Die Lithographin

Warum soll ich es leugnen — auch ich wurde, wie viele, nach der Phrase: „Was werden die Leute sagen?“ erzogen. Mein Vater war ein hoher Beamter und ich glaubte den Anspruch zu besitzen, entsprechend seiner hohen Stellung bevorzugt, umschwärmt und gelobt zu werden. Die Töchterschule und einige Jahre des Salonlebens lagen hinter mir, meine Tätigkeit im Elternhause war nicht anders gewesen als die von so vielen jungen Mädchen, die, ohne etwas Besonderes gelernt zu haben, in allen Künsten dilettieren und so die Zeit erwarten, die sie als junge Frauen in einen eigenen Wirkungskreis stellen soll.

Dann kam ein Schmerzenstag, ein niederschmetternder Schlag — sie brachten den Vater tot nach Hause — mitten in den Amtsgeschäften war er jäh und unerwartet von uns genommen worden.

Von da ab wurde es einsam und traurig in unserem Heim, denn ihren Einzug hatte Mutter Sorge gehalten, Vermögen und Ersparnisse waren nicht vorhanden, das Gnadenquartal ging schnell zu Ende, die Miete war zu hoch und das Witwengehalt zu gering. Meine jüngere Schwester besuchte noch die Töchterschule, und ich selbst hatte noch niemals die Hand zum Erwerb gerührt, auch nie daran gedacht, sie je zu diesem Zweck rühren zu müssen. Dazu die Mutter leidend und tief gebeugt durch all das Leid, das über uns hereingebrochen war, aber noch immer stolz auf Herkunft und Stand. Auf unser ruhiges, sorgenloses Dahinleben war ein hartes und grausames Erwachen gefolgt. Wir bezogen eine bescheidene Wohnung, wir sannen auf Verbesserung unserer Lage, schrieben um Hilfe an Verwandte, baten frühere Freunde um Rat und liefen hin und her, wir weinten, klagten und versuchten bei all diesem Bemühen nach Besserung unserer Lage darbend einen letzten Schein von Wohlstand aufrecht zu erhalten.

In den Nächten saß ich kummervoll da, ließ mein vergangenes Leben an mir vorüberziehen und sann nach, ob ich imstande sei, mit dem, was ich gelernt hatte, einen Erwerb zu beginnen; denn das war mir klar geworden, nur ehrliche, tüchtige Arbeit konnte uns retten.

Auf Grund des Inserats einer Verlagsbuchhandlung erbot ich mich zum Übersetzen einer deutschen Novellensammlung ins Französische. Aber mit meiner Probearbeit fiel ich glänzend ab. „Ihre Übersetzung wimmelt von Germanismen“, sagte der Verleger, und tief gedrückt durch das Versagen meines Planes ging ich von dannen.

Dann dachte ich daran, Musikunterricht zu geben oder Nachhilfe in den Elementarfächern zu erteilen. Aber alle meine Bemühungen, auf diesen Gebieten Erwerb zu finden, schlugen fehl! Und auch meine Versuche, mit Sticken und Handarbeiten etwas verdienen zu können, haben mir nur Misserfolge eingebracht. Eine große Niedergeschlagenheit war nach all diesen Fehlschlägen über mich gekommen, was nun? Durchdringen wollte ich unter allen Umständen, durchdringen mit ehrlicher Arbeit, und mir einen Broterwerb schaffen. Ich sann nach — wozu hast du zeichnen und aquarellieren gelernt? Gewiss, auf diesem Gebiete musste doch etwas zu machen sein. Die lithographischen Kunstanstalten brauchen ja Entwürfe zu Karten, Etiketten, Monogrammen und ähnlichen Dingen. Also gesagt, getan — ich machte die Runde durch zahlreiche lithographische Anstalten, zeigte einige Aquarelle, die ich vor dem Tode des Vaters kopiert hatte, und wurde abgewiesen. Da stand ich wieder auf der Straße. Mein Zettel wies nur noch eine einzige Anstalt auf, in der ich noch nicht vorgesprochen hatte. Also der letzte Versuch!

