Da lag sie auf seinem Schreibtisch, bunt und verlockend, mit allerlei drolligen Gestalten grüßend: die Eintrittskarte zum „Gauklerfest“. Fremdartig genug nahm sie sich aus inmitten seiner ernsthaften Bücher und Hefte. Jedes Mal, wenn sein Blick darauf fiel, durchzuckte es ihn ganz merkwürdig, und es war, als wenn etwas in ihm zu raunen begänne und empordrängte ans Licht. Gerade so, als wenn sich in seinem tiefsten Innern ein verschlossener Brunnen befände, der nur darauf wartete, dass man den Stein, der ihn bedeckte, abhob, um mächtig emporzusprudeln.

Ein Karnevalsfest, wie es hier noch niemals stattgefunden, in prächtigster Ausstattung und großzügiger Ungezwungenheit sollte das „Gauklerfest“ werden, veranstaltet zu „wohltätigen Zwecken“ von Künstlern und Studierenden der Kunstakademie. Trotz der wohltätigen Zwecke stand man der Sache zuerst kühl und reserviert gegenüber. Als sich aber ein prinzlicher Protektor gefunden, begann das Eis zu schmelzen. Das Ehrenkomitee füllte sich mit klingenden Namen — bald hatten alle ersten Familien Karten genommen — und schließlich ward jedes Tagesgespräch mit der Frage eröffnet: Werden Sie das Maskenfest mitmachen?

Und mit eben dieser Frage war auch Fritz Ruprecht, jetzt Kunstmaler, einstmals Studiengenosse des Doktor Wolfgang Hiller, ins Zimmer getreten. Fast erschrocken wehrte dieser ab. Wie sollte er? Er hatte ja noch nie derartiges mitgemacht, außer etwas Studentenulk in der kleinen Universitätsstadt.

„Eben deshalb“, sagte Ruprecht, „du musst doch auch einmal anfangen, Mensch zu werden, bisher hast du ja wie ein Einsiedlerkrebs gelebt.“

„Ich hatte niemals Zeit übrig und befand mich auch immer in Stellungen und Verhältnissen, die mir Pflichten äußerster Korrektheit auferlegten. Auch jetzt — es wäre mir meinem Rektor gegenüber peinlich — er hat strenge Prinzipien, und die Markusschule war von jeher —“

„Das Markusgymnasium“, warf Ruprecht ein, „wird an Ehrwürdigkeit nichts einbüßen, wenn du mal auf den Maskenball gehst. Und ausserdem wenn du dich genierst, es ist ohne Demaskierungszwang. Es wird großartig, sage ich dir, ich habe die Dekorationen mit entworfen. Ein Frühlingshain, ein Zigeunerlager, ein indisches Viertel – na, und die eigentliche Festwiese – “

Noch ein kurzer Kampf und der Freund blieb Sieger, wie die bunte Karte bewies, die nach seinem Fortgang auf Doktor Hillers Schreibtisch lag. Doktor Wolfgang Hiller aber träumte in dieser Nacht, das, er als Seiltänzer auf dem „Gauklerfest“ erschienen sei und darob vom Rektor Magnificus seiner früheren Universität zum Scheiterhaufen verurteilt wurde. Seitdem beschäftigte ihn die Sorge um eine möglichst solide, aber doch nicht unkleidsame Kostümierung. Und endlich hatte er gefunden, was er suchte. Mitten in der Literaturstunde, die er in der Elisabethschule, einem Mädchenpensionat, den höheren Töchtern erteilte, kam ihm der erleuchtende Gedanke: Wilhelm Meister, aus dessen Lehr- und Wanderjahren er Bruchstücke vorlas, Wilhelm Meister, der soeben Mignon von den Gauklern loskaufte, — seine Gestalt wollte er wählen! So durfte er auf dem Feste erscheinen, ohne unter der Maske erröten zu müssen. Dank dir, Freund Goethe!

„Es erübrigt sich eigentlich, darüber zu reden“, schloss Fräulein Albertine Müller, Vorsteherin der Elisabethschule, eine Konferenz mir ihren Lehrerinnen. „Aber um jeglichem Irrtum vorzubeugen: Es ist selbstverständlich ausgeschlossen, dass eine meiner Damen das sogenannte ‚Gauklerfest’ besucht. Ich verlasse mich ganz auf Ihr eignes Takt- und Pflichtgefühl.“

Drei junge Damen verneigten sich in stummer Zustimmung und verließen gesenkten Auges das Zimmer, während die Vorsteherin an das Fenster rauschte, einige Augenblicke hinaus spähte und plötzlich ihre stattliche Erscheinung zu verbindlichem Gruße neigte.

