Von Urlaubsgrüßen und Katastrophen – 150 Jahre Postkarten-Geschichte

 In Alltagsleben, Ausstellungsbericht, Museumsbesuch, Unkategorisiert

Eine kleine persönliche Anekdote vorab: Zelturlaub mit Freunden Mitte der 80er, wir saßen in einem Café und reihum wurden fleißig Ansichtskarten geschrieben. Meine Freundin und ich bekamen eine von Mitfahrer Uwe in die Finger und lasen den Text „Liebe Oma, Kaffee und Kuchen schmecken. Viele Grüße aus…Dein Uwe“ Halb belustigt, halb ärgerlich zogen wir Uwe auf: Toller Inhalt! Uwe verteidigte sich, seine Oma wäre zufrieden. Seitdem bekam er immer, wenn die Freundin und ich wieder mal zusammen unterwegs waren, eine Karte: „Lieber Uwe, Kaffee und Kuchen schmecken…

Heute nicht mehr ganz selbstverständlich, während der Kaiserzeit ein abolutes „Muss“ – es wurden Karten in einer Vielfalt von Motiven und Themen ausgetauscht – ein regelrechter Kartenboom begann!

Wie alles begann

Seit wann gibt es eigentlich Postkarten? Seit genau 150 Jahren. Davor existierten für die schriftliche Kommunikation bereits zwei Medien: Der Brief für einen ausführlicheren Austausch und das Telegramm für ganz knappe dringende Mitteilungen. Aber ein Mittelding, mit dem man sich kurz austauschen konnte, was aber nicht so knapp und teuer wie ein Telegramm war – das fehlte noch.

Die Erfindung der Postkarte war – wie ziemlich oft- ein Prozess, an dem mehrere Persönlichkeiten beteiligt waren. Allen voran Heinrich von Stephan, der in einer Denkschrift anlässlich der 5. Konferenz des Postvereins 1865/66 die Einführung eines „Postblattes“ vorschlug. Damit war keine Postzeitung gemeint, sondern ein kleiner weißer Karton mit eingestempelter Marke als günstigere und einfachere Alternative zum Brief. Warum eine Postkarte (wir verwenden der Übersichtlichkeit halber die heutige Bezeichnung) notwendig war, erklärte er in seiner Denkschrift wie folgt:

Die jetzige Briefform gewährt für eine erhebliche Anzahl von Mitteilungen nicht die genügende Einfachheit und Kürze. Die Einfachheit nicht, weil Auswahl und Falten des Briefbogens, Anwendung des Kuverts, des Verschlusses, Aufkleben der Marke usw. Umständlichkeiten verursachen, und die Kürze nicht, weil, wenn einmal ein förmlicher Brief geschrieben wird, die Konvenienz erheischt, sich nicht auf die nackte Mitteilung zu beschränken. Die Weitläufigkeiten treffen den Absender wie den Empfänger.

So erzählt es ein Artikel aus der Gartenlaube von 1909 anlässlich des 40. Geburtstages der Postkarte. Die Idee verschwand aber danach zunächst in der Versenkung, denn Stephan wollte zum einen für die neue Erfindung auch ein geringeres Porto durchsetzen. Wozu die deutschen Staaten mit ihren notorisch knappen Kassen aber nicht bereit waren. Außerdem bemängelte man die offene Art des schriftlichen Austausches – würden dadurch die guten Sitten gewahrt?

Im Januar 1869 wurde dann von einem gewissen Professor Hermann aus Österreich im Abendblatt der Neuen Presse ein Aufsatz mit dem Titel „Über eine neue Art der Korrespondenz mittels der Post“ veröffentlicht. Es ging um die gleiche Idee, eine Postsache für kurze Mitteilungen mit geringerem Porto. Hermann wollte die Anzahl der Worte auf den Karten zunächst auf zwanzig begrenzen, was aber abgelehnt wurde: zu kompliziert! Wer sollte die Wörter zählen? Auf die Wortbegrenzung verzichtete man daraufhin. Mit Zahlen umgehen konnte der Nationalökonom allerdings. Und so rechnete er der Post vor, dass man mit dem geringeren Porto der Postkarten trotzdem Gewinn machen würde, die sich die Anzahl der Postsendungen mindestens verdreifachen würde – so seine Schätzung. Er sollte recht behalten – seine Erwartungen wurden noch übertroffen.