„Haben Sie schon selbstständig komponiert?“ fragte mich der junge Herr, der mich empfing. „Nein, das gerade nicht!“ „Aber, verehrtes Fräulein,“ lachte er „das ist ja gerade die Hauptsache. Das bisschen Malen bringt zur Not schon jeder fertig. Der Schwerpunkt liegt bei uns im Entwurf — je besser der ist, um so höher wird er bezahlt, wenn Sie mal auf Ihre Gefahr etwas komponieren wollen, soll es uns recht sein, wir werden dann sehen, versuchen Sie sich mal an einigen Entwürfen zur Ausstattung von Menükarten. Hier einige Muster, die Ihnen einen kleinen Anhalt geben; die einen sind lithographiert, die anderen geprägt. Am Ende der Woche wollen Sie gefälligst wieder vorsprechen und uns Ihre Entwürfe zeigen.“

Hochaufatmend empfahl ich mich. Ich freute mich wie ein Kind, denn der Erfolg schien mir zweifellos. Zu Hause begab ich mich alsbald an die Arbeit. Himmel, war das schwer! Das hatte ich nicht vermutet. Ich mühte mich ab, ich änderte, ich verwarf, und fing wieder von neuem an. Endlich war ich fertig — aber etwas Ordentliches hatte ich nicht zustande gebracht.

Zaghaft wanderte ich nach dem Geschäft, um meine Leistungen vorzuzeigen. Der junge Herr war wieder da. Er empfing mich sehr höflich, musterte die Entwürfe, schaute mich kopfschüttelnd an und sagte etwas unwillig: „Tut mir leid, Fräulein, aber das können wir nicht gebrauchen, wo denken Sie hin? Ja, ja, solche Geschichten wollen gründlich gelernt sein. Die jungen Damen meinen, das ginge so im Handumdrehen — ja, ja, sie sind höllisch im Irrtum.“ Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht; mir war, als sei der Himmel eingestürzt und mein ganzer Lebensmut vernichtet.

In langer, ruhelos durchwachter Nacht wurde mir klar, wie verfehlt meine Erziehung gewesen, wenn man mich doch nur ein Fach als sichere Unterlage für den Kampf in des Lebens Not gründlich und gewissenhaft gelehrt hätte! wie hatte ich die Zeit vertrödelt! wie eitel, hochfahrend und anmaßend war ich bezüglich meiner kunstdilettantischen Arbeiten gewesen! Fleiß, Ausdauer, Gewissenhaftigkeit, Pflichtgefühl, erschienen mir nun mit einem Male in ihrem vollen Werte. Jetzt sah ich ein, dass sie allein die Vorbedingungen für ein befriedigendes Dasein sind.

Am anderen Morgen begann ich einige neue Entwürfe zu Menükarten zu fertigen und wieder stand ich nach mehreren Tagen mit meinen Arbeiten vor dem gestrengen Kritiker. Schweigend nahm er die Entwürfe hin. „Die sind schon besser,“ meinte er nach kurzem Betrachten, „aber brauchbar sind sie auch jetzt noch nicht; sie lassen sich weder lithographieren noch prägen, und irgendwelchen Stil besitzen sie auch nicht. Es geht wirklich nicht — tut mir unendlich leid, Ihnen nicht dienen zu können.“

Er hatte eben ausgesprochen, als sich die Nebentür öffnete und ein alter        Mann  ins Kontor trat. Fragend schaute   der mich an. „Das ist die Dame“ sagte der junge Herr, auf mich hinweisend, „die uns schon in vergangener Woche Entwürfe zu Menükarten angeboten hat. Sie hat neue Entwürfe gebracht, aber auch die sind nicht zu gebrauchen, nicht wahr, Papa?“

