geschrieben von Hanns von Zobeltitz (erschienen 1908/09)

Hier erfahrt Ihr etwas über den Autor des Romans Hanns von Zobeltitz und hier geht es zur einer Einführung zum Roman.

Erstes Kapitel.

„Seine Exzellenz sind sehr beschäftigt,“ hatte der alte Emke zuerst gesagt, als er die Visitenkarte in Empfang nahm. Emke war im Laufe seiner langen Dienstzeit ein Menschenkenner geworden. – Eine Dame in Trauerkleidung! Trauerkleider liebten Exzellenz nicht gerade, Trauerkleider deuteten fast immer auf ein Anliegen hin. So etwas musste nach Möglichkeit ferngehalten werden. Aber er blinzelte doch unter seinen buschigen, weißen Brauen auf die Karte herunter: „Dorothea von Lindenbug“.

Bittstellerinnen mit adligem Namen waren eigentlich doppelt vorsichtig anzunehmen. Die hatten immer gleich Tränen in den Augen, und Exzellenz waren so weichherzig – und nachher schimpften Exzellenz.

„Seine Exzellenz sind wirklich sehr beschäftigt – “

„Bringen Sie nur die Karte hinein. Exzellenz wird mich schon empfangen.“

Emke hob etwas verwundert die Augenlider.

Die Stimme tat’s ihm an. Er hörte ja hier im Vorzimmer des Intendanten tagaus, tagein die verschiedensten Stimmen, er kannte sich aus. Eine gewöhnliche Bittstellerin war das nicht. Es lag etwas eigen Sicheres in ihrer Stimme.

Er trat vom rechten Fuß auf den linken, und dann wieder vom linken auf den rechten. Immer, wenn er schwankend in seinen Entschlüssen wurde, verlegte er das Schwergewicht seines Körpers von dem einen Fuß auf den anderen.

„Gnädiges Fräulein werden aber sehr lange warten müssen.“

„Das tut nichts. Ich habe Zeit.“ –

Am Ende hatte diese hübsche junge Dame gar nichts mit der Bühne zu tun? Hübsch war sie. Auch darin kannte Emke sich aus. Man ist doch nicht umsonst zwanzig Jahre bei der Intendanz des Hoftheaters!

Groß war sie und schlank. Und ein paar Augen hatte sie, schwarz wie die Nacht. Exzellenz sahen so etwas außergewöhnlich Hübsches auch nicht ungern.

„Wollen gnädiges Fräulein Platz nehmen? Ich will mal zuschauen, was sich machen lässt!“

Dorothea ließ sich auf den nächsten Stuhl nieder. Sie war todmüde. Nicht so körperlich, wie geistig. Die Spannkraft ihrer Seele war am Erlöschen.

Sie schloss auf ein paar Momente unwillkürlich die Augen.

Vor knapp zwei Stunden war sie in Gemar angekommen, noch zu früh, um sofort zu Exzellenz von Rakolski zu gehen. So ging sie langsam durch die Straßen, in denen ihr jede Ecke, jedes Haus so wohlbekannt, so vertraut war. Und da kamen die Erinnerungen! Vor dem altersgrauen Schloss stand sie und sah hinauf zu den Fenstern des Damastsaales, auf dessen Parkettboden sie ihre ersten Triumphe gefeiert hatte. Vor dem Hause, in dem ihre Eltern gewohnt hatten, stand sie, und die Bilder von Vater und Mutter stiegen wieder vor ihr auf: der goldige, leichtlebige, elegante Vater, der die Sorgen von sich abzuschütteln wusste wie ein paar Regentropfen; die ernste, gütige Mutter, die so schwer trug und doch immer ein liebes, mildes Lächeln auf dem Gesicht hatte. Nun ruhten sie beide in der kühlen Erde, hatten ihr Kind, das sie so heiß geliebt und so verzogen hatten, allein zurückgelassen – allein und hilflos.

Und dann war Dorothea hinausgegangen in den weiten Park an der Elm. Dort hatte sie sich die stille Bank unter den Buchen ausgesucht, auf der sie Abschied genommen von dem einen, den sie nie vergessen konnte; der um ihretwillen in die Ferne gegangen war, und der nun auch den ewigen Schlaf schlief, in fremdem Boden, niedergeworfen von einer heimtückischen Kugel.

Drei Jahre nur, dass sie dort im Park mit ihm gesessen! Im Frühling war’s! – Und nun herbstete es schon leicht, zum dritten Male. Achtzehn Jahre war sie damals gewesen – und seitdem hatte jedes Jahr ihr einen Trauerfall gebracht, bis sie nun allein, ganz allein und hilflos im Leben stand.

Nein! Nicht hilflos! Hilflos ist nur, wer mutlos ist!

Dorothea öffnete die Augen weit, fast gewaltsam.

Sie war doch nicht mutlos! Sie war doch fest entschlossen, den Kampf aufzunehmen – den harten Kampf mit dem Leben. Sie hatte doch ein Ziel vor sich, ein großes, schönes Ziel. Wo ein Ziel war, musste auch ein Weg sein. Musste –

Gerade über alle Leid und alle Schmerzen führte dieser Weg zum Ziel. Ihr fiel ein, was Goethe in der „Iphigenie“ den Arkas sagen lässt:

„Die Schmerzen sind’s, die ich zu Hilfe rufe;

Denn es sind Freunde, Gutes raten sie.“

Ihre Auge wurden wieder hell. Sie sah sich um.

Nicht viel anders war dies Wartezimmer des Intendanten als das Sprechzimmer eines großen Arztes. Aber doch wieder eine besondere Prägung, wenn man genauer zusah. Drüben an der Wand die Bilder des verstorbenen Herzogs und der Herzogin-Witwe – natürlich, wie hätte diese leidenschaftliche Theaterfreundin hier fehlen dürfen. Darunter eine lange, mit rotem Samt gepolsterte Bank. Da saßen, wie es schien, die minder Anspruchsvollen oder die minder Beachteten. Ihr hatte der alte, weißhaarige Diener einen besseren Platz angewiesen, ein zierliches Rokokostühlchen mit goldener Lehne vor dem einzigen Tisch im Raum, einem mächtigen Renaissancetisch.

Auf Dorotheens Seite war es fast leer, nur in einer Fensternische saß ein blasser Jüngling, der eine rote Mappe umklammert hielt. Drüben auf der Wartebank harrten vier weibliche Gestalten. Rechts eine junge, leidlich hübsche Person mit großem Hut und im eleganten Bolerojäckchen. Links, auf Armeslänge fast wie absichtlich getrennt, drei ehrwürdige Matronen. Sehr ehrsam; die mittelste hatte sogar eine Handarbeit herausgenommen und häkelte. Häkelte im Vorzimmer. Seiner Exzellenz, musste also wohl Erfahrung haben, wie lange man hier warten durfte.

Die junge, leidlich hübsche Gestalt hatte wohl weniger Geduld. Sie schlenkerte mit den Füßen, die in schicken Chevreaustiefeletten staken. Die drei älteren Damen tuschelten eifrig. Ab und zu fing Dorothea ein Wort auf. Die eine sprach von ihren Kindern, die andre von der Küche; dazwischen wisperten sie über den Inspizienten, wie es schien, einen sehr gestrengen Herrn. Und bisweilen schoss ein Seitenblick auf die leidlich Junge, leidlich Hübsche, der von der andern Hälfte mit einem maliziösen Lächeln erwidert wurde.

Ein paarmal ging die Tür drüben. Ein Bote hastete mit einer Aktenmappe quer durch das Zimmer, um im „Allerheiligsten“ – nach diskretem Anklopfen – zu verschwinden. Einmal kam ein Offizier. Dorothea erschrak, denn sie meinte, sie müsse ihn kennen; es war ein Irrtum. Er schritt aber, ohne sich umzusehen, sporenklirrend durch den Raum, blieb eine ganze Weile bei dem Intendanten und kam, ohne rechts und links zu blicken, zurück. Jetzt erst bemerkte Dorothea, dass er die Abzeichen der Flügeladjudanten trug. Dann tauchte ein Mann mit wallenden Künstlerlocken und einer großen Rolle unter dem Arm auf, setzte sich selbstbewusst an den Tisch und starrte sie recht herausfordernd an. Er schien sogar nicht übel Lust zu haben, ein Gespräch zu beginnen und rollte seine Papiere auseinander. „Die Entwürfe für die neuen Dekorationen zum ‚Sommernachtstraum‘, wenn es Sie interessiert – “ Nein, es interessierte sie nicht. Oder doch, es interessierte sie, aber eine Unterhaltung mit dem fremden Manne, das ging doch nicht! Dann musste sie leise über sich selber lächeln; das saß gar zu fest im Blut, diese peinliche Rücksichtnahme auf Form und Sitte – und so manches davon musste gewiss aufgegeben und abgestreift werden.

„Frau Bächthold!“ Der alte Diener steckte den Kopf ins Zimmer und rief den Namen. Es musste ähnlich wie auf dem Gericht sein, wenn die Parteien aufgerufen wurden.

Die Mittelste, Ehrwürdigste stopfte eilfertig ihre Häkelarbeit in den Pompadour und trat in das „Allerheiligste“.

„Fräulein Kretzing und Madame Wiederstein! Aber’n bissel schnell, meine Damen!“

Und zum dritten MaleL „Fräulein Gerdini!“, worauf die leidlich Junge, leidlich Hübsche wie eine Bachstelze durch das Zimmer hüpfte.

Drinnen schien es eine etwas erregte Auseinandersetzung zu geben. Trotz der doppelten Tür schallten die Frauenstimmen in das Wartezimmer, bis dann eine starke, männliche irgendein Machtwort zu sprechen schien.

