Fortsetzungsreihe: Vor den wirtschaftlichen Kampf gestellt – Frauen erzählen ihr Schicksal: Die Lehrerin

 In Fortsetzungsroman, Frauenleben, Originaltexte Preisausschreiben Gartenlaube

Wer die ersten Fortsetzungen schon gelesen hat, kann gleich zur heutigen Geschichte springen.

Für alle anderen möchte die Story hinter der Fortsetzungsreihe noch einmal kurz erzählen: Im Jahre 1905 veranstaltete die Wochenzeitschrift „Die Gartenlaube“ ein Preisausschreiben mit dem Thema „Vor den wirtschaftlichen Kampf gestellt“. Dabei ging es um Frauen, die plötzlich selbst ihren Lebenunterhalt verdienen mußten, meist aufgrund von Schicksalsschlägen. Denn es war zu dieser Zeit keineswegs selbstverständlich, dass Frauen überhaupt eine gute Schul- und Berufsausbildung hatten, meistens eher nicht. War doch ihre gesellschaftliche Aufgabe vor allem als Hausfrau und Mutter festgelegt. Das änderte sich jedoch in dieser Zeit: Es entstanden neue Mädchenschulen, Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen und auch die Möglichkeit zu studieren. Man mußte natürlich das nötige Kleingeld dazu aufbringen.

Zurück zum Preisausschreiben, die Resonanz auf die eingesandten Geschichten war anscheinend sehr groß und so wurden die besten und interessantesten Geschichten im Frühjahr 1906 als Buch herausgegeben. Zur Auswahl heißt es im Vorwort:

„Dem Zweck des Preisausschreibens hätte es nicht entsprochen, wenn nur der literarische Wert der Arbeiten für unsere Auswahl maßgebend gewesen wäre; für die Aufnahme entscheidend war vornehmlich der Nutzen, den Schicksalsgenossen aus diesen Schilderungen der Kämpfe und Siege ihrer Mitschwestern ziehen können“.

So haben die Aufsätze der erzählenden Frauen auch oft einen solidarischen Ton und geben anderen Rat. Und als Ratgeber war das Buch auch vorwiegend gedacht, auch wenn die Schilderungen der Schicksale oft spannend und auch dramatisch sind.
Wir veröffentlichen die einzelnen Geschichten jeden Freitag, manchmal in zwei Teilen.

Die heutige Geschichte erzählt das Schicksal einer Lehrerin, die ihren Beruf nach der Hochzeit zunächst aufgab. Das war so üblich und mancherortens auch Pflicht – das sogenannte „Lehrerinnen-Zölibat“ verbot Frauen nach der Verheiratung weiter ihren Lehrerinnen-Beruf auszuüben. Nur bei Lehrermangel wurde die Regel lockerer angewandt. Aber wie erging es Witwen?:

Die Schicksale einer Lehrerin

Im Callenberger Seminar ausgebildet, wurde ich nach glänzend bestandenem Examen in L. als ständige Lehrerin angestellt, erfüllte mit Freude meinen Beruf und wünschte mir nichts anderes. Da lernte ich meinen Mann kennen, wir liebten uns, ich gab meine Stelle auf und folgte ihm als sein liebendes und geliebtes Weib nach D.. Mein Ernst war staatlich eingestellter Vermessungsingenieur, und da uns Kinder versagt waren, konnte ich ihm ungehindert jedes Mal an den Ort seiner jeweiligen Tätigkeit, die er wochenlang bald da, bald dort ausüben musste, folgen; unser Hauptsitz blieb natürlich D..

Wir lebten sehr glücklich, besonders als uns, kaum mehr gehofft, nach zehnjähriger Ehe, ein Mädchen geschenkt wurde, dem bald darauf noch eins folgte, das wir leider bald wieder hergeben mussten. Doch ein drittes Töchterchen blieb uns erhalten. Wir waren unterdessen in eine große Industriestadt versetzt worden, und da mein Mann, der überall sehr beliebt war, sich mehr versprach, wenn er selbständig wurde, so gab er leider den Staatsdienst auf. Oh, könnte ich das ungeschehen machen, wie schön wäre es jetzt für meine Kinder und mich, Pension zu haben! Damals freilich schien unsere Zukunft gesichert. Mein Mann, tätig, ein Bild der Kraft und Gesundheit, voll Lebenslust und Freude seinem Berufe nachgehend, hatte Erfolge im Geschäft und glaubte natürlich, ein langes Leben vor sich zu haben, in dem er für uns arbeiten und sparen konnte. Da, nach drei Jahren der Selbständigkeit erfasste ihn die entsetzliche Krankheit!

