Hinter dem hellen Schein (Hanna Caspian)

 In Historischer Roman

Hinter dem hellen Schein – ein historischer Roman von Hanna Caspian (Teil 1)

Adelheid Schaaf hat wahnsinniges Glück! Die Tochter eines Tagelöhners darf im Schloss Liebenberg anfangen – sogar als Stubenmädchen, innerhalb der Dienerschaft schon eine höhere Hierarchie. Was ihr übrigens Neid und einige Intrigen einbringen wird.

Ihren Dienstherrn, Fürst Eulenburg, enger Freund und Berater von Kaiser Wilhelm II., bekommt sie allerdings nur selten zu Gesicht. Aller Anfang ist schwer, sie muss hart arbeiten, denn für ihre Familie, die in bitterer Armut lebt, ist sie die Hauptverdienerin. Dass ist auch Diener Viktor Novak, den sie anhimmelt – der sie jedoch nicht weiter beachtet. Viktor stammt aus bürgerlichen Verhältnissen, jedoch ist seine Familie verarmt. Warum das ist sein Geheimnis – wenn es herauskommt muss er um seine Stellung fürchten. Hedda Pietsch, gleichfalls als Stubenmädchen angestellt und in dieser Stellung schon erfahren, spart Geld, um nach Amerika auszuwandern. Eigentlich gefällt ihr die Arbeit im Schloss, würde ihr nicht der Haushofmeister Opitz, den sie nicht ausstehen kann, nachstellen. Auch der Stallknecht, den sie zumindest nicht unsympathisch findet, macht ihr Avancen.

In der Dienerhierarchie weit oben steht Gouvernante Constanze, die auf die drei jungen erwachsenen Töchter des Fürstenehepaars aufpasst. Beibringen kann sie ihnen eigentlich nicht mehr allzu viel, sie ist eher dazu da, das Treiben der Töchter zu überwachen, mit ihnen auf Reisen zu gehen und sie zu beschäftigen, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen. Z.B. mit dem gut aussehenden Privatsekretär Jaroljmek des Fürsten, der keine standesgemäße Partie darstellt, zu flirten. Auch Constanze hat ein Geheimnis, was niemand erfahren darf. Als eine der Töchter mit dem Privatsekretär türmt, wird sie unter falschen Ankündigungen gekündigt. Aber gleich wird ihr eine neue gut bezahlte Stelle angeboten – initiiert von dem Mann, welcher den Fürsten zu Fall bringen will. Sie weiß, wenn sie die Stelle annimmt, wird eine Gegenleistung von ihr erwartet. Soll sie loyal sein, obwohl sie selbst von der Fürstenfamilie gnadenlos fallengelassen wurde?

So wird das Leben im Schloss aus der Sicht verschiedener Bediensteter erzählt – und auch, wie sich über dem Fürst Eulenburg und den Bewohnern von Schloss Liebenberg Unheil zusammenbraut.

Autorin Hanna Caspian erzählt sehr anschaulich und mit vielen Details vom Leben der Dienerschaft. Dabei gelingt es ihr gut, langsam Spannung aufzubauen. Werden sich die Gerüchte um Fürst Eulenburg beruhigen oder weiter eskalieren? Wie wird sich das auf das Leben der einzelnen auswirken? Der erste Band der dreiteilig angelegten Saga endet im Frühjahr 1907. Der Skandal um den Fürsten ist am Brodeln und die Schicksale der vier Protagonisten Adelheid, Viktor, Constanze und Hedda sind offen.

Die historische Vorlage für den Roman ist das Schicksal des Fürst Eulenburgs, der vom Verleger Maximilian Hardenberg der Homosexualität bezichtigt wurde. Im Kaiserreich stand dies unter Strafe und war ein Vorwurf, der ihn und seine Familie gesellschaftlich ruinieren konnte…In diesem Gastartikel von Barbara Beck werden die ganze Affäre und ihre Hintergründe, die in den Jahren 1907 und 1908 für einen handfesten Skandal und viel Gesprächsstoff sorgte, beschrieben.

Textauszug (S. 10-22):

Ein Mysterium, das am letzten Sonntag angefangen hatte, nach der Frühmesse. Von einem Moment auf den anderen war ihr Leben umgekrempelt worden. Und das ihrer Familie gleich dazu. Seitdem gab es kein anderes Thema mehr: Adelheid, die Tochter eines schäbigen Tagelöhners, sollte im fürstlichen Schloss anfangen. Sie! In einem Schloss! In dem der Kaiser ein und aus ging!

