Was geschah vor 110 Jahren im 2. Halbjahr? Teil 2

 In 1911, Unkategorisiert, Was geschah vor 110 Jahren, Zeitgeschehen

Den ersten Teil des Artikels, mit Berichten zur Eröffnung des Hamburger Elbtunnels, zur „Tripolis-Frage“ sowie zu Unruhen in Wien, weil die Lebensmittelpreis so gestiegen waren, findet Ihr hier.

Die erste Hochschule für Frauen

wurde Ende Oktober 1911 in Leipzig eröffnet. Gegründet hatte sie Henriette Goldschmidt – eine der Grandes Dames der deutschen Frauenbewegung. 

Die zu dieser Zeit 85-jährige erfüllte sich damit einen Lebenstraum. Ermöglicht hatte es vor allem der wohlhabende Mäzen Henri Hinrichsen, der eine Stiftung zur Finanzierung des Projekts gründete. Später (1917) wurde die zunächst privat finanzierte Hochschule eine staatliche Bildungsanstalt. 

Schon seit der Gründung des Kaiserreichs 1871 hatte sich Henriette Goldschmidt für gleiche Bildungschancen für Mädchen und Frauen stark gemacht und dazu den Verein „Familien- und Volkserziehung“ gegründet. Es entstand ein Seminar für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen und ein Lyzeum, das an die höhere Mädchenschule anschloss. In diesem Rahmen wurden auch wissenschaftliche Vorträge für Frauen gehalten, die von allen Frauen besucht werden konnten, die Basis für die Idee, eine Hochschule für Frauen als ständige Institution für die höhere und wissenschaftliche Bildung zu gründen. 

Der Titel klingt etwas allgemeiner als das eigentliche Konzept der Universität: für die Erziehungs- und Pflegeberufe eine höhere Universitätsbildung zu schaffen. Der Gedanke dahinter war, dass diese Berufe das berufliche Metier der Frau (und nicht das Mannes) waren. Diese Denkweise muss man im Zusammenhang der Zeit sehen und sie schloss im Prinzip auch keine anderweitige Berufstätigkeit der Frauen aus, sondern betonte nur die besondere Eignung der Frau für solche Berufe. Eine Überzeugung, die ihre Wurzeln im zeitgenössischen Konzept der Mutter hatte, die versorgt und betreut und „dafür geschaffen ist“. Ich persönlich kann mir aber gut vorstellen, dass es gerade in den Anfängen der weiblichen Berufstätigkeit auch ein praktischer Argument der Frauenbewegung war, was bei den Männern zog, die (männerdominierte) Allgemeinheit vom Konzept der Frauenausbildung und -arbeit zu überzeugen. 

Henriette Goldschmidt wurde vor allem von den Konzepten und Ideen Friedrich Fröbels (in diesem Artikel gibt es einen Bericht zum Pädagogen) beeinflusst, der sich für kreative Beschäftigung und Anregung schon im frühen Kindesalter einsetzte. 

Für uns heute kurios: Als wichtiges Instrument des Studiums richtete man an der Hochschule ein Erziehungsmuseum ein, in dem sich die Studentinnen durch mehrere Abteilungen, z.B. „Häusliche Erziehung“ und „Fürsorgewesen“ einen Überblick von den verschiedenen Einsatzgebieten verschaffen konnten. 

Für die Theorie gab es das „Institut für Erziehungskunde“ mit einer Sammlung kinderpsychologischen Schriften. Im Volkskindergarten der Hochschule und im Städtischen Säuglingsheim erfolgte die praktische Ausbildung. 

In den 20er Jahren konnte das Konzept aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten nicht aufrecht erhalten werden und aus der Hochschule wurde ein sozialpädagogisches Frauenseminar. Die Nationalsozialisten entfernten alles, was mit dem Namen Henriette Goldschmidt zu tun hatte (da sie Jüdin war) und zu DDR-Zeiten wurde es eine pädagogische Schule für Kindergärtnerinnen, die wiederum ihren Namen trug. Die Schule gibt es bis heute, sie bietet nunmehr eine Vielzahl an Ausbildungen an, nach wie vor (aber nicht nur) auch in erzieherischer Richtung. 

Weibliche Professoren im Festzug von Edinburgh

Die Meldung passt wunderbar zur Rubrik „Aus dem Frauenleben“, die allerdings bei der Konkurrenz (Sonntagszeitung für die deutsche Frau) erschien. Viel erfahren wir nicht über die weiblichen Professoren (wie es damals hieß) aus Edinburgh, aber: Die bemerkenswerte Tatsache war ja, dass es dort „eine Reihe von weiblichen Professoren (gab), die schon vor längerer Zeit mit Erfolg den akademischen Beruf ergriffen haben.“ Und dass dieses Bild in der Zeitschrift „Die Woche“ abgebildet wurde. 