Der Alte warf einen Blick auf die Entwürfe. „Die sind recht brav gemacht“ wandte er sich zu mir, „recht brav, aber wir können nichts mit ihnen anfangen. Man sieht, verzeihen Sie, die Dilettantin heraus.“

Sein Auge überflog mich musternd und schaute mir dann forschend ins Gesicht. Der wohlwollende Ton und das „recht brav“ klangen mir so fremd und so ungewohnt, sie packten mich so tief und mächtig, dass mir das Naß in die Augen stieg — die Tränen kollerten mir über das Gesicht und fielen schwer auf den Tisch, an den ich mich halten musste.

„Nun, nun,“ tröstete der Alte, „es war nicht so böse gemeint. Wahrheit muss doch Wahrheit bleiben! Beruhigen Sie sich doch. Es kommen Leute — bitte, treten Sie einmal in mein Privatkontor.“

Ich schwankte in den Raum.

„Setzen Sie sich“ bat der Alte. „Hier, trinken Sie ein Glas Wasser, das wird Ihnen gut tun. Und nun, was ist los? Gewiss, Sie sind in Nöten und wollen arbeiten? Nicht wahr?“ Ich nickte. „Haben Sie noch Eltern?“ „Nur noch eine Mutter!“„Und der Vater!?„Ist tot!“„Und nun wollen Sie also arbeiten? Haben Sie denn etwas gelernt? Beschämt schüttelte ich den Kopf.

„Die alte Geschichte“, meinte er grollend. „Obwohl die jungen Damen in unseren Tagen die beste Gelegenheit haben, etwas Tüchtiges zu lernen, halten sich ihre Angehörigen noch immer für zu gut, ihre Töchter für den Kampf mit dem Dasein vorzubereiten, wir haben so viele Werkstätten und Ateliers, in denen sich die Damen zu einer nutzbringenden praktischen Tätigkeit vorbereiten können, aber es ist so, als ob die Herrschaften glauben, sich etwas zu vergeben, wenn sie sich dort ausbilden lassen. Solcher Dünkel rächt sich, wollen Sie wirklich arbeiten, Fräulein?“

„Ob ich will“, rief ich, „von morgens früh bis abends spät will ich arbeiten, wenn mir nur die Gelegenheit geboten wird!“ „Das ist schön, Fräulein“, pflichtete er bei. „Arbeit schändet nicht! Nun gut, entschuldigen Sie mich einige Minuten, ich will mal sehen, was sich machen lässt.“

Nach einer halben Stunde, die mir eine Ewigkeit dünkte, kehrte er zurück. „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen: Arbeiten Sie vorläufig in meiner lithographischen Anstalt als Elevin. Bevor Sie solche Entwürfe, wie wir sie benötigen, fertigen können, müssen Sie noch viel lernen. Sie müssen die Lithographie, einige andere vervielfältigende Techniken und die Prägearbeit einigermaßen kennen; Sie müssen in den verschiedensten Arten zeichnen und gut aquarellieren können, Sie müssen auch fleißig nach der Natur arbeiten und sich eifrig im Entwerfen üben. Alles das ist nicht leicht und erfordert Zeit, wir beschäftigen im Lithographensaal zwar nur Herren, aber wir wollen mal eine Ausnahme machen. Oben wird sich schon ein Plätzchen finden, wo Sie unbehelligt sitzen können. Gearbeitet wird von morgens 7 bis mittags 12 Uhr und von nachmittags 2 bis abends 6 Uhr. Sie haben also zwei Stunden Tischzeit. Damit Sie sich noch kunstgewerblich fortbilden können, will ich Ihnen einen Vormittag und einen Nachmittag in jeder Woche freigeben. Irgendwelchen Verdienst kann ich Ihnen noch nicht in Aussicht stellen, denn der richtet sich ganz nach Ihren Leistungen; vorläufig sind diese Leistungen, offen gestanden, gleich Null. Aber wenn Sie brav und fleißig sind, wird es sich schon machen. Morgen können Sie schon eintreten!“ Er schwieg. Ich drückte ihm die Hand und drückte sie ihm nochmals. „Also Sie treten morgen früh an“, sagte er lächelnd. „Und nun gehen Sie nach Hause, sammeln Sie sich und halten Sie in der Folgezeit Stange, dann wird schon alles werden!“