In ihrem ganzen Leben hatte sie das Gebäude erst ein einziges Mal betreten. Mit ihrer Mutter zusammen, die damals über diesen Umstand genauso verschreckt gewesen war wie sie. Die Krämersfrau hatte der Mutter ein Päckchen Zucker gegeben, das eilig zum Schloss sollte. Draußen goss es wie aus Kübeln. Am Schloss angekommen, waren sie beide durchnässt. Aber was sollten sie machen? So verlängerte die Krämersfrau die Stundung ihrer Schulden noch mal. Also lohnte es sich. Und als die Hintertür aufging und ein Mädchen erschien, da bat man Adelheid und die Mutter kurz in den Flur. Damals konnte sie einen Blick ins Innere werfen. Was für eine Pracht schon unten in den Wirtschaftsräumen. Blitzblanke Steinfliesen, mit Farbe gestrichene Wände, schöne Stickereien als Bilder aufgehängt. Der Geruch nach deftigem Essen war ihnen entgegengeschlagen und hatte ihnen den Speichel im Mund zusammenlaufen lassen. In diesem Moment war das Schloss für Adelheid der Inbegriff für reichlich Essen, geheizte Räume und ordentlich bezahlte Arbeit geworden. Der Inbegriff eines Lebens, das rein gar nichts mit ihrem Leben zu tun hatte – weder damals noch heute. Und nun sollte ausgerechnet sie hier anfangen.

In der Sonntagsmesse – da war es passiert. Der Platz ihrer Familie war in der letzten Reihe. Schon während sie auf der harten Bank neben ihrer Mutter und ihren Geschwistern gesessen hatte, hatte Adelheid gespürt, wie jemand sie beobachtete. Und tatsächlich, als sie hochschaute, lag der durchdringende Blick der Fürstin auf ihr. Die fürstliche Familie saß erhöht in ihrer Patronatsloge und hatte so einen guten Blick auf alle Dorfbewohner. Adelheid schaute entgeistert weg. Es ziemte sich nicht, den Herrschaften offen ins Gesicht zu schauen. Doch kaum nach der Messe draußen, tauchte Mamsell Reineke bei ihrer Mutter auf und befahl ihr, dass Adelheid heute vorstellig werden solle – wegen einer Anstellung. Als was, wusste niemand. Aber das war egal. Hauptsache, sie würde hier anfangen können. Ein Maul weniger zu stopfen. Eine, die regelmäßig Geld nach Hause brachte. Beides kam den Eltern wie ein Wunder vor. Alle waren ganz aufgeregt, den ganzen Sonntag über und die nächsten zwei Tage. Über nichts anderes sprachen sie als über das Geld und welches Essen sie sich damit kaufen würden. Mit jedem Wunsch wuchs die Last, die auf Adelheids Schultern lag.

Die Mutter hatte ihr besonders lange die Haare gebürstet und dann geflochten und hochgesteckt. Adelheid hatte die Finger mit der Wurzelbürste geschrubbt, bis sie ganz rot gewesen waren. Gestern schon hatte sie ihre Schuhe mit Lampenruß poliert, damit sie wenigstens ein bisschen glänzten. Aber nun klebte wieder Schlamm daran. In der Nacht hatte es furchtbar gestürmt. Bäume waren umgeknickt, Zäune verweht worden. Der Weg ins Dorf und weiter zum Schloss war matschig. Noch immer nieselte es. Sie war extra vorsichtig gewesen, damit ihre Schuhe nicht dreckig wur- den, aber es half nichts. Die dicksten Erdklumpen hatte sie abgestreift, aber auf dem billigen Pressleder stand ein brauner Rand. Und jetzt sollte sie auch noch der Fürstin vorgestellt werden.

»Wenn du überhaupt etwas sagen sollst, dann nur ›Sehr wohl, Euer Durchlaucht‹. Oder ›Euer Gnaden‹. Oder ›Eure fürstliche Hoheit‹. Aber besser ist es, wenn du gar nicht sprichst. Niemand hier will eine Unterhaltung mit dir führen. Haben wir uns verstanden?«, herrschte die Mamsell sie wieder an.

Adelheid nickte betroffen. Sie würde wohl noch viel lernen müssen. »Verstehe, Frau … ähm, Mamsell. Ähm …« Verdammt. Sie sollte doch nicht antworten.