Vom 1. deutschen Damen-Meisterschaftsfrisieren

Herrlisch! würden meine Düsseldorfer Freundinnen sagen. Hier der Originaltext zum Bild:

„Vor wenigen Tagen fand das erste große nationale Meisterschafts-Damen-Preis-Frisieren, veranstaltet vom Verein selbstständiger Damenfriseure Großberlins, statt.  Wir geben eine Anzahl der preisgekrönten Frisuren im Bilde wieder.“

Und so sind wir „im Bilde“, was im Theater en vogue war. Ein pikantes Detail dazu: im gleichen Jahr gab es eine größere Diskussion, ausgetragen gleichfalls in der Woche, über „Theaterhüte“ der Frauen. Sie verdeckten die Sicht! Sicherlich ein Grund, warum die bei den Frisuren öfter eingesetzten Federn eher seitlich drapiert sind. Was noch auffällt – 1911 wurden als Mode lange Kleider mit engen Röcken propagiert – also die Damen im Bild (Ausnahme: 2. von links) haben sich nicht daran gehalten. Woran mal wieder sieht: die Übergänge in der Mode sind fließend!

 

Sport:

Zwei Flugpionierinnen

Die erste Meldung würde auch in die Rubrik „Frauenleben“ passen. Denn die erste weibliche Pilotin „Nelly“ Beese wurde in der Woche vorgestellt – der Name war schludderig recherchiert , ihr Rufname war „Melli“. Sie war die erste Deutsche (hier ein Artikel zu weiteren „ersten“ Frauen), die ein Pilotenzeugnis -einen Flugschein- erwarb, übrigens in einer „Rumpler-Taube“. 

Von Beruf ausgebildete Bildhauerin, war sie schon früh vom Fliegen fasziniert und ihre Ausbildung war schon ein Abenteuer für sich. Zum einen war es schwer, einen Fluglehrer zu finden, der Frauen unterrichtete, zum anderen wurden ihre Bemühungen von männlichen Flugschülern oft sabotiert – teilweise mit fast tödlichem Ausgang. So hatte man bei ihrer ersten Prüfung den Benzintank manipuliert und es lief Benzin aus – sie musste sofort nach dem Start wieder landen. 

Nachdem sie den Flugschein geschafft hatte, nahm sie im gleichen Herbst an der Flugwoche in Johannistal (bei Berlin) teil – als Attraktion

Melli Beese sollte ihr ganzes Leben zu kämpfen haben – ob gegen die männliche Flugkonkurrenz, wirtschaftliche und finanzielle Schwierigkeiten, Spionagevorwürfe (wegen ihres späteren französischen Ehemanns), Eheprobleme und ihre Morphiumsucht, die nach einem Flugunfall begonnen hatte. Mit nur 39 Jahren kapitulierte sie und erschoss sich – davor hatte sie auf einen Zettel geschrieben: „Fliegen ist notwendig. Leben nicht.“

Auch in den USA ging die erste Frau in die Luft – die Amerikanerin Miß Harriet Quimby absolvierte dort ihren Pilotenschein – im feschen Kostüm (oder?). 

Nur für das Protokoll: die allerersten weiblichen Flugzeugpilotin Raymonde de La Roche kam übrigens aus Frankreich  – hier haben wir sie vorgestellt! 

Im 3. Teil, der am 26.12. erscheint, berichten wir von einem Erdbeben in Deutschland, was viele in Aufregung versetzte – Kirchturmspitzen fielen herab und es gab weitere Zerstörungen. Außerdem erzähle ich das neueste aus „Adelskreisen“: in der österreich-ungarischen Monarchie gab es eine Hochzeit – das Paar sollte das letzte Kaiserpaar der Monarchie werden. Auch im kleinen Fürstentum Reuß gab es eine Hochzeit zu feiern. Weiterhin wird von zwei Schönheitskonkurrenzen berichtet, ja, es gab sie damals schon! Im Artikel seht könnt Ihr Euch die damaligen Schönheitsideale anschauen 😊

In Teil 1 geht es u.a. um den Bau und die Eröffnung des Hamburger Elbtunnels, in Teil 3 um ein Erdbeben, zwei adelige Hochzeiten, Schönheitskonkurrenzen und ein Flugtaxi.

Hier könnt Ihr Euch anschauen, was in den Jahren 1908, 1909 und (bisher) im Jahr 1911 geschah!

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