Sisi und der Reitsport vor 150 Jahren – Hauptsache elegant!

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ein Gastbeitrag von Petra Herzberg

Als Sisi-Expertin hat Petra Herzberg auf Bürgerleben schon den Artikel „Sieben Geheimnisse von Sisi“ veröffentlicht. Dieses Mal erzählt sie uns von einer neuen Seite der beliebten österreichischen Kaiserin – sie war eine versierte und passionierte Reiterin. Aber war Kaiserin Elisabeth dabei eine Ausnahme oder gab es auch andere sportliche Damen, die im 19. Jahrhundert schon ritten? Wenn, dann in jedem Fall im Damensattel, bei dem einiges anderes ist als beim Reiten im normalen Sattel, wie mir Petra als erfahrene Reiterin erzählt. Sie ist übrigens selbst gerne im Damensattel unterwegs – wie Ihr im Bild am Ende des Artikels sehen könnt.

Wie sich das Reiten für Frauen überhaupt entwickelte, welche Reitmode früher angesagt war und wie das Damenreiten funktioniert (und das Aufsteigen), all das erfahrt Ihr außerdem im Artikel.

Sisi – die Kaiserin im Sattel

Die kleine Sisi wurde schon früh in den Sattel gehoben. Ihr Vater, Herzog Max in Bayern war ein passionierter Reiter und ließ sich in München eine eigene Reitmanege bauen, wo er vor Publikum Kunststücke auf und mit den Pferden zeigte. Er gab seinen Kindern Reitunterricht und vor allem Sisi hatte großes Talent. Maxens tiefbayerischer Ausspruch ist überliefert: „Wärn wir nicht Prinzn, wärn wir Kunstreiter worn.“Selbstverständlich ritten die Töchter des Herzogs im Damensattel und sie konnten rechts- sowie linksseitig reiten. Die Damensättel waren so konstruiert, dass die Hörner mit ein paar Handgriffen umgesteckt werden konnten. Grundsätzlich sitzt die Reiterin jedoch linksseitig, d.h. beide Beine liegen links in den beiden Hörnern.

Die erwachsene Sisi war die ungeschlagene Ikone in Sachen Mode und Reitkunst im Damensattel. Sie ritt in England und Irland die schwersten Jagden. Die bevorzugten Farben ihrer Reitkleider waren dunkelblau, dunkelgrün, grau und schwarz, oft pelzvergrämt und immer aus edlen Stoffen. Sie trug einen kleinen Hut oder einen hohen Zylinder auf den eingeflochtenen Haaren, oft mehrere Handschuhe aus hellem Hirschleder übereinander und besaß wunderschöne Reitgerten mit Edelsteinen, Elfenbeinarbeiten und kleinen eingearbeiteten Portraits ihres Mannes, Kaiser Franz Joseph. Gelegentlich verschenkte sie ihre Reitgerten aus Dankbarkeit für eine Gefälligkeit direkt vom Pferd herunter. Somit sind noch einige dieser Gerten in Familienbesitz erhalten, sehr selten kommt eine noch in einer Auktion unter den Hammer und wenn, dann erreichen sie astronomische Preise. Reithelme jedoch oder sonstige Schutzkleidung kannte man (noch) nicht.

Im Zuge ihres Schönheits- und Schlankheitswahns ließ sich die Kaiserin vor jedem Ritt in ihr Reitkleid einnähen, so dass es ihr wie eine zweite Haut am Körper lag. Sisi hatte bei ihrer Schneiderin ein Gestell mit Damensattel aufbauen lassen, auf dem sie sich sitzend von allen Seiten im Spiegel betrachten konnte. Es war ihr sehr wichtig, stets elegant und perfekt auf dem Pferd auszusehen und ihr Reitkleid durfte nicht die kleinste Falte aufweisen. In ihren Ställen standen die besten und teuersten Jagdpferde und sie ließ ständig neue ankaufen und ausbilden. Ihre berühmtesten Pferde, auf denen sie auch porträtiert ist, sind Domino, Bravo, Merry Andrew und Nihilist. Sie hatte ein gutes Händchen für Pferde und verstand ihre Sensibilität und mit ihren Eigenheiten umzugehen. Als sie den berühmten Domino das erste Mal bestieg, ging er mit ihr vom Fleck weg durch, aber sie brachte ihn schnell zum Gehorsam und seitdem verband die beiden ein unsichtbares Band. Bei den Reitjagden kamen Sisi und Domino immer in Ziel an, um sie herum gab es viele Stürze, aber Domino machte keine Fehler und trug seine Herrin unbeschadet ins Ziel.