„Seine Exzellenz glätten mal wieder die erregten Wogen,“ meinte der Dekorationsmaler mit dem lockigen Haupt. „Diese Choristen liegen sich ewig in den Haaren, und die alten sind die Schlimmsten.“

Es dauerte eine Weile. Dann tat sich wieder die Tür auf, die drei älteren Damen kamen im Gänsemarsche heraus, gefolgt von der leidlich Jungen, leidlich Hübschen. Alle vier hatten hochgerötete Gesichter. Kaum waren sie aus dem Bereich des gestrengen Herrn, so machten die drei Ehrwürdigen vor der leidlich Jungen einen tiefen Knicks, ganz tief, ganz devot und voll bitteren Hohns: „Ihre Dienerin, Fräulein Gert“ – „Wolh bekomm’s Mademoiselle Gerdini!“ – „Verzehren Sie’s in Gesundheit, Jungfer Adelheid!“

Und die leidlich Junge, leidlich Hübsche knickste wieder: „Ganz nach Ihren Wünschen, meine Damen!“

Da kam gerade der alte Diener zurück. „Seine Exzellenz lassen bitten, gnädiges Fräulein!“ meldete er respektvoll.

Gleich darauf stand Dorothea vor dem Intendanten.

Der Verdruss schien seiner Exzellenz noch auf der hohen Stirn geschrieben. Er erhob sich jedoch sofort und streckte Dorothea beide Hände entgegen. „Fräulein Diedel! Wahrhaftig – Fräulein Diedel! Verzeihen Sie, dass ich Sie warten lassen musste. Diese unangenehmen Zänkereien des Personals, Neid, Eifersucht, Klatschereien – ah, Sie können das ja doch nicht verstehen! Aber willkommen, herzlich willkommen! Lassen Sie sich mal ansehen – famos, großartig! Ich freue mich so herzlich, Sie zu sehen –„

Plötzlich stutzte er und wurde ein wenig verlegen. Er hatte erst jetzt bemerkt, dass Dorothea Trauerkleider trug, und es schoss ihm plötzlich durch die Erinnerung, dass ihm vor zwei oder drei Monaten, oder war’s noch länger her, die Todesanzeige von Frau Oberstleutnant von Lindenbug zugegangen war? Aber woher nur? – Man kann doch unmöglich alles behalten, und schließlich war man seit der Versetzung Lindenbugs und seinem Tode ja auch gesellschaftlich ziemlich auseinandergekommen. Aber leid tat einem das arme, hübsche Ding da – solch eine vater- und mutterlose Waise – sehr leid. Viel Vermögen war gewiss auch nicht vorhanden.

„Mein armes, liebes Kind!“ Er änderte seinen Ton. „Sie haben Schweres durchzumachen gehabt.“ Nochmals drückte er ihr die Hand. „Nun setzen Sie sich aber endlich. Hat die Mama sehr gelitten?“

„Der Tod war ihr eine Erlösung – “ Dorothea musste alle Kraft zusammennehmen, um antworten zu können. Die Tränen wollten ihr in die Augen schiessen. Aber sie überwand sich. „Noch nicht fünfzig Jahre ist Mama alt geworden – “

„Sie kommen von Blankenburg?“ Der Intendant hatte sich jetzt endlich erinnert. „Nicht wahr, Mama lebte doch zuletzt in Blankenburg im Harz?“

„Jawohl, Exzellenz. Mama wollte dort ein Pensionat gründen. Aber ihre Hoffnungen schlugen fehl, wie so vieles im Leben – “

„Und Sie stehen nun ganz allein?“

„Es ist so, Exzellenz.“ Wieder fasste Dorothea all ihre Kraft zusammen. Einmal musste es doch gesagt werden. „Ich komme mit einer Bitte – mit einer großen Bitte, Exzellenz!“

Herr von Rakolski hatte sich schon etwas Ähnliches gedacht. Ihm wurde ungemütlich zumute. Was konnte das junge Mädchen von ihm wollen? Eine Unterstützung? Die Lindenbugs waren immer sehr stolz gewesen. Seine Fürsprache? Nun ja – man musste zusehen, was zu machen war. Schon aus alter Freundschaft. Und dann war Dorothea wirklich ein liebes Mädel. Vielleicht konnte man Hoheit für sie interessieren. Hoheit hatten sie ja schon ausgezeichnet, als sie noch ein halber Backfisch war.

„Was ich tun kann, liebes Kind, was in meinen Kräften steht, das soll ganz gewiss geschehen,“ sagte er eifrig.

Sie schöpfte tief Atem. Über ihr blasses, schönes Gesicht flog eine leichte Röte. Es war doch sehr schwer, sich so ganz offen auszusprechen. Unsagbar peinlich war es.

„Ich muss etwas weit ausholen, Exzellenz,“ begann sie dann. „Als Papa zu kränkeln anfing und den Abschied einreichen musste, kaum ein halbes Jahr nach seiner Versetzung von hier, erfuhren wir, Mama, und ich, eigentlich erst, wie trübe es mit unseren pekuniären Verhältnissen bestellt war. Exzellenz haben Papa ja gekannt in seinem sonnigen Optimismus. Er glaubte den Generalsrang sicher in der Tasche zu haben, und so hatte er im Vertrauen auf seine glänzende Laufbahn das kleine Vermögen Mamas bis auf einen kleinen Rest aufgebraucht. Auch den verschlang seine Krankheit. Wir waren dann auf Mamas Witwenpension angewiesen, und wenn Mama gesund geblieben wäre, würde sie bei ihrer Umsicht und Sparsamkeit wohl ausgekommen sein. Aber da wurde auch sie krank. Es kamen sehr, sehr schlimme Tage – Wochen – Monate, bis sie dann die Augen schloss, mit der Sorge um meine Zukunft im Herzen – “

Der Intendant war aufgestanden. Er ging ein paarmal durch das Zimmer und blieb dann wieder vor Dorothea stehen. „Sie armes Hascherl! Lieber Gott, wie traurig das doch ist! Aber es ist recht, dass Sie zu mir gekommen sind. Wir wollen überlegen, was zu tun ist. Natürlich muss für Sie ein standesgemäßes Unterkommen gefunden werden.“ Nur nicht verzweifeln, liebe Diedel! Sie sind noch so jung, ich darf auch das sagen: Sie sind hübsch, sehr hübsch sogar, das Leben liegt vor Ihnen. Gewiss, es wird alles noch gut werden. Lassen Sie nur hören: Haben Sie schon irgendwelche Pläne, irgendwelche bestimmten Wünsche?“

Das sagte sie es schnell und kurz: „Ich will zur Bühne, Exzellenz!“

Und wieder flutete das Rot, diesmal in einer dunklen Welle, über ihr Gesicht.

„Unsinn – !“

Herr von Rakolski war erstaunt, war geradezu erschrocken.

„Pardon! Fräulein Diedel! Es ist aber wirklich eine ganz unsinnige Idee!“ erklärte er eifrig. „Damit dürfen Sie mir nicht kommen. Das sind Phantastereien, und ich würde unverantwortlich handeln, wenn ich diese unterstützen wollte. Ich denke gar nicht daran! Das ist für mich abgetan. Da habe ich denn doch etwas Vernünftigeres für die Tochter meines alten Freundes und Kameraden. Im Frühjahr verheiratet sich Fräulein von Wächtern, und damit wird die Stellung der Hofdame bei Prinzess Elisabeth frei. Nun – was würden Sie dazu sagen?“

Das Blut war aus dem edlen, schönen Mädchengesicht gewichen. Blass und traurig sah Dorothea aus. Dabei lag ein Zug entschiedener Ablehnung um den feingeschnittenen Mund.

„Exzellenz sind sehr gütig,“ sagte sie. „Aber ich eigne mich so gar nicht zu einer solchen Stellung. Ich muss es ehrlich gestehen: ich bin eine viel zu selbständige Natur, um mich so in eine fremde Persönlichkeit hineinfinden zu können, wie es eine Hofdame muss.“

Sie hatte bescheiden, aber sehr bestimmt gesprochen. Der Intendant hörte und sah ihren festen Willen. Er war verdrossen. Lächerlich, eine solche Chance auszuschlagen – in ihrer Lage! Aber es war doch etwas in ihrer Art, das ihn fesselte und ihm imponierte.

„Liebes Kind,“ meinte er, „Sie sind eine kleine Törin. Wer muss sich denn nicht in fremde Persönlichkeiten finden, und muss sich fremden Verhältnissen unterordnen? Jeder muss das, ich auch, und zwar mehr, als Sie ahnen. Aber des Menschen Wille soll ja wohl sein Himmelreich sein. Wenn Sie also von der guten Prinzessin Elisabeth nichts wissen wollen, werden wir etwas andres für Sie suchen.“

„Exzellenz, ich möchte zur Bühne!“

Wieder sagte sie es ganz kurz und knapp, mit scharfer Bestimmtheit.

Jetzt wurde der Intendant wirklich ärgerlich.

„Und ich will davon nichts hören. Verstehen Sie mich, Sie sprechen wie der Blinde von der Farbe! Was ahnen Sie von den Widerwärtigkeiten dieses Berufs, von den hundert Gefahren und Fallstricken, die er stellt? Was wissen Sie von den Brettern, die die Welt bedeuten – bedeuten sollen! Großer Gott! Was wissen Sie davon, wie viele sich berufen fühlen und wie wenige auserwählt sind! Das bißchen Tand und Schimmer blendet Sie einfach.“

Dorothea hatte sich erhoben.

„Dann muss ich gehen, Exzellenz – vielen herzlichen Dank für alle Güte – “

„Ach was! Dank hin – Dank her! Von Dank ist gar nicht die Rede! Und gehen? Wahrhaftig wie eine verletzte Tragödin – “

„Nein! Nein, Exzellenz!“

„Da setzen Sie sich wieder hin, und wir unterhandeln weiter wie zwei vernünftige Menschen. Wie in aller Welt kommen Sie denn nur auf diese unselige Idee?“

Sie hatte ihn gar nicht angesehen während des letzten Teils der Unterredung. Nun hob sie die Augen.

