Was geschah vor 110 Jahren im März?

 In Alltagsleben, Aus dem Frauenleben, Frauenberufe, Mode, Unkategorisiert, Was geschah vor 110 Jahren, Winter, Zeitgeschehen

Für alle Neulinge, welche die Rubrik noch nicht kennen, gibt es hier eine Einführung dazu.

Der letzte Kaiser von China besteigt den Thron – mit 2 Jahren!

Kaiser von China, Kriegsgefangener, Häftling, Gärtner und sogar Bestsellerautor – das alles war Aisin Gioro Puyi in seinem turbulenten Leben!

Aber von Anfang an: Als Zweijähriger gekrönt wurde er der Korrektheit halber schon 1908, aber unsere Zeitschriften, in diesem Fall die Gartenlaube, berichteten erst im März 1909 darüber. Solange hatte der Bote von China gebraucht, um die Nachricht zu überbringen – Spaß! Telefone gab es ja schon damals, obwohl – von China weiß ich es nicht.

Im Text der Gartenlaube heißt es:

 Das Bild des anscheinend so glücklichen Familienlebens, in dem der kleine Kaiser von China, Hsuan Tung, wie er seit der Thronbesteigung heißt, trügt! Der arme kleine Herrscher ist einsam, einsamer als der niedrigste seiner 430 Millionen Untertanen, denn die chinesische Etikette verbietet jedem, sich ihm vertraulich und liebreich zu nähern. War doch die erste Folge seiner Ernennung zum Kaiser, daß die eigene Mutter ihn verlassen mußte – jämmerlich schreiend wurde er abgeführt in die „Kaisergemächter“, in denen er nun sein „gottähnliches“ und doch so trauriges Leben lebt, in dem kein Hauch von Fröhlichkeit und behaglicher Wohnlichkeit den armen Kleinen tröstend umfängt. Wieviel besser hat es dagegen das jüngere Kerlchen, das noch auf dem Schoße des Vaters, des ehemaligen „Sühneprinzen“ Tschun, sitzen und sich hätscheln lassen darf. Er braucht, wenn er nicht will, später auch die 300 chinesischen Klassiker und die vielen tausend komplizierten Schriftzeichen nicht auswendig zu lernen, denen der arme verstorbene Kaiser Kwang-sü seine stete Kränklichkeit und sein frühes Sterben verdankte…

Das mit der Anzahl der chinesischen Schriftzeichen wollte ich genauer wissen und zitiere einfach mal Wikipedia:

„Insgesamt gibt es über 100.000 Schriftzeichen, von denen der überwiegende Teil jedoch heute nur selten verwendet wird bzw. ungebräuchlich ist, in der Vergangenheit nur zeitweilig verwendet wurde oder Varianten darstellt. Für den alltäglichen Bedarf ist die Kenntnis von 3.000 bis 5.000 Zeichen ausreichend.“

Kurz zum Vergleich, ohne Umlaute und ß hat unser Alphabet 26 Buchstaben. Das Mitleid mit dem kleinen Kaiser und seinem Lernpensum – über die 300 Klassiker haben wir noch gar nicht gesprochen – ist berechtigt. Vielleicht ist das mal einen Hinweis an Sohn oder Tochter wert, wenn sie das nächste Mal bei den Hausaufgaben oder beim Lernen maulen.

Der kleine Kaiser durfte übrigens in China nicht fotografiert werden, wie der Text noch erzählt:

Übrigens ist es in China streng verboten, Bilder des Kaisers zu veröffentlichen. Nur auf heimliche Weise können sie verbreitet werden – unnahbar und unbekannt wie die Gottheit soll der lebende Kaiser hinter den Mauern der „verbotenen Stadt“ aufwachsen.

Ob obiges Bild mit versteckter Kamera aufgenommen wurde, ist nicht überliefert – wahrscheinlich brachte es der Bote dann mit nach Europa…

Heute wird der (damals) kleine Kaiser übrigens wieder mit seinem ursprünglichen Namen Puyi bezeichnet, den wir deshalb in der Folge auch verwenden.

