Alaaf! Sogar im Irrenhaus wird gefeiert – Karneval in Köln 1910 -eine kleine Geschichte vom und über den Kölner Karneval

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Ja, natürlich ist es heute nicht mehr politisch korrekt „Irrenhaus“ zu sagen. Aber tatsächlich ist ganz Köln zur Karnevalszeit ein TOLLHAUS – auf jeden Fall an den Wochenenden. Wie ich an einem Februarsamstag auf der Sitzung der EhrenGarde der Stadt Köln selbst erleben durfte. Nicht nur im Saal, sondern in der ganzen Stadt waren die Jecken unterwegs – für alle Menschen, die nicht im Rheinland leben: Menschen in bunten Kostümen. Die EhrenGarde wurde 1902 gegründet – also zur Bürgerleben-Zeit! Wir kommen später noch einmal auf die Garde zurück, die sich mit einem kühnen Trick einen Platz in der „1. Reihe“ des Rosenmontagsumzug sicherte.

Aber wie lange wird überhaupt schon Karneval im Rheinland gefeiert? Ein Artikel von 1910 aus der Wochenzeitschrift „Gartenlaube“ erzählt dazu:

Es ist sicher, daß der Karneval schon das ganze Mittelalter hindurch am Rheine gefeiert und nicht etwa von Italien hierher verpflanzt worden ist. Ja, man darf annehmen, daß die fröhlichen Fastnachtszüge auf den Kult der rheinischen Frühlingsgöttin Rehallenia zurückgehen, deren Name gar möglicherweise noch in dem Worte Karneval zu finden ist.

In einer anderen Version der Entstehungsgeschichte des Begriffs heißt es, dass es bei den Christen so die vorösterliche Fastenzeit eingeläutet wurde und „Carne vale“ „Fleisch lebe wohl“ bedeutet. Und hatten es die Christen erfunden? Nein! Einst feierten Griechen und Römer fröhliche Frühlingsfeste – der Brauch wurde gerne von den Germanen übernommen, die so die Wintersonnenwende zur Vertreibung der winterlichen Dämonen begingen. Dieses Fest übernahmen dann wiederum die Christen. Soweit die Kurzfassung des Karnevalursprungs – der ja nicht nur im Rheinland gefeiert wird.

Ins Kölsche übersetzt heißt Karneval „Fastelovend“ oder „Fasteleer“ – auch im damaligen Text kommen die Begriffe schon vor.

Verboten war der Kölner Rosenmontagsumzug übrigens auch schon mal, und zwar von 1795-1800 (andere Quellen sagen 1804) – so erzählt jedenfalls unser Artikel von 1910. Köln war während dieser Zeit von den Franzosen besetzt, die das Rheingebiet für sich beanspruchten. Wahrscheinlich befürchteten die Franzosen einen heimlichen Widerstand unter dem Deckmantel karnevalistischer Uniformen – und das war vielleicht gar nicht so weit hergeholt!

1815 wurde Köln dann preußisch. Und auch, wenn die Preußen eigentlich für Zucht und Ordnung und nicht für ausgelassenen Frohsinn stehen, gegen Karneval hatten sie nichts einzuwenden – oder auszurichten?

Aber zurück zu unserem Karnevalsbericht aus der Bürgerleben-Zeit:

 

Heute bedeutet der Rosenmontagszug den Glanzpunkt des rheinischen „Fasteleers“. Zumal in Köln wird er mit unerschütterlicher Regelmäßigkeit und mit großem Pomp durchgeführt, aber auch Mainz, Düsseldorf, Aachen, Krefeld, Bonn und andere Städte bemühen sich, ihn zu einer ständigen Einrichtung zu machen, und selbst die kleinsten Rheinnester leisten sich wenigstens eine „Kappenfahrt“.

Also, das mit der ständigen Einrichtung in den anderen Städten hat geklappt, wie wir heute wissen. Wahrscheinlich weil:

Die Faschingslust eben dem Rheinländer im Blute [liegt], sie ist eine Ausstrahlung seines glücklichen Temperaments,

wie es weiter im Artikel heißt, und es wird der zweifelhafte Beweis angeführt, dass selbst im Irrenhaus, in welchen der Verfasser einem Maskenball „beiwohnen durfte“ (ob als Gast oder Insasse ist nicht überliefert), dieser „die Psyche der Anwaltsinsassen überaus vorteilhaft beeinflusse“. Na, dann!

Und schon damals wurde „die Lust am Maskentreiben“ vererbt, „das beweist in den drei tollen Tagen die kleine Welt“.