„Exzellenz, Sie tun mir wirklich unrecht,“ sagte sie offen. „Das bißchen Tand und Flitter tut es bei mir nicht. Und alles, was Sie mir von den Widerwärtigkeiten und Gefahren sagten, habe ich mir selber schon gesagt. Aber den Gefahren, meine ich, kann man aus dem Wege gehen, und Widerwärtigkeiten kann man überwinden. Hier sitzt es, Exzellenz, im Herzen sitzt es mir: da ist der große Drang in mir lebendig geworden, der unwiderstehliche Trieb!“

„Das sagen Sie alle! Und jedes kleine Lichtlein glaubt ein großer Leuchter zu werden. Fräulein Diedel, Fräulein Diedel, wissen Sie denn überhaupt, ob Sie auch nur eine Spur von Talent haben? Wer in aller Welt hat Ihnen denn das in das allerliebste Köpfchen gesetzt?“

Zum ersten Male huschte ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht, als sie etwas schalkhaft erwiderte: „Ein sehr kompetenter Beurteiler, glaube ich, es war der Intendant des Herzoglichen Hoftheaters, Exzellenz von Rakolski.“

„Aber – na hören Sie – ich dächte doch – “

„Vor vier Jahren debütierte hier ein Backfisch im Offizierskasino. Man gab die ‚Zärtlichen Verwandten‘. Seine Hoheit der Herzog beehrten die Vorstellung mit seiner Gegenwart. Vielleicht würde er sich erinnern, dass, nachdem der Vorhang gefallen war, Seine Exzellenz, der Intendant, dem jungen Ding über sein Spiel einige ganz besondere Schmeicheleien sagte – und sogar sagte: ‚Diedelchen, ich engagiere Sie vom Fleck weg!’“

Herr von Rakolski musste denn doch lachen, herzlich lachen. „Da sieht man wieder einmal, wie vorsichtig unsereiner sein muss,“ meinte er. „Das hatte ich freilich vergessen. Ja, Fräulein Diedel, Sie wissen ja aber selbst, dass es nicht ernst gemeint war. Allerdings, jetzt besinne ich mich auch, dass Sie Ihre Sache famos machten – für solch eine blutjunge Dilettantin nämlich.“

„Ich habe seitdem viel an mir gearbeitet, Exzellenz.“

„Sprechen Sie doch mal was, Fräulein Diedel!“

Es war fast, als ob sie darauf gewartet hätte. Und wenn es ihn auch jetzt ärgerte, dass er sie in einer augenblicklichen Eingebung aufgefordert hatte, so half das nichts mehr. Dorothea war schon aufgestanden, einige Schritte seitwärts getreten und begann die berühmten Einleitungsworte aus Goethes „Iphigenie“:

„Heraus in eure Schatten, rege Wipfel

Des alten, heil’gen, dichtbelaubten Haines – “

Er war überrascht. Welch prachtvolles Organ hatte Dorothea, wie Glockenton klang ihre Stimme. Aber das war es nicht allein. Es war Auffassung in ihrem Vortrag. Dies junge Mädchen hatte sich wirklich in die Gestalt der Iphigenie hineingedacht. Freilich, die Schulung fehlte; hier und dort kam ein Wort nicht klar genug heraus, dann und wann ging eine Endsilbe verloren. Aber wie sah dafür das Mädel aus! Hübsch, sehr hübsch hatte er Sie vorhin gefunden. Jetzt erst erkannte er, wie schön sie war. Nicht zu leugnen: eine blendende Bühnenerscheinung mit ihrer ebenmäßigen, hohen, schlanken Gestalt, dem klassischen Profil, den dunklen, leuchtenden Augen und der Fülle ebenholzschwarzen Haares, das der kleine Trauerhut kaum zu bergen wusste.

Bis zum Schluss ließ er sie sprechen:

„So gib auch mich den Meinen endlich wieder,

Und rette mich, die du vom Tod errettet,

Auch von dem Leben hier, dem zweiten Tode!“

„Bravo!“ Unwillkürlich klatschte der Intendant in die Hände. „Das heißt, Fräulein Diedel“ – er musste ja doch einschränken, wenn er nicht unnötige Hoffnungen in ihr erwecken wollte – „das heißt, recht brav für eine Dilettantin. Das Tippelchen auf dem i fehlt aber noch überall.“

Über ihr Gesicht leuchtete es.

„Ich weiß, wie wenig ich kann und wieviel ich noch zu lernen habe,“ sagte sie. Aber dann kam sie auf ihn zu und hob beide Hände bittend vor die Brust. „Exzellenz, raten Sie mir, helfen Sie mir! Lassen Sie mich nicht gehen! Ich muss zur Bühne! Es gibt keinen andern Weg für mich. Erzieherin – ich habe ja das Examen nicht gemacht. Diakonissin – der Beruf, der dazu gehört, fehlt mir so ganz und gar. Stütze – um Gottes willen! Das so wenig wie Hofdame. Und dann, Exzellenz, ich fühle es doch, der Himmelsfunke lebt und lodert in mir. Ich muss – ich muss!“

Da stand sie nun dicht vor ihm, sah ihn mit ihren großen, dunklen Wunderaugen flehend an, und er wurde schwankend; schalt mit sich, dass er’s wurde, und überlegte doch schon, wie er raten und helfen könnte.

„Es ist ja Unfug, Fräulein Diedel! Es ist ja unverantwortlich!“ brummte er. Aber er fuhr fort: „Übrigens bin ich wirklich nicht genug Fachmann, um Ihnen gut raten zu können. Da müsste man mal – ich will mal hören, ob der Ecker noch drüben im Bureau ist. Kennen Sie ihn? Nein, natürlich nicht – er ist erst hergekommen, nachdem Papa versetzt war. Unser erster Regisseur.“

Während er sprach, hatte er schon geschellt. Der alte Diener kam. Jawohl, Herr Ecker war noch im Bureau. „Ich lasse ihn auf ein paar Minuten bitten. Wer ist noch im Vorzimmer?“

„Herr Klingelberg.“

„Um aller guten Götter willen. Sagen Sie ihm, ich hätte keine Zeit. Sagen Sie dem blonden Jüngling, ich sei schwerkrank. Emke, sagen Sie ihm, ich sei gestorben! Fräulein Diedel, das ist nämlich ein Dichter, der alle Monate einmal mit einem neuen Drama bei mir erscheint und mir persönlich daraus vorlesen will, und dazu ist er ein Protegé der Prinzessin Elisabeth – schrecklich! – Wer sonst noch, Emke?“

„Herr Wiedehold, Exzellenz.“

Der Intendant stöhnte. „Ja, das hilft nichts. Die neuen Prospekte muss ich begutachten. Lassen Sie ihn herein, Emke. Sie müssen entschuldigen, Fräulein Diedel.“

Dorothea trat ganz tief in eine der Fensternischen.

Ihr Herz war so voll. Nach aller Ermutigung war jetzt etwas wie frohe Siegesgewissheit in ihr. Sie fühlte ja deutlich, welchen Eindruck sie gemacht, dass sie schrittweise Terrain gewonnen hatte. Der gute alte Rokolski! Dankbar sah sie zu ihm hinüber. Er stand jetzt neben dem Dekorationsmaler am Arbeitstisch, hatte den Zwicker aufgesetzt und beugte sich über die Zeichnungen. Die letzten vier Jahre waren auch nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Die Fältchen in dem glattrasierten Gesicht hatten sich vertieft, das Haar war fast weiss geworden. Und Dorothea erinnerte sich plötzlich, dass er schon vor Jahren einmal zu ihrem Vater gesagt hatte: „Theaterjahre sind Kriegsjahre und sollten von Rechts wegen doppelt zählen!“

Theaterjahre sind Kriegsjahre! Der Kampf würde auch ihr nicht erspart werden. Das Ringen würde schwer werden. Aber hinter Kampf und Ringen stand der Sieg – der herrliche, große Sieg!

Dann pochte es, und Herr Ecker erschien. Ein langer, hagerer Mann mit einem finsteren, blassen Gesicht. Man konnte ihm nicht ansehen, wie alt er sein mochte, vielleicht zählte er kaum dreissig, vielleicht schon fünfzig Jahre. Wie ein Fanatiker sah er aus.

Wieder schlich die zage Unsicherheit in Dorotheens Herz. Sie fürchtete sich fast vor dem Mann in dem eng anliegenden, schwarzen Gehrock, der nun zum Urteil über sie aufgerufen war.

Der Intendant entließ den Zeichner und sprach leise mit dem Regisseur. Von ihr war die Rede. Ein paarmal blickte Rakolski zur Fensternische herüber. Dann rief er sie. Nicht mehr „Fräulein Diedel“, sondern „Fräulein von Lindenbug“.

„Herr Ecker will Sie sprechen hören.“

Sie fühlte, ohne ihn anzusehen, die Augen des fremden Mannes musternd auf sich ruhen. Es war, als zergliedere er sie.

Langsam kam sie näher. „Was soll ich sprechen?“ fragte sie beklommen.

Aber im gleichen Moment sah sie in den Augen des Regisseurs ein helles Aufleuchten, gleich einem Ausdruck der Zufriedenheit, des Wohlwollens, das ihr ihre Sicherheit wiedergab. Und es klang nicht unfreundlich, als er erwiderte: „Bitte – es kommt zunächst nicht so darauf an. Sprechen Sie irgend etwas, von dem Sie glauben, dass es Ihnen liegt. Prosa, wenn möglich.“

Sie sann einige Augenblicke nach. Prosa – Prosa? Das lag ihr eigentlich weniger. Schließlich fielen ihr die Worte der Amelia aus den „Räubern“ ein:

„Du weinst, Amelia?“ Bis zum Schluss sprach sie, bis: „Ha, ich will ihn fliehen! Fliehen! Nimmer sehen soll mein Auge diesen Fremdling!“

„Und nun Verse, bitte, gnädiges Fräulein. Vielleicht den großen Monolog der Jungfrau.“

Das glückte ihr, wie sie fühlte, besser. Sie merkte auch während des Sprechens, dass Ecker sehr aufmerksam folgte.