Aber zu den Hintergründen der Thronbesteigung, die im Text auch erwähnt werden: Eigentliche Herrscherin in China war schon lange (mit kurzen Unterbrechnungen seit 1861) die Kaiserwitwe Cixi, die kurz vor dem Tod des vorherigen Kaisers Guangxu, so wird er heute geschrieben (damals Kwang-sü) den 2-jährigen Puyi zum Kaiser erwählte. Denn er gab aufgrund seines Alters eine schöne Marionette ab, der ihr ein problemloses Weiterregieren ermöglichte. Ihre Rechnung ging leider nicht auf – sie starb überraschend einen Tag nach Puyis Ernennung zum Kaiser. Natürlich brodelte die Gerüchteküche, ob es ein natürlicher Tod gewesen war. Es hieß, sie hätte den letzten Kaiser Guangxu, der allerdings schon lange entmachtet war, vergiftet. In jedem Fall wurde durch die plötzlichen Todesfälle nun auf einmal der groß im Bild zu sehende Vater Puyis, Chun (im Text Tschun geschrieben), zum Regenten.

Warum wurde Chun im Gartenlauben-Artikel als Sühneprinz bezeichnet? Nach der Niederschlagung des Boxeraufstands 1901, bei denen die chinesische „Boxerbewegung“ gegen die alliierten Mächte, darunter Deutschland, verlor, wurde das sogenannte „Boxerprotokoll“ aufgesetzt. Dazu sollte man noch wissen, dass während des Aufstandes der deutsche Gesandte Clemens von Ketteler auf offener Straße von chinesischen Aufständischen erschossen worden war. Im Boxerprotokoll, einer Art Friedenspakt nach Beendigung der Auseinandersetzungen, wurde festgelegt, das Chun zur Sühne nach Berlin reisen musste, um dort persönlich beim Kaiser Abbitte zu leisten.

Was er im September 1901 tat: Es gab einen Sühneakt in Potsdam mit einer persönlichen Rede von Chun vor dem Kaiser. Einen kleinen Eklat gab es noch um die mitgebrachten Geschenke des damaligen Kaisers von China und der Kaiserwitwe, u.a. zehn Ballen feinster chinesischer Seide, Vasen und antike Gefäße. Chun wollte sie der kaiserlichen Familie ursprünglich persönlich überreichen. Der Kaiser konnte oder wollte sie jedoch aus diplomatischen Gründen nicht annehmen und so wurden sie Berliner Museen zugedacht – so wahrte jeder sein Gesicht.

Im Artikel ist auch von der „verbotenen Stadt“ die Rede, in welcher der kleine Kaiser aufwuchs. Diese verbotene Stadt war ein riesiges Areal inmitten Peking, in dem sich die kaiserlichen Paläste befanden. Allein der Palast in dem Puyi wohnte, hatte über 9000 Zimmer.

Der Eintritt zu dieser Stadt in der Stadt war der normalen Bevölkerung verwehrt, daher der Name. Heute ist die verbotene Stadt Weltkulturerbe und Museum.

Aber zurück zu den weiteren eingangs erwähnten Stationen im Leben des kleinen Kaisers, die wir hier nur kurz streifen können. Zu Beginn seiner ersten Kaiserkarriere ist die Situation in China schwierig: dem Volk geht es schlecht, denn seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird das Land durch Kolonialmächte ausgebeutet. Ein großer Teil der Menschen ist verarmt, opiumsüchtig oder beides. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung wächst und entlädt sich schließlich in einer Revolution, die 1912 zum Sturz des kleinen Kaisers führt. Er bleibt jedoch im Palast wohnen und bekommt eine Art Apanage, welche ihm ein sorgloses Leben ermöglicht.

1917 wird er aufgrund eines Militärputsches –ohne sein Zutun- zum 2. Mal zum Kaiser gekrönt, muss aber zwölf Tage später wieder abdanken, da die Revolution wieder die Oberhand gewinnt. Inzwischen ist er 11 Jahre. Als er 1924 aufgrund einer weiteren Revolution die kaiserliche Stadt und China zum ersten Mal verlassen muss, hat er inzwischen seine erste Frau geheiratet (die erste von insgesamt fünf Ehen) und findet in Japan Unterschlupf. Von der dortigen Regierung wird er wiederum als Marionette benutzt. Sie haben die chinesische Mandschurei besetzt und wollen dort einen eigenen Staat errichten, für den noch ein von ihnen gesteuertes Regierungsoberhaupt fehlt.

