Zwei Wolgaster Holzhäuser in Bansin: Der Seehof – ein „christliches“ Haus und „Die Strandklause“ – eine Villa mit drei Besonderheiten

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Bansin war der „jüngste Badeort“ der Insel, der tatsächlich erst Anfang der 1900er Jahre entstand. Den Ort Bansin gab es zwar schon viel länger, allerdings lag das Dorf mehr im Landesinneren. Noch bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts gab es in Strandnähe nur ein einziges Haus.

Heringsdorf lag als schon prosperierender Badeort ganz in der Nähe. So ist es nicht verwunderlich, daß findige Geschäftsleute darauf kamen, am noch unbebauten Strand einen weiteren Badeort zu erschaffen. Den Bauern wurde für „einen Appel und ein Ei“ das Land abgekauft und Parzellen zum Kauf angeboten. Man, das waren zunächst die Herren Necker und Wichmann, die sich als erste Land gesichert hatten. Sie taten sich mit den ersten weiteren Käufern von Grundstücken, darunter auch ein Zahnarzt mit Namen Lustig und Handschuhfabrikant Ahlemann aus Berlin zusammen, um ihre Aktivitäten rund um die Erschaffung des Badeortes zu bündeln.

Die ersten sechs Hotels entstanden und die ersten Gäste kamen; die meisten aus Berlin. Denn insbesondere die beiden Berliner hatten in der Hauptstadt kräftig die Werbetrommel für den neuen Badeort gerührt. Waren es zehn Jahre später, 1907 schon über 4000 Kurgäste, so waren es am Anfang 1897 genau 287. Und für sie gab es bereits zwei kleine Badeanstalten, die 1896 vorausschauend von Bansiner Einwohnern, die sich als Genossenschaft organisiert hatten, gebaut wurden. Wie wir schon wissen, waren sie getrennt: Eine für Männer und eine für Frauen, mit je 6 Zellen. Der Anfang war gemacht.

Gleichfalls vorausschauend war, zu bedenken, dass der Erfolg eines neuen Badeortes auch wesentlich von seiner Erreichbarkeit abhängt. So wurde der bis dato existierende Feldweg vom mit der Bahn erschlossenen Heringsdorf 1901 zu einer befestigten Straße ausgebaut, chaussiert, wie es damals so schön hieß und auch die Uferpromenade entstand. Weitere Villen und Hotels wurden gebaut und ganze Straßenzüge entstanden so, alle in der heute so geschätzten Bäderarchitektur, die verschiedene Stilrichtungen zitiert und vereint. Das Schöne ist, man kann sie heute noch bewundern!

Eine Besonderheit war, dass einige der Häuser ganz oder teilweise aus Holz errichtet wurden. Als transportable Fertighäuser wurden sie durch eine Firma in Wolgast erbaut und dann fertig zum Bestimmungsort transportiert.

Wobei unsere heutige Vorstellung von Fertighaus nicht ganz greift – diese Holzhäuser waren zum Teil prachtvolle Villen und als solche handwerkliche Meisterleistungen. Das Zeichen der Wolgaster Firma waren zwei Drachenköpfe am Dachfirst, mit denen sich noch heute erhaltene Häuser identifizieren lassen.

Zwei der sogenannten „Wolgasthäuser“ aus Holz, den Seehof und die Strandklause und ihre Geschichte möchten wir näher betrachten.

In seiner Form erinnert der Seehof mit seinem flacheren Zwerchdach und der Holzoptik an norwegische Sommervillen. Die polygonalen Eckerker an den beiden vorderen Hausseiten werten das Haus architektonisch auf. So auch die halbrunden Fenster und Loggienbögen – sie waren vom Jugendstil inspiriert.

Die Loggien waren sehr beliebt und viele Häuser in den Badeorten hatten sie. Denn damals war das Schönheitsideal möglichst blass zu sein und zu bleiben – gebräunte Haut stand für Proletariat (um es mal etwas profan auszudrücken). In den überdachten Loggien konnten insbesondere die Damen die frische Seeluft schnuppern, ohne in der Sonne zu sitzen.

Als sich dann später in den 20er Jahren das Schönheitsideal änderte und die gebräunte Haut „en vogue“ wurde, verschwanden oft auch die Loggien, die dann mit Fenstern verschlossen wurden – so auch beim Seehof, der heute eine geschlossene Fensterfront hat.

Aber zurück zu seinen Anfangsjahren, die erste Besitzerin des zwischen 1904-1906 erbauten Hauses war ein gewisses Fräulein Marie Wiersieg.

Im Jahr 1913 warb sie in einem Buch über Bansin mit der obigen Anzeige.

Es wurden 35 „komfortabel und modern“ eingerichtete Zimmer vermietet, die zwischen 12-50 Mark pro Woche kosteten. Vollpension konnte für 4 1/2 Mark dazu gebucht werden, für Kinder und Dienstboten wurde weniger verlangt.

„Wasserleitung vorhanden!“ Das war damals nicht selbstverständlich, wobei offen bleibt, ob die Zimmer bereits fließend Wasser hatten oder es eine zentrale Wasserleitung gab, bei der man sich sein Wasser holte.

Einen Wermutstropfen hatte die Anzeige – die Bezeichnung „Christliches Haus“. Gerade in Bansin, welches als Urlaubsort in militärischen Kreisen besonders beliebt war, war sie des Öfteren in Anzeigen von Pensionen zu lesen. Die Umschreibung wies nicht etwa darauf hin, daß die Eigentümer, in diesem Fall Fräulein Wiersieg, ach so christlich waren.