Die Mamsell seufzte. »Keine Ahnung, warum ihre Wahl ausgerechnet auf dich gefallen ist.« Die Frau schüttelte ungläubig den Kopf, drehte sich um und ging die letzten paar Stufen hoch.

Adelheid folgte ihr. Als sie um die Ecke in die Eingangshalle trat, blendete sie goldenes Licht. Es war fast, als würde sie direkt in die Sonne schauen. Kurz war sie versucht, sich die Hand über die Augen zu halten. Das Sonnenlicht fiel durch das facettierte Fensterglas über dem Eingangsportal. Sie folgte der Mamsell weiter durch einen Flur, bis diese stehen blieb und mit gesenkter Stimme sprach.

»Also schön, hör gut zu. Ich will mich mit dir da drinnen nicht blamieren.«

Adelheid nickte aufmerksam.

»Ich gehe zuerst rein, kündige dich an. Und erst, wenn ich dich reinhole, kommst du.«

Adelheid zog den Kopf tiefer. Vor diesem Augenblick fürchtete sie sich seit Tagen. Es konnte nur ein Missverständnis sein, dass sie hier anfangen sollte. Sie konnte nichts. Sie hatte keinerlei Manieren. Sie war so arm, dass sie sich nicht einmal Arbeitskleidung leisten konnte. Natürlich würde sie sofort wieder weggeschickt. Aber das durfte nicht sein. Sie durfte ihre Eltern nicht enttäuschen. Sie durfte ihre Geschwister nicht enttäuschen. So sehr hofften alle auf ein anständiges Sonntagsmahl, mit Kartoffeln und Gemüse. Milch für die Kleinen. Und in ein paar Monaten vielleicht sogar Schuhe für die Geschwister, gebrauchte Schuhe, verstand sich. Adelheid würde tun, was immer sie tun musste, um zu bestehen. Wenn sie nur wüsste, für was sie eigentlich hier war. Ihr war mulmig zumute. Der Mund war trocken. Ihre Hände flatterten nervös. Sie musste einen guten Eindruck machen. Musste, musste, musste. Vater würde fürchterlich wütend werden, wenn das Glück, das schon zum Greifen nah erschien, ihnen wieder entfleuchte.

Die Mamsell warf ihr einen letzten scharfen Blick zu, dann öffnete sie vorsichtig die Tür und trat ein. Durch die einen Spalt offen stehende Tür hörte Adelheid, wie zwei Frauen miteinander sprachen. Sogleich erschien die Mamsell wieder und winkte ihr.

Beinahe versagten ihre Knie. Der Gedanke an die verdreckten nackten Füße ihrer Geschwister hielt sie aufrecht. Sie trat in einen großen Raum. Abgesehen von der Dorfkirche war sie noch nie in einem so großen und hohen Raum gewesen. Es war so hell. Strahlend hell. Nicht nur, dass das gleißende Sonnenlicht durch die großen, sauberen Fenster fiel. Es gab auch elektrisches Licht. Glasbirnen, die die Ecken des Raumes ausleuchteten. Und jedes Möbelstück war auf Hochglanz poliert und warf das Licht zurück. Sie kniff die Augen zusammen, musste sich erst einmal an die Lichterflut gewöhnen, und knickste höflich.

Adelheid spürte, wie die Mamsell von hinten drückte, und trat zwei Schritte vor. Ihre Hände verschränkt, blieb sie stehen und knickste wieder. Mit gesenktem Kopf blickte sie vorsichtig zur Seite. Regale an den Wänden, Tische und Stühle, Sessel und Sofas. Überall standen Dinge herum. Eine ältere Frau saß mit dem Rücken zu ihnen auf einem Polstersofa und winkte nun leicht.

Wieder spürte Adelheid die Hand auf ihrem Rücken, die sie leicht nach vorne drückte. Sie setzte sich in Bewegung, ging weiter, bis sie fast am Sofa war. Dann spürte sie das Signal am Arm, stehen zu bleiben. Ihr Blick fiel auf die schmutzigen Schuhe. Allein schon deswegen würde man sie bestimmt in hohem Bogen hinauswerfen.

»Das ist sie also«, sagte die Fürstin. Ein fremder Akzent lag in ihrer Stimme. Die hohe Dame kam nicht aus Deutschland, wie man im Dorf wusste. Sie legte etwas beiseite, das Adelheid aus dem Augenwinkel als ein Journal erkannte, und stand etwas umständlich auf. Adelheid sah, wie die Frau zwei Schritte auf sie zukam. Ihren Blick hielt sie besser unterwürfig gesenkt.