Im neuen Staat „Mandschukuo“ wird er Anfang der 30er Jahre zum 3. Mal zum Kaiser gekrönt – hat aber auch dort keine wirkliche Macht. Als die Russen am Ende des 2. Weltkrieges die vormalige Mandschurei befreien, wird der Kaiser inhaftiert und in Sibirien in verschiedenen Lagern gefangen gehalten. Währenddessen ändert sich auch in China die Situation – dort ruft Mao 1949 die Volksrepublik China aus und verlangt die Auslieferung des Kaisers. Er fürchtet die Auslieferung, gleicht sie doch seinem Todesurteil. Doch sie kommt – jedoch beschließt Mao medienwirksam, Kaiser Puyi noch eine Chance zu geben. Er kommt in China in ein Lager zur Umerziehung von Kriegsverbrechern, 1959 wird er begnadigt.

Mit seiner fünften Ehefrau lebt er in Peking und arbeitet als Gärtner. Schließlich schreibt er noch eine Autobiographie über sein Leben – nicht verwunderlich, dass sie zum Bestseller (Affiliate Link) wird! Er wird rehabilitiert und kann sich frei bewegen, zumindest innerhalb Chinas. Seine letzten Lebensjahre sind von Krankheit gezeichnet – er stirbt 1967 mit 61 Jahren an Krebs.

Sein spektakuläres Leben wurde übrigens 1987 auch von dem bekannten Regisseur Bernardo Bertolucci verfilmt: „Der letzte Kaiser“ (Affiliate Link) wurde oscarprämiert und lässt das Schicksal von Puyi noch einmal lebendig werden.

Sport: Die kaiserliche Familie im Wintersportfieber!

Ein letztes Mal noch Wintersport (bevor endlich der Frühling kommt): Wintersportliche Freuden der Söhne und Schwiegertöchter des Deutschen Kaisers heißt es im Untertitel zu den obigen Bildern, veröffentlicht in der Sonntagszeitung. Ausführlich wird in diversen Wochenzeitschriften über die Wintersportaktivitäten der kaiserlichen Familie berichtet.

So in Oberhof, wo es den kaiserlichen Söhnen und Schwiegertöchtern inbesondere Bobsleigh-Fahrten angetan haben. Unter ihnen übrigens auch Prinz Adalbert, der dritte Sohn des deutschen Kaisers (er hatte sechs), von dem es im Untertitel heißt: „der bekanntlich Marineoffizier ist, ist zurzeit noch unvermählt.“

Wie solche Bobsleighs – bobartige grosse Schlitten aussehen, kann man sich in diesem Artikel betrachten, in dem es u.a. um nostalgischen Wintersport geht.

Auch die Tochter des Hauses, Prinzessin Victoria Luise, treibt Wintersport, wie in einer der nächsten Ausgaben zu lesen ist. Auf dem Foto sieht man sie beim Schlittschuhlaufen – laut dem Artikel eine lange Familientradition:

 Im deutschen Kaiserhause hat die Pflege des Körpers durch sportliche Übungen von jeher eine Heimstätte gehabt. Kaiser Friedrich, der Vater Kaiser Wilhelm II., war ein passionierter Schlittschuhläufer, und oft sah man ihn auf dem Neuen See im Berliner Tiergarten, mit seinen Kindern den erfrischenden Sport des Eislaufe sich hingebend. Daß auch seine Kinder und seine Enkelkinder Freude an jeder Art des Sports haben, ist bekannt.

Der Kronprinz pflegt die familiäre Schlittschuhtradition gleichfalls, allerdings etwas abgewandelt: beim Eishockey! Der Kommentar der Zeitschrift „Daheim“ dazu: Zur Hebung des Sports insbesondere des Eissports in Deutschland hat das Beispiel des Kronprinzen sehr viel beigetragen.

Wie wir in der Februar-Ausgabe im Artikel über das Eissegeln schon feststellten – heutzutage ist es weniger das eissportunwillige Volk, sondern eher der Mangel an Eis, welches „einer Hebung des Eissports“ im Wege steht.

