „und dann stand ich vor der Kaiserin! Wie gebannt blickte ich in das von dunklem Haar umrahmte, blendend schöne Antlitz mit den dunklen Augen. Ich war derart überwältigt, daß erst eine Mahnung meiner Mutter mich daran erinnern mußte, der hohen Frau die Hand zu küssen. Ich war völlig hingerissen von der herrlichen Erscheinung.“

So ging es fast allen, die das Glück hatten der österreichischen Kaiserin und ungarischen Königin zu begegnen. Sie wurde, was ihre äußerliche Schönheit anging zur Ikone und sie ist es in historischer Hinsicht noch heute. Dabei wird leicht vergessen, dass sie ihre Schönheit und vor allem ihre extreme Schlankheit ihrer schlechten mentalen Verfassung verdankte: aus ihrer Überforderung und ihrem Unglücklichsein am Wiener Hof entwickelte sie die Obsession mit ihrem Aussehen. Sport bis zum Abwinken (Reiten, Turnen, exzessive Bewegung) und eine vermutete Magersucht, — damals noch nicht so benannt — machten sie zu dem, als was sie erinnert wird.

kaiserin sisi Ganzkörper Gemälde von Winterhaltr
Das berühmte Sisi-Porträt von Franz Xaver Winterhalter (1805-1873)

Dominante Schwiegermütter

Aber zurück zu den jungen Bräuten: Beide bekamen ambitionierte Schwiegermütter, die sie dominierten und in ihrem Sinne erziehen wollten. Sophie, die erzreaktionäre Fürstin, die von ihrer Schwiegertochter eine Fortführung ihres Gedankenguts erwartete. Und darin von der dem Republikanismus zugeneigten Sisi einmal mehr enttäuscht wurde. Sie, die Tochter aus einer bayerischen Nebenlinie und mit einem sich wenig aristokratisch benehmenden Vaters, nannte Monarchien „als überlebt“ und als „vergang’ner Pracht Skelett“.

Damit machte sie sich am Wiener Hof keine Freunde, und sie gab sich hierzu auch keinerlei Mühen. Ihr Mittel der Wahl zu ihrer persönlichen Freiheit, die sie durchaus als ihr individuelles Recht betrachtete, war das der Verweigerung. Nach der ersten Ehekrise, bereits fünf bis sechs Jahre nach der Heirat mit Europas glänzendster Partie, reiste sie weg und verließ damit ihren sie innig liebenden Gemahl bis auf seltene Kurzauftritte alleine.    

Die Hofdamen: Erzieherinnen und Bewacherinnen

Sisi und Auguste Viktoria hatten keine eigene Hausmacht und ein eigenes Netzwerk musste erst aufgebaut werden. Ihre Unerfahrenheit und ihre jeweils bescheidene Herkunft wurden ihnen zum Vorwurf gemacht und sie wurden sofort mit Hofdamen, nach der Wahl ihrer Schwiegermütter versehen, deren zu vorderste Aufgabe war sie zu bewachen, sie zu erziehen und zu verhindern, dass sie das höfische Protokoll einen Schrittweit verfehlten.

Kaiserin Sisi bekam als Oberhofmeisterin die Fürstin Thurn und Taxis, 56 Jahre alt zugeordnet, neben den weiteren verpflichtenden Hofdamen, die immer präsent waren.

Und bei Prinzessin „Wilhelm“, wurde die Gräfin Brockdorff, ältlich und tituliert „Madame Etikette“ mit der Oberaufsicht betraut. Die junge Auguste Viktoria wurde umrahmt von drei Damen, die den Namen die „Halleluja-Tanten“, erhielten, weil sie die Hüterinnen der Moral, der Religion und des überzogenen Protokolls waren. Die Auguste Viktoria nachgesagte Bigotterie lag vermutlich vor allem an ihrer allgegenwärtigen Bewachung und Beeinflussung der super protestantischen „Anstandsdrachen“. Bei Sisi waren sie katholisch und ebenfalls besonders streng und rapportierten an die Schwiegermutter.