Dann entstand eine Pause, bis der Intendant fragte: „Nun, lieber Ecker, Ihr Urteil?“

Der Regisseur machte Dorothea eine kleine, höfliche Verbeugung. „Ohne Zweifel ein schönes Talent. Dass die Begabung noch nicht entwickelt ist, wird sich das gnädige Fräulein gewiss selbst sagen. Ob sie ganz hält, was sie heute verspricht – wer vermag das mit Bestimmtheit zu sagen – “

„Weiter, weiter!“ drängte der Intendant.

Ecker sah auf Dorothea. Es war, als ob er etwas in ihrem Gesicht zu lesen versuchte, als forschte er nach den Regungen ihrer Seele. Wie in Blut getaucht stand sie da. Aber auch sie bat: „Sagen Sie mir ganz offen, was Sie denken. Ich bin ja so dankbar.“

Er überlegte noch einen Moment. Dann sagte er: „Gnädiges Fräulein, Sie haben so vieles, was für Sie eine erfolgreiche Laufbahn zu prädestinieren scheint. Eine glänzende Erscheinung – bitte, ich muss das betonen, denn es ist für unsern Beruf wichtig – ein schönes, ausdrucksvolles Antlitz, ein paar sprechende Augen, ein herrliches Organ, das Sie immerhin schon recht anerkennenswert geschult haben. Aber, wenn ich ganz ehrlich sein soll, zureden kann ich dennoch nicht.“

„Bravo!“ rief Rakolski.

„Und warum nicht?“ fragte Dorothea tonlos.

„Es ist schwer zu erklären, dies Warum, denn eigentlich spricht nur eine innere Stimme zu mir: Rate ab! Unser Beruf ist so voller Dornen, gerade für ein junges Mädchen aus Ihren Kreisen, er birgt so viele Enttäuschungen, dass nur ein eiserner Wille und nur der übergewaltige Trieb der Seele darüber hinwegtragen können.

„Das habe ich mir auch selber gesagt. Das hat mir Exzellenz auch schon, mit andern Worten, vorgehalten. Ich bitte Sie, nehmen Sie an, ich hätte diesen eisernen Willen, es lebte in mir der Himmelsfunken – ich fühle ihn ja! – und dann entscheiden Sie. Sie entscheiden über mein Lebensschicksal!“

Wieder sah er sie aus seinen seltsamen Augen forschend, prüfend an.

„Wie alt sind Sie, gnädiges Fräulein? Verzeihen Sie die unter andern Verhältnissen unhöfliche Frage.“

„Ich wurde im Sommer einundzwanzig Jahre.“

„Waren Sie immer ganz gesund? Haben Ihre Nerven je versagt?“

„Ich habe Nerven wie Stahl. Ich bin nie krank gewesen, ich entsinne mich wenigstens nicht.“

„Wissen Sie, dass Sie noch völlig Anfängerin sind? Dass Sie von Grund aus lernen müssen? Dass es sich dabei erst zeigen kann, ob Sie auch das Temperament für unsre Kunst besitzen?“

„Ich weiss es. Ich werde nie kleinmütig sein.“

Es war gleichsam Schlag auf Schlag gefallen: Rede und Widerrede.

Noch einmal ruhte der forschende Blick des Regisseurs auf Dorothea. Vielleicht mochte Ecker die Antwort auf seine letzte Frage zu ergründen suchen, die sie nicht beantwortet hatte.

Dann sagte er plötzlich: „Gut also. Ich glaube jetzt, man kann es verantworten. Versuchen Sie es – und Göttin Thalia sei Ihnen gnädig!“

„Sie sind ein Verräter!“ schrie der Intendant auf.

Aber Dorothea stürzte auf Ecker zu, mit ausgestreckten Händen. „Ich danke Ihnen! Wie danke ich Ihnen!“ rief sie mit bebender Stimme.

Sie war fieberhaft erregt, ihr Gesicht glühte, ihre Augen strahlten. ‚Wie wunderschön ist sie!‘ dachten die beiden Herren wieder, und beide sagten sich zugleich, welch köstliche Mitgift diese Schönheit gerade für die Bühne bedeutete. Sagten sich, wie selten die Theatergeschichte von hässlichen Schauspielerinnen berichtet, die Triumphe feiern konnten. Das waren dann wahrhaft große Genies. Aber selbst starke Talente brechen sich ohne die Wundergabe der Schönheit nur schwer Bahn. Das Publikum will schöne Frauengestalten auf den Brettern sehen, die die Welt bedeuten. Und das Publikum ist allmächtig.

Der Intendant hatte sich wieder auf den Sessel vor seinem Arbeitstisch gesetzt und bat Ecker und Dorothea, auch Platz zu nehmen. Er war, nun die Würfel gefallen schienen, selbst gehobener Stimmung, lächelte Dorothea zu und klopfte dem Regisseur auf die Schulter. „Na ja, mein Lieber, ein Verräter sind Sie, dabei bleibt es. Aber ich verstehe Ihre Entscheidung, verstehe Sie vollkommen. Nun müssen wir jedoch weiter beraten: Was soll Fräulein von Lindenbug zunächst tun?“

Vorhin hatte Dorothea einen sehnsuchtsvollen Blick aus dem Fenster geworfen. Drüben, jenseits der Straße, breitete sich die stattliche Front des Herzoglichen Theaters. Das Denkmal der beiden Dichterfürsten Goethe und Schiller erhob sich davor. Ihr träumte, aber sie wagte den Gedanken kaum völlig auszudenken: ‚Dort, gesegnet von ihnen, wirst du deinen Einzug in Thaliens Reich halten.‘

Da begann Ecker: „Eine gründliche Schule muss die Grundlage bilden. Exzellenz wissen das besser als ich. Bringt man eine Anfängerin gleich auf einer größeren Bühne unter, so ergibt sich fast immer ein Misserfolg, der nicht wieder gutzumachen ist. Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder eine gute Theaterschule – Berlin bietet ja gerade jetzt die reichste Gelegenheit – oder der Anfang auf einer ganz kleinen Bühnen, die sozusagen das Handwerk in der Praxis lehrt. Ich denke, das gnädige Fräulein wird zweifellos den ersten Weg wählen.“

Das war die erste Enttäuschung auf der neuen Laufbahn. Ade, du Traum– du schöner Traum –

Und die Enttäuschung, auf ein Engagement in Gemar verzichten zu müssen, tat’s nicht allein. Der Besuch einer Theaterschule in dem teuren Berlin, wie sollte sie den erschwingen?

Sie schwieg und senkte traurig den Kopf.

Der Intendant suchte ihr zu Hilfe zu kommen. „Sie können vor Herrn Ecker ganz offen sprechen, Fräulein von Lindenbug,“ sagte er. „Auch über Ihre pekuniäre Lage. Es ist ja wahrhaftig keine Schande, arm zu sein. Wie steht es: Werden Sie den Besuch einer Theaterschule ermöglichen können?“

„Nein,“ kam es gepresst von Dorotheens Lippen. „Wenn ich alles zusammennehme, was mir bleibt, sind es kaum dreitausend Mark. Ein letzter Notgroschen – ich müsste ja doch auch wohl daran denken, dass ich ihn mir möglichst für meine Bühnenausstattung reserviere.“

Es entstand eine Pause.

Ecker sah wieder prüfend auf das junge Mädchen. Er dachte: ‚Du hättest doch wohl abraten sollen. Du würdest gewiss abgeraten haben, wenn Du das gewusst hättest.‘

Mit gesenktem Kopf saß Dorothea da. Aber plötzlich hob sie die Augen. Ihr Entschluss war gefasst. Es musste ja sein.

„So raten Sie mir, wie und wo ich ein Unterkommen an einer kleinen Bühne finde,“ sagte sie entschlossen. „An einer Bühne, an der ich wirklich lernen kann.“

Die Blicke der beiden Herren begegneten sich.

„Exzellenz haben vielleicht von dem alten Reesemann gehört, bei dem Herr Maurer begann. Er ist ein alter Praktikus, um den es eigentlich schade ist. Augenblicklich gondelt er mit seiner Truppe zwischen einigen kleinen, holsteinischen Städten herum. Wenn ich einmal bei ihm anfrage, und wenn Exzellenz einige empfehlende Worte hinzufügten – “

„Das ist ein guter Gedanke!“ Der Intendant nickte lebhaft Beifall. „Der Mann ist nicht übel, soviel ich weiss. Ist jedenfalls einer der Besseren. Wir können es wenigstens versuchen.“

Ecker stand auf und bot Dorothea die Hand. Ein paar Augenblicke hielt er sie fest in der seinen. „Glückauf, gnädiges Fräulein!“ sagte er ernst. „Und möge es Sie niemals gereuen – “

Dorothea hatte sich von dem Intendanten, Exzellenz von Rakolski, verabschieden wollen. Aber er ließ es nicht zu. Sie musste heute sein Gast sein. „Meine Frau würde es mir nie verzeihen, wenn ich die kleine, liebe Diedel, die nun ein großes, schönes Mädchen geworden ist und eine große Künstlerin werden will, ihr nicht brächte. Fräulein Diedel, machen Sie sich übrigens auf eine Strafpredigt gefasst. Dass Sie nicht zuerst zu meiner Frau gekommen sind, verzeiht sie Ihnen so leicht nicht.“ –

Es wurde nicht so schlimm. Die gute Exzellenz konnte ja überhaupt nie ernstlich böse werden. Sie war viel zu beliebt und viel zu bequem dazu. Wie eine Kugel rollte sie sich tagsüber, wenn es sein musste, durch die lange Zimmerreihe der Dienstwohnung; wie ein kleiner Pudding thronte sie fast allabendlich in der Indentanturloge und folgte ohne sonderliches Verständnis, aber mit brennendem Interesse den Vorgängen auf der Bühne. Ehedem, als Marienbad ihr noch jährlich ein paar Pfund abnahm, sollte sie von starker Eifersucht auf jede hübsche Erscheinung zwischen den Kulissen beseelt gewesen sein – wer kann das der Gattin eines Intendanten verdenken! – jetzt hatte sie sich auch das abgewöhnt. So konnte sie ohne Herzenskämpfe für das Theater im allgemeinen und für das Hoftheater im besonderen schwärmen und bald eine junge Schauspielerin, bald einen ersten Helden begönnern. Aus der großen Geselligkeit machte sie sich nichts, fast zu wenig für die Frau eines Mannes, der zu den oberen Hofchargen zählte. Die Hofgesellschaften selbst waren ihr sogar eine Qual. Aber den freundschaftlichen Verkehr im eigenen Hause pflegte und liebte „Tante Pummelchen“, wie Ihre Exzellenz heimlich von halb Gemar genannt wurde. Ganz Gemar aber kannte sie mit ihren drei Möpsen, die sich so ähnlich sahen, dass angeblich nur sie selber die kugelrunden Vierfüßler mit Sicherheit zu unterscheiden vermochte; sogar der Intendant musste sich darauf beschränken, zu wissen, dass Siddy ein rosarotes, Liddy ein marineblaues und Piddy ein stahlgrünes Seidenbändchen um den Hals trugen und daran zu erkennen waren.