Am 1. Oktober 1869 wurden diese Karten in Österreich-Ungarn eingeführt und alleine in den drei Monaten nach der Einführung wurden dort drei Millionen Karten verkauft!

Ein schlagkräftiges Argument für die Einführung in Deutschland, die dann ein knappes Jahr später 1870 erfolgte. Allein am ersten Verkaufstag wurden in Berlin mehr als 45 000 Stück verkauft. Ein neues Medium zum Austausch von Nachrichten war geboren – unkomplizierter als ein Brief und ab 1872 auch günstiger, da ab da nur noch das halbe Briefporto kostete. 5 Pfennig – inklusive Karte und Briefmarke.

Und so wurde es auch zum beliebten Kommunikationsmittel für ungeübte und weniger betuchte Schreiber, von denen es zu dieser Zeit noch wesentlich mehr gab. In den kommenden Jahren wurden Postkarten auch in anderen europäischen Ländern und den USA eingeführt.

Wie bei jeder neuen Erfindung gab es übrigens auch bei der Postkarte zunächst Bedenken, dass die offen zu lesenden Mitteilungen Ehrenkränkungen oder „Unsittlichkeiten“ enthalten könnten, deshalb ließ die österreichische Post den Satz auf die Karten drucken „Die Postanstalt übernimmt keine Verantwortlichkeit für den Inhalt der Mitteilungen“. Und das vor der DSGVO!

Tatsächlich wurden in den Anfangszeiten Karten missbraucht, um Adressaten in Verlegenheit zu bringen, ob durch „Schuldzuweisungen, anonyme Denunzationen“ oder „ehrenrührige Auslassungen“ wie die Gartenlaube im Artikel erzählt und auch dass „die Frauenwelt sich anfangs fast ganz ablehnend verhielt“ und es in der besseren Gesellschaft für unschicklich galt, Korrespondenzkarten, wie die Postkarten am Anfang noch genannt wurden, zu verschicken. Aber doch nicht lange!

Es wurden viele Karten geschrieben und bald danach begann die Schreibseite auch Bilder zu zieren – erst zaghaft oben links wie kleine Vignetten, wurden sie mit der Zeit größer und dominanter. So blieb zwar weniger Platz zum Schreiben – denn die Rückseite war zu dieser Zeit (und zwar bis 1905) alleine der Adresse und Briefmarke vorbehalten. Das nahmen die Schreiber aber gerne in Kauf und die Post gab den Bildpostkarten ab 1885 die offizielle Postzulassung. Die Ansichtskarte trat ihren Siegeszug an!

Vom Liebesgruß bis zur Naturkatastrophe – Ansichtskartenmotive

Die Beliebtheit der Ansichtskarten rief auch die Verlage auf den Plan – immer mehr Motive mit immer mehr Themen wurden aufgelegt. Es entstanden zahlreiche neue lithographische Kunstanstalten, wie sie damals genannt wurden, die das große Geschäft witterten – manche verschwanden bald wieder, andere etablierten sich, z.B. Kunstanstalt Carl Garte Leipzig. Die Bezeichnung weist auf die Drucktechnik hin, mit der auch die gute farbliche Reproduktion möglich war: Bei der Chromo- (oder auch Farb-) Lithographie wurde das Motiv seitenverkehrt auf einen Druckstein übertragen und das Motiv eingraviert oder geätzt. Danach wurden verschiedene Druckfarben übereinander gedruckt. Nur die späteren fotographischen Motive entstanden in anderer Technik.