Anstrengende Hochzeitsrituale und Ernüchterung danach

Kaiserin Auguste Viktoria im Hochzeitskleid mit Schleppe
die junge Kronprinzessin Auguste Viktoria im Hochzeitskleid (1881)

Mit jeglicher Freiheit war es ab dem Moment der Einheirat in die kaiserlichen Haushalte in Österreich und Preußen vorbei. Und die jungen Frauen litten daran. Schon die beiden Hochzeiten, die tagelang dauerten und von uralten Ritualen bestimmt waren, verlangten den kaiserlichen Bräuten ein unfassbares Durchhaltevermögen ab. Von der jungen Kaiserin Sisi ist überliefert, wie sie tagelang weinte, weil sie Hunderten von Menschen am Hof vorgestellt wurde, denen sie natürlich nicht die Hand reichen durfte, denn sie war ja nun die Ranghöchste.

Vinzenz Katzler (Künstler), "Die Trauung in der Augustiner-Kirche am 24. April 1854.", 1879, Wien Museum Inv.-Nr. W 2565, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/377882/)

Auguste Viktoria und ihre Mutter durchstanden mit sehr viel Disziplin und Ausdauer die tagelange Feierei, aber interessanterweise verfügte Auguste Viktoria bei den Vermählungen ihrer Kinder, dass die Rituale abgekürzt wurden. Jegliche Freiheiten, die die beiden jungen Herzoginnen von Zuhause kannten, waren nicht mehr erlaubt.

Dazuhin durften sie nur wenig Zeit mit ihren neu Angetrauten verbringen, — und selbst in dieser Zeit zu zweit waren sie selten alleine. Immer begleitet von Hofdamen, Adjutanten, Dienern und eingezwängt in althergebrachte Rituale und ein Zeremoniell, das jede Spontanität im Keim erstickte. Von August Viktoria ist die Klage bereits 14 Tage nach der Hochzeit überliefert, in dem sie ihr Leben beschreibt, als: „höhere Gefangene mit Bediensteten hinter uns“, die „dann als Staatsgefangene“ spazieren gehen können. Und von Sisi ist der Wunsch: „ach hätte ich nur einen Schneider geheiratet“, bekannt.

Zeitgenössische Illustration der Hochzeit von Wilhelm II.mit Auguste Viktoria (27.2.1881)

Sisi – Verweigerung eines kaiserlichen „Supermodels“

Die beiden jungen Eingeheirateten gingen allerdings unterschiedlich mit den auf ihnen liegenden Zwängen um: Sisi befand sich sehr schnell in der inneren Immigration, sie weinte, sie kränkelte und sie betrauerte ihr neues kaiserliches Dasein. Danach fing sie an, sich dem Repräsentieren zu verweigern, sie bestand auf ihren persönlichen Rechten, — ein Individualismus, den sie von zu Hause in Possenhofen und vor allem durch ihren Vater den Herzog Max kannte.

Sie wurde „schwierig“ und nach der ersten ernsthaften Ehekrise 1859/60 reiste sie weg, — und zwar für fast zwei Jahre, immer unter dem Vorwand ihrer Gesundheit — ein typisches Muster für die Jahre, die folgten.

Aber das wirkliche Problem lag in ihrem Wesen, selbst wenn sie sich als Opfer der Umstände sah, wie sie ihrer ungarischen Hofdame erklärte: „Es blieb mir nichts anderes übrig als dieses Leben zu wählen. In der großen Welt haben sie mich so verfolgt, mir Übles nachgeredet, mich verleumdet, so stark gekränkt und mich verletzt […].“

Im Widerspruch stand, dass Sisi die Karte der unantastbaren Schönheit spielte, mit der sie den Rest der Welt als „kaiserliches Supermodell“ bezauberte, aber eines das sehr menschenscheu war und zumeist auf der Flucht vor der höfischen Welt und der damit verbundenen Öffentlichkeit.  