…in Köln zum Beispiel sind dann wohl alle Kinder karnevalistisch aufgeputzt – bietet die reizvollsten Bilder, die der Fasching aufzuweisen hat. Diese kleinen Pierrots und Kolombinen, diese dreikäsehohen „Kappesburen“ und –bäuerinnen, diese Duodesfunken (Duodes bedeutet sehr klein) und Liliputkavaliere!“

Wie man sieht, waren die Kinderkostüme damals thematisch etwas anders aufgestellt. In diesem Artikel kann man sich damalige Kostümvorschläge für Erwachsene anschauen. Fasching stand übrigens so im Originaltext, nur für’s Protokoll! Für alle Karnevalisten-Greenhörner: im Rheinland statt „Karneval“„Fasching“ zu sagen, geht heute gar nicht.

Weiberfastnacht gab es übrigens auch schon, gefeiert wurde sie „in einer der zahlreichen Hafenkneipen in der Nähe der Kölner Markthalle“. Oder in mehreren…

Wurde nun damals anders gefeiert als heute? Das erzählt der Artikel zu Sitzungen:

Die „Sitzungen“ sind eine Eigentümlichkeit des rheinischen Karnevals, der dafür das Redoutenwesen nicht so ausgebildet hat wie die Faschingshochburg an der Isar.

Welche Faschingshochburg an der Isar? Mit Redoutenwesen sind die damals beim Bürgertum sehr beliebten Faschings- und Maskenbälle gemeint.

Und weiter:

 Am Rhein selbst beginnen sie (die Sitzungen) bereits am Neujahrstag und finden dann bis Fastnacht mindestens jeden Sonntag statt. Und zwar nicht etwa bloß von einer Gesellschaft und in einem Saale, nein, da ist kaum ein Saal, in dem nicht irgendein karnevalistischer Verein tagt.

Der riesige Andrang zu diesen Veranstaltungen ist der beste Beweis für den Fröhlichkeitsdurst der Ripuarier (Rheinfranken); regelmäßig sind die närrisch ausgeschmückten Räume über eine Stunde vor Beginn der Sitzung (meist 4 Uhr 11 Minuten nachmittags) bereits auf den letzten Stuhl und die letzte Ecke besetzt, ja, es gibt Faschingsenthusiasten, die sich mittags einstellen und nun skatspielend drei und vier Stunden warten, um nur ja einen guten Platz zu haben. Und all die Hunderte und Tausende, die sich da Schulter an Schulter drängen, tragen bunte Kappen – ein farbiges, frohes Bild.

Die Sitzungen fanden meist sonntags statt, weil der Samstag zu dieser Zeit noch Arbeitstag war.

So sah das Karnevalstreiben damals aus - Illustrationen zum Artikel 1910

Interessant auch die Ausführung im damaligen Artikel zu den Büttenrednern, vor allem denen, die enttäuschten:

Es redet sich leicht zu diesem dankbaren Auditorium; das ermutigende Blitzen der Augen, das Rot gehobener Stimmung auf allen Gesichtern, die sichtliche Gefechtsbereitschaft der Lachmuskeln – das alles vereinigt sich zu einem kräftigen Impuls.

Umso schlimmer ergeht’s freilich dem, der die lustheischende Schar enttäuscht. Den läßt man grausam „litschen“ (ausgleiten), wofür sich ein bestimmtes System herausgebildet hat.

Das erste Anzeichen einer solchen Niederlage ist ein schwüle Stille; dann fällt irgendwo eine Weinflasche um; nun noch ein vereinzeltes, ironisch gedehntes Bravo mitten in einen langweiligen Satz hinein; und – das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ – unter den Klängen des Liedes „Reg dich nit op“  wird der Verunglückte aus der Bütt herausgeholt.

Der glückliche Redner dagegen wird mit Büttenmarsch und tatkräftigen Händeklatschen vor den kleinen Rat geleitet, wo ihm unter reichlichem Lobessprüchen der Gesellschaftsorden umgehängt wird.

 Puuh, gut, dass bei meinem Sitzungsbesuch kein schlechter Redner dabei war! Und dazwischen lief es ähnlich wie heute:

Die Pausen zwischen den Büttenreden werden durch gemeinsame plattkölnische (kölsche) und hochdeutsche Lieder ausgefüllt, denen meist eigene Karnevalsmelodien zugrunde liegen.