»Wie heißt du?«

Sollte sie nun sprechen? Mit der Fürstin? Die Mamsell stupste sie von hinten an.

»Ich heiß Adelheid Schaaf.«
»Schau mich an, Adelheid. Ich tue dir doch nichts Böses.«
Es klang tatsächlich nicht böse, so, wie sie das sagte. Adelheid hob ihren Blick. Eine Frau mit hochgesteckten grauen Haaren und blaugrauen Augen. Ein herrschaftliches Gesicht, aber ein gutmütiges Lächeln. Das also war die Fürstin von Eulenburg und Hertefeld, Gräfin von Sandels, die Herrin von Schloss Liebenberg.

Adelheid wusste, dass alle glaubten, dass die Tochter eines Tagelöhners dreckig und hässlich sein musste. Schließlich hatte Gott sie gestraft für ihre Sünden – mit Armut und Hunger. Jemand wie die Fürstin dagegen stand in Gottes Gnade, weil sie offensichtlich ein gottgefälliges Leben führte. Die Plätze im Leben waren nicht zufällig verteilt, sie waren von Gott zugewiesen.

Die Fürstin starrte sie an, als würde sie in ihren Haaren etwas suchen. »Wirklich schöne Haare. So golden. Etwas ungepflegt, aber nun gut. Da können wir wohl am Anfang nichts Besseres erwarten.« Die Hand der hohen Dame ging in Richtung ihres Gesichts, berührte sie aber nicht. »Schau zur Seite, ja, so … Und nun zur anderen Seite … Tatsächlich, sehr apart. Mein Gatte hatte recht. Sie besitzt ein vollkommen ebenmäßiges Gesicht. Eine schlanke klassische Nase … Und selbst ihre Haut ist rein wie die eines Engels. Nicht zu glauben für so eine.« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Und nun mach den Mund auf … Weiter … noch weiter«, forderte nun die hohe Dame.

Adelheid wusste nicht, was sie machen sollte. Sie öffnete ihren Mund ein wenig, dann etwas mehr.

»Herrgott, Kind. Ich will deine Zähne sehen. Zeig mir dein Gebiss.«

Erschrocken klappte Adelheid den Mund erst einmal wieder zu. Kurz klimperte sie mit den Wimpern. Den Mund auf, schnell. Die Zähne zeigen. Sie musste diese Prüfung bestehen.

»Zieh die Lippen hoch, sodass ich sie alle gut sehen kann.«

Adelheid zog ihre Lippen nach oben. Offensichtlich tat das seine Wirkung. Die Fürstin schaute sich ihre Zähne genau an und machte dann ein zufriedenes Gesicht. »Sehr schön. Sehr schön. Alle noch da … Nun hauch mich an.«

Adelheid dachte gar nicht daran, wie unhöflich das war. Sie tat, wie man ihr befahl.

»Hm.« Nun trat die hochwohlgeborene Dame zurück. »Zeig deine Hände.«

Das kannte Adelheid noch aus der Schule – die Hände zeigen. Und wenn sie schmutzig waren, dann bekam man mit dem Rohrstock Schläge. Die Striemen sah man dann noch tagelang. Aber sie ging schon seit fünf Jahren nicht mehr in die Schule, seit sie dreizehn geworden war.

Die Fürstin packte ihre Hände, drehte sie, begutachtete sie. »Harte Arbeit scheint sie wenigstens zu kennen.«

Adelheid nickte leicht, blieb aber stumm.

»Sehr gut.« Nun drehte sich die Fürstin zur Mamsell. »Natürlich werden Sie ihr Zucht und Ordnung beibringen müssen. Wir können wohl kaum erwarten, dass sie davon Ahnung hat. Schrubben Sie sie ordentlich, Haare neu frisieren, kleiden Sie sie neu ein. Besorgen Sie ihr eine Zahnbürste. Sie wird das neue Stubenmädchen.«

Adelheid traute ihren Ohren nicht. Stubenmädchen, o nein! Das konnte nicht wahr sein. Das konnte sie doch gar nicht. Erst wurde man Hausmädchen, wenn überhaupt. Sie wäre schon froh gewesen, wenn sie die Gänse hätte hüten dürfen. Oder in der Küche das Gemüse putzen. Die Abortpfannen am Morgen leeren. Darauf hatte sie gehofft.