Ich will schweigen von der fürchterlichen Stunde, in der mir der Arzt sagte, dass die erst für ein leichtes Darmleiden gehaltene Krankheit der entsetzliche Krebs sei. Wie ich noch Heiterkeit heucheln musste, um ihn nicht misstrauisch zu machen! Mein Mann blieb natürlich ahnungslos. Der Arzt hatte seiner schlimmen Hand wegen die Operation acht Tage hinausgeschoben, und furchtbar war die Mitteilung, ich solle meinen armen Mann, der tags vorher in seine Klinik gebracht worden war, wieder abholen — die Operation sei nicht mehr möglich. Ihm selbst sagte der Arzt, er sei im Augenblick zu schwach und solle sich erst vier Wochen kräftigen.

Fast musste ich’s als Glück betrachten, dass der Ärmste schnell durch den Tod erlöst wurde.

Meine beiden Kinder, zwölf und acht Jahre alt, und ich, wir standen nun ziemlich mittellos da. Eine zum Glück gute Lebensversicherung benutzte ich, das Laufende zu decken. Das Geschäft wurde mit Hilfe guter Freunde verkauft, trug aber natürlicherweise nicht all zu viel ein. Viel habe ich durch die Schlechtigkeit der Menschen verloren. Sachen, die mein Mann angefangen und beinahe vollendet hatte, und an die er doch seine Zeit und sein Geld gewendet hatte, wollte niemand nehmen. Sogar Behörden von Dörfern, die mein Mann vermessen hatte, weigerten sich, die fast vollendeten Pläne zu erwerben.

Was tun, die Kinder und mich zu ernähren? Ich nahm meine Zeugnisse als Lehrerin, ging zur Schulbehörde und bat um Anstellung. Der Fall war den Herren noch nicht vorgekommen, aber da gerade einige Bezirksschulen erbaut waren und die Stadt Lehrer brauchte, erhielt ich nach Hangen und Bangen in schwebender Pein eine Anstellung als Hilfslehrerin. Nun galt es für mich, zu lernen und Halbvergessenes hervorzusuchen. Es gelang glänzend! Vor meinem Eintritt hospitierte ich öfters in den Klassen, da die Unterrichtsmethode jetzt doch eine etwas andere ist als früher.

Nun habe ich in einer bestimmten Klasse zu unterrichten, bin seit drei Jahren fest angestellt, und mein Beruf macht mir große Freude. Kollegen und Kolleginnen sind alle sehr freundlich und unterstützen mich gern mit Rat und Tat.

Freilich, zu tun habe ich, und zwar auch in der Wirtschaft. Drei Zimmer meiner Wohnung habe ich noch an zwei Herren vermietet, die doch auch versorgt werden müssen. Sie erhalten zwar nur früh den Kaffee und selten einmal Abendbrot, doch müssen die Zimmer gesäubert werden. Dadurch, dass ich die Herren habe, wohne ich fast frei und kann mir ein Dienstmädchen halten. Meine Stunden hat der Schulrat liebenswürdigerweise so gelegt, dass ich meist um 10 Uhr früh fertig bin, so kann ich noch unser Mittagessen kochen. An den beiden Nachmittagen, an denen ich keine Schule habe, gebe ich je zwei Privatstunden im Französischen. Dazwischen gibt’s zu nähen, auszubessern oder Neues für meine Kinder anzufertigen. Meine Älteste, die Ilse, wird uns leider im September verlassen und nach Callenberg gehen: sie soll Lehrerin werden. Sehr gern tut sie es wohl nicht, aber sie muss lernen, ihr Brot zu verdienen. Aufs Heiraten kann sie nicht warten. Meine kleine Rose behalte ich bei mir, sie ist zehr zart, jedoch schicke ich sie in die höhere Töchterschule, der guten Sprachstunden halber; vielleicht kann sie später einmal als Kontoristin eine gute Stelle erhalten. Ein paar Jahre nach der Konfirmation werde ich sie wohl behalten als Unterstützung; denn jetzt weiß ich oft nicht, wo zuerst anfangen, wenn ich aus der Schule nach Hause komme: so viel Arbeit wartet meiner. Doch sind wir alle drei glücklich und zufrieden — freilich, Vergleiche zwischen einst und jetzt darf ich nicht anstellen. Aber ich habe meine Kinder; für die zu arbeiten und sie im Sinne des geliebten Heimgegangenen zu erziehen, ist mein Glück, solange mir Gott Gesundheit schenkt.

Hier geht es zu den schon veröffentlichten Geschichten: „Eine Schneiderin“ (Teil 1 und Teil 2) „Die Lithographin“ und „Vom Sprachunterricht zum Kunstgewerbe“  , „Ein Besorgungsinstitut“

Für die Weihnachtszeit unterbrechen wir die Reihe „Vor den wirtschaftlichen Kampf gestellt“ mit einer weihnachtlichen Geschichte, die nächsten Freitag (30.11.) startet: Hier eine Vorschau auf die Geschichte.

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