Professor Urbach, Rektor des Markusgymnasiums, hatte im Vorübergehen heraufgegrüßt. Er war Witwer und noch in den besten Jahren. Nur fehlte jede Gelegenheit zu näherem Bekanntwerden.

Unterdes waren die drei jungen Damen in eines ihrer Zimmer geschlüpft, um dort, wenigstens zwei von ihnen, loszukichern, während die dritte vorwurfsvoll sagte:

„Es ist schlecht von euch —“

„Nein, es ist schlecht von dir und unkollegial, wenn du nicht mittust. — Sei nicht kindisch, Herta! Warum sollen wir uns nicht auch einmal amüsieren? Wir haben Ärger und Plage genug und nicht allzuviel von unserer Jugend. Und was haben wir denn zu fürchten? Wir tun ein paar Stunden lustig mit und huschen so rasch und unerkannt wieder davon, wie Aschenbrödel vom Hofball.“

Hertas Augen begannen zu leuchten.

„Die Droschke“, fuhr Emmy Krüger lebhaft fort, „hält an der Gartenmauer. Emilie wird bestochen und liefert uns den Schlüssel zum Gartentor und zur hinteren Haustüre aus.“

„Ja, aber das Kostüm?“

„Ich geh‘ als Bajadere (indische Tänzerin)!“ rief Hanna Schröter und wiegte sich anmutsvoll vor dem Spiegel.

„Und ich“, rief Emmy, „als Kunstreiterin oder Zigeunerin!“

„Und du, Herta, du könntest als Seiltänzerin gehen, oder als Savoyardenknabe (Art Verkäufer von Hausrat).“

„Was fällt euch ein?“ wehrte Herta entsetzt ab.

„Ich weiß etwas Passendes für dich“, rief Hanna. Mit deinen großen, dunklen Augen und dem braunlockigen Haar, selbstverständlich ohne den pomadisierten Großtantenscheitel, den du dir aufzwängst.“

„Ich sehe ja sonst so liederlich aus“, entschuldigte sich Herta.

„Also an diesem Abend ohne Pomade, mit freiwallendem Lockenhaar, in malerisch einfacher Tracht, eine Harfe in den Händen.“

„Als Harfenistin?“ Herta schüttelte den Kopf.

„Nicht als Harfenistin, als ,Mignon’ sollst du kommen. Das ist eine hochanständige Gewandung, die auf Bildung schließen lässt und Schüchternheit und Zurückhaltung verlangt, an der es dir nicht fehlen wird!“

* *

Als der große Tag gekommen war, befand sich auch Hertas Scherflein bei dem Sündenlohne, den für Überlassung der betreffenden Schlüssel die Köchin Emilie erhielt, die in der ganzen Angelegenheit viel Entgegenkommen und ein unerwartetes menschliches Verständnis bewies. Und gerade als Herta mit den Schlüsseln in der Tasche die Treppe hinaufeilte, prallte sie an einer Biegung mit Doktor Wolfgang Hiller zusammen, und beide fuhren entsetzt zurück und sahen sich verwundert an. Dann eine steife Entschuldigung einerseits und ein steifes Kopfnicken andrerseits. Und beide lächelten im Weitergehen vor sich hin und dachten, dass sie heute Abend, gottlob, einmal andere Menschen würden kennen lernen, als diese philiströsen Schulpedanten. —

Nun war der Abend da. War das ein tolles Treiben und ein ohrenbetäubender Lärm! Das quietschte, brummte, geigte und flötete. Kein Wunder! Es wimmelte unter den Anwesenden von herumziehenden Musikanten, Dudelsackpfeifern, Rattenfängern, Tanzbären und trommelnden Affen. Und auf der Festwiese stießen die Ausrufer der Schaubuden in Trompeten und Fanfaren. Es war ohrenbetäubend, aber dennoch prächtig, lustig, und hoch- erstaunlich, wenn man bedachte, dass hinter all dem fahrenden Volke eine ehrsame Bürger- und Honoratiorenschaft steckte. Wo nahmen sie diese Ausgelassenheit her? Hatten auch sie verschlossene Brunnen in ihrer Seele gehabt? —

„Nun, Freund Meister, so nachdenklich?“

Der Kunstmaler Ruprecht war es, der in einem verwegenen Rattenfängerkostüm vor dem Oberlehrer stand.