Es war ein Hinweis, dass die Pensionen nicht an jüdische Urlauber vermietet wurden. Obwohl auf Usedom, insbesondere im benachbarten Heringsdorf, auch viele jüdische Kaufleute Villen hatten bzw. ihren Urlaub dort verbrachten, waren solche Anzeigen ein Zeichen für schon damals vorhandenen Antisemitismus.

Gerade im Militär hatten jüdische Männer im Kaiserreich keine Aufstiegsmöglichkeiten und waren im Grunde nicht erwünscht, auch wenn es offiziell keinerlei Order dazu gab. Und folgerichtig wurde die Pension „Der Seehof“ auch vom „Deutschen Offiziersverein“ empfohlen, so steht es unter der Anzeige.

War der Seehof nach dem Krieg zunächst ein privat geführtes Hotel, so ereilte auch dieses Haus bzw. die damaligen Hotelbesitzer zu DDR-Zeiten Anfang der 60er Jahre das Schicksal, in ein FDGB-Heim umgewandelt zu werden (siehe Ahlbecker Hof).

Nach der Wende wurde das Haus saniert und heute befinden sich darin Eigentumswohnungen.

Das zweite Wolgaster Holzhaus, die „Villa Strandklause“ wurde um 1900 für den Landbaurat Körber gebaut. Die Besonderheiten des Hauses beginnen mit seiner stattlichen Größe.

Stilistisch war es eine Mischung: Schwarzwaldhaus meets „Nordland-Charme“. Von der Form her und Anmutung her dominiert süddeutscher bäuerlicher Charme – die Hauswände waren (und sind) aufwändig mit Schindeln gedeckt. Die Fensterbretter sind dagegen mit Wikinger-Motiven verziert.

Gleichfalls besonders war der freie Blick auf das Meer UND den Schloonsee auf der meerabgewandten Seite– das wurde natürlich auch in der Anzeige hervorgehoben:

Wie weiterhin in der Anzeige zu lesen ist, wurden in der Strandklause nicht nur Zimmer, sondern auch ganze möblierte Wohnungen vermietet, die teilweise sehr groß waren – wo findet man heute noch eine Ferienwohnung mit acht Zimmern? Aber bei diesen Wohnungen war dann auch das „Mädchenzimmer“ und sogar ein Speisezimmer dabei. Und sicher auch eine Küche, wenn gleich der Anzeige weiterhin zu entnehmen ist, dass nicht alle Wohnungen Küchen hatten. Manche Herrschaften gingen eben lieber auswärts „speisen“.

Jedenfalls waren Zimmer und Wohnungen alle mit „eisernen Bettstellen mit Patent-Stahldraht Matratzen und/oder Roßhaar-Matratzen ausgestattet. Bettdecken samt Bezügen mußte man sich übrigens entweder selbst mitbringen oder konnte sie (für eine Extragebühr) leihen. Darauf weist auch Griebens Reiseführer hin:

 

„Viele Familien nehmen auch die Betten und die Bettwäsche in ihre Quartiere mit; denn für den verabredeten Mietpreis findet man, wenn betreffs der Betten keine besondere Verabredung stattgefunden, in den Wohnungen nur Bettstellen mit Matratzen, doch kann man überall Betten mietweise erhalten.“ (S.8)

 

Und neben tollen Matratzen und „Wasserleitung in allen Geschossen“ kommen wir zur letzten Besonderheit der Villa: Tornado Spülklosetts! Oft hilft Google bei der Suche nach Abbildungen von alten Marken, Geräten und Werbungen weiter, in diesem Fall leider nicht. Immerhin habe ich so herausgefunden, dass es Tornado-Spülklosetts noch heute gibt– sie zeichnen sich, richtig, durch eine besonders effektive Spülung aus – tornadomäßig eben!

Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Spülklosetts noch eine Besonderheit, ob mit oder ohne Tornado-Spülung.

Last but not least verrät uns die Anzeige noch, dass Besitzerin Körber kinderfreundlich war („Kinderturnplatz im Garten“) und offen für alle Mieter – sie mussten im Gegensatz zum Seehof nicht christlich sein.

In Dokumenten lässt sich nachverfolgen, dass Frau Baurat Körber auf jeden Fall bis 1935 Eigentümerin des Hauses war. Auch bei diesem Haus wurden die ursprünglichen „sonnengeschützten Veranden“ später durch Fenster verschlossen.

Nach dem Krieg wurde das Haus eine Unterkunft für Kriegsflüchtlinge und wurde dann während der DDR-Zeit ein Mietshaus.

Nach der Wende wurde die Villa aufwändig saniert – so aufwändig, dass der Besitzer dabei in Konkurs ging und das Haus versteigert wurde. Und heute? Wie schon bei den anderen Villen, befinden sich Eigentumswohnungen darin, die von verschiedenen Anbietern als Ferienwohnungen vermietet werden.

Für die Geschichte dieser beiden Villen bedanke ich mich bei Hans-Ulrich Bauer für seine Unterstützung. Er hat mehrere Bücher über die Usedomer Badeorte geschrieben und insbesondere über dieHolzhäuser aus Wolgast. Wer noch mehr zu deren Geschichte wissen möchte, hier kann man die Bücher bestellen.

Und für alle, die an Usedom und die Geschichte seiner Kaiserbäder interessiert sind, dieser Artikel erzählt die spannende Geschichte der Villa Staudt in Heringsdorf.

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