Die zwei Gesichter der Fürstin Daisy von Pless

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ein Gastbeitrag von Fritz Spalink

Auf der einen Seite: Upperclass Girl, reich verheiratete Fürstin, Enfant terrible der Gesellschaft, beliebte Society-Lady und eine Freundin Kaiser Wilhelm II.

Auf der anderen Seite: Wohltäterin der Armen, Lazarettschwester und verdächtigte Spionin im 1. Weltkrieg

Wie das zusammenpasst? Unser Gastautor Historiker Fritz Spalink (den ich am Ende des Artikels noch vorstelle) erzählt uns die spannende Lebensgeschichte der von Daisy von Pless.

Mary Theresa Olivia Cornwallis-West, genannt Daisy, wurde am 28. Juni 1873 in Ruthin Castle in Denbighshire , Wales , als Tochter von Oberst William Cornwallis-West (1835–1917) und seiner Frau Mary „Patsy“ Fitzpatrick (1856–1920) geboren.

Für den gesellschaftlichen Oberschichtstatus der Familie mag stehen, dass Daisys Bruder George 1900 Jennie Churchill heiratete, die Mutter von Winston Churchill, und Daisy somit eine Stieftante des britischen Lords und späteren Premierministers war.

 In dieser privilegierten Umgebung verlebte Daisy eine unbeschwerte Kindheit in für damalige Verhältnisse besonders liberaler Erziehung. Ihre vergleichsweise lockeren Umgangsformen beschrieb König Edward VII am britischen Hof als eine „Wild West Show“. Durch ihren Vater dem britischen Kolonialbeamten wurde Daisy auch in die internationale Gesellschaft eingeführt, so lernte sie schon als 14-jährige in einem der elterlichen Häuser in Newlands Shri Sir Nripendra Narayan, den Maharadscha von Cooch Behar (1862–1911) kennen. Gleichfalls wurde sie dem deutschen Kronprinz Wilhelm sowie einigen weiteren Mitgliedern des europäischen Hochadels vorgestellt.

Als 17-jährige heiratete sie 1891 den Fürsten Hans Heinrich XV. von Pless. Hans Heinrich war angeblich der „reichste Fürst Deutschlands“ mit einem jährlichen Einkommen nach heutiger Währung von ca. 7,25 Millionen Euro.

Darüber hinaus verfügte er über die Schlösser Fürstenstein (mit über 600 Räumen), Pless, einen Palast in Berlin und ein Schloss in Sachsen, ganz zu schweigen von mehreren kleineren Schlössern und Häusern sowie 5.000 Arbeitskräften in den schlesischen Kohlengruben, die ihm zu weiterem Vermögen verhalfen.

Ihre jugendliche Unbeschwertheit – in England toleriert – war wenig geeignet, Daisy auf das strenge Protokoll und den Prunk im privaten und öffentlichen Leben in Deutschland vorzubereiten. So überraschte es nicht, dass Daisy in den ersten Jahren ihrer Ehe sämtliche Regeln brach – zum Entsetzen ihres Gatten, ihres eher zur Vergebung bereiten Schwiegervaters und vieler Mitglieder der deutschen Aristokratie.  Sie rebellierte auf ihre Art gegen die strenge preußische Etikette ihres Mannes und dessen Eltern.

Befreundet mit Vertretern des europäischen Hochadels und den Mächtigen ihrer Zeit, wie dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und britischen König Eduard VII., waren ihre Einladungen bald begehrt. Die Jagdgesellschaften galten als besonders exklusiv.

Ihre Freundschaft mit Kaiser Wilhelm II., den sie auf „auf Anhieb mochte“ und der sich ihrer seit ihrer ersten Begegnung annahm, rettete sie bei vielen Anlässen aus mancher Misere. Trotz der ambivalenten Haltung des Kaisers gegenüber seiner eigenen englischen Mutter, der Kaiserin Friedrich, hielt er stets sein Versprechen, Daisy in ihrem neuen Heimatland zu beschützen. Er selbst wurde in seiner Heimat verehrt, im Ausland jedoch kritisiert, „weil er seinen Standpunkt ebenso häufig wechselte wie die Kleidung“.