Und die Mamsell sah das wohl genauso. Laut sog sie die Luft ein, bevor sie etwas sagte: »Aber Euer Durchlaucht, das kann sie doch gar nicht. Sie hat keinerlei Erfahrung.«

»Dann bringen Sie es ihr eben bei. Das wird doch wohl nicht so schwierig sein.« Der Ton war schon harscher.

»Mit Verlaub, Eure fürstliche Hoheit, sie ist die Tochter eines Tagelöhners. Sie kennt keinerlei Manieren und keinen Anstand. Sie ist in keiner Weise erzogen. Bei all den hohen Herrschaften, die hier im Haus ein …«

Die Fürstin, schon auf dem Weg zum Sofa, schnitt ihr das Wort ab. »Mein Mann ist ein Feingeist. Ihm wird das hübsche Ding gefallen. Er umgibt sich gerne mit pläsierlichen Dingen. Gerade jetzt. In dieser unheiligen Zeit braucht der Fürst ein bisschen Schönheit um sich. Wenn hier jemand über den Flur huscht, dann soll er keinen hässlichen Bauerntrampel sehen.«

»Aber …«

Nun klang die Stimme der Fürstin verschnupft. »Ich dulde keinen Widerspruch. Und nun gehen Sie. Sie haben meine Geduld über Gebühr strapaziert.«

Die Mamsell nickte unterwürfig und ging rückwärts. Adelheid wollte nicht allein dort stehen bleiben und tat es ihr nach.

»Sehen Sie. Sie lernt schnell.« Damit griff die Fürstin nach dem Journal und setzte sich. Die Audienz war beendet. Mehr zu sich selbst als zu den beiden Dienstbotinnen murmelte sie: »Mein Mann hat in den letzten Monaten so viel Schmutz erleben müssen. Er braucht nun etwas Schönheit um sich.« Dann schloss sich die Tür.

Unheilige Zeit? So viel Schmutz erleben müssen? Während Adelheid sich noch fragte, was diese Bemerkungen der Fürstin zu be- deuten hatten, rauschte die Mamsell bereits durch die Halle zurück Richtung Hintertreppe. Adelheid folgte ihr auf dem Fuße. Unten im Souterrain angekommen, blieb die dunkelhaarige Frau stehen. »In meinen Raum«, befahl sie barsch.

Adelheid nickte und ging in die Richtung, die ihr gewiesen wurde. Schon als sie vorhin angekommen war, hatte es nach Essen geduftet. Ein fast unerträglich verführerischer Duft zog durch den Flur. Ihr leerer Magen kniff, als wollte er sie darauf aufmerksam machen, dass er heute noch nichts weiter bekommen hatte als ein bisschen dünne Mehlsuppe.

»Da links«, herrschte die Mamsell sie an.

Adelheid trat durch eine Tür in den Raum, der im Dunkeln lag. Die Mamsell drehte an einem weißen Schalter aus Porzellan, und elektrisches Licht ging an. Wäre sie nicht so nervös gewesen, hätte Adelheid bewundert, wie fortschrittlich hier alles war. Aber ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Es war nicht zu übersehen, dass die Mamsell wütend war. Auf sie? Sie hatte doch gar nichts gemacht. Starr blieb sie stehen, die Hände hinter ihrem Rücken, und schaute die Mamsell an. Doch die blieb stumm.

Adelheid verknotete ihre Finger. Stubenmädchen, das konnte gar nicht wahr sein. Man brauchte Jahre, um ein Stubenmädchen zu werden. Die Arbeit als Haus- oder Stubenmädchen war ein großes Thema gewesen in der Schule. Die meisten Mädchen aus dem Dorf gingen in Stellung, zumindest, bevor sie irgendwann heirateten. Man fing ganz unten an, als Hilfe für alles. Wenn man sich geschickt anstellte, dann wurde man ein oder zwei Jahre später Hausmädchen. Eine von den Dienstbotinnen, die die dreckige Arbeit erledigten. Die nächste Stufe war als Stubenmädchen, was bedeutete, keine Putzlappen auswringen, nicht mehr feucht durchwischen, nichts, wobei man sich die Hände schmutzig machen musste. Denn nur mit sauberen Händen durfte man die Va- sen abstauben, die Betten beziehen und die Kleider weghängen.

Adelheid konnte das gar nicht glauben. Sicher würde die Mamsell nun beschließen, dass sie kein Stubenmädchen sein durfte. Andererseits konnte sie sich doch nicht gegen den ausgesprochenen Willen der Fürstin stellen. Was würde also nun passieren? Solange sie nur hier arbeiten durfte, war es Adelheid völlig egal.

