Zurück in die Belle Époque – Teil I

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Wäre das nicht ein toller Filmtitel? Und die Reminiszenz zum amerikanischen Filmklassiker „Zurück in die Zukunft“ (wieviel Teile gab es da eigentlich?) wäre tatsächlich vorhanden!

Denn auch hier geht es um eine Zeitreise – allerdings zurück in die Vergangenheit.

Ich gebe zu, ich würde einiges dafür geben, einmal persönlich in die Zeit der Belle Époque zu reisen. Wahrscheinlich wäre ich erstaunt, wie der wirkliche Alltag zu dieser Zeit ablief. Denn soviel einem Fotos, Dokumente und die wenigen Filmsequenzen, die es gibt, erzählen können – es fehlen die Sinne – die Geräuschkulisse, die Gerüche (wobei DAS wahrscheinlich gar nicht so schlecht ist) und das lebendige Flair. Doch noch hat kein Daniel Düsentrieb eine Zeitmaschine erfunden.

Aber ein Gefühl, wie es sein könnte, das bekamen Anfang September die Gäste des Paxmontana Hotels, wunderschön im idyllischen Kraftort (dazu später) Flüeli-Ranft gelegen.

Auf der Terrasse sitzt eine elegante Gesellschaft, die ihren „English Tea“ zu sich nimmt. Die Drehorgel untermalt die lockere, heitere Atmosphäre mit Walzermelodien. An der Rezeption bittet eine gutgekleidete Dame mit langem blauem Kleid und passenden Hut sowie diversen Gepäckstücken, darunter einige Hutschachteln, dass man ihr doch beim Gepäck behilflich sei. Zum Dinner flanieren die Damen und Herren  schick gekleidet in den großen (natürlich Jugendstil-) Saal um an langen Tafeln Platz zu nehmen. Fast wie beim „Table d’hôte“ in den damaligen Grandhotels.

Wobei es sich beim Paxmontana um genau so ein Hotel handelt. Gebaut wurde es 1896 vom lokalen Hotelpionier Franz Hess, zunächst mit zwei Stockwerken. Das Hotel hieß zuerst „Kurhaus Nünalphorn“. Schon zwei Jahre später wurde eine Veranda angebaut. Die Gäste konnten so den schönen Blick auch von den Speisesälen genießen – allerdings verglast. Schließlich wollte man bloß nicht gebräunt werden, beim bürgerlichen Publikum war vornehme Blässe angesagt.

Fortschrittlich war das Hotel von Anfang an – man verfügte über elektrische Beleuchtung und ein Telefon – die Nummer: Sarnen Nr. 8. Auch Hausbäder gab es schon auf jeder Etage – wie es damals auch in gehobenen Hotels üblich war. In den Zimmern werden ein Waschkrug und Schüssel gestanden haben. Die Toiletten der Stockwerke befanden auf halber Etage an der Treppe – noch heute gibt es diese kleinen Zimmer – inzwischen dienen sie als Lagerräume.

Aber zunächst zurück ins heute zu den „normalen“ verdutzten Gästen, die sich, teilweise schick, teilweise leger gekleidet (nein, auch im Paxmontana gibt es heute keinen Dresscode mehr) beim Einchecken sicher wunderten…Natürlich war es weder ein Zeitsprung (schade eigentlich) noch ein historischer Filmdreh, warum historisch gekleidete Menschen das Hotel sozusagen in Besitz nahmen. Der Verein „Plaisir d’Histoire“ hielt hier seinen Swiss Alpine Ball ab.
Ihr habt es sicher schon geahnt – ich gehöre dazu 😊. Dass das lang geplante Event überhaupt stattfinden konnte, war der Umsicht der Hauptorganisatorin (und gleichzeitig Vereinspräsidentin) Barbara Wernli zu verdanken, die alles coronagerecht umgeplant hatte. Nur ein paar Gäste aus der Ferne, aus Russland und England, konnten leider nicht dabei sein.

Was das Hauptziel des Vereins ist? Der Spass an Geschichte, an der „Living History“ – dazu werden von den Mitgliedern, allen voran Barbara, diverse Veranstaltungen organisiert, an denen man teilnehmen kann – zum Beispiel in der Kleidung der Belle Époque.
Ja, es macht Spass, die Kleider von damals entweder selbst zu nähen, schneidern zu lassen, in Fundi – oder bei ebay zu stöbern, ob nun für Hüte oder Accessoires. Die Kleider aus der Zeit selbst sind kaum mehr aufzutreiben – zu alt, zu wertvoll und auch anders als unsere heutigen Figuren geschnitten…Bei der Garderobengestaltung darf improvisiert werden, Hauptsache, man fühlt sich wohl.