Es begann mit der auch noch heute typischen Ansichtskarte „Gruß aus…“ einer Stadt, einem Urlaubsort, einer Gastwirtschaft oder auch von Ausstellungen.

Dann kamen Anlässe hinzu: waren zunächst Weihnachten und Neujahr die Hauptanlässe, sich Karten zu schreiben, wurden durch die Kartenverleger mit Oster- und Pfingstkarten bald weitere Anlässe zum Kartenschreiben eingeführt. Das galt auch für Geburtstage und Liebesgrüße.

Im Zuge des Kartenbooms entstanden jedoch eine Reihe weiterer Themen, die uns heute belustigen, irritieren oder sogar Abscheu hervorrufen.

Fangen wir mal mit den lustigen an: Humorkarten wurden auch alsbald zur Kartenrubrik (die es noch heute gibt), aber der damalige Humor ist für uns meist befremdlich – die meisten eint das Prädikat „heute nicht mehr lustig!“  Humor und Geschmack verändern sich mit der Zeit, das sieht auch an den kitschigen Kinder-, Liebes- und Tierkarten, letztere oft mit vermenschlichten Zügen, die oft zu Anlässen verschickt wurden.

Irritierend für uns heute sind Karten, die Naturkatastrophen oder Unfälle zeigen. In der Rubrik vor 110 Jahren hatte ich des öfteren solche Karten zur Illustration von Ereignissen, z.B. vom Hochwasser im Februar 1909 in mehreren Städten oder vom schlimmen Unfall der U-Bahn in Berlin 1908. Auch abgestürzte Zeppeline sowie Autounfälle gab es als Kartenmotive. Was wohl auf solchen Karten stand? Wahrscheinlich war es meist die Information über das Ereignis selbst. Telefonate waren noch umständlicher und teurer, abgesehen davon, dass viele Haushalte noch kein Telefon hatten. Eine Karte war dagegen schnell geschrieben.

Das gilt wohl auch für Karten von Jahrmärkten mit Sensationen wie Zwergen oder „Riesen“, die dort zur Schau gestellt wurden und so ihren Lebensunterhalt verdienten. Die Zurschaustellung und Abbildungen davon werden heute als geschmacklos empfunden.

Erotik-Karten gab es damals schon –  neben für uns eher (be-) lustigenden harmlosen Szenen war durchaus auch Porno dabei – diese waren aber nur „unter der Hand“ erhältlich.  Die Ostdeutschen kennen dafür den Ausdruck „Bückware“: Ware, die es nur unter dem Ladentisch gab (in der DDR war es allerdings meist Obst oder Gemüse bzw. andere „harmlose“ Produkte). Oft kamen sie aus Frankreich.

In die Rubrik abstoßend gehören eindeutig Karten mit antisemitischem Inhalt, leider auch schon zur Kaiserzeit auf dem Markt und auch diffamierende Karten aus den Kolonialgebieten.

Differenzieren muss man bei Karten mit patriotischem Inhalt, die wir heute gleichfalls eher befremdlich finden, die sich aber aus der Zeit, in der Deutschland noch nicht lange ein geeinigtes Land war, erklären lassen. Das gilt auch für Karten rund um das Militär, welches in der Kaiserzeit sehr beliebt und geachtet war – schließlich hatte man ja den letzten Verteidiungskrieg (1870/71) gegen Frankreich gewonnen. Nach zwei Weltkriegen mit anderen Vorzeichen haben sie aber in der heutigen Zeit allesamt einen faden Beigeschmack.

Apropos Militär, natürlich dürfen wir Feldpostkarten bei der Aufzählung nicht vergessen! Erstmals eingesetzt (das klingt schon fast wie eine Waffe) im besagten Krieg gegen Frankreich 70/71 waren sie in beiden Weltkriegen für Soldaten und deren Angehörige ein ganz wichtiges Kommunikationsmittel – da meist das Einzige! Es gibt sie übrigens bis heute für Soldaten der Bundeswehr, die auf ihren Missionen unterwegs sind  (was ich nicht wußte).