 

Ihre Exzellenz hatte vor hellem Vergnügen in die Hände geklatscht, als sie „Diedelchen“, das „süße Diedelchen“ wiedersah. Sie hatte Dorothea, die ihr die Hand küssen wollte, sofort stürmisch an ihr Herz gezogen; und als Siddy, Liddy und Piddy sich dem jungen Mädchen wohlgeneigt erwiesen, hatte Ihre Exzellenz schmunzelnd gemeint: „Ja, diese klugen Tiere wissen, was schön ist.“

Aber nachdem Ihre Exzellenz erfahren hatte, was Diedel nach Gemar führte, was heute Vormittag auf dem Intendanturbüro erwogen und beschlossen worden war, hob sie die Hände beschwörend gen Himmel. Trotz all ihrer Schwärmerei für die Bühne konnte sie Dorotheens Wille und Absicht nicht verstehen, nicht billigen. „Kindle – das Theater! Kindle, es ist was Herrliches darum! Aber für dich – großer Gott, mir graust bei dem Gedanken, dass Du Komödie spielen sollst. Ich kenne das doch! Über fünfzehn Jahre kenne ich das nun.“

„Fritzle.“ wandte sie sich dann an ihren Mann, „bist du denn ganz von Sinnen, dass du das zugibst? Unser Diedelchen! Wo nimmst du denn nur den Mut der Verantwortung her? Du weisst doch am allerbesten, wie viele Fallgruben solch armem Ding gestellt werden – Du weisst es sozusagen aus eigenster Anschauung. Was? – Anfangen an einem kleinen Theater? Fritzle, ich kenne dich nicht wieder. Ich bin wahrhaftig nicht adelstolz, aber unser Diedelchen – Fritzle, das Herz dreht sich mir im Leibe um – “

Herr von Rakolski tat, was er stets tat, wenn Ihre Exzellenz sehr lebhaft wurde: Er tat nämlich gar nichts. Er saß ihr gegenüber, drehte die Daumen übereinander, eine Weile links- und eine Weile rechtsherum, und schwieg, bis der Sturm sich ausgetobt hatte, was nach seiner langjährigen Erfahrung bei der Kurzatmigkeit seiner Gattin nie allzulange auf sich warten ließ.

Sonst sah er dabei immer abwechselnd auf Siddy, Liddy und Piddy und stellte vergleichende Beobachtungen über den geistreichen Ausdruck der drei Mopsgesichter an, die in solchen Momenten starr und steif zu ihrer Gebieterin hinaufzublicken pflegten. Heute aber sah er nur auf Dorothea. Es war ein Zug in ihrem schönen Antlitz, von dem er nicht loskommen konnte. Je länger seine Frau sprach, desto mehr vertiefte er sich. Die starken Brauen zogen sich zusammen, dass sie sich oberhalb des feinen Nasenrückens fast berührten, und die großen Augen sahen starr und wie trotzig vor sich hin. Trotzig – wahrhaftig ja! Und gewissermaßen beruhigte ihn das: es war ganz gut, sehr gut war es, wenn das Mädchen einen Trotzkopf hatte. Sie würde ihn brauchen können in der harten Lebensschule, die vor ihr lag. Trotz war ja doch wohl der Stiefbruder von Willensstärke.

 

Endlich ging nun Ihrer Exzellenz doch die Luft aus. Sie holte noch ein paarmal tief Atem, stieß noch einmal hervor: „Fritzle, das vergebe ich dir nie!“ und dann schwieg sie.

„Ja,“ wollte er da sagen, „ja, Trudel, du hast vollkommen recht – “ Das war nämlich sein in langer Erfahrung erprobtes Rezept. Wenn er seiner Frau beweisen wollte, dass sie unrecht hätte, begann er stets mit der starken Versicherung, dass sie absolut im Rechte wäre; daran ließen sich dann die „Wenn“ und „Aber“ desto bequemer anfügen.

Er kam jedoch diesmal nicht zu Worte, denn Dorothea sagte sofort: „Exzellenz sind so gütig!“

„Du sollst Tante zu mir sagen, Diedelchen – “

„Liebe Tante, du bist so gütig, und ich bin dir so dankbar. Ich habe das ja auch alles schon hundertfach erwogen und überlegt, auch heute morgen wieder, als mir Seine Exzellenz fast die gleichen Vorstellungen machte – “

„Hat das der Fritz wirklich getan?“

„Gewiss, liebe Tante, und sehr ernst. Aber ich habe mir nun einmal meinen Weg und mein Ziel vorgezeichnet, und ich will den Weg gehen, und ich werde mein Ziel erreichen.“

„Ach, du Törin!“

„Vielleicht bin ich das. Nur weiss ich bestimmt, dass ich auf jedem andern Wege gewiss nicht glücklich werden würde.“

Sie hatte so bestimmt gesprochen, dass Frau von Rakolski nicht sofort eine Erwiderung fand. Aber doch nicht allein deshalb, weil Dorothea so eigen fest sprach. Es kam noch etwas andres hinzu. Aus der Stimme des jungen Mädchens war ihr ein Unterton entgegengeklungen, der sie rührte. So sprechen Frauen, die irgendwin großes Unglück, irgendeinen großen Schmerz noch nicht völlig überwunden haben. Nun freilich – das arme Diedelchen hatte beide Eltern verloren –

„Trudel, können wir nicht endlich Kaffee trinken?“ fragte Rakolski dazwischen.

Diese Männer waren doch entsetzlich materiell. Aber man tat am besten, ihnen in allen Kleinigkeiten den Willen zu tun, und man liebte doch auch selbst den gemütlichen Kaffeetisch. Es hatte sich heute sowieso schon alles verschoben.

 

So erhob sich denn Frau von Rakolski und kugelte ins Nebenzimmer. Hinter ihr her kugelten sich Siddy, Liddy und Piddy. Dann erst folgten der Intendant und Dorothea. „Das alles werde ich noch öfter hören müssen, Fräulein Diedel,“ raunte er unterwegs ihr leise zu. Sie antwortete nicht.

Dann saß man um den runden Tisch, auf dem die silbernen Kannen, ein Geschenk Ihrer Hoheit der Herzogin-Witwe zur silbernen Hochzeit, blinkten. Umständlich und mit betonter Behaglichkeit schenkte Frau von Rakolski den Kaffee ein. „Natürlich doch Kaffee, Diedelchen, und nicht Tee, zu dem mein Fritzle schwört, seit der ‚Fünfuhrtee‘ bei den Allerhöchsten Herrschaften modern geworden ist – “ Umständlich kreisten die silbernen Schalen mit dem Napfkuchen und den gebutterten Grahambrotschnitten. Ihre Exzellenz teilte an Siddy, Liddy und Piddy aus und genehmigte sich selber ein reichliches Portiönchen.

„Aber, liebe Trudel, denke daran, was der Arzt gesagt hat,“ wagte Seine Exzellenz schüchtern zu bemerken.

„Der Doktor kann mir gestohlen bleiben. Ich werd‘ halt doch nicht dünner, ob ich mich kasteie oder nicht. Gottlob, seien wir froh, wenn’s mir noch schmeckt.“

Bei der zweiten Tasse Kaffee begann Frau von Rakolski plötzlich wieder vom Theater und Dorotheens Plänen zu sprechen. Aber ihr lebhafter Geist hatte, wie sie es bei andrer Gelegenheit wohl auszudrücken liebte, inzwischen einen „Hopfer“ gemacht. Sie sprach nicht mehr von Widerwärtigkeiten, Fallstricken, Schwierigkeiten, sondern sie rechnete mit Tatsachen.

„Kindl, hast du ’nen Begriff, was die Kostüme kosten, wenn du dich nur so halbwegs anständig herausbringen willst? Ich sag‘ dir, das rennt ins Geld. Aber da erlaub‘ nur, du armes Hascherl, dass ich an dein liebes Mütterl denk‘ und ein bissel für dich mit sorge. Weißt, Fritzle,“ fuhr sie in ihrem halben Schwäbisch fort, dass ihr immer noch aus der Kinderzeit anhaftete, „ich werd‘ mal mit der Ehlinger ein vernünftiges Wort reden. Die wollt‘ halt so schon allerlei Kostüme ausrangieren. Und dann will ich mich hinter die lange Karoline stecken. Nämlich, Diedel, das ist, wenn du’s vergessen hast, die Kammerfrau von der Prinzessin Elisabeth. Also mit der will ich reden. Die hat immer Staat von der Hochzeit zu verkaufen, nur einmal, höchstens zweimal getragen. Und eh’s der Trödler kauft, ist’s doch besser, man verschafft’s so ’nem lieben, armen Mädel wie unserm Diedelchen. Was wirst denn rot, Diedel? ’s ist noch nimmer eine Schand‘ gewesen, wenn man kein‘ vollen Geldsack hat.“

 

Die gute Exzellenz kam am Kaffeetisch immer etwas ins Schwatzen, heute aber besonders. Es währte nicht lange, und sie stak mitten in alten Erinnerungen. Von der Herzogin-Witwe und der Prinzess Elisabeth samt der langen Karoline ging es auf die Zeiten, in denen Dorotheens Vater als junger Hauptmann nach Gemar versetzt worden war, in die Tage zurück, in denen sich die Freundschaft mit Rakolskis wieder angesponnen hatte. Dorothea vergaß fast, dass diese Freundschaft eigentlich gar nicht recht über die Gemarer Zeit der Eltern hinausgedauert hatte, so lebhaft schilderte sie Ihre Exzellenz. Dorothea sah dabei gleichsam sich selber wieder aufwachsen, vom Schulröckchen an bis zum ersten langen Kleide und dem ersten Jahr, in dem sie in die Geselligkeit eingeführt wurde, in dem Himmel und Erde ihr mit duftenden Rosen bestreut schienen.