Und ich fühlte mich wohl in meinen Toiletten, um das damalige Wort für „Outfits“ zu verwenden. Und da ich über die Zeit der Belle Epoque schreibe, finde ich es immer wieder eine tolle Erfahrung, sich einmal in diesen Kleidern zu bewegen, Hüte zu tragen und mit Gleichgesinnten zusammen zu sein. Wobei ich sogar das große Glück habe, dass mein Ehemann auch Spaß am Geschehen hat!

Das Hotel genau aus dieser Zeit ist natürlich die perfekte Kulisse dafür.
Anscheinend fand man das schon damals, denn schon 1906 wurde es wiederum umgebaut – dieses Mal baute man zwei Geschosse darauf und ergänzte es mit zwei Türmen, die aus der Ferne zu sehen sind. Und einem Fahrstuhl!

Es waren wohl zu dieser Zeit nicht nur die Kurgäste, die an diesem schönen Flecken Erholung suchten und entweder mit Blicken oder tatsächlich per pedes in die Bergferne schweiften. Auch Pilger kamen.

Denn im Dorf Flüeli wohnte Bruder Klaus bzw. Niklaus von Flüe (1417-1487) — so sein vollständiger Name. Niklaus war zunächst ein wohlhabender Bauer gewesen, der mit seiner Frau Dorothea zehn Kinder bekam. Er amtierte als Ratsherr des Kantons und Richter der Gemeinde. Doch im Jahre 1467 verließ Niklas mit dem Einverständnis seiner Frau die Familie, um Einsiedler zu werden.
Auf seiner Pilgertour Richtung Hochrhein hatte er eine Vision. Er kehrte um und ließ sich ganz in der Nähe des Dorfes in der Ranftschlucht als Einsiedler nieder. Dort betete er und der Legende nach nahm er außer Wasser nichts mehr zu sich und legte sein Haupt zum Schlafen auf einen Stein. Bruder Klaus war als Seelsorger und Mediator hoch geachtet und vermittelte auch in politischen Belangen – man fragte ihn als Einsiedler und er gab gute Ratschläge. Um den Ort gibt es mehrere Kapellen und Kirchen, die wir (in Zivil) während unseres Aufenthaltes besichtigten. Auf alten Tafeln wird die Geschichte von ihm erzählt und neue Tafeln zeugen vom Glauben an die Kräfte von Bruder Klaus. Darauf stehen Sätze wie „Danke, dass Du mir in schwerer Zeit beigestanden hast“. Hochgeachtet bis heute, gilt der Mystiker und Einsiedler als Schutzpatron der Schweiz – er wurde 1947 heilig gesprochen.
In diesem Zusammenhang wird von Flüeli-Ranft oft als „Kraftort“ gesprochen.

Tatsächlich strahlt der Ort mit dem Blick auf die Kirchen und Kapellen inmitten grüner Hügel und mit den hohen Bergen im Hintergrund Ruhe aus. Allerdings darf man sich im Hotel Paxmontana amüsieren – Bruder Klaus hätte sicherlich nichts dagegen gehabt. Beim Nachmittag mit historischen Sportarten geht es mitunter recht laut und lustig zu. Ich versuche mich im Hufeisenwerfen und treffe fast. Beim Badminton ist der große Hut gewöhnungsbedürftig und wirkt sich negativ auf die Trefferquote aus. Vielleicht hatte ich auch einfach lange nicht gespielt. Weder langer Rock noch Cape stören wirklich…Weitere Teilnehmer versuchen sich im Krocket und beim Kegeln.

Ganz im Sinne der Historie des Hotels! Schon damals gab es eine Krocketwiese, einen Tennisplatz sowie eine Kegelbahn, welche in einer Spiel- und Kegelhalle untergebracht war, die allerdings zwischen 1910 und 1920 verschwand. Vielleicht weil sie nicht ausreichend genutzt wurde? Denn in der Umgebung konnte man natürlich herrlich spazieren und wandern!