S(ch)wingerskandal in Luzern – Ein Denkmal wird aufgestellt (und findet nicht bei allen Beifall)

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Das Schwingerdenkmal 1908

Sorry, das Wortspiel ist billig, aber doch zu verführerisch! Zumal es um nackte Männer geht – zwei kämpfende Schwinger. Die Beiden sollten als Denkmal für diesen beliebten Schweizer Nationalsport in Luzern aufgestellt werden.

Schwingen (früher auch Hosenlupf genannt) ist „eine in der Schweiz beliebte Variante des Freistilringens, die auf Sägemehl ausgeübt wird“ (Wikipedia).

Das Schwingen hat tatsächlich eine lange Tradition: Eine erste Darstellung des Schwingkampfes ist schon aus dem 13. Jahrhundert überliefert (in der Kathedrale in Lausanne zu bewundern), das Schwingen war schon immer ein wichtiger Bestandteil der Festkultur. Geschwungen wurde unter den Landwirten früher um Naturalien, aber nicht der Preis war das wichtigste, sondern das Renommee, einen Kampf gewonnen zu haben.

Beim ersten Alphirtenfest zu Unspunnen 1805 wurde das Schwingen als Volkssport neu belebt und erlebte im 19. Jahrhundert einen Aufschwung. Vormals eher in ländlichen Gebieten ausgetragen, gelangte es als Wettkampfsport nun auch in die großen Städte.

Es wurde zu einem Schweizer Nationalsport und folgerichtig wurde 1895 der Eidgenössische Schwingerverband gegründet.

Aber wie genau läuft ein Schwinger-Wettkampf ab? Der Wettkampf heißt „Schwinget“ oder „Schwingfest“ und dauert meist einen Tag (nur beim Eidgenössischen Fest zwei). Der Zweikampf wird auf einer kreisförmigen, 7 bis 14 Meter durchmessenden, mit 23 Kubikmetern Sägemehl gepolsterten Fläche ausgetragen. Die zwei Gegner tragen über ihren Kleidern eine kurze, aus Zwilch (reißfestes Gewebe) gearbeitete Hose. Die beiden Kontrahenten geben sich zuerst die Hand, greifen sich dann an die sogenannte Schwingerhose und versuchen den Gegner durch das Anbringen von «Schwüngen» auf den Rücken zu zwingen. Der Sieg ist gültig, wenn der überlegene Schwinger den Unterlegenen mit mindestens einer Hand an der Schwinghose festhält und der Unterlegene den Boden mit beiden Schulterblättern oder mindestens zwei Dritteln des Rückens berührt. Nach dem Ende des Kampfes wischt traditionsgemäß der Sieger dem Verlierer die Sägemehlspäne vom Rücken. Geht eine Runde unentschieden aus, so ist der Kampf «gestellt».

Der Kampf wird von drei Kampfrichtern beurteilt, von denen jeweils einer zusammen mit den Schwingern im Sägemehlring steht. Die Kampfrichter bewerten den Gang und erteilen für einen «Plattwurf» das Maximum von 10 Punkten. Bei einem «gestellten Gang» erhält der aktivere Schwinger die höhere Punktezahl. (Quelle Wikipedia).

Und damit das alles nicht so theoretisch klingt, hier ein kurzes Youtube-Video von einem Schwingerfest – so sieht das in der Praxis aus mit den Kämpfen:

Das klingt recht einfach, aber ist (wie so viele Sportarten) doch eine Wissenschaft für sich. Denn es gibt über 300 Variationen von Griffen und Schwüngen! Weitere beliebte Schweizer Nationalsportarten sind übrigens das Hornussen und das Steinstossen. Geschwungen wird in der Schweiz nach wie vor, insbesondere bei verschiedenen nationalen Festen, bei denen die Wettkämpfe stattfinden.