„Weißt noch, Diedel? Kannst dich noch erinnern?“

Und dann fiel plötzlich ein Name, der Dorothea das Blut ins Gesicht schießen und sie gleich darauf wieder sehr bleich werden ließ.

„Wenn ich so denk‘, wie hübsch du immer ausgeschaut hast, du holde Siebzehn damals. Einmal besonders – das hab‘ ich nimmer vergessen. Das war bei Kratz – ja, der gute Oberst Kratz, der ist nun auch schon in die himmlischen Heerscharen versetzt worden. Ganz deutlich seh‘ ich dich noch, Diedelchen, in deinem rosa Fähnchen den ersten Lancier tanzen mit dem armen Kastrop. Ach, du meine Güte, das arme liebe Kerlchen. Muss den der Ehrgeiz packen, meldet sich nach Deutsch-Südwest, und kaum ist er drüben, grad‘ noch im Anfang des Krieges, da bekommt er einen Schuss in die Stirn. Von oben herab, aus ’nem Baum hat ihn ein Schwarzer erschossen.“

Ganz tief in den Sessel hatte sich Dorothea zurückgelehnt, hatte die Augen geschlossen und dankte dem Himmel, dass die Dämmerung sich schon leise ins Zimmer schlich.

„Ja, der Kastrop! Etwas leicht soll er ja gewesen sein und ’s Herz immer in der Hand. Aber solch hübsches, flottes Kerlchen, man hat ihn doch halt liebhaben müssen. Nachher ist der Bruder noch mal hier gewesen – weisst du, Diedelchen, der Älteste, der Majoratsherr – und hat bezahlt, was so zu zahlen war. Ein paar Schulden hat ja halt jeder Leutnant. Der Fritzle da, wie wir geheiratet haben, der hatte auch Schulden. Gelt, Fritzle, wenn ich nicht so gut Ordnung gehalten hätt‘!“

 

Aber Fritzle hörte nicht mehr. Der Diener hatte ihm gerade eine Visitenkarte gebracht. „Der Herr bittet in einer ganz dringenden Angelegenheit – “ Fritzle hatte das Monokel und das Intendantengesicht aufgesetzt.

„Es ist wahrhaftig zu toll! Denkt man mal, dass man einen ruhigen Abend hat! Aber nein – bis hierher wird man verfolgt. Als ob dazu nicht das Büro da wäre?“

„Wer ist’s denn?“ fragte Ihre Exzellenz. „So reg‘ dich doch nicht so auf, Fritzle. Du kriegst noch mal ’nen Schlaganfall.“

„Maurer – Herr Edgar Maurer – “

„Unser neuer erster Held, Diedelchen. Großartig! So nimm ihn doch an, Fritzle. Er käme halt doch sicher nicht, wenn’s nicht ein‘ ganz besondre Ursach‘ wär‘.“

Der Intendant erhob sich. „Führen Sie Herrn Maurer in mein Zimmer. Ich lasse bitten,“ beschied er den Diener. „Ja – großartig. Das sagt meine Frau so. Er ist aber auch sehr anspruchsvoll, Fräulein Diedel, über alle Maßen anspruchsvoll. Ich bin doch wahrhaftig neugierig. Na – man wird ja hören. Übrigens,“ schloss er schon halb im Hinausgehen, „der Maurer hat auch an einer kleinen Bühne angefangen – “

Es dauerte ein Viertelstündchen. Der Diener brachte die Lampen. Frau von Rakolski schwatzte und schwatzte, spielte und schalt dazwischen ein wenig mit den Möpsen und schlürfte langsam die letzten Schlucke aus ihrer Tasse.

Und Dorothea saß mit halbgeschlossenen Lidern und sann der Vergangenheit nach. Was hatte der eine Name wieder alles in ihr aufgewühlt: Seligkeit der Seligkeiten, maigrünes Hoffen, jubelnde Gewissheit, Harren und Bangen, bittere Enttäuschung, Trauer und Schmerz! „Ein bißchen leicht,“ sagte Frau von Rakolski, „sei der Geliebte gewesen!“ Ja! Ja doch: Ein Philister war er nicht. Er ging nicht dem Schema nach, er konnte wohl auch nicht mit dem Pfennig rechnen. Er überlegte auch nicht, wo sein Herz jubelte, ob das Mädchen, das er liebte, den „richtigen goldenen Hintergrund“ besaß. Was hatten sie denn beide damals überlegt? Schulden hatte er gehabt. Aber, was bedeuten diese paar hundert, diese paar tausend Mark vielleicht für den Bruder, dem der Zufall der Geburt die großen Familiengüter in den Schoß geworfen hatte? Was hätte es für diesen Bruder bedeutet, wenn er von seinem Überfluss dem jüngeren die bescheidene Rente würde sichergestellt haben, die sie beide zur Verheiratung gebraucht hätten? Wie sicher hatten sie beide auf ein frohes Ja gehofft, auf ein Ja gerechnet, bis dann das kühle, ablehnende Nein kam, das sie trennte und Robert hinaustrieb in die Ferne, in den unglückseligen Krieg –

 

Draußen klangen Schritte, klang die Stimme des Intendanten und eine andre, fremde, wohlklingende. Der Schauspieler verabschiedete sich wohl, der „Kollege“, der auch an einer kleinen Bühne angefangen hatte.

Dann ging plötzlich die Tür.

„Erlaube, Getrud, ich glaube, du kennst Herrn Maurer noch nicht persönlich – Herr Edgar Mauer! – Fräulein von Lindenbug! – Herr Maurer kann uns einiges von Herrn Reesemann erzählen, Fräulein Diedel – “

Dorothea war aufgeschreckt.

Sie sah jenseits des Tisches, im Lichtkreis der großen Lampe, einen schlanken jungen Mann mit scharfgeschnittenem bartlosen Gesicht, einem Profil von wahrhaft klassischen Linien und einem Paar großen, leuchtenden Augen, die fragend auf sie gerichtet waren. Um den weichen Mund spielte ein leichtes Lächeln.

Sie sah, wie er Ihrer Exzellenz die Hand küsste, sah, wie er ihr selber eine tadellose Verbeugung machte.

Und sie empfand und wusste im gleichen Augenblick mit prophetischer Gewissheit, dass dieser Mann in ihrem Leben eine große Rolle spielen würde. Es warihr nicht anders, als ob ihr Schicksal in der weißen, schmalen, wohlgepflegten Hand liege, die er ihr entgegenstreckte: „Ich darf Sie als Kollegin begrüßen, gnädiges Fräulein. Per aspera ad astra!“ (Übersetzung: Zu den Sternen durch Schwierigkeiten).

Zweites Kapitel

„Eine Minute Aufenthalt!“ riefen die Schaffner.

„Schnell, schnell, Minna! Der Zug fährt gleich wieder ab.“

Recht hilflos stand Dorothea auf dem Bahnsteig. Hinter ihr kramte Minna, die treue, alte Minna, die die Eltern schon durch ein halbes Dutzend Garnisonen begleitet hatte, aus den unergründlichen Tiefen des Abteils dritter Klasse ein Stück Handgepäck nach dem andern heraus. Mit aller Seelenruhe, das war von ihren vielen guten Eigenschaften vielleicht die beste, denn aus ihrer Ruhe ließ Minna sich nicht bringen.

Der Ostwind pfiff über den Bahnhof, und es war bitterkalt, doppelt kalt nach der langen Fahrt in dem überheizten Wagen. Dorothea fröstelte, und zum ersten Male durchzuckte sie der beängstigende Gedanke: „Nur sich nicht erkälten. Nur nicht heiser werden.“

„Hast du alles, Minna? Liebe Minna, so eil‘ dich doch!“

„Man bloß noch die Plaidhülle, gnä‘ Fräulein – “

Dann fuhr der Zug weiter in die Winternacht hinaus. Das helle Licht, das aus den Wagenfenstern auf den Bahnsteig gefallen war, verblich. Der Wagen, aus dem sie gestiegen, war einer der letzten gewesen; nun standen sie, ganz am Ende des Perrons, im Dunkeln. Nur von fern leuchteten, vom Bahnhofsgebäude her, ein paar trübselige Gaslaternen.

„Gepäckträger scheint’s in Neumöller noch nicht zu geben,“ meinte Minna gelassen, „Ich werde man gehen und sehn, dass ich ’ne Mannsperson krieg‘. Alleine schaff‘ ich’s doch nich. Aber Sie müssen derweil hierbleiben, gnä‘ Fräulein, und aufpassen. Acht Stück sind’s.“

Dorothea schlug den Kragen der Pelzjacke hoch. Jetzt fröstelte sie nicht mehr, sie fror. Acht Stück, natürlich, die gute Minna hatte ja möglichst wenig Gepäck aufgeben wollen, um zu sparen. Es kostete sowieso noch genug. Sparen, sparen war jetzt die Losung. Sparen, wieder sparen und noch einmal sparen! Eine erste Liebhaberin mit ganzen fünfundsiebzig Mark Monatsgage muss wohl sparen! –

Es begann leicht zu graupeln. Dorothea sah mit Schrecken, wie sich die Flocken auf den kleinen Berg des Handgepäcks legten. Wenn die Hüte litten! Und in der Plaidhülle hatte Minna das Kostüm der Maria Stuart untergebracht, weil der große Koffer schon fort war, als die gute Frau von Rakolski es endlich schickte. Abgelegter Kram aus Gemar! Ach, und doch wie willkommen für die erste Liebhaberin an den vereinigten Stadttheatern von Neumöller, Herte und Tenburg, Direktion Eduard Reesemann. Du lieber Gott! Und Neumöller, dies Neumöller sollte die größte Stadt unter den dreien sein!

