Die Villa Staudt in Heringsdorf – Der Kaiser kam zum Tete-a-Tete

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Zum Thema „Sommerfrische“ auf Usedom stellen wir aus den drei Kaiserbädern Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck jeden Ort mit Häusern vor, die eine besondere Geschichte haben. Wir beginnen mit der Villa Staudt in Heringsdorf:

Mutet schon die Geschichte der Villa Staudt spannend an, so ist es die Geschichte ihrer Bewohner nicht minder!

Einst stand auf ihrem Boden ein Fischerhaus. Die Familie Eichstaedt, welche es 1868 erwarb, baute und erweiterte es zu einer Villa, genannt „Villa Miramar“. Der Sohn des Hauses, Rudolf Eichstaedt, dazumal ein bekannter Genremaler, teilte das Grundstück und verkaufte das Haus an Konsul Staudt.

Der Konsul ließ es umbauen, im Jugendstil gestalten und schenkte es seiner Frau Elisabeth 1905 als Morgengabe zu ihrem 20. Hochzeitstag.

Wilhelm Staudt hatte eine steile Karriere hinter sich – aufgrund des Konkurses seines Vaters mittellos, wanderte er 24-jährig 1877 nach Buenos Aires aus. Mit einem Partner entwickelte er dort ein System, das die Kabelkommunikation zwischen den Kontinenten erheblich verbilligte. Ein zukunftsträchtiges Geschäft – das System schlug ein und 1882 brachte er im Verlag Springer Berlin den ersten „commerziellen“ Telegrafenschlüssel heraus. Mit dem Honorar für diesen Schlüssel startete er ein weiteres Geschäft, nicht minder ausgefallen – mit Pyjamajacken ohne Hosen aus Popeline landete er in Buenos Aires einen Hit, sie wurden sehr beliebt als Freizeitbekleidung. Das Geschäft florierte und wuchs und mit dem Gewinn gründete er 1887 die Firma „Staudt & Co., Im- und Export Geschäft“ mit Sitz in Berlin und Buenos Aires.

In Berlin lernte Wilhelm Staudt auch seine Frau Elisabeth kennen. Ob sie die Tochter eines Industriellen oder doch nur die eines Metzgers war – keiner wusste es so genau. Eines war jedoch sicher: Elisabeth war eine schillernde Persönlichkeit. Sehr groß, schön und intelligent und mit dem nötigen Schuss Exzentrik versehen, hatte sie den gemeinsamen sozialen Aufstieg unterstützt und gefördert.
Auch der überraschende Tod ihres Gattens 1906 aufgrund einer verschleppten Blinddarmentzündung konnte ihren weiteren Aufstieg nicht aufhalten. Die Witwe führte seine Unternehmungen, die er inzwischen auch auf das Bankgeschäft ausgeweitet hatte, erfolgreich fort.

Sie erregte Aufsehen in der Gesellschaft – z.B. wenn sie, die Pferde liebte, sich von dem bei ihr angestellten Paul Rösler, einem der besten Stallmeister und Pferdekenner Berlins, in ihren Gespannen durch den Tiergarten in Berlin kutschieren ließ. Auch ihre Töchter waren gesellschaftlich erfolgreich, beide hatten die Schönheit ihrer Mutter geerbt. Tochter Mercedes, sogar in Heringsdorf geboren, gewann 1908 mit ihrem Vierergespann den ersten Preis beim Berliner Blumenkorso.

Ihre Schwester, Auguste Victoria, verlobte sich mit Rittmeister Wilhelm von Kummer, einem der bekanntesten deutschen Turnierreiter. Bei der Hochzeit, die gleichfalls 1908 gefeiert wurde, war der Kaiser zugegen – der Rittmeister war sein Patenkind.

Nicht bekannt ist, ob der Kaiser auf der Hochzeit oder schon vorher die Bekanntschaft von Elisabeth Staudt machte – in jedem Fall fuhr er öfters nach seinen Urlaubsfahrten im Nordland per Auto von Swinemünde zur Villa Staudt, um dort mit Frau Konsul Tee zu trinken. Davon, dass ihn die Kaiserin dabei begleitete, wird nichts berichtet.

„Sein Typ“ war Elisabeth Staudt in jedem Fall, da von Wuchs und ihrer Erscheinung der Kaiserin auffallend ähnlich.

Ob nun „mehr“ lief als gepflegte Teekonversation wird wohl für immer das Geheimnis beider bleiben. Jedoch muss man bedenken, dass Wilhelm der II. natürlich immer in Gefolgschaft kam – ein wirkliches Tete-a-tete zu zweit war deshalb doch eher unwahrscheinlich.

Konsulin Staudt zog es nach dem 1. Weltkrieg nach Argentinien. Dort baute sie gemeinsam mit ihrem Sohn Richard und in Zusammenarbeit mit großen Firmen wie der Krupp AG und Siemens ein Waffenimportunternehmen auf. Dass man damit reich werden konnte, bewies ihr Sohn, der 1938 als reichster Ausländer in Argentinien galt. Im gleichen Jahr verkaufte die Witwe die Villa Staudt samt Einrichtung – und zwar nicht an irgendwen, sondern den Leibarzt Adolf Hitlers, Theodor Morell. Es entstand darin ein NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt)- Mütterheim. Im zweiten Weltkrieg wurde die Villa dann 1943 zum Lazarett.

Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde der gesamte Innenbereich des Seebades Heringsdorf von der sowjetischen Militäradministration kurzerhand umzäunt und bis 1950 zum Militärsanatorium erklärt . Die darin liegenden Villen wurden danach nicht den Eigentümern zurückgegeben, sondern gingen direkt in den Besitz des FDGB-Feriendienstes über. Wie einige andere Gebäude, wurde die Villa Staudt allerdings von einem Sonderbedarfsträger requiriert – dem DDR-Innenministerium. Vielleicht weil sie besonders schön war – denn obwohl im „Arbeiter- und Bauernstaat“ eigentlich alle Menschen gleich sein sollten, waren Erholungssuchende der Funktionärsriege gleicher als andere und deshalb gab es auch spezielle Häuser für sie. Und so wurde das majestätische Haus ab 1953 dann ein Heim des Innenministeriums mit Namen „Wilhelm Pieck“ (welcher der 1. und einzige Präsident der DDR war).

So spiegelt die Villa in ihren verschiedenen Funktionen tatsächlich auch gut die Zeitgeschichte wieder. Das gilt auch für die heutige Zeit: Nach der Wende wurde die unter Denkmalschutz stehende Villa saniert und beherbergt heute verschiedene Ferienwohnungen.

Und im Garten kann einem der Kaiser Wilhelm I. heute noch begegnen – allerdings nur als Büste.

Bei Herrn Fritz Spalink, einem Historiker, der sich mit der Geschichte der Insel Usedom und insbesondere Heringsdorf bestens auskennt, möchte ich mich für die Unterstützung und die Bilder für diesem Artikel bedanken. Wer noch mehr über Heringsdorf und seine Geschichte als Seebad erfahren möchte, kann dies in seinem Buch „Heringsdorfer Geschichten“ nachlesen.

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