„Sieh‘ dir die Frauen an!“

Und Wolfgang Hiller sah sie sich an, diese geschmeidigen, graziösen Gauklerinnen mit den verführerisch blitzenden Augen; und er verglich sie innerlich mit jenen weiblichen Gestalten, die seinen täglichen Lebensweg kreuzten, z. B. die Lehrerinnen der Elisabethenschule mit ihrer prüden Miene und steifen Haltung. —

Wie entsetzt war dieses Fräulein Römer heute morgen vor ihm zurückgewichen! —

„Du, sieh mal die an“, machte ihn Freund Ruprecht aufmerksam, „auch nicht übel!“

In majestätischer Haltung schritt eine imposante Schlangendame in grünseidenem Gewände durch die Menge. Vor einem indischen Zauberer, der einen Kopf kleiner als sie war, aber einen langwallenden Bart trug, blieb sie stehen und ließ ihre große, bunte Schlange, die sie um ihre Schultern gewunden trug, neckisch zu ihm hinüberspielen. Der Zauberer, dessen Bart Wolfgang Hiller in Farbe und Schnitt merkwürdig bekannt vorkam, war gegen diese Liebenswürdigkeit nicht unempfindlich. Er streichelte sogar der Schlange den Kopf und reichte der Bändigerin nach feierlicher Verneigung den Arm. —

„Ach, eine Mignon!“ rief Wilhelm Meister erfreut aus. Freund Ruprecht musterte mit Kennermiene die schlanke, schwebende Gestalt, die in Gesellschaft einer zierlichen Colombine und einer reizenden Bajadere war.

„Ballett!“ sagte er.

„Ballett? frug Wilhelm Meister erstaunt. „Die Husarenoffiziere der Nachbarschaft haben verschiedenes eingeschmuggelt. Warum auch nicht? Man will sich doch amüsieren.“

Eine Anzahl schlanker Fakire und indischer Jongleure umschwirrte die drei jugendlichen Erscheinungen. Die Bajadere und die Colombine schienen die Anreden scherzend zu erwidern, während Mignon sich scheu und hilfesuchend zurückzog. Da war Wilhelm Meister als Retter am Platze. Die Fakire lachten.

„Wilhelm Meister? Allerdings, ältere Rechte“, sagte der eine in schnarrendem Ton und zog sich mit galanter Verbeugung zurück.

Arm in Arm gingen Wilhelm Meister und Mignon durch die Säle spazieren. — Eine Dame vom Ballett! — Er lachte vergnügt in sich hinein. Wenn das sein Rektor gewusst hätte! Übrigens hätte sich eine junge Lehrerin auch nicht gesitteter benehmen können; nur dass die kleine Ballettdame tausendmal liebenswürdiger, natürlicher, herziger war. Und sicher bildhübsch! Die großen, dunklen Augen, die in naiver Freude strahlten, das prächtige Lockenhaar! Als im Ballsaal ein Walzer erklang, begann sie sich leicht zu wiegen. Aha! dachte er. Es prickelt. — Natürlich tanzte sie entzückend. Das merkte ja nun auch der Laie, dass das etwas anderes war. Anfangs kamen sie zwar dreimal aus dem Takt, aber das war natürlich seine Schuld. Nachdem er sich hineingefunden, ging es wunderschön, und zuletzt schwebten sie wie im Himmel! — Es war doch ein Hochgenuss, mit einer Tänzerin von Beruf zu tanzen. Er konnte ihr seine Begeisterung nicht vorenthalten. Da kam gerade ein Veilchenmädel durch den Saal. Während er die Blumen bezahlte, drängte sich eine Bajadere an Mignon heran. „Du, Herta“, flüsterte sie ihr zu, „nimm dich in acht! Dein Wilhelm Meister ist ein berüchtigter Don Juan, ein Baron Isenburg, Husarenoffizier.“

Fort war sie, und die tief erschrockene Mignon steckte befangen die Veilchen in den Gürtel, die ihr Wilhelm Meister bot. Ein Don Juan! Und sie hatte sich so vertrauensvoll seiner Führung überlassen, sie hatte sich so beschützt gefühlt. Aber das ist ja gerade das Gefährliche, dass man sie nicht durchschaute, diese Don Juans! —

„Wollen wir mal Karussell fahren?“ sagte er und seine Augen blitzten sie lächelnd an. Ach was! Und wenn er auch ein Don Juan war. Wegen dieser paar Stunden! — Sie stimmte fröhlich zu, und wie zwei vergnügte Kinder eilten sie auf die Festwiese, wo sich das buntschimmernde Karussell drehte, und setzten sich in eine niedliche Equipage. Nicht weit von ihnen bestieg die grünseidene Schlangendame ein Pferd, und der alte indische Zauberer war auch da, er saß auf einem Elefanten. Die Grünseidene warf übrigens auf Mignon einen forschenden Blick.