Daisy Fürstin von Pless war oft Zeugin des „sprunghaften Meinungswechsels des Kaisers“ am Hof sowohl in Berlin als auch in den Schlössern ihres Mannes in Pless und Fürstenstein. „Er kann eine Stufe der Erregung erreichen, die für seine Minister nur schwer zu kontrollieren ist, sodass sie ihm nicht alles sagen aus Angst vor dem, was er tun würde.“ Während sie mit dem Kaiser über die Fehler in der deutschen Politik gegenüber Britannien sprach, konfrontierte Daisy ihn geschickt mit einer Mischung aus Fakten und Schmeicheleien.

Vom Anbeginn ihrer Ehe scheint Daisy sich sehr für Kleider interessiert zu haben. Während einer Indienreise im Jahr 1896 vertraute sie ihrem Tagebuch an: „Ich hatte ein weißes Kleid mit viel Spitze in Kalkutta anfertigen lassen & ich kann es sehr weit ausbreiten & herumwirbeln lassen. Es ist unten 20 Yards weit und ohne Rockstützen.“ Während ihr Mann Hans Heinrich meist auf der Tiger-/ Großwildjagd war, nahm Daisy die Einladung an, Cooch Behar zu besuchen, wo sie und der Maharadscha sich schnell näher kamen. Daisy verbrachte die Zeit im königlichen Palast.

Der Maharadscha war zu dieser Zeit 33 Jahre alt und seine Ehe war sehr „angespannt“ Daisys Tagebucheintrag von diesem Besuch – unschuldig, schwatzhaft und aufgeregt – weist nicht darauf hin, dass sie selbst im Zentrum dieser Dreiecksliebe gestanden haben könnte, obwohl sie ehrlich zugibt, dass „der Maharadscha mich Lady Eve nennt, schließlich wäre ‚Eva‘ die erste Frau, die den Menschen in Versuchung geführt hat.

Auch auf ihren Reisen nach Paris kaufte sie liebend gern Kleider ein. „Alle meine Kleider waren ein großer Erfolg und Hans [Heinrich] sagte, ich war die am besten gekleidete Frau bei den Pferderennen. „Alles sehr schlicht und gerafft…“ Daisy war der Meinung, es stünde ihr am besten, ihre Taille zu betonen und die Schultern nicht zu bedecken, um so ihre durchscheinende, gertenschlanke Erscheinung hervorzuheben. Blasse Farben und zarte Muster galten für sie als „Idealbild zurückhaltenden Reichtums“ Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges führte sie das repräsentative Leben einer deutschen Fürstin, schenkte drei Söhnen das Leben, und engagierte sich intensiv im sozialen Bereich.

Durch ihre Projekte im Sozial- und Gesundheitswesen erwarb sie sich unter der Bevölkerung Schlesiens hohe Achtung.

So sorgte Daisy für die Kanalisation in den Dörfern der Bergarbeiter rund um Waldenburg – sie hatte erkannt, dass eine Ursache der Krankheiten wie Typhus und der hohen Kindersterblichkeit das schlechte Trinkwasser und die mangelnde Wasserversorgung war. Maßgeblich durch ihr Engagement erreichte sie, unterstützt durch ihren Schwiegervater, dass das Gebiet bis 1912 kanalisiert wurde.

Sie schuf eine Reihe sozialer Neuerungen und erfolgreicher Reformen, die ganze Gemeinden, aber besonders arbeitende Frauen und Mütter, behinderte Kinder und die Nadelspitzenindustrie im schlesischen Gebirge mit Erfolg förderten.

Mit Adolph Friedrich, Sohn des Großherzogs von Mecklenburg-Strelitz, (* 17.06.1882 in Neustrelitz; † 24. 02.1918) traf sie im Juli 1902 das erste Mal auf einem Dinner in England zusammen.