Den dahinterstehenden Preis der anhaltenden Depressionen, der Hungerkuren, der obsessiven Beschäftigung mit ihrem Aussehen, vor allem ihrer Haarpracht, die ihr aufgrund des Gewichts (Haare bis zum Boden) Kopfschmerzen bereitete, — wurde abseits vom Hof nicht wahrgenommen.

Kaiserin Sisi: Schönheit als Definition und Last (ca. 1865 Werkstatt Winterhalter, Landessammlungen Niederösterreich online

Auguste Viktoria – Perfektion bis zum „Burn-out“

Auguste Viktoria war anders: Sie wollte vor allem ihrem Mann gefallen und dieser Wunsch war absolut. Sie war von Haus aus groß und schlank, aber die vielen Schwangerschaften ließen sie zunehmen, und sie bekämpfte dies mit Diäten, und zwar sehr strikten. Zudem war sie sehr sportlich: Sie spielte Tennis, sie segelte, sie ritt fast jeden Tag, sie spazierte und sie soll ein Rudergerät in ihrer Garderobe gehabt haben.

Nach einer Reise nach England 1891, sie fürchtete sich immer vor Auslandsreisen, schrieb sie an ihren Mann: „Ja, Liebling, wenn ich anderen gefallen habe so freut es mich besonders für Dich Herzblatt, denn natürlich möchte ich, dass mein Herzblatt auch ein gutaussehendes Frauchen hat […].“

Von Anfang an unterwarf sie sich den repräsentativen Aufgaben, sie lernte das Protokoll, auch das militärische, sie arbeitete an sich und gab sich in diesem Bestreben fast selber auf. Auch sie zahlte ihren Preis: Immer im Wechsel mit dem späteren Kaiser Wilhelm erlitt sie Nervenzusammenbrüche und Burn-outs, weil sie sich permanent überforderte, und das sogar erkannte, wie ein Brief an ihre Schwester Calma von 1903 zeigt:

„Wenn ich manchmal, wie Du in der Abgeschiedenheit und Stille des Landlebens leben könnte, das würde mir sehr viel besser gefallen, als diese höfische ewig repräsentieve Leben. […] Daß Du in Deinem stillen Leben auch mehr Zeit für Deine Seele hast, das will ich gerne glauben.“

Und nicht sie reiste fort, das tat er: Wilhelm II. hatte eine kurze Aufmerksamkeitsspanne, er benötigte immer neue Impulse, bevorzugt von außen und seine höfische Häuslichkeit mit seiner Gemahlin langweilte ihn.

Zu seinen Kindern konnte er kein Verhältnis entwickeln, — und mit den Forderungen, die sein hohes Amt an ihn stellte wirkte er häufig überfordert. Dazuhin widmete sich Auguste mit ganz großem Einsatz ihren Aufgaben als Landesmutter und entwickelte ein unfassbar großes soziales Portfolio, immer herum um ihre (protestantischen) Kirchenbau Aktivitäten.

Aufgrund ihrer vielen Aufgaben oft am Rand eines "Burn-outs":Die deutsche Kaiserin (zeitgenössische Postkarte)

Erwartungen und Mutterschaft

Was wurde von den beiden jungen Prinzessinnen, — eine davon direkt als blutjunge Kaiserin erwartet: Die komplette Beherrschung des höfischen Protokolls, die Mutterschaft und die Unterstützung ihrer Gemahle. Ganz wichtig: die Sicherung des Fortbestands der Dynastie, darunter wurden vor allem Söhne verstanden.

Im Gegensatz zu Sisi, die schon mit 17 ihr erstes Kind als Kaiserin auf die Welt gebar, eine kleine Prinzessin, hatte Auguste Viktoria vorbildlich nach einem Jahr einen Sohn zur Welt gebracht und damit die Monarchie bis zur dritten Generation gesichert. Ansonsten hatte sie noch sieben Jahre Schonfrist vor der Kaiserinnenwürde, in der sie sich vor allem mit Hingabe ihren Kinder, die nahezu jährlich geboren wurden, widmen konnte.