Mamsell Reineke blickte an Adelheid hoch und runter, schüttelte ungläubig den Kopf, starrte auf die Arbeitsplatte ihres Tisches, schüttelte wieder ungläubig den Kopf. »Sauberkeit, Anstand und Tugend, Zucht und Ordnung – davon hat doch so eine wie du gar keinen Schimmer.« Ihr scharfer Blick durchbohrte sie nun regelrecht.

Adelheid wagte es nicht, ihr zu widersprechen.

Endlich schien die Mamsell sich zu einer Entscheidung durchgerungen zu haben. »Kind, du glaubst vielleicht, du hast Glück. Aber es kommt eine schwere Zeit auf dich zu. Eine sehr schwere. Und lass dir eines gesagt sein: Wenn du nicht sehr rasch alles lernst, was du können musst, dann stehst du schneller wieder draußen im Staub, als dir lieb ist.« Sie legte ihre Hände flach auf die Platte und stützte sich hoch. »Nun denn. Wenn es der ausdrückliche Wunsch des Fürsten ist, wollen wir den Worten der Fürstin mal Folge leisten.«

***

Adelheid hätte überschäumen können vor Glück. Feine Kleider, so fein, wie sie sie noch nie zuvor getragen hatte. Die dunkelblaue Bluse und der gleichfarbige Rock waren, obwohl nicht neu, alles andere als abgetragen. Die blütenweiße Spitzenschürze und das dazu passende Häubchen waren eleganter als alles, was Adelheid je am Leib gehabt hatte.

Die Mamsell wies ihr ein Bett in einer Kammer oben unter dem Dach zu, wo sie ihre Sachen unterbringen konnte. Adelheid hätte laut auflachen wollen. Sie hatte keine Sachen, rein gar nichts. Und hier bekam sie ihr eigenes Bett, nur für sich alleine. Niemand, der sie nachts anstieß. Niemand, dessen Schweiß sie im Sommer direkt in der Nase hatte. Keine eiskalten kleinen Füße, die im Winter ihre Wärme stahlen. Und sogar richtige Bettwäsche. Sie hatte noch nie im Leben in Bettwäsche geschlafen. Bei ihnen wurde ein Laken über die Matratze aus Stroh geworfen, und es gab Wolldecken zum Zudecken. Überhaupt, eine eigene Kammer! Für sie, die Tochter eines Tagelöhners. Demütig ließ sie sich alles zeigen, nickte nur stumm und sprach so wenig wie möglich.

Endlich brachte die Mamsell sie in die Stiefelstube, wo sie ihre Schuhe vom Schlamm reinigen sollte, und ließ sie allein.

Unheilige Zeiten. Der Fürst hat so viel Schmutz erleben müssen, hatte die Fürstin gesagt. Und dann nahm man ausgerechnet sie, die aus dem Dreck, aus dem Schmutz einer Tagelöhnerhütte kam? Hatte die Fürstin sich vertan? Nein, sie hatte sie doch selbst gesehen. Was für Schmutz der Fürst wohl hatte erleben müssen? Was war ihm zugestoßen, wenn das Bedürfnis nach Schönheit und Reinheit so groß war, dass es erstens als Grund für ihre Einstellung reichte und zweitens sogar so bedeutend war, dass es das Übergehen der normalen Rangordnung zur Folge hatte?

Die Tür ging auf, gerade als Adelheid mit den Schuhen fertig war. Die Mamsell trat ein.

»Etwas Wichtiges, was Sie sofort lernen sollten: Die Stubenmädchen werden gesiezt, die Küchen- und Hausmädchen geduzt. Ich werde Sie also ab sofort Fräulein Schaaf nennen.«

Adelheid machte große Augen.

»Hier, eine Zahnbürste. Sie ist noch so gut wie neu. Und ein Handtuch. Die Handtücher werden jede Woche gewechselt. Reinlichkeit und Sittlichkeit gehen Hand in Hand. Und beides ist oberstes Gesetz hier im Haus. Es stimmt, was die Fürstin gesagt hat. Wenn der Fürst etwas verabscheut, dann ist es Schmutz, oder unfeine Gerüche. Sie werden nun mitverantwortlich dafür sein, dass alles hier im Schloss und den dazugehörigen Gebäuden absolut sauber ist. Das schließt Ihre Person mit ein.« Mit diesen Wor- ten streckte sie ihr das Handtuch und die Zahnbürste hin. Man merkte, wie es ihr gegen den Strich ging, Adelheid zu siezen.