Auch in dieser Hinsicht war der Hotelier Hess sehr weitsichtig: Er hatte rund um das Hotel schöne Wanderwege anlegen lassen und ließ für seine Gäste sogar eine Karte mit den Wegen drucken -neben einer zweiten „Excursionskarte“ für die weitere Umgebung, welche neben den Wegen die Straßen und Bahnen zeigte. Apropos Bahnen. Die Eisenbahn zwischen Luzern und Interlaken wurde 1888 gebaut – genannt „Brünigbahn“, da sie über den Brünig(-Pass) führte. Sachseln war die nächstgelegene Station, in dem die Bahn hielt – von dort ging es mit dem hoteleigenen Ein- oder Zweispänner in einer einstündigen Fahrt zum Hotel. Weil die Felgen der Wagenräder zu schmal waren und so die Gemeindestrassen in stellenweise schon schlechtem Zustand noch mehr beschädigten, bekam der Hotelier Ärger mit dem Sachselner Gemeinderat. Da er nicht auf die Forderungen einging, wurde er 1897 beim Regierungsrat angezeigt – wie die Sache ausging, ist nicht überliefert. Schon damals liebte man Vorschriften und erging sich in kleinlichen Kompetenzkämpfen, das beruhigt doch irgendwie…

Beim Swiss Alpine Ball wird natürlich getanzt, wenn auch dieses Jahr nur in gebührendem Abstand. Zum Glück gibt es vor dem Ball Workshops, in dem verschiedene Tänze gelernt und geübt werden. Einige sind schon Fortgeschrittene, insbesondere die Tanzpaare, die schon bei den Tanzworkshops davor dabei waren. Wir nicht. Nach einigen falschen Drehungen (und mit Hilfe der wohlmeinenden Mittänzer) klappt es aber bald besser und macht richtig Spaß! Einen großen Anteil dabei haben sicher die sehr engagierten Tanzlehrerinnen Vreni und Ann-Sophie, welche die jeweiligen Parts ansagen.

Meine Lieblingstanzform wird die Quadrille – vier Paare stehen sich dabei in einem Quadrat gegenüber und dann werden verschiedene Figuren getanzt. Toll ist, wenn die Figuren am Ende klappen – alle jubeln! Heute auf Bällen verschwunden, in der Belle Époque Zeit ein Standard. Aber es macht absolut Sinn – denn bei der Quadrille nimmt man den ersten Kontakt auf. Man kann sich (tief) in die Augen schauen, man riecht sich (oder kann sich gleich „nicht riechen“), man tanzt ein paar Takte zusammen – bevor man zum Anfangspartner (der bei unverheirateten Paaren sicher wechselte) zurückkehrt. Obwohl ich alle Partner in der Quadrille gut riechen konnte, kehrte ich dann gerne wieder zu meinem Ehemann zurück -und er zu mir (hoffe, ich zumindest!). Tanzen kann richtig anstrengend sein, zum Glück gibt es quasi vor der Tür ein Kneipp-Becken, durch das man in der Pause -die Damen mit hochgeschoppten Röcken- waten kann! Einige haben sich bei sommerlichen Temperaturen in ihre Badekostüme geworfen – wie könnte man da mit einem heutigen Badeanzug daherkommen…

Aber das ist alles nur die Probe, ob es dann wohl am Ball in Abendgarderobe auch klappen wird?

Ob in den Anfangszeiten Bälle im Hotel stattfanden, ist nicht überliefert, aber in jedem Fall konnten die Gäste im Hotel Zerstreuung finden. Es gab, so erzählt es ein Prospekt von 1910, einen „gut ventilierten“ Speisesaal, einen Damensalon, ein Konversationszimmer, Schreib- und Billardzimmer und für passionierte Hobbyfotografen sogar eine eigene Dunkelkammer!

Für alle religiösen Gäste gab es sogar einen Andachtsraum und einen Hausgeistlichen, der letzte war bis in die 90er Jahre tätig.

Was das Essen angeht, ein wichtiger Aspekt im Urlaub, so war man während der Belle Époque Zeit schon recht modern. An den üblichen „Tables hôtes“, langen Tafeln, an denen die Hotelgäste platziert wurden, bekamen sie ein festes Menü serviert. Gekocht wurde mit frischem Gemüse, das Kompott kam vom eigenen Landgut, die Milch und das Fleisch aus eigenem Viehbestand und sogar eine eigene Bäckerei wurde unterhalten. Man arbeitete also vorwiegend mit regionalen Produkten – heute wieder sehr in. Damals nicht unbedingt, denn schick und vornehm waren eher exotische Früchte und Speisen, die von weither kamen.

Die Belle Époque Gesellschaft genießt das Abendessen gleichfalls -die Menükarten dazu sind auf französisch (natürlich!). Beim Frühstücksbuffet sorgt die französische Delegation des Vereins noch für ein Highlight: ein Paar kommt mit eleganten Morgenmänteln, Pantoffeln und Nachtmützen.