Der Abend schritt vor, und Zelte und Lauben füllten sich mit Soupierenden. Da war ein reizendes, türkisches Zeltchen. Doch als Wilhelm Meister den Vorhang hob, züngelte ihm ein Schlangenkopf entgegen, und im Hintergrunde glaubte er einen langwallenden Bart zu erkennen. Im Palmenhaine des indischen Viertels leuchteten bengalische Flammen und Fakire und Bajaderen schwangen sich in wildem Tanze. — Nein! — Aber dort, wo ein Dörfchen im Frühlingsschmucke blühender Apfelbäume prangte, dort winkte eine Gaisblattlaube. Hier war es still, nur aus der Ferne klangen Zigeunerweisen. Dorthin führte Wilhelm Meister seine Mignon.

Ihr ward es etwas beklommen zumute. In den Gläsern perlte der Sekt, und Wilhelm Meister hatte ihre Hand erfasst und presste seine Lippen darauf.

„Ich muss fort!“ sagte sie abwehrend.

„Nicht, ohne mir eine Bitte erfüllt zu haben!“ Lockend und schwermütig erklang die Zigeunerweise — ihre Augen trafen sich — eine junge, weiche Sehnsucht stand darin. „Lass mich dein Antlitz sehen, bevor wir für immer scheiden!“

„Für immer!“ dachte auch sie.

Mit zitternden Fingern löste sie ihre Maske, auch er legte die seinige ab.

— Ungläubiges Erstaunen —

Maßlose Überraschung! Nicht vom Ballett!

Kein Don Juan! Kein Abschied fürs Leben! —

In auswallender Freude darüber küsste er sie — wieder und wieder. Warum sollte sie’s wehren? Er war ja kein Don Juan — und die Zigeunerweisen klangen so süß und lockend —

 

Nicht lange darauf holte Wilhelm Meister eine Badajere und eine Colombine aus dem indischen Viertel heraus, entführte sie samt seiner Mignon in einem Wagen und geleitete sie bis zur Gartenmauer der Elisabethschule. —
Es war anderen Tages nach der Morgenandacht, als Fräulein Albertine Möller eine würdevolle Rede hielt, von getäuschtem Vertrauen, Leichtfertigkeit der Jugend und der eigentlichen Notwendigkeit, ihr weibliches Lehrerpersonal samt einem treulosen Dienstboten zu entlassen, wenn nicht ihr allzugutes Herz — Hier wurde sie durch ein fürchterliches Kreischen, das von draußen ertönte, unterbrochen, und gleich darauf stürzte Emilie, die Köchin, herein und meldete entsetzt, dass eine große, bunte Schlange zusammengerollt unter der Treppe läge —

„Also auf dem Maskenball haben Sie sich gefunden? Wie merkwürdig!“ sagte die Schulvorsteherin einige Stunden später zu Doktor Hiller, der ihr seine Verlobung mit Fräulein Hertha Römer ankündigte.

„Jawohl“, lächelte Doktor Hiller, „dort lernten wir uns das erste Mal ohne jene Maske kennen, die uns das Tagesleben auferlegt.“

„Ja, ja“, seufzte Fräulein Möller, nachdem er das Zimmer verlassen, und trat gedankenvoll an das Fenster, um erschreckt wieder zurückzufahren und die Hand auf ihr hochklopfendes Herz zu legen, denn gerade kam der indische Zauberer, in einen Pelz gehüllt, mit einem Blumenbukett in der Hand, über die Straße auf ihr Haus zu. Und gleich darauf meldete das Stubenmädchen: „Herr Rektor Urbach“ —

Über die Autorin Auguste Werner habe ich leider nichts in Erfahrung bringen können. Wer jetzt noch mehr Geschichten aus dieser Zeit lesen möchte, findet unter „Romane und Texte“ weitere, z.B. diese.

Nächste Woche (Freitag, 8. März) geht es weiter mit einer lustigen Glosse in zwei Teilen „Wenn die Hausfrau krank ist“ von Else Ritter.

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