Beklommen nahm sie die Sachen an sich. Eine richtige Zahnbürste hatte sie noch nie besessen. So einen Luxus konnten sie sich nicht leisten.

»Sie putzen sich morgens und abends die Zähne. Und jeden Morgen bürsten Sie sich die Haare und stecken sie fest. Sie könnten sich auch eine etwas elegantere Frisur zulegen. Ich sag Fräulein Pietsch Bescheid. Die ist in solchen Dingen ganz geschickt.« Wieder lief ihr skeptischer Blick über Adelheid. »Kein Wunder, dass der Fürstin Ihre Haare aufgefallen sind. So golden. Und wenn sie erst einmal mit richtiger Seife gewaschen werden, dann schimmern sie bestimmt auch. Sie haben ein ganz apartes Gesicht. Nun, ich denke, falls Sie Ihre Aufgaben beherrschen und Sie mit den anderen zurechtkommen, könnte es Ihnen hier gut ergehen.« Es klang jedoch ungläubig.

»Ich lern schnell«, sagte Adelheid eilig. Das stimmte. Der Dorflehrer war immer ganz verblüfft gewesen, wie einfach sie den Stoff, den sie verpasst hatte, aufholen konnte. Und wie schnell sie auch schwierige Dinge begriff.

»Das will ich hoffen. Wir sind nicht irgendein Landgut. Ich nehme an, Sie wissen, wer auf Schloss Liebenberg logiert?«

Adelheid nickte, merkte dann aber, dass eine Antwort verlangt wurde. »Unser Kaiser. Und andere.« Natürlich sah man die nur in einer Kutsche das Dorf durchqueren.

»Seine Majestät und Mitglieder der kaiserlichen Familie. Und andere bedeutsame hohe Herrschaften«, erklärte die Mamsell mit Nachdruck. »Gewöhnen Sie sich ganz schnell an, in vollständigen Sätzen zu sprechen. Nicht so abgehacktes Zeug.« Sie schüttelte verständnislos ihren Kopf. »Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, was das bedeutet. Eine Tätigkeit im fürstlichen Schloss stellt die höchsten Anforderungen an alle. Es gibt Unmengen an Regeln. Die wichtigste gebe ich Ihnen direkt mit auf den Weg: Seien Sie unsichtbar. Das gilt immer. Aber das gilt besonders, wenn der Kaiser zu Besuch weilt. Niemand will ein Dienstmädchen sehen müssen, nicht einmal ein so nett anzusehendes wie Sie. Erledigen Sie Ihre Aufgaben gewissenhaft, aber seien Sie dabei unsichtbar. Das ist hier im Haus die größte Tugend.«

Adelheid nickte, als hätte sie verstanden. Was aber nicht so war. Wie sollte sie arbeiten und gleichzeitig nicht sichtbar sein? Vor allem: Warum wollte der Fürst ausgerechnet sie, wenn sie doch gar nicht zu sehen sein sollte?

Die Tür zur Stiefelstube ging auf. Ein älterer Mann kam herein. Seine Gesichtshaut war rötlich, sein Blick mürrisch. Über seinen braunen Augen türmten sich buschige Augenbrauen. Was dort zu viel war, fehlte ihm am Haupthaar. Rotbraune Haare umkränzten einen quadratischen Schädel. Er betrachtete sie, als wären sie auf dem Pferdemarkt.

»Das ist sie also?« Seine auffälligen Augenbrauen waren ungläubig hochgezogen. Sein Atem roch leicht nach Veilchen. Er stand viel zu dicht vor ihr. Es musste der oberste Diener sein, vermutete Adelheid. Jemand, der noch über der Mamsell stand.

Die Mamsell seufzte. »Ja. So sieht es aus. Wir können nur das Beste daraus machen.«

»Wie alt bist du?«, blaffte er Adelheid nun an.
»Achtzehn, mein Herr«, sagte sie schnell.
»Und du hast noch in keinem Haus gearbeitet?« Er duzte sie.

Noch schien er nicht davon überzeugt, dass sie hier als Stubenmädchen anfing.