Aber zurück zum Denkmal in Luzern, die Gartenlaube erzählt folgendes dazu:

…Dem Protest der orthodoxen Geistlichkeit zum Trotz, die dreimal den Kampf gegen die „Nacktheit“ der Schwingergruppe aufnahm, ist Hugo Siegwarts prächtiges Denkmal nun doch in Luzern aufgestellt worden. Es verkörpert ein Nationalspiel der Schweiz, das beliebte alte „Schwingen“, und wundervoll ist es dem Künstler gelungen, das lebendige Spiel der aufs äußerste angespannten Muskeln und Sehnen an den nackten Athletengestalten wiederzugeben. Hugo Siegwart ist überhaupt einer der besten Bildhauer der heutigen Schweiz – sein Haller-Denkmal in Bern ist noch in aller Erinnerung. Mit diesem neuen Monument hat er dem von Jahr zu Jahr mehr aufblühenden, längst zur internationalen Fremdenstadt ersten Ranges gewordenen Luzern, wieder einen künstlerisch wertvollen Schmuck verliehen.“

Nicht nur die „orthodoxe Geistlichkeit“ war gegen die Skulptur, es gab auch eine Petition besorgter Bürger, welche „die ernstliche und wohlbegründete Befürchtung, dass die Aufstellung dieses Denkmals […] eine Schädigung für die sittliche Erziehung der Jugend bedeutet“, hegten.

Nach Aufstellung der Statue auf dem Kurplatz, die sogar 1905 bei der Münchner Kunstausstellung prämiert worden war, beruhigten sich die Gemüter. Allerdings war sie nach einigen Jahrzehnten von Bäumen verdeckt und nicht mehr gut sichtbar. Und so wurde das auch heute noch einzige Schwingerdenkmal der Schweiz zu einer anderen Location, dem „Inseli“ transportiert, wo es noch heute zu bewundern ist.

Aus dem Frauenleben:

sind wieder positive Nachrichten zu vermelden:

Die erste weibliche Richterin geht in Dänemark „an den Start“:

Die erste Frau, der das Amt eines Richters übertragen wurde, ist die Dänin Kirsten Christensen, die aus Orstrup bei Kjellerup in Dänemark stammt. Auf der höheren Töchterschule in Silkeburg vorgebildet, war sie mehrere jahre als Kontoristin tätig, trieb aber nebenbei eingehende juristische Studien und legte im Mai 1906 die für richterliche Beamte in Dänemark vorgeschriebene Prüfung ab. Seit kurzem ist Fräulein Christensen, die im 39. Lebensjahre steht, als ordentliche Stellvertreterin des Richters in Kjellerup von Amts wegen in die Reihe der dänischen Richter aufgenommen worden.

erzählt die Sonntagszeitung dazu. Hier liegt Kjellerup – heute ein Ort mit ca. 5000 Einwohnern, was ich nicht erwähne, um die Leistung von Kirsten zu schmälern! Sie fehlt übrigens noch bei der englischen Wikipedia-Beschreibung des Ortes unter „notable people“.

Ein neuer Frauenberuf „Die ärztliche Assistentin“

wird gleichfalls in einer Märzausgabe der Sonntagszeitung vorgestellt:

Eine neue Errungenschaft der Frauenbewegung ist ein Institut, das in Berlin gegründet worden ist und junge Mädchen als Assistentinnen für Ärzte ausbildet. Die Schülerinnen erhalten durch einen Arzt Unterricht in allen ärztlichen Hilfeleistungen. Nach ihrer völligen Ausbildung vermittelt das Institut ihnen eine geeignete Stellung.

Obwohl die Arbeitslosigkeit in dieser Zeit niedrig war, wird immer wieder die Vermittelbarkeit in eine Stellung nach der Ausbildung betont.

Wer sich für damals neue Frauenberufe interessiert, kann hier weiterlesen: Die Photographin

Frühjahrsmode 1909: Ob blond ob braun – nicht alles steht den Fraun!