Sisi nahm Dressur-Unterricht bei Elisa Renz vom Zirkus Renz und in der Spanischen Hofreitschule. Sie führte genau Tagebuch und machte sich eifrig Notizen über ihre Fortschritte in den einzelnen Lektionen. „In der Bewegung mehr mitgehen“ lesen wir da oder „Nachgeben mit der Hand“. Um fit zu bleiben, trainierte sie hart und nahm vor einer Jagd ein Gebräu aus Fleischsaft und Rotwein zu sich.

Als Sisi 1879 einmal in Irland auf einer Jagd mit ihrem Pferd versehentlich über eine Mauer sprang, landeten beide mitten im Klostergarten von Maynooth, in der Nähe von Dublin. Als Entschuldigung stiftete sie später ein wertvolles goldenes Messgewand und eine silberne St. Georgs Figur, die heute noch dort aufbewahrt und stolz gezeigt werden.

Sisi war hart im Nehmen: 1874 stürzte sie mit einem neuen Pferd in Sassetout so schwer, dass sie bewusstlos wurde, eine Gehirnerschütterung erlitt und ärztlich versorgt werden musste. Dem geschockten Ehemann aber schrieb sie „Ich bin nicht in Sorge wegen eines solchen Rumplers“ und saß ein paar Tage später wieder im Sattel. Der Tratsch blühte auf und es wurde behauptet die Kaiserin hätte gar keinen Reitunfall gehabt, sondern ein uneheliches Kind auf die Welt gebracht, der Vater sollte angeblich ihr Reitpilot Bay Middleton gewesen sein. Was ist ein Reitpilot? Ein Reitpilot begleitet die Dame auf der Jagd und zeigt ihr den besten Weg über die Hindernisse.

Bay und Elisabeth waren von einander fasziniert, er von ihrer Schönheit, ihres Talentes und Kühnheit im Sattel, sie von seiner Pferdekenntnis und seines Draufgängertums. Dabei war Bay anfangs gar nicht begeistert, die Kaiserin pilotieren zu müssen, aber noch ahnte er nicht, was für eine großartige Reiterin sie war. Das konnte sie ihm gleich im ersten gemeinsamen Ritt beweisen und ab da war das Eis gebrochen. Ein Verhältnis hatten sie jedoch nicht, er heiratete später seine Verlobte Charlotte Braid und stand Sisi als Pilot nicht mehr zur Verfügung. Sisi war dadurch gekränkt, denn sie gestattete ihrem Umfeld nicht, zu heiraten. Auch ihre Hofdamen mussten unverheiratet bleiben und sobald sie die Ehe eingingen, schieden sie aus dem aktiven Hofdienst aus. Ein anderer Pilot, der nach Bays Weggang an Sisis Seite gestellt wurde, entsprach jedoch nicht ihrer Vorstellung und sie hatte keine richtige Freude mehr am Jagdreiten. Außerdem spürte sie durch ihre jahrelangen ständigen Diäten körperliche Erschöpfung und Schmerzen beim Reiten, so dass sie ihre treuen Pferde verkaufte und sich nur noch selten zu Pferd blicken ließ. Ihre Lieblingspferde ließ sie portraitieren, diese Gemälde sind erhalten und man kann sie heute in der Wagenburg zu Wien sehen. Bays Leben endete tragisch: Er zog sich 1892 auf einer Reitjagd einen Genickbruch zu.

Die Anfänge der Damenreiterei: Von Gabeln und Hörnern

Schon immer gab es reitende Frauen. Im Mittelalter stiegen sie in erster Linie aufs Pferd, um sich fortzubewegen. Die damaligen Sättel, Sambue genannt, waren unbequem und gestatteten es der Dame nicht, reiterlich auf das Pferd einzuwirken. Die Dame stellte ihre Füße auf der sog. Planchette ab, die als Brett unterhalb der Sitzfläche angebracht war. Sie saß komplett seitlich auf dem Pferd. Die reitenden Damen wurden in der Regel von einem Knappen oder Stallburschen geführt, der im Notfall der Dame helfen oder dem Pferd in die Zügel greifen konnte, sollte es bocken oder nicht weitergehen wollen.