Näher kennen lernte man sich anlässlich eines Elisabethanischen Turniers im Jahre 1912. Hier fungierte Adolph Friedrich als Begleiter Daisys, der „Princess Errant“ . In den nächsten Jahren begegneten sich die beiden auf gesellschaftlicher Ebene jeweils mehrmals pro Jahr. Im Jahr 1914 taucht der Name des nunmehr zum Großherzog avancierten jungen Mannes öfter in Daisys veröffentlichten Aufzeichnungen auf. Adolf Friedrich VI. hatte der Fürstin noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges einen Besuch in Pleß abgestattet, denn in einem Brief vom 23. Februar 1915 erinnert er sich an ein Treffen im Vorjahr: „Erinnern Sie sich daran, dass es heute ein Jahr her ist, dass ich die große Ehre hatte, nach Pleß zu kommen, und wir hatten so ein nettes, gemütliches Essen in Ihrem schönen Heim.“

Gleich nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich die Fürstin von Pleß als Hilfsschwester in einem Lazarett in Tempelhof, wo sie im Oktober 1914 abermals auf den nun 32-jährigen Großherzog traf. Von da an stand sie nach eigenen Angaben mit Adolf Friedrich VI. in regelmäßigem Kontakt. Hierbei ging es zunächst um den Verbleib englischer Kriegsgefangener.

In diesem Zusammenhang erlaubte sich die Fürstin im September 1914 einen folgenschweren Fauxpas: Sie fuhr gemeinsam mit Ihrem Schwager Fritz in das Kriegsgefangenenlager Döberitz und gab sich dabei keine Mühe, ihre Anwesenheit zu vertuschen. Bald wurde dieser harmlose Kurzbesuch zu einer großen Affäre aufgebauscht. Es hieß, dass die Fürstin von Pleß mit den inhaftierten Engländern Nachrichten ausgetauscht habe. Somit stand sie sofort unter dem Verdacht, eine Spionin zu sein. Sie musste ihren Dienst im Tempelhofer Lazarett quittieren und nun damit leben, dass ihre Post streng zensiert wurde und sie quasi unter Dauerbeobachtung stand.

In der folgenden Zeit traf sie den Großherzog „rein zufällig“ bei vielen Anlässen und auch aus ihrer Korrespondenz ist eine zunehmende emotionale Nähe und Intimität zu erkennen.

Adolf Friedrich VI. mietete von 1915 bis 1917 ganzjährig das „Haus auf dem Hügel“ in dem damaligen Langenbergweg im Seebad Heringsdorf. Bis zu 14 servile Geister und Besucher teilten mit ihrer Hoheit Haus und Wirtschaft. Zu dieser Zeit war der Großherzog im Generalstab des Heeres tätig. Eine vierspännige Kutsche und ein Auto standen ihm zur Verfügung. Zwei Doggen waren ständige Begleiter. Auch sein Strandkorb hatte eine ganz persönliche Note. Er war mit blauem Stoff ausgeschlagen, auf dem die Herzogs­krone prangte.

Um ihm nahe sein zu können ohne dass ein Verdacht geschöpft werden konnte, bediente sich die Fürstin Daisy ihrer Freundin „Moretta“, der Schwester des Kaisers, Prinzessin Victoria von Schaumburg Lippe, die wie in jedem Jahr im Sommer im Hotel Meeresstrand im Seebad Bansin sommerfrischte und Daisy einlud.

Anfang Juli 1915 reiste die ruhelose Fürstin dann mit zweien ihrer drei Kinder nach Bansin an die Ostsee. Das war, wie sie ihrer Umgebung mitteilte, ein lange zuvor geplanter Besuch.  Auf der Insel Usedom wurde die Fürstin nun von dem Mecklenburg-Strelitzer Regenten sehnsüchtig erwartet.

Dort angekommen, ist sie ist heiser und fühlt sich krank. Doch der Großherzog beweist Babysitterqualitäten. Obwohl auch er sichtbar unter seinem Heu­schnupfen leidet, kümmert er sich um Daisys Kinder und spielt mit ihnen. In ihrem Tagebuch erinnert sich die Fürstin an einige gemeinsame Erlebnisse auf der Insel. An einem Tag entführt Friedrich sie und die Kinder zu einem Picknick an den Strand. Dort badet er mit Daisys Söhnen, man speist gemeinsam zu Mittag und hört sich Schellackplatten auf dem Grammophon an. Nach dem Essen klettert Daisy mit ihren Kindern auf die umstehenden Bäume – und das ganz leger in Badekleidung.