In der Hotelgeschichte folgte nach den erfolgreichen Jahren während der Belle Époque, in denen neben Schweizern auch viele internationale Gäste aus England, Deutschland, Frankreich und den USA kamen, zu Beginn des 1. Weltkrieges Ernüchterung. Die Gäste reisten schnell ab und kamen zunächst nicht zurück. Das Hotelier-Ehepaar Hess stellt sich auf die veränderten Umstände ein. Wobei Ehefrau Josephine schon immer im Hotelbetrieb mitgearbeitet hatte, auch während ihrer Schwangerschaften. Sie war für ihre Strenge bekannt, das Personal hatte Respekt vor ihr. So tauchte Josephine gerne mal plötzlich in den Zimmern auf und prüfte, ob auch ordentlich Staub gewischt worden war. Vier Töchter bekam das Paar, die während ihrer Kindheit und Jugend zunächst sorglos alle Annehmlichkeiten einer gut situierten Familie genossen: sie besuchten eine Schule in Luzern und bekamen Musikunterricht sowie Tanz- und Reitstunden.

Nach Ausbruch des Krieges mussten zwei von ihnen, die sich in der Ausbildung befanden, im Hotel mitarbeiten. 1915 kamen nur hundert Gäste ins Kurhaus Nünalphorn.
Danach schloß das Hotel, konnte aber nach dem Krieg den Hotelbetrieb wieder aufnehmen.

In den 20er Jahren wurden die Zeiten wieder besser, es kamen mehr Gäste und sie blieben auch wieder länger. Trotz allem kehrten die goldenen Jahre der Belle Époque nicht zurück. Das Haus war nach den Wehen des 1. Weltkriegs noch verschuldet und die Gewinne aus dem laufenden Betrieb nicht hoch genug, um die Schulden zu tilgen. Man versuchte, als neue Gäste die bisher eher verpönten Pilger zu Bruder Klaus zu gewinnen. Die hatten allerdings nicht so viel Kleingeld im Portemonnaie wie die betuchten Gäste, die man vor dem 1. Weltkrieg beherbergt hatte.

Während der 30er Jahre verschärften sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und so verkaufte Hotelgründer Hess 1938 das Hotel an die Obwaldner Kantonalbank. Anfang der 50er Jahre wurde das Hotel von einer Stiftung übernommen und 1956 in Hotel „Paxmontana“ umbenannt – der Name symbolisiert die ruhige Gebirgslandschaft des Flüeli und die Friedensbotschaft des Ranftheiligen.

Ein Problem in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg war, das Hotel in einen zeitgemäßen Standard zu überführen, aber doch den Stil und das Flair des Jugendstilbaus zu bewahren. Inzwischen ist es gelöst. Dazu gab es mehrere Sanierungen, die letzte sehr aufwändige 2010. So ließ man z.B. extra in Schweden neue Tapeten, den Originaltapeten nachempfunden, produzieren. Auch sonst erhielt man von der Einrichtung, den Gestaltungselementen und dem Mobiliar so viel wie möglich. Und so ist das jetzige Hotel mit modernen Standards und dem Charme von damals entstanden. Wer diesem Charme verfallen ist, kann ein „nostalgisches Doppelzimmer“ buchen, aber es gibt auch moderne Zimmer.

Zurück zum Swiss Alpine Ball – dem Höhepunkt der mehrtägigen Belle Époque-Veranstaltung. Die Damen erscheinen in wunderschönen historisch inspirierten Abendkleidern, die Herren im Frack mit Zylinder (bis auf einen – meinen Mann, der erstaunt feststellt: ich bin der Einzige im Smoking! Doch was dem König Edward II gefallen hat, kann ja nicht unpassend sein…).

Nach einem Apéro auf der Terrasse mit Alphornbläsern, die für Lokalkolorit sorgen, zieht man mit einer Polonaise in den historischen Saal ein. Tanzrunden und Menügänge wechseln sich ab – es wird ein sehr kurzweiliger Abend – auf der liebevoll gestalteten Tanzkarte steht die Reihenfolge der Tänze – man weiß also genau, welcher Tanz auf einen zukommt (und damit auch, welchen man besser weglässt). Was soll ich sagen, die Quadrille klappt – auch in Abendgarderobe. Wir sind alle stolz!

Das Finale wird von den erfahrenen Tänzern getanzt – von den Franzosen mit großer Eleganz und von den Deutschen mit: Disziplin…

Am nächsten Morgen bricht ein Teil der Gruppe noch zu einer Wanderung auf – natürlich wieder mit standesgemäßer Ausrüstung…

Wir müssen leider schon davor aufbrechen – schön war das Zusammensein mit den Gleichgesinnten und auch zum Hotel Paxmontana in Flüeli sagen wir bestimmt „Auf Wiedersehen!“.

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