Vor lauter Angst machte sie schnell einen Knicks. »Nein, noch nie. Aber ich kann hart arbeiten.«

»Das werden wir ja sehen. Die Tochter eines Tagelöhners, pfft … Außerdem reicht es hier nicht, hart zu arbeiten. Man muss sich benehmen können. Man muss vieles wissen, von dem du gar keine Ahnung hast. Was glaubst du zum Beispiel, wie man den Kaiser anredet?«

Der Mann hatte einen hinterhältigen Gesichtsausdruck. Adelheid hatte sofort das Gefühl, dass die Frage eine Falle war. Hatte die Mamsell nicht gerade erst erklärt, dass sie niemanden anzusprechen habe? Und am besten unsichtbar sei? Wenn sie sich an diese Regeln hielt, dann sollte sie niemals in diese Situation kommen.

»Ich denke, ich sollte unbedingt vermeiden, dass der Kaiser mich überhaupt sieht. Und nur für den Fall, dass er mich doch entdecken und mich ansprechen würde, nur dann dürfte ich antworten. Wie dann die korrekte Anrede wäre, lerne ich hoffentlich sehr bald.« Oje, waren alle Sätze vollständig und ausreichend höflich gewesen?

Verblüffung stand in den beiden Gesichtern.

»Gescheiter, als man meinen sollte«, sagte die Mamsell laut.

»Na gut, versuchen wir es«, sagte der Mann nun. Er schaute Adelheid noch einmal eindringlich an. »Machen Sie uns keinen Ärger. Und machen Sie uns keine Schande.« Er nickte der Mamsell zu und ging hinaus. Jetzt siezte er sie. Das musste bedeuten, sie durfte als Stubenmädchen anfangen.

Unschlüssig stand die Mamsell vor ihr. »Denken Sie immer daran: An der Sauberkeit des Körpers erkennt man die Sauberkeit der Seele. Reinlichkeit ist deshalb das höchste Gebot.«

Die wichtigste Regel: Sei unsichtbar. Das höchste Gebot: Sei reinlich. Dazu harte Arbeit. Das sollte sie doch wohl hinbekommen, dachte Adelheid hoffnungsvoll.

»Es gibt bald Essen. Ich werde Sie vorstellen, dann wird gegessen. Danach werden Sie mit Fräulein Petzold und Fräulein Pietsch, den beiden oberen Stubenmädchen, mitgehen … Vergessen Sie eines nie: Jeder Fehler, den Sie machen, fällt auf die gesamte Dienerschaft zurück.« Wie sie es sagte, klang es resigniert. Als glaubte sie nicht, dass Adelheid auch nur eine Woche hier überleben würde. »Was Sie vermutlich nicht wissen: Wir werden nun ein Gesindebuch für Sie ausstellen lassen, von der Polizei. Herr Opitz, den Sie gerade kennengelernt haben, nimmt es dann in seine Obhut. Wenn Sie Ihren Dienst hier verlassen, bekommen Sie es ausgehändigt.«

Adelheid machte große Augen. Ein Gesindebuch, famos! Das war fast wie ein Militär-Pass oder eine Passkarte. Damit war sie endlich wer. Niemand aus ihrer Familie hatte einen Ausweis. Sie nickte erfreut.

.

***

Gretes Fazit

(für alle, die…mögen) :

+ Handlung mit realem zeitpolitischen Hintergrund

+ packende Einblicke in das Leben der Dienerschaft

+ romantische Schwärmereien und Verwicklungen

+ Sagas mit Fortsetzungen (drei Bände sind geplant)

***

Über die Autorin:

Hanna Caspian ist eine erfolgreiche deutsche Autorin, die dramatische und spannungsgeladene historische Sagas schreibt. Ihre Themen sind schicksalsentscheidende Wendepunkte deutscher Geschichte, bevorzugt aus der Kaiserzeit und der so unheiligen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Mit ihrer sechsbändigen Gut Greifenau-Reihe, die oft das deutsche Downton Abbey genannt wird, stand sie auf der SPIEGEL-Bestsellerlisten.

Sie hat in Aachen Literaturwissenschaften, Sprachen und Politikwissenschaft studiert. Danach arbeitete sie lange Jahre im PR- und Marketingbereich und war damit schon immer der schreibenden Zunft verpflichtet.

Mit ihrem Mann lebt sie heute als freie Autorin in Köln, wenn sie nicht gerade durch die Weltgeschichte reist.

Im Artikel „Sturz eines Kaiserfreunds – Philipp zu Eulenburg und Hertefeld“  von Gastautorin Barbara Beck wird die wahre Geschichte der Eulenburg-Affäre, auf die der Roman basiert, aufgerollt.

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