Im Artikel zu den Bildern, erfahren wir zum einen, was Frau im Frühjahr trägt bzw. vor allem auch, was nicht (mehr):

…Im übrigen hat die Mode jedwede vorzeitige sommerliche Färbung der Kleidung längst als gänzlich veraltet erklärt, und selbst die ungelehrigsten Schülerinnen der Mode mußten einsehen lernen, daß das ehedem beliebte, farbenfreudige, „jugendliche“ Frühjahrskleid sich zu einem ziemlich unbeliebten und ganz seltenem Typus auswuchs. Das Frühjahrskleid präsentiert sich in gedeckten Farben und verschwommenen Musterungen…

Das Frühjahrskleid sollte also bloß nicht zu jugendlich farbig, sondern gedeckt sein. Bei den Fotos fällt auf, es wird Tunika getragen! Dieses Kleidungsstück gab es also schon damals, nur länger…

Zur Farbzusammenstellung gibt die Verfasserin folgenden allgemeingültigen Ratschlag:

Bei jeglicher Farbe und Farbenzusammenstellung kommt es vor allem darauf an, von welcher Person sie getragen wird. Es mag sehr banal klingen, diese Regel zu erwähnen, und doch scheint sie nicht allgemein in Fleisch und Blut übergegangen zu sein, denn sonst sähe sie sich nicht so häufig und nicht so gröblich verletzt.

Und deswegen zitiere ich sie an dieser Stelle auch gerne noch mal. Wobei wohl jeder schon einmal seinen ganz persönlichen Mode-Gau erlebt hat…

Aber welche Farbkombinationen sind es denn nun für das Frühjahr 1909? Zumindest für die Hutmode erfahren wir es:

Recht prätentiöse Farbenkombinationen sehen wir an den Frühjahrshüten, so die Vermählung von Lila – Veilchen und Heliotrop (Mineral mit grüner Schattierung) spielen eine große Rolle – mit Rubinrot, Lavendelblau und verschossenem Türkisblau, die sich in Form loser Windungen zumeist aus Samtband um die kolossalen Hutköpfe legen.

Ja, die sind wirklich kolossal! Und danach wird uns auch noch DIE Frühjahrsfarbe in der Mode verraten:

Eine der leuchtendsten Farben, die das aktuelle Farbenregister in bezug auf die Toilette kennt, ist Goldgelb. Aber Vorsicht, nicht für alle geeignet:

 Goldgelb, von einer beleibten, hochgefärbten, wenig graziösen Frau getragen, kann zur Beleidigung werden.

Goldgelb, vermählt mit grazilen Bewegungen und bleichem Teint, kann sich als Glorie um den Körper schmiegen. Weniger Vorsicht als der Brünetten gebietet die gelbe Farbe der Blondine vor allem aus dem Grunde, als blondes Haar – welche Nuance immer – stets eine Schattierung des goldgelben Kleiderstoffes bildet, woraus eine sehr wohltuende Einheitlichkeit des Farbenbildes resultiert…

 Also Blondinen bevorzugt! Übrigens, wer jetzt noch letzte Zweifel an der Modefarbe Goldgelb äußert: Als vor einigen Wochen in Paris die Hochzeit eines jungen Rothschild gefeiert wurde, wurde ein Atlaskleid in der soeben besprochenen Nuance gesichtet!

Na, wenn’s bei Rothschilds getragen wird…

Ob Ihr nun, wie Kaisers noch wintersportlich unterwegs seid oder durch andere sportliche Übungen Eure Körper pflegt: Bewegung tut auf jeden Fall gut, nichts wie raus aus der trockenen Heizungsluft in die milde Frühlingsluft! Es kann auch ein Spaziergang sein – vielleicht im jugendlich farbenfrohen Frühlingskleid? Oder doch eher im gedeckten goldgelben Ton – aber immer an die grazilen Bewegungen denken und Vorsicht mit dieser Farbe, falls Ihr nicht blond seid!

Und was das Spazier-Ziel angeht: in Luzern wäre es z.B. das Schwingerdenkmal auf dem Inseli. Oder ein Denkmal in Eurem Ort, an dem Ihr ganz oft schon vorbeigelaufen seid, ohne zu wissen, was es damit auf sich hat.

Wenn Ihr das nächste Mal „Und ich bin der Kaiser von China“ sagt, könnt Ihr ja mal kurz an das recht unglaubliche Schicksal des echten letzten Kaisers von China denken. In jedem Fall denkt daran, am 1. April wieder vorbeizuschauen zur nächsten Ausgabe dieser Rubrik – kein Aprilscherz!

Ich wünsche Euch einen beSCHWINGTEN März!

Eure Grete

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