Genau. Die Lieder werden heute oft von Bands gesungen, aber das Publikum stimmt mit ein…

Aber natürlich möchten wir noch über den Höhepunkt der tollen Tage sprechen, oder wie der Verfasser des Artikels 1910 viel poetischer schreibt:

Die farbigste Blume allerdings im Lustgarten des „Fastelowends“ ist und bleibt der Kölner Rosenmontagszug.

Es ist dem Bürger der fröhlichen Domstadt Ehrensache, daß er sich jedes Jahr glanzvoll abwickelt, und mit erstaunlicher Opferwilligkeit stellen sich tausend Kräfte in seinen Dienst. Allerdings hat Köln auch große Vorteile von diesem „vaterstädtischen“ Feste. Die Zahl der Fremden, die in den Fastnachtstagen nach Köln strömen, ist so enorm, daß die meisten Restaurants nur gegen Eintrittsgeld – bis zu einer Mark pro Person- zugänglich sind und trotzdem noch von Zeit zu Zeit wegen Überfüllung ihre Türen gegen weiteren Zuzug schließen müssen.

 Wir halten fest: Das Engagement der Kölner war nicht ganz uneigennützig, schon damals feierten viele „Fremde“ mit und das Kneipen-, äh Restaurant-Eintrittsgeld war für damalige Verhältnisse tatsächlich teuer. Eine Mark war damals mehr wert als heute (D-Mark sowieso und Euro inzwischen auch): Man konnte dafür 10 Eier (60 Pfennig), ein Kilo Weißbrot (26 Pfennig) und ein Kilo Kartoffeln (10 Pfennig) kaufen. Und für die übrigen 4 Pfennige noch eine Zigarette. Wochenlöhne für Arbeiter starteten ab 15 Mark, für Arbeiterinnen ab 9 Mark – diese Zahlen nur als Hausnummern. Ja, manche Dinge haben sich auch über 100 Jahre später noch nicht geändert…Aber das nur nebenbei.

Die Zusammensetzung des Zuges geschieht auf dem Neumarkt, der durch eine der schönsten Schöpfungen romanischen Baustils, die Apostelkirche, so köstlich geschmückt ist, und uns durch das Haus mit den beiden Pferdeköpfen an eine bekannte Sage erinnert. Noch wertvoller wird uns dieser weite Platz, wenn wir hören, daß aller Wahrscheinlichkeit nach hier in den Anfängen der christlichen Zeitrechnung die ara Ubiorum, das Heiligtum der germanischen Rheinuferbewohner, gestanden hat.

Hier münden am Rosenmontag um die Mittagsstunde Hunderte farbenschillernde Bäche, um einige Stunden später, zu einem mächtigen Strom vereinigt, lärmvoll in die Stadt zurückzufluten. Der unveränderliche Stamm des im übrigen jährlich wechselnden Zuges bilden die Funken, die heitere Erinnerung an die Kölner Stadtsoldaten von anno dazumal..(…) Sie bilden zwei stattliche Korps: Die roten Funken (Funkeninfanterie) und die blauen Funken (Funkenartillerie) und tragen wesentlich dazu bei, den Rosenmontagszug zu einer farbenprächtigen Sehenswürdigkeit zu machen. Blumensträußchen stecken in den Flintenläufen der beliebten „Rotweißen“ und die Proviantwagen der „Blauweißen“ sind mit Weinflaschen und Bonbons gefüllt.

Bonbons und Blumen sprüht der ganze Zug aus, während er sich durch die Straßen bewegt und zum Dank überschüttet man ihn aus den Fenstern und von den Balkonen mit Papierschlangen und Konfetti.

 Weinflaschen als Wurfgut? Oder waren die als Proviant für die Wagenbesatzungen gedacht? Zu den Blumensträußchen sagt man in Köln übrigens „Strüsscher“, Bonbons heißen „Kamelle“. Aber weiter im Zug:

Den Stadtsoldaten folgt eine lange Reihe prunkvoller Wagen, die sozusagen eine ambulante humoristisch-satirische Jahreschronik und ein lebendig gewordenes Märchenbilderbuch darstellen. Vor jedem Wagen marschiert eine zu ihm gestimmte ulkige Fußgruppe oder eine närrische Musikkapelle.