Vier ihrer sieben Kinder waren vor 1888 geboren, — drei danach. Ihre Konzentration auf ihre eigene Familie hatte auch viel mit dem bekannten Generationen-Konflikt innerhalb der preußischen Familie zu tun, und sicherlich auch mit der Tatsache, dass sie zunächst am Hof weder nett aufgenommen, noch gut behandelt wurde.

Ein Foto mit von Kaiserin Auguste Viktoria mit allen 7 Kindern, ca. 1893
zeitgenössische Lithographie: Sisi mit Gisela und Rudolf (Sammlung Herzberg)

Sprüche, wie dieser, geäußert von der mondänen Prinzessin Daisy von Pless, über Auguste Viktoria waren nicht unüblich: „Ich habe nie eine Frau in solcher Stellung gesehen, die so absolut keinen Gedanken und keinerlei Einfall oder Verständnis hatte. Sie ist wie eine stille sanfte Kuh, die Kälbchen hat und Gras frisst und sich dann niederlegt und wiederkaut.“

In Österreich gebar Kaiserin Sisi vier Kinder, drei Prinzessinnen und einen Sohn, den unglücklichen Thronfolger Rudolf. Ihre deutsche „Kollegin“ übertraf sie dahingehend, mit sechs Söhnen und einer Prinzessin. Von Sisi ist überliefert, dass nicht nur ihre Schwiegermutter bei den Geburten anwesend war, sondern ihr die Kinder sofort wegnahm und sie selbst erzog. Natürlich durfte die junge Kaiserin nicht stillen und hatte nach jeder Geburt zusätzlich mit Brustentzündungen zu kämpfen.

Nach der Geburt vom Thronfolger Rudolf 1858 litt sie zudem an einer heftigen Kindbett Depression. Die erste kleine Prinzessin Sophie, geboren 1855, starb mit nur zwei Jahren, und zu der zweiten Tochter Gisela 1857, sowie zum Kronprinzen Rudolf konnte Sisi zu ihrem eigenen Kummer keine mütterliche Verbindung aufbauen. Nur die letzte Tochter Marie Valerie, geboren 1868, blieb ihr, und damit eine enge Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Über ihre ambivalente Rolle als Mutter gibt es diesen Artikel. 

Auguste Viktoria war in dieser Hinsicht glücklicher: Sie ging ihrer Mutterschaft auf, sie kümmerte sich selbst um ihre Kinder, — mit Hingabe und sie stillte sie alle, nachdem sie die Erlaubnis ihrer Schwieger-Großmutter Kaiserin Augusta hierzu erhalten hatte. Auch am preußischen Hof war das Stillen nicht üblich, dafür gab es die „Ammen aus dem Spreewald“. Als Kaiserin Auguste Viktoria wurde sie die Begründerin der modernen Säuglingspflege, und bekämpfte damit aktiv und sehr erfolgreich die übergroße Säuglingssterblichkeit im Kaiserreich.

Ihre Ehen – erst große Liebe, dann Liebschaften

Wie war es um die jungen Ehen der Bayerin und der Holsteinerin bestellt? Bei Sisi und Franz Joseph war die Liebe zu Beginn sehr groß, wurde aber schnell überschattet durch die ständige Überwachung der Mutter und Schwiegermutter Sophie. Bei Auseinandersetzungen hielt Franz Joseph immer zu seiner Mutter, was diese auch erwartete. Sisi litt unter dieser Illoyalität genauso wie an dem ihr aufgezwungenen Protokoll und nach der Geburt des Sohnes Rudolf kamen Jahre der Ehekrise.