Interessant sind Karten, die technische Errungenschaften zeigen, ob nun neue elektrische Bahnen, Zeppeline, Flugzeuge oder Bauwerke. Und dann gab es noch die Werbekarten, die teilweise aufwändig gestaltet waren – apropos aufwändig: Im boomenden Kartenmarkt gab es für zusammengesetzte oder aus anderen Materialien wie Holz bestehende Karten, die entsprechend teurer waren, einen Markt.

Dann gab es noch Postkarten, die Zukunftsvisionen zeigten, in diesem Artikel könnt Ihr mehr dazu lesen.

Und last but not least Postkartenmoden – eine davon war die „Mondscheinkarte“. Darüber habe ich in meinem Journal für Frauenzimmer geschrieben und es ist auch eine Mondscheinkarte zum Verschicken dabei (die schönste 🙂 ), die in der obigen Auswahl NICHT zu sehen ist  (auch wenn ich jetzt eine Überraschung verraten habe…).

Übrigens wurden Karten auch gerne gesammelt – dafür gab es schöne Alben, in die man die Karten einstecken konnte – der Phantasie und Sammelwütigkeit waren aufgrund der reichen Kartenangebots an Motiven und Themen keine Grenzen gesetzt.

Einen Großteil meines Kartenwissens und die meisten der schönen Bildbeispiele verdanke ich übrigens dem Besuch der Sonder-Ausstellung „Mehr als Worte. 150 Jahre Postkartengrüße“ des Museum für Kommunikation Berlin und der sehr informativen Führung von Dr. Veit Didczuweit, Leiter der Sammlungen.

In der Ausstellung, die noch bis zum 5. Januar 2020 läuft, wird zuerst die Geschichte der Postkarte erzählt mit Beispielen einiger Genres, z.B. Feldpostkarten aus den verschiedenen Kriegen und Zeiten. Danach werden Postkarten aus verschiedenen Zeiten chronologisch von der Entstehungszeit bis heute mit den speziellen Themen der jeweiligen Zeit gezeigt. Einige davon habe ich im Artikel vorgestellt.

Mit über 200 000 Karten besitzt die Stiftung des Museums eine der größten Postkartensammlungen Deutschlands. Schon 1886 begann man mit dem Aufbau der Postkartensammlung, bei der man zunächst den Ehrgeiz hatte, von jeder erschienenen Postkarte ein Exemplar zu archivieren. Ein Vorhaben, welches schon 1901 das Museumsarchiv sprengte! Ab da konzentrierte man seine Postkartensammlung auf Themen, die im Zusammenhang mit der Post standen oder sehr besonders waren. In jedem Fall hatten die Kuratoren bei der Auswahl für die Ausstellung wohl eher „die Qual der Wahl“. Man bekommt darin einen guten Querschnitt der verschiedenen Postkartengenres bis zur heutigen Zeit zu sehen und auch besondere Raritäten wie z.B. ein Kartenunikat aus Blech.

Wer sich weiter im Museum umschaut, kann z.B. noch schöne alte Briefkästen aus verschiedenen Ländern und Zeiten sowie Posthörner und weitere Utensilien aus der guten alten Zeit der Postkutschen entdecken und auch selbst eine Rohrpost verschicken. Das Museum ist ein eindrucksvoller klassizistischer Bau, in der Kaiserzeit erbaut und das älteste Postmuseum der Welt. Übrigens 1872 gegründet von einem der eingangs erwähnten Väter der Postkarte: Heinrich von Stephan, damals Generalpostdirektor.

Die Sonderausstellung und das Museum sind auf jeden Fall einen Besuch wert!

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