So vergeht der Juli 1915, im August ist auch Daisys Ehemann Hans Heinrich von Pleß kurzzeitig in Bansin zugegen und berichtet seiner Frau und der kaiserlichen Verwandtschaft von den Vorkommnissen im Obersten Hauptquartier zu Pleß. Der Großherzog weilte in dieser Zeit in der Residenz bei seiner Mutter.

Zurückgekehrt nach Bansin fährt er Daisy und ihre Söhne mit dem Phaeton nach Ducherow, von wo sie per Bahn zurück nach Schloss Fürstenstein fährt.

Die Beziehung zwischen Daisy und dem Großherzog wurde letztlich durch den  Selbstmord des Großherzogs am 24, Februar 1918 beendet.

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges betreute sie als Rotkreuzschwester auf Lazarettzügen in Frankreich verwundete Soldaten und erlebte das Kriegsende in einem österreichischen Lazarett im Serbien.

Im August 1917 wurde bei Daisy von Pless eine multiple Sklerose diagnostiziert.

Als Engländerin war sie nach Kriegsende in Deutschland nicht sehr gelitten und kehrte erst 1921 nach Schlesien zurück.

Am 12. Dezember 1922 ließ sich Daisy in Berlin mit einer Vermögensabfindung scheiden, die aber durch die Inflation an Wert verlor. Sie lebte zunächst in der englischen Gemeinde von La Napoule bei Monte Carlo und München, dann zog sie aus Kostengründen zurück nach Waldenburg.

In den folgenden Jahren veröffentlichte sie auch zum Lebensunterhalt mehrere Bände von Memoiren. Der gesamte Besitz der Familie von Pless wurde 1939 enteignet. Aus dem Schloss musste sie 1940 ausziehen, als es als neues Führerhauptquartier ausgebaut wurde (Projekt Riese). Sie besuchte demonstrativ mehrfach das KZ Groß-Rosen in der Nähe und sandte Lebensmittel dorthin. 1943, durch ihre chronische Krankheit und gesellschaftliche Isolierung vereinsamt, verstarb sie verarmt in Waldenburg.

Ihr Sarg wurde vor dem Einmarsch der Roten Armee 1945 an eine unbekannte Stelle umbestattet.

Fritz Spalink habe ich bei der Recherche zu meinen Beiträgen zur Sommerfrische auf Usedom (Grandhotel Ahlbecker Hof einst und jetzt, Der Kaiser kam zum Tête-á-Tête) kennengelernt, bei denen er mich unterstützt hat. Ein netter Kontakt blieb und als er mir die Geschichte von Daisy erzählte, fand ich sie so spannend, dass ich ihn um einen Gastartikel dazu bat.

Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte von Usedom und, wie wir am Artikel sehen, darüber hinaus. Als einer der profundesten Kenner der Geschichte der Kaiserbäder und der Insel Usedom hat Fritz Spalink einige Publikationen dazu verfasst und ist auch für Vorträge und Führungen sehr gefragt. Er engagiert sich in vielen Ehrenämtern – so war er z.B. Vorsitzender der Historischen Gesellschaft und ist Mitglied der Gesellschaft für Pommersche Geschichte.

Ein besonderes Anliegen ist ihm die deutsch-polnische Kooperation. Für seine Bemühungen darum wurde er mehrfach ausgezeichnet. Für alle, die noch nicht auf Usedom waren oder in Geographie einen Fensterplatz hatten (wie ich): Die Kaiserbäder liegen in direkter Nähe zur polnischen Grenze – man kann am Strand nach Polen spazieren oder mit dem Regionalzug einfach weiter nach Swinemünde, dem nächsten Ort auf polnischem Gebiet fahren.

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