Der prächtigste Wagen ist allemal der des Prinzen Karneval. Er wird seit Jahren von der Dienstags-Ballgesellschaft, einem Verbande der ersten Gesellschaften zur Veranstaltung eines Maskenballs auf dem Gürzenich, ausgerüstet und dem Prinzen zur Verfügung gestellt. Trotzdem wird diesem seine kurze, aber an Repräsentationspflichten überreiche Herrschaft noch teuer genug, und deshalb können nur Söhne aus sehr wohlhabenden Bürgerfamilien das Pritschenzepter übernehmen. Ähnlich ist es mit dem Kölner Bauern und der kölnischen Jungfrau, den beiden Wappenhaltern der Colonia. Für die „billigen Knechte und Mägde“ dagegen, die in wochenlang einstudiertem Reigen vor dem Prinzenwagen hertanzen, bildet die Zugbeteiligung eine gute Einnahmequelle, da sie nachher durch die Lokale ziehen und reich beschenkt werden.

 Soweit der 1910 erschienene Originalbericht. Die Dienstags-Ballgesellschaft gibt es inzwischen nicht mehr (ich habe sie jedenfalls nicht gefunden) und der Einsatz als Karnevalsprinz ist wohl auch in der heutigen Zeit ein teures Vergnügen! Ansonsten klingt doch vieles ähnlich, oder?

Und an dieser Stelle kommen wir auf unsere anfangs erwähnte EhrenGarde der Stadt zurück. Als sie 1902 zum ersten Mal am Umzug teilnehmen wollten, sollte es natürlich auch ein gebührender Platz im Zug sein – und zwar vor Bauer und Jungfrau. Der Festausschuss gab den Platz jedoch nicht frei. Man holte sich Jungfrau und Bauer als Verbündete und beschloss, an einer günstigen Stelle eine Panne vorzutäuschen, so dass sich die Reitergruppe in den Zug eingliedern konnte – an ihrer gewünschten Position vor Jungfrau und Bauer. Gesagt – getan. Ruckzuck oder auf kölsch „rubbedidupp“ gelangten sie in den Zug und behaupten seitdem diesen Platz. Weil es damals „Rubbedidupp“ so schön klappte, ist das übrigens seither ihr Schlachtruf.

Bei der Sitzung passt die gesamten Ehrengarde gerade noch auf die Bühne. Besondere Aufmerksamkeit erregen – neben jeder Menge „stattlicher“ Gardisten und dem artistischen Funkenmariechen – die Kindertanzgruppe und die kleinsten Gardisten – kaum 5 Jahre und schon in Uniform mit Trommel. Sooooo süß!

Gab und gibt es auch Kölner, die keinen Karneval mögen? Da habe ich noch eine Schlussnote aus unserem Gartenlaube-Artikel:

Freilich gibt es auch eine Anzahl von Leuten, die alljährlich dem Karneval entfliehen. Aber als ich mir im vergangenen Jahre der Wissenschaft halber solche Exemplare einmal ansehen wollte und deshalb zum Waldhotel nach Königsforst hinausfuhr, dessen Wirt sein Haus durch Zeitungsanzeigen besonders als „Asyl für Fastnachtsmüde“ empfohlen hatte, da fand ich dort die ganze Gästeschar unter eifervoller Führung eben dieses Wirtes genauso singend und schunkelnd und tanzend, als ob sie in einem Restaurant mitten in der Altstadt gewesen wäre.

Heute entflieht man eher in fernere Gefilde, besonders gerne in Skigebiete – die dann allerdings mit der Spezies der „Fastnachtsmüden“ auch wieder überfüllt sind.

In jedem Fall wünsche ich allen Jecken viel Spaß beim Feiern – was man übrigens im ganzen „Rheinlande“ gut kann, nicht nur in Köln. Das habe ich persönlich bei verschiedenen Feldexperimenten getestet, sogar -bitte jetzt ganz stark sein, liebe Kölner- in Düsseldorf.

Vielleicht hat der Artikel zur Karnevalsession 2020 dann das Redoutentreiben dort zum Thema – oder ich fahre mal zur Faschingshochburg an der Isar, mal schauen!

Eure Grete

PS: Alle kursiv geschriebenen Texte sind Originaltexte des Artikels von 1910 und auch in dieser (alten) Rechtschreibung und Grammatik belassen. Meine sollte der neuen folgen…

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  • Thomas
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    Sehr schöner Artikel! Allerdings ein kleiner Schreibfehler: auch 1910 müsste die reigentanzende Gruppe vor dem Prinz schon „hillige“ Knechte und Mägde geheissen haben (heutige Schreibweise „Hellige Knäächte un Mägde „)

    • Grete Otto
      Antworten

      Lieber Thomas, danke für den Hinweis – ich werde auf jeden Fall noch mal nachschauen im Originaltext und wenn das da so steht, wird es natürlich korrigiert!

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