Und ich habe Stange gehalten — mit freudigem Herzen. Anfangs war der alte Oberfaktor, mein Lehrer, etwas brummig, aber als er sah, dass ich mit eisernem Fleiß bei der Arbeit saß und mich seinen Anordnungen willig fügte, wurde er freundlicher und väterlicher. „Hüten Sie sich nur vor hohen, künstlerischen Träumen, liebes Fräulein“, warnte er. „wir sind hier schlichte, kunstgewerbliche Arbeiter.“

Ich beherzigte des alten Herrn weise Lehren — von allen hochtrabenden Flausen hielt ich mich fern. Als ich in dieser weise drei Monate gearbeitet hatte, legte der Oberfaktor am Ersten des Monats ein Kuvert auf meinen Tisch. „Das soll ich Ihnen vom Chef übergeben!“ Zitternd öffnete ich das Kuvert und fand zu meiner Überraschung sechzig Mark darin und einen Brief, in dem zu lesen war, dass man mit mir zufrieden sei und mir ein festes Monatsgehalt von gleicher Höhe bewillige.

Wer war froher als ich. Nach Geschäftsschluss stattete ich dem alten Chef unten im Kontor innigen Dank ab. Und dann brachte ich mit stiller Freude meinen ersten Verdienst der Mutter. Rastlos schaffte ich weiter — nach einem Jahre gab es Gehaltserhöhung auf 90 Mark und nach zwei Jahren auf 120 Mark. Und nun begann ich zu komponieren.

„Es hat sich ja recht gut gemacht“, sagte der Chef eines Tages zu mir. „wir werden jetzt, liebes Fräulein, das Gehalt schießen lassen und einen anderen Zahlungsmodus einführen: Sie sind flügge geworden und sollen jetzt nach Ihren gelieferten Entwürfen bezahlt werden, Sie stehen sich bedeutend bester dabei, wo Sie arbeiten, zu Hause oder hier, ist mir ganz gleich — liefern Sie uns nur brauchbare und schöne Arbeiten!“

Ja, ich war flügge geworden. In den drei Jahren hatte ich etwas Tüchtiges gelernt und den Segen treuer Arbeit erkannt. Mein Schaffen verlegte ich zur Freude meiner Mutter in die Arbeitsstube zu Hause. Der alte Chef hatte recht: ich stand mich bei dem neuen Zahlungsmodus bedeutend besser. „Sie sind unsere beste Stütze geworden“, sagte mir gelegentlich der alte Herr, dem ich so viel Beistand in meinen Kampf um eine selbständige Stellung im Leben zu danken habe.

Jahre sind vergangen, aus der Großstadt bin ich mit den Meinigen in eine kleinere Stadt gezogen. Aber für das Geschäft arbeite ich noch nach wie vor. Meine Schwester, die eine tüchtige Vorbildung genossen hat, unterstützt mich bei meinen Arbeiten. Wir haben unser gutes Auskommen und keine Not. Zufrieden sitzt meine liebe Mutter im Sorgenstuhl, sich glücklich fühlend bei dem Schaffen ihrer Töchter. Und ich bin froh und glücklich in dem Gefühl, der Pflicht und der Ehre nach Möglichkeit zu genügen.

Wie die Ausbildung zur Photographin damals aussah, erfahrt Ihr in diesem Artikel.

Originaltext aus Buch „Vor den wirtschaftlichen Kampf gestellt! Ein Preisauschreiben der Gartenlaube“ Ernst Keil’s Nachfolger 1906