Dies ist ein weiterer Beitrag aus dem obigen Preisauschreiben – die Berichte, geschrieben als Beiträge zum Thema „Vor den wirtschaftlichen Kampf gestellt“  wurden 1906 als Buch veröffentlicht und sollten insbesondere auch anderen Frauen Mut machen, die in die gleiche Situation kamen, sich plötzlich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen zu müssen. Und sie sollten wahrscheinlich gleichzeitig den Leserinnen aufzeigen, wie wichtig eine Ausbildung für jede Frau war – denn wie die Beiträge zeigen, war es für die Frauen ohne Ausbildung ungleich schwieriger im Berufsleben Fuß zu fassen.

Die Aufsätze sind keine literarischen Meisterwerke, aber authentische Schilderungen, die berühren. Vieles, was uns heute selbstverständlich ist, gab es damals nicht oder nur in Ausnahmefällen, z.B. Kindergärten und Betreuung nach der Schule. Auch staatliche Unterstützungsleistungen für Mütter gab es kaum. Eine Krankenversicherung wurde zwar schon 1883 eingeführt, aber keine Pflichtversicherung für alle. So konnten Krankheiten von Familienangehörigen Familien finanziell in den Ruin treiben.
Trotz allem ließen sich die Frauen, welche ihr Schicksal erzählen, von Schwierigkeiten nicht unterkriegen und meisterten mit viel Willen, Kraft und Erfindungsgeist ihren Alltag.
Als zweite Geschichte veröffentlichen wir nach „Die Lithographin“ heute diese Geschichte aus dem obigen Buch:

Vom Sprachunterricht zum Kunstgewerbe

Ich lebte mit meinem Manne in glücklicher Ehe. Wir hatten zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen.

Da kam der Schlag, der mich in einem Augenblick tiefer als zehn Klafter warf. Ungefähr eine Woche, nachdem sich unser Hochzeitstag zum siebenten Male gejährt hatte, überbrachte mir ein Angestellter der Fabrik, deren Besitzer und Leiter mein Mann war, die Nachricht, dass man ihn tot in seinem Arbeitszimmer aufgefunden habe. Er hatte sich eine Kugel ins Herz geschossen. Eine Stunde später wusste ich, dass unser Haus vor dem Zusammenbruch stand.

Kein Brief von ihm war zurückgeblieben. Ich habe nie erfahren, was ihn in den Tod getrieben hat. Aber da er im Leben nichts begehrt hatte, als mich so glücklich zu machen, wie das nur irgend möglich war, und für unsere beiden Kinder so zu sorgen, dass sie später nicht nötig hatten, ihr Brot durch Arbeit zu verdienen, sondern in der Lage waren, frei und unabhängig von allen Daseinssorgen ganz ihren Neigungen zu leben, so habe ich stets angenommen, dass die Verzweiflung, durch übereilige Spekulationen das Glück seiner Frau und Kinder von Grund aus zerstört zu haben, und die Furcht vor der Verantwortung ihm die Pistole in die Hand drückten. . . .

Ich befand mich mit meinen beiden Kindern plötzlich fast vis-à-vis de rien. Meine Eltern waren längst tot — mein nicht geringes Vermögen steckte zum größten Teil als Betriebskapital in der Fabrik und war durch nichts sichergestellt — nach Regelung der ausstehenden Verpflichtungen blieb mir fast nichts. Was gerettet werden konnte, war ein bescheidenes Kapital aus einer Lebensversicherung meines Mannes, die auf den Namen unserer beiden Kinder eingetragen war. Diese Summe musste zur Erziehung und Ausbildung der beiden vier und zwei Jahre alten Kleinen zurückgelegt werden, und es war mein persönlicher Wille, dass sie nimmermehr zur Befriedigung augenblicklicher Bedürfnisse, auch wenn diese noch so dringend waren, angegriffen werden sollte. . . . Den Lebensunterhalt für mich und meine Kinder musste ich hinfort jedenfalls durch eigene Arbeit beschaffen.