Ab dem 15. Jahrhundert durften edle Damen bei offiziellen Anlässen und öffentlichen Repräsentationen mitreiten. Die Falkenjagd erfreute sich größter Beliebtheit und Damen der höfischen Gesellschaft ritten mit. Im 16. Jahrhundert sorgte u.a. Katharina von Medici für eine bessere Sicherheit des Damensattels. Sie gilt als Erfinderin des zweiten Horns, wodurch das rechte Bein der Reiterin sicher in einer Gabel auf dem Sattel lag. Diese Gabel findet man heute nur noch an den ganz alten Sätteln, die moderneren Sättel haben keine Gabel mehr. Mit dem Wegfall des rechten Horns, bzw. der Gabel, hat der moderne Damensattel ein fixes Horn für das rechte Bein und ein bewegliches Schraubhorn, an dem das linke Bein Halt findet.

Warum aber wurden überhaupt Gabel und Hörner auf den Sattel gebaut? Ganz einfach: Den Damen war es nicht gestattet, in Hosen oder gar im Herrensitz zu reiten, da man die Beine und Füße der Dame nicht sehen durfte bzw. eine rittlinks auf dem Pferd sitzende Dame als unschicklich und unmoralisch galt. Das Reitkleid musste beide Beine und Füße bedecken, erst später wurden die Reitkleider bzw. Reitschürzen kürzer genäht, so dass der Fuß zu sehen war.

Die heutigen Sicherheitsschürzen werden über der Reithose getragen, mit der die Dame sicherer und rutschfester im Sattel sitzt. Sie reicht bis zum Knöchel des linken Beines. Im Saum ist ein Bleiband vernäht, um zu verhindern, dass die Schürze flattert und das Pferd erschreckt. bzw. die Reiterin auf der Reitjagd in Hecken etc. hängenbleibt und aus dem Sattel kommt. Im Falle eines Sturzes, bleibt die Schürze nicht hängen, da sie geknöpft ist und sich rasch öffnet. Rechts ist die Schürze wegen der für das Knie und das Horn erforderlichen Weite länger. Sollte die Dame zu Fuß unterwegs sein bzw. ihr Pferd führen, so muss sie ihn rechts hochknöpfen.

Warum zeigten sich Damen gern zu Pferd?

Im 19. Jahrhundert zeigten sich die Londoner Damen der höheren Gesellschaft gern zu Pferde im Hyde Park oder auf der Rotten Row. In Paris wurde im Bois de Boulogne, in Berlin im Grunewald und in Wien im Prater und in der Freundenau ausgeritten. Meist im Schritt und in wunderschöner Aufmachung, begleitet vom Ehemann ebenfalls hoch zu Roß und/oder dem Stallburschen. Hier wurden die jungen Damen bewundert und hier bahnte sich auch so manche Heirat an. Aber warum ritten die Damen? Da gab es verschiedene Gründe: Natürlich, um von A nach B zu kommen, zur Gesundheitsförderung, zum Bewundertwerden und einige sehr gute Reiterinnen, wie Elisa Renz und Sisi aus sportlichen Gründen und aus Liebe zum Pferd.

Der Chic zu Pferde

Ein paar Worte über die Mode und die Reitkunst im Damensattel

Natürlich waren die Damen auch beim Reiten im Korsett eingeschnürt, eine schlanke Taille war ein Muss. Zum Reiten wurde das Korsett durch Fischbein etwas elastischer und kürzer geschneidert, so dass es nicht auf den Hüften scheuerte. Sisi trug Beinkleider aus sehr dünnem Leder oder Seide. Richard Schönbeck empfiehlt in seiner Reitlehre für die Dame lackiertes Kuhleder oder Lackleder für die Stiefel, die oben im Schaft geschmeidig sein müssen und zu denen ein sehr niedriger englischer Absatz gehört. Am linken Fuß trug die Dame einen Sporn aus Stahl, Nickel oder Silber mit Rädchen, denn es sollte kein Zierat sein, sondern ein echtes Hilfsmittel. Die Reitkleider wurden im Laufe der Zeit kürzer und enger. Frau trug eine helle Bluse, darüber eine enge Jacke oft mit Schößchen. Bei den Sprüngen der Reitjagden über dichte Hecken, Bäche und Naturhindernisse konnten die langen Reitkleider hängenbleiben und die Dame aus dem Sattel katapultieren. Außerdem wurden die Kleider im Querfeldein durch Wasser und auch Matsch schmutzig, nass und schwer. So entschied man sich, die kürzere Variante anzunehmen. Die Stoffe sind meist aus Tweed oder Calvary Twill.