Wo nur Minna blieb?

Direktion Eduard Reesemann! Immer, wenn Dorothea an den Namen dachte, fiel ihr der Kontrakt wieder auf die Seele, den sie hatte unterzeichnen müssen. Vier enggedruckte Seiten und – so schien es ihr – auf jeder Seite ein halbes Dutzend Wolfsgruben. Vater hatte manchmal von den militärischen Kriegsartikeln erzählt, dass fast jeder Artikel den Tod androhte. In diesem Vertrag aber hieß es immer wieder: Die Direktion ist berechtigt, das Mitglied sofort zu entlassen – , die Bühnenleitung kann den Vertrag an jedem Tage der vereinbarten Probezeit lösen – , die Bühnenleitung ist nur zur Zahlung eines Drittels der Gage verpflichtet, wenn – , der Bühnenleitung steht an jedem Tage eine achttägige Kündigung frei, wenn –

Wo blieb nur Minna?

Überhaupt dieser Vertrag! Wie das alles werden sollte? Was man für Verpflichtungen auf sich nehmen musste – für fünfundsiebzig Mark Monatsgage. Die männlichen Mitglieder hatten es noch gut, denen wurden wenigstens die historischen Kostüme geliefert. Aber die armen Frauen waren verpflichtet, für alle ihre Kostüme selbst zu sorgen – bei fünfundsiebzig Mark Monatsgage! Wozu war man überhaupt nicht verpflichtet? Fiel es Herrn Direktor Reesemann ein, lebende Bilder zu stellen: man musste mitwirken. Gab es ein Ballett: man musste mitwirken. § 6 schrieb es vor.

Endlich – endlich kam Minna. Ihre lange, hagere Gestalt tauchte schattengleich im fallenden Schnee auf, hinter ihr her hastete ein Bahnangestellter, den sie irgendwie aufgetrieben hatte. Sie kommandierte schon von weitem: „Die Plaidhülle müssen Sie nehmen, gnä‘ Fräulein. Den einen Hutkarton und die Schirmtasche nehme ich – Mann, Menschenkind, fassen Sie doch den Koffer nicht so ungeschickt an.“

Draußen vor dem Bahnhofsgebäude hielt zum Glück noch ein vereinsamter Hotelomnibus. „Zum schwarzen Raben.“ Richtig, so hieß ja die Karawanserei, die ihr Edgar Maurer namhaft gemacht hatte.

Edgar Maurer! Immer, wenn sie an ihn denken musste, geschah’s mit einer Empfindung der Scheu. Und doch fühlte sie, dass sie allen Grund hatte, ihm dankbar zu sein. Denn eigentlich war es wohl seine Empfehlung gewesen, die Herrn Direktor Reesemann bewog, eine gänzlich „Neue“ zu engagieren – mit fünfundsiebzig Mark Monatsgage! Herr Reesemann hatte es klipp und klar geschrieben: „Nur auf die Empfehlung von Herrn Edgar Maurer, den mein Kunstinstitut zu seinen Mitgliedern gezählt zu haben sich allzeit zur besonderen Ehre anrechnet.“

Der Hotelomnibus wackelte langsam über das entsetzliche Pflaster. Dann und wann suchten die beiden einzigen Insassen, Dorothea rechts, Minna links, durch die beschlagenen Scheiben zu spähen. Es war nicht viel zu sehen. Kleine, ein- und zweistöckige Häuser, ab und zu eine trüb brennende Gaslaterne, ab und zu ein Schaufensterchen, ein paar durch das Schneegeriesel hastende Menschen.

Sie saßen sich schweigsam gegenüber; Dorothea in tiefen Gedanken; Minna mit ihrem unzufriedensten Gesicht. Wenn Dorothea einmal zu ihr hinübersah, las sie immer wieder in den alten Zügen: „Warum tust du mir das an?“ Und dann biss das junge Mädchen die Zähne zusammen, zwang ein Lächeln der Zuversicht herauf und nickte der Getreuen zu, als wollte sie ihr versichern: Jetzt aber kommen wir in einen Palast!

Ein Palast war nun freilich das Hotel „Zum schwarzen Raben“ nicht. Als der Rumpelkasten endlich nach einem letzten gewaltigen Ruck vor seinem Stammhause hielt, als Dorothea herauskletterte, sah sie zuerst nur das Haus wie eine schwarze, unfreundliche Masse vor sich stehen; nur ein paar Fenster zu ebener Erde waren erleuchtet, und aus dem Flur drang ein schwacher Lichtschimmer.

Eilig hatte man es hier augenscheinlich nicht. Der Kutscher musste erst einige Mal mit der Peitsche knallen, bis die Tür ging. Ein Etwas, das halb Kellnerlehrling, halb Hausdiener zu sein schien, kam und machte sich wortlos an den Koffern zu schaffen. Dann folgte ein kleines Männchen in einem grauen Rock mit Pantoffeln an den Füßen, schlürfte bis fast an die Tür und wartete hier auf die Gäste.

„Ich möchte ein Zimmer mit zwei Betten.“

„Schön – das kann wohl angehen,“ sagte der kleine, graue Mann, rührte sich aber nicht vom Flecke,betrachtete vielmehr erst noch ein Weilchen musternd die beiden Frauen; vielleicht wog er auch das Gepäck in Gedanken ab. Was die beiden wohl hier in Neumöller wollten, schien er zu überlegen. Jetzt, im Winter?

Als Dorothea ziemlich scharf wiederholte: „Ein Zimmer mit zwei Betten!“ riss er sich ein wenig zusammen. Dies junge Ding da hatte ja solch eignen Befehlston. War wahrscheinlich eine Dame vom Lande, eine Gutsbesitzerstochter, oder kam zum Besuch auf ein Gut in der Nachbarschaft? Man konnte nicht wissen.

„Jawohl, das kann schon angehen,“ sagte er noch einmal und begann sehr gemessenen Schritts durch den Flur und dann eine schmale Holztreppe voranzugehen. Im ersten Stock öffnete er eine Tür, ging in das Zimmer, strich ein Streichholz an und entzündete ein Licht. „So, meine Damens, Nummer vier. Wenn’s so recht ist.“

„Ja – nur muss gleich tüchtig geheizt werden.“

„Das kann wohl angehen. Wenn die Damens noch was essen woll’n, komm’n sie wohl herunter.“

Er ging immer noch nicht. Er schien zu überlegen. Dann holte er endlich aus der Brusttasche ein Papierblatt und einen kurzen Bleistift heraus. „Die Anmeldung – “

Bei dem trüben Licht der Kerze schrieb Dorothea eiligst ihren Namen: „Fräulein Linden und Begleitung.“ Einen Moment zögerte sie. Da wurde auf dem vorgedruckten Zettel auch nach dem Stand gefragt. Also: „Schauspielerin.“ Es war ihr ganz eigen zumute, als sie es hinschrieb – zum ersten Male.

Der Herr des „Schwarzen Raben“ musste sehr neugierig sein. Er las in aller Gemütsruhe.

„Ach, Sie sind von den Speelers!“ meinte er dann. Es klang interessiert, aber auch ein wenig verächtlich, und Dorothea glaubte etwas wie einen Seitenblick auf das Gepäck zu bemerken, das inzwischen mit vielem Geräusch erschienen war. Jedenfalls hatten die beiden stattlichen Koffer eine beruhigende Wirkung. Der „Schwarze Rabe“ nickte gnädig, mit einem wohlwollenden Lächeln sogar, breitete seine Fittiche und verschwand, nachdem er noch einmal versichert hatte, es würde sofort tüchtig geheizt werden.

Über Dorothea kam plötzlich, als sie mit Minna allein war, etwas wie eine totale Ermüdung. War’s eine Folge der langen Fahrt, war’s der unfreundliche Empfang? Sie wusste es selbst nicht. Hilflos ließ sie sich auf den nächsten Stuhl sinken. Es fehlte nicht viel, und die Tränen wären ihr in die Augen geschossen.

Aber da sah sie auf Minna. Sah, wie die schon im Zimmer umherräumte, wie sie schon die Betten einer Prüfung unterwarf, schon einen Koffer geöffnet hatte und ein Paar warme Schuhe herausnahm –

Und sie straffte sich: Nur nicht mutlos werden! Nur den Kopf hochhalten!

Sie sprang auf. „Nun wollen wir es uns aber gemütlich machen, Minna! Alte, gute, liebe Minna! Ein paar Tage werden wir doch hier im ‚Schwarzen Raben‘ logieren müssen. Übrigens – das Zimmer ist gar nicht so unübel – “

Minna bückte sich noch tiefer über den Koffer. „Wenn’s nur nicht zu teuer ist, gnä‘ Fräulein,“ sagte sie mit ihrem unverwüstlichen Phlegma.

„Wenn’s nur nicht zu teuer ist – “ Das sagte sie jetzt immer. Zwanzigmal am Tage. Denn sie führte die Kasse und rechnete sich immer wieder vor: Fünfundsiebzig Mark monatlich! –

Eine Stunde später ging Dorothea nach unten. Es war inzwischen im Zimmer wirklich nicht so „unübel“ geworden; der Hausdiener hatte tüchtig eingekachelt, der Ofen sprühte, und Minna hatte dem großen Zimmer einen Anstrich der Behaglichkeit gegeben. Die Welt sah mit einem Male für Dorothea wieder sonniger aus. Und gerade darum hatte sie Hunger, wirklichen Hunger. Den hatte Minna auch; aber Minna weigerte sich, mit ihrem „gnä‘ Fräulein“ hinunter in das Restaurationszimmer zu gehen. Einmal hielt sie das nicht für recht passend, denn trotzdem sie von der einstigen Dienerin zur „Begleitung“ avanciert war, wollte sie ihre richtige Stellung von früher immer gewahrt wissen; und dann lebte in ihr ein Abscheu vor den teuren, dünnen Restaurationsbrötchen mit den noch dünneren Schinkenscheibchen darauf; die unergründlichen Tiefen des Handgepäcks bargen bessere Schätze, die sie noch aus der Heimat mit führten.