Ich hatte bis dahin nie Gelegenheit gehabt, meine Kräfte im Kampf ums Dasein zu erproben. Denn meine Eltern waren mehr als wohlhabende Leute gewesen, und die Erziehung, die sie ihrem einzigen Kinde hatten angedeihen lassen, war dementsprechend — verkehrt. Mit Spiel und Müßiggang, mit dilettantenhaften Studien in fremden Sprachen und in den schönen Künsten, mit Reisen und Theaterlaufen hatte ich meine Jugend- und Mädchenzeit verbracht. Ich wusste eigentlich nicht einmal, ob weitere Fähigkeiten, denen ich meine Zukunft anvertrauen konnte, in mir steckten.

Dazu kam die Schwierigkeit, mich in Verhältnissen zurechtzufinden, die für mich waren wie eine fremde, hässliche Welt. Ich hatte bisher nichts von Not gewusst, und meine ganze Tätigkeit war somit planlos gewesen, ich hatte mich bemüht, eingebildete Bedürfnisse noch mit übermütiger Laune zu befriedigen. Jetzt, da ich meine Lage als eigene Not empfand, lernte ich sie auch rasch als die Not von tausend anderen empfinden, und diesen Tausenden schloss ich mich an.

Aber ich musste bald erfahren, dass jeder Fabrikarbeiterin, welcher der Tod den Mann und Ernährer genommen hat, leichter aufzuhelfen und zu raten war als mir. Denn die mir vollständig fehlende Ausbildung für irgendeinen anderen als den häuslichen Beruf hinderte jeden, auch wenn er willens war, etwas für mich zu tun, ernstlich daran, zur Hebung meiner Lage beizutragen. Zum ersten Male musste ich die ganze Last des Fluches fühlen, dass ich in meinen Mädchenjahren nichts, gar nichts mit Gründlichkeit erlernt hatte.

So kam es, dass ich in der ersten Not, mich nach denen umsah, die sich in den Salons mit mir auf angenehme Weise die Zeit vertrieben hatten. Ich dachte in irgendeinem der vornehmen Häuser, deren Gesellschaftskreisen ich ja angehört hatte, als Stütze der Hausfrau oder als Gesellschaftsdame eine Zuflucht zu finden und vielleicht auch ein Obdach für meine beiden kleinen Kinder.

Und wirklich empfing man mich auch allenthalben mit ausgesuchter Höflichkeit und hörte nicht nur meine Wünsche an, sondern entließ mich auch mit reicher Aussicht auf Erfolg, so dass ich in der Tat am ersten Abend fast frohgemut ans Schaffen und an die nächste Zukunft dachte. Aber als ich am nächsten Tag die Briefe öffnete, in denen man mich die Entscheidung wissen lassen wollte, fand ich zu meinem nicht geringen Schrecken nur Absagen vor. Und so ging mir’s noch eine ganze Woche lang in jedem Hause, in welchem ich anklopfte, ganz ohne Unterschied, ob dort Bekannte wohnten oder Fremde. Man ließ mir sehr viel Zeit, meine Verhältnisse bis ins letzte zu erzählen, forschte mich scheinbar teilnahmsvoll nach allem aus, was irgend wissens- und bedauernswert erschien, und schrieb mir dann am nächsten Tage ab, meist, ohne nähere Gründe anzuführen.

Ich habe in jenen schweren Tagen, als ich für meine Kinder einen Bittgang nach dem anderen vergebens machte und eine Demütigung nach der anderen über mich ergehen lassen musste, bloß, weil ich jung und schön war, nichts mehr verwünscht als meine Jugend und als meine Schönheit.