Sisi, die melancholisch und sehr grüblerisch veranlagt war, Franz Joseph nannte das ihre „Wolkenkraxlereien“, wehrte sich mit Rückzug, Depressionen, Magersucht und danach mit ständigen Wegreisen. Franz Joseph darüber sehr besorgt und unglücklich, erlaubte sich Liebschaften. Dieser Artikel erzählt die Beziehung zur langjährigen Liebschaft mit der Schauspielerin Katharina Schratt. 

Katharina Schratt - eine der Affären von Kaiser Franz Joseph, die allerdings Sisi selbst eingefädelt hatte (Foto: Sammlung Herzberg)

Aber selbst die hochromantische Liebe des Prinzenpaares Wilhelm hielt von seiner Seite nur für ein dreiviertel Jahr. Und hier kamen die Habsburger ins Spiel: Unter Vorwand einer Freundschaft mit Kronprinz Rudolf reiste Prinz Wilhelm ab 1881 im Herbst immer zur Jagd nach Österreich. Über Rudolf bekam er Kontakte zu einer Wiener Kupplerin, die Damen an ihn vermittelte, die bereit waren, Liebesspiele zu dritt zu bestreiten. Die käuflichen Frauen, zudem im Dienst des Hofes standen und da der Prinz während des Liebesspieles sehr geschwätzig war, und sowohl über die Habsburger als auch seine eigene Familie lästerte, diente das nicht zur Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Kaiserhöfen.

Der beiden Kronprinzen in jungen Jahren: Wilhelm und Rudolf (Sammlung Petra Herzberg)

Tod und Abschied

In den Jahrzehnten danach sollten sich Entwicklungen, die sich bei den beiden Einheiraten von Sisi und Auguste Viktoria in die respektiven Höfe bereits zeigten, verstärken. Der Niedergang der Monarchien stand bereits am Horizont. Als Kaiserin Sisi, die „Kaiserin wider Willen“ (Brigitte Hamann) im Alter von 60 Jahren auf einem Genfer Steg von dem italienischen Anarchisten Luigi Lucheni mit einer scharfgeschliffenen Feile ins Herz getroffen, starb, löste das schon kaum noch eine große Trauer im Vielvölkerstaat Österreich aus.

Zu fern und abwesend war die Kaiserin, vor allem in Wien gewesen. Sie hatte keine royale Präsenz mehr, und war immer mehr in das von ihr angestrebte Schattenreich des Vergessens geraten.

Quelle: Landesgeschichtliche Vereinigung für die Mark Brandenburg e.V.

Im Gegenteil dazu sorgte der Tod der ehemaligen Kaiserin Auguste Viktoria, die tragisch mit 63 im niederländischen Exil Doorn am Herztod starb, für einen letzten Popularitätsschub der untergegangenen Monarchie. Sie stand für ein Ideal, der in ihrer Rolle perfekt aufgehenden Familien- und Landesmutter.

Auguste Viktoria war das populärste Mitglied der abgesetzten preußischen Dynastie und bei ihrer Beisetzung in Potsdam an einem grauen Aprilmorgen 1921 nahm fast eine Viertelmillion Menschen teil. Damit erwachte die Monarchie im republikanischen Deutschland ein allerletztes Mal in Anerkennung der Lebensleistung Auguste Viktorias.  

Sarg Kaiserin Elisabeth Kapuzinergruft
Sisis Sarg in der Kapuzinergruft Wien (Foto: Bürgerleben)

In der heutigen historischen Erinnerung ist jedoch die österreichische Kaiserin Sisi, die sich ihrer Rolle verweigert hatte, viel präsenter geblieben und nicht die deutsche Kaiserin Auguste Viktoria, die sich aufopferte und in ihrer Rolle aufging.

Über die Autorin:

Alexandra von Ilsemann, Dr. phil., studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie. Nach langjähriger Lehrtätigkeit in Asien veröffentlicht sie nun Bücher zur deutschen Geschichte. Das Buch über Deutschlands letzte Kaiserin ist ihre erste Biografie, im Gmeiner Verlag erschienen, hier kann man den Titel bestellen. 

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