Als Dorothea in die Gaststube eintrat, gereute sie’s fast. Dichter Tabaksqualm schlug ihr entgegen. Am liebsten wäre sie umgekehrt und zu Minnas Buttertopf zurückgeflüchtet. Doch da stand schon der „Schwarze Rabe“ in höchsteigener Person und komplimentierte sie zu einem kleinen Tisch in der Ecke, versicherte, dass die Schnitzel vorzüglich und das Bier ganz frisch angesteckt wäre.

Nicht rechts noch links hatte sie gesehen. Nun sie aber saß, ließ sie die Blicke doch vorsichtig umherschweifen, freilich nur, um sie gleich wieder auf einen großen grauen Fleck auf dem Tischtuch zu konzentrieren. Denn sie war von allen Seiten neugierigen Männeraugen begegnet, die sie alle anstarrten wie ein Tier im Zoologischen Garten; und überall hatten sich die Männerhäupter, alte und junge, zueinander geneigt; sie fühlte förmlich, wie man über sie tuschelte: „Das soll wohl die Neue von die Speelers sein?“

Es war eine ganz impertinente Empfindung, die ihr das Blut in die Wangen trieb.

Aber dann kam das Schnitzel; und alles, was wahr ist, es machte dem „Schwarzen Raben“ Ehre, und Dorothea erwies ihm auch Ehre. Sogar vom Bier nippte sie. Und wieder kam ihr die Welt sonniger vor. Das war ja nun nicht anders! Wenn Rosa Poppe in Berlin in das Restaurant Adlon getreten wäre, hätten sich sicher auch aller Augen auf sie gerichtet, und die Männerhäupter, alte und junge, hätten sich auch tuschelnd zueinander gebeugt. Mochten die Neumöller ihr Vergnügen auch haben. Man musste sich daran gewöhnen. Man musste sich ja voraussichtlich noch an vieles gewöhnen – an sehr vieles! Unwillkürlich schossen Dorothea wieder ein paar Worte von Edgar Maurer durch den Sinn: „Mein gnädiges Fräulein, lassen Sie sich durch nichts überraschen, durch nichts verblüffen, lassen Sie sich aber auch nichts gefallen und wahren Sie sich immer den Humor. Denken Sie stets daran, was für uns vom Bau besonders gilt, dass das ganze Leben auch nur eine einzige große Komödie ist – gerade wie auf den Brettern, die die Welt bedeuten.“

 

Am andern Morgen schien die Sonne ins Hotelzimmer. Dorothea hatte vorzüglich geschlafen, wie eben solch junger Mensch nach einem anstrengenden Reisetag schläft. Sie sprang auf und lief zum Fenster: Wahrhaftig, die Sonne leuchtete strahlend über den weißen Schnee, der sich über den ganzen Marktplatz in unberührter Reinheit breitete, die Dächer krönte und die Gesimse der netten, niedrigen Häuser. Die Bäume zu beiden Seiten des Platzes waren wie versilbert vom Rauhreif, und darunter tummelten sich ein paar fröhliche Buben mit Pelzkappen über den blonden Haaren auf einer langen Schlittenbahn. Ein herrlicher Wintermorgen! Alles sah so freundlich, so hell, leuchtend hell aus. Vielleicht war Neumöller so unübel nicht!

Die fröhliche Stimmung hielt an. Sie trotzte sogar Minna, die sich mit der Hotelakkuratesse oder vielmehr dem Mangel an Akkuratesse so wenig anfreunden konnte wie mit dem Kaffee des „Schwarzen Raben“. Sie hielt sogar an, als Minna ihre Hornbrille und das Wirtschaftsbuch herauskramte, um mit ihren wenig schönen, aber desto zuverlässigeren Zahlen die Reisekosten einzutragen. „Nur heut‘ nicht stöhnen, Minna – liebste Minna, nur heut‘ nicht! Es kommt ja doch alles, wie es kommen muss, und du wirst sehen, es kommt alles besser als du denkst!“

Die gute Stimmung hielt an bis zur Mittagsstunde, bis Dorothea sich anschickte, den Gang zum Direktor zu machen, um sich vorzustellen. Da sank ihr das Herz ein wenig, aber sie schraubte es gleich wieder , förmlich gewaltsam, in die Höhe. „Auf nach Balencia!“

 

Der Weg nach dem Heim des Direktors war nicht weit, nur „um die Ecke“. Hier in Neumöller lag wahrscheinlich alles nur „um die Ecke“.

Aber der Herr Direktor war nicht zu Hause. Dafür empfing sie die Frau Direktor, das heißt, sie öffnete Dorothea selbst die Flurtür.

„Fräulein Linden? Nur herein in die gute Stube. Der Direktor ist im Schützenhaus. Aber ich freue mich, Sie zu sehen. Bitte, hier – hier – “

Eine große, starke Frau war’s. Der „Grenadier“, hatte Edgar Maurer erzählt, hieß sie bei der Truppe. Der „Grenadier“ oder „die Alte“. „Stellen Sie sich gut mit dem Grenadier, gnädiges Fräulein. Sie hat nicht nur das Kassenwesen unter sich, sie regiert überhaupt.“

Der Grenadier hatte eine mächtige Stimme. Es dröhnte in den kleinen Zimmer, wenn sie sprach. „Ein Wagnis mit Ihnen, Fräulein Linden, ein Wagnis vom Direktor. Ich weiß alles, vollständige Anfängerin – ja! Aber von unserm großen Edgar Maurer so warm empfohlen. Und wie sagt doch Raupach in ‚Kaiser Friedrichs Tod‘? ‚Wer niemals wagt, vollbringt kein Meisterstück!‘ So, bitte, hier setzen Sie sich. Verzeihen Sie, wenn ich weiter arbeite. ‚Eine Arbeit, die uns Vergnügen macht, heilt ihre Mühe‘, heißt’s beim großen Kollegen Shakespeare. Na, ja – Vergnügen ist’s freilich nicht immer – “ Und sie lachte auch wieder, dass das Zimmer dröhnte.

Aber diese gewaltige Frau, fand Dorothea, hatte ein gutes Gesicht, matronenhaft zerfurcht und doch mit den Spuren einstiger Schönheit. Und sie hatte fast zierliche Hände, denen man die fleißige Arbeit kaum ansah.

Ein großer Haufen von Kleidungsstücken lag vor ihr auf dem Fußboden. Mäntel, Theatergarderobe, alter Tand, den sie stopfte und flickte. Es musste eine Sisyphusarbeit sein. Dabei stand ihr Mund nicht still, und was sie sprach, war wohlwollend und hatte Hand und Fuß, wenn es auch oft komisch klang.

„Über die Komödie wird der Direktor mit Ihnen sprechen. Mulier taceat in ecclesia – das Weib soll sich um das Geschäftliche nicht scheren. Ja, wenn das so ginge. Wo’s geht, sprech‘ ich wirklich nicht mit, wenn die guten Herren und Damen auch oft das Gegenteil behaupten. Aber um das allgemein Menschliche muss ich mich schon kümmern. Wo wohnen Sie? Im ‚Schwarzen Raben‘. Ja, Fräulein Linden, das wird Ihnen doch auf die Dauer zu teuer werden. Das liebe Geld! ‚Was, wenn ich’s hab‘, mir so überflüssig, und hab ich’s nicht, so unentbehrlich scheint,‘ wie der weise Nathan spricht. Sie müssen sich ein Privatquartier suchen. Warten Sie mal, ich hab‘ noch ein paar Adressen, die besten Zimmer sind freilich schon fort.“

 

Die Frau Direktor schleuderte die Landsknechtspluderhose, an der sie gearbeitet hatte, zu ihren Genossen und suchte nach ihrem Notizbuch. – „Hier, Frau Malermeister Thomser, Breite Straße 54. Das wird am Ende was für Sie sein. Können Sie sich die Adresse merken?“

„Ich habe ein gutes Gedächtnis, Frau Direktor.“

„So! So! Na, das werden Sie brauchen können. Denn wissen Sie, Fräulein Linden, hier bei uns gilt’s, Rollen lernen! Unser Publikum verlangt alle Neuheiten. Das Repertoire kann gar nicht abwechselnd genug sein. Die Kleinstädter sind noch toller wie die Großstädter, sie denken auch, was der verrückte Grabbe im ‚Don Juan‘ und ‚Faust‘ sagt – was sagt er doch gleich? – : ‚Nur Abwechslung gibt dem Leben Reiz und läst uns seine Unerträglichkeiten vergessen.‘ Immer will das Publikum was Neues – ‚Verleg‘ Sie sich auf Neuigkeiten! Nur Neuigkeiten ziehn uns an,‘ heißt’s im ‚Faust‘ – dem von Goethe – und so heißt’s auch bei uns. Ja – das Repertoire macht Ansprüche hier – auch an die Toilette der Damen.“ Das letzte begleitete ein etwas forschender Blick.

„Ich bin so leidlich gerüstet – “

„Na, das ist schön. ‚Die Kleidung kostbar, wie’s dein Beutel kann, doch nicht ins Grillenhafte; reich, nicht bunt; denn es verkündigt oft die Tracht den– ‚ Shakespeare sagt, ‚den Mann‘, aber es passt auch, passt erst recht auf ‚die Frau‘. So – und nun gehen Sie nur nach dem Schützenhaus und suchen Sie sich den Direktor auf. Sie müssen entschuldigen, ich muss nämlich auch an das Mittagessen denken, denn der Direktor denkt auch, wie’s im Götz heißt: ‚Wenn ihr gegessen und getrunken habt, seid ihr wie neu geboren.“