Endlich gelang es mir, an einem privaten Institut die Stelle einer Lehrerin für die französische und englische Sprache zu erhalten. Das war mir angenehm. Ich konnte meine Kinder, die ich niemals fremden Händen ausgeliefert hätte, den größten Teil des Tages um mich haben und konnte ihnen Mutter sein. Solange ich in der Schule war, nahm sich ein altes, liebes Fräulein, das mit mir im Hause wohnte, der Kleinen an, und das Gehalt, das ich bezog, reichte zusammen mit dem Ertrag aus privaten Stunden zur Notdurft für uns aus; indessen blieb es immer nur ein unsicheres und sorgenvolles Leben aus der Hand in den Mund, bei dem ich nie froh werden konnte.

In dieser Zeit, in der ich beständig darauf sann, Mittel und Wege aufzufinden, um meine Lage zu verbessern, erinnerte ich mich, dass ich als Mädchen recht artig hatte zeichnen können. Ich holte meine alten Mappen wieder vor, spannte den Bogen übers Reißbrett und fing wiederum an, Auge und Hand zu üben. Auf meinen Pflichtgängen durch die Stadt blieb ich neugierig vor den Schaufenstern der Juweliere und Möbelhändler stehen, betrachtete die neuen Muster der Broschen, Ringe, Kämme, Nadeln, Schalen, Leuchter und Vasen, der anderen Gold-, Ton- und Silbersachen, versuchte sie zu Hause aus dem Gedächtnis nachzuzeichnen, lauschte gelegentlich auch auf die Stimmen des Geschmacks im Publikum, ließ in der Nachbildung dessen, was ich gesehen hatte, die eigene Phantasie zuweilen Meister sein und fand zuletzt, dass sie mitunter nicht nur ganz nette Dinge schuf, sondern dass ich in der Tat so etwas wie ein Talent zum Zeichnen hatte, während die Beschäftigung, mit der ich nun fast zwei Jahre lang meinen und meiner Kinder Lebensunterhalt erworben hatte, mehr dem Bedürfnis derer entsprach, die meine Arbeitskraft mit Nutzen verwenden konnten, als meinen eigenen Kenntnissen und Wünschen, und ich schon davon träumte, eine Fähigkeit entdeckt zu haben, die mir unter Umständen einen meinen natürlichen Anlagen weit angemesseneren Berufszweig erschloss, erkrankte plötzlich mein älteres Kind auf den Tod. Ich konnte, da mich die Pflicht wochenlang an das Krankenbett des Lieblings fesselte, meinen Schuldienst nicht länger versehen, und als ich nach einem halben Jahre endlich den Unterricht wieder hätte aufnehmen können, ließ man mich wissen, dass die Stelle inzwischen schon vergeben worden sei.

Nun war ich wieder ohne Existenz und außerdem durch die Krankheit meines Kindes und die fast ein halbes Jahr währende Arbeitslosigkeit gezwungen worden, das uns verbliebene Kapital anzugreifen. Die ängstlich ersparten Zinsen von zwei Jahren waren bis auf den letzten Heller aufgezehrt, und wieder stand ich vor der schweren Frage: Was nun weiter?

Da richtete sich mein Blick wie von selbst auf die Mappe mit meinen Handzeichnungen und Entwürfen. Und weil ich Klarheit darüber haben wollte, ob meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet ausreichen möchten, um es durch Fleiß und Übung zur Fertigkeit zu bringen, packte ich meine losen Blätter zusammen und trug sie zu dem Direktor der Kunstgewerbeschule hin. Er sprach mir zu, und ich verwendete auf seinen Rat ein halbes Jahr, um mich als Zeichnerin für kunstgewerbliche Arbeiten auszubilden.

Drei Jahre, nachdem mein Mann gestorben war, saß ich bereits als selbstständige Arbeiterin im Atelier einer großen Goldwarenfabrik der welschen Schweiz und als mein Sohn das Gymnasium bezog, hatte ich meine eigene Kunstwerkstätte.

Ich wünsche heute nicht mehr, dass in meinem Leben auch nur ein Teilchen von dem Ungemach gefehlt haben möchte, von dem ich verfolgt gewesen bin. Keine meiner Erinnerungen und kein Ereignis möchte ich aus meinem Leben streichen. Ich nehme alles gern in allem hin.