Da der Damensattel die Dame durch seine nach hinten gezogene größere Sitzfläche und die Hörner etwas weiter nach hinten setzt, gehen die Pferde oft viel entspannter und besser. Es setzt natürlich ein feines gefühlvolles Reiten voraus und das nach hinten setzen spricht den „Motor“ des Pferdes naturgemäß an. Ein Damenpferd wird überwiegend auf Kandare geritten und mit längeren Zügeln als gewöhnlich. Die Einwirkung auf das Pferd ist somit feiner, setzt aber auch eine gute ruhige Hand voraus. Nahezu alle Pferde sind in der Lage einen Damensattel zu tragen und sich damit gut reiten zu lassen. Früher wählte man für eine schlanke Dame bevorzugt englische Vollblüter. Für kräftige Reiterinnen wählte man ein schweres Warmblut wie einen Oldenburger oder Thüringer, wobei die alten Reitmeister immer davon abrieten, eine korpulente Dame in den Sattel zu setzen, einfach weil es nicht elegant aussah. Ponies sehen mit Kindern im Damensattel entzückend aus und die kleinen Mädchen machen damit eine gute Figur im Dressur- und Springparcours. Selbst die höchsten Dressur- und Zirkuslektionen können im Damensattel gezeigt werden, dies ist jedoch noch schwerer zu erlernen als im Herrensattel. Hier braucht es Talent, Können und jahrelanges Training, Erfahrung, sowie eine perfekte Körperbeherrschung.

Die Hilfengebung im Damensattel ist ähnlich wie die im Herrensattel. Jedoch muss die Dame ausbalanciert sitzen und nicht nach links fallen. Die Schultern der Dame sowie die Hüften müssen parallel zu den Schultern und Hüften des Pferdes stehen, d.h. sie muss ihren Oberkörper etwas mehr drehen und sich dabei gut ausbalancieren. Um für das Pferd den unangenehmen Satteldruck zu vermeiden, ist unbedingt auf einen guten und passenden Sattel zu achten. Auch die Reiterin ist vor Scheuer- und Druckstellen nicht gefeit. Der fehlende rechte Schenkel wird durch den Reitstock ersetzt. Damit gibt frau dem Pferde dort die Hilfen, wo der Schenkel im Herrensattel die Hilfe gibt, es gibt genauso vorwärts- und seitwärtstreibende sowie verwahrende Gertenhilfen wie im Herrensattel. Will die Dame springen, muss sie über dem Sprung ihren Oberkörper wie ein Klappmesser nach vorne bringen, jedoch nicht im Sattel aufstehen. Der Sprung fühlt sich meist nur wie ein Galoppsprung an. Die Dame muss sich auf ein gut und sicher springendes Pferd verlassen können.

Die reitenden Damen des 19. Jahrhunderts hatten ihren Stallmeister, der ihnen das Pferd zuritt und ausbildete, und ja, dieser Mann saß dann dabei tatsächlich im Damensitz auf dem Pferd. Die Dame bekam von ihm das Pferd gesattelt vorgeführt, er half ihr beim Auf- und Absitzen. Das Aufsitzen ist etwas schwierig, heute geschieht es meist von einem Trittbrett. Man sollte nicht über den Steigbügel aufsteigen, da der Sattel durch das Gewicht der Reiterin nach links verrutschen könnte. Daher wird die Dame auf das Pferd „gehoben“. Das geht so vonstatten: Ein Helfer hält das Pferd am Kopf und achtet darauf, dass es gerade steht. Die Dame steht links vom Pferd, schaut in Richtung des Pferdekopfes, fasst mit der rechten Hand auf das obere feste Horn. Sie hat die Peitsche in der rechten Hand, reicht dem zweiten Herren, meist ihr Ehemann oder Kavalier, ihren linken Fuß und platziert die linke Hand auf dessen Schulter. Nach einem „Eins Zwei Drei“, stemmt sich die Dame bei „Drei“ mit dem rechten Bein schwungvoll vom Boden ab, drückt ihr linkes Knie durch und wird vom Herrn sanft in den Sattel gesetzt. Sofort muss sie den festen Sitz einnehmen, damit sie im Falle eines Scheuens des Pferdes sicher sitzt. Sie platziert das rechte Bein um das obere Horn, nimmt mit dem linken Fuß den Steigbügel auf und ordnet ihr Kleid. Dann nimmt sie die Zügel auf und der Herr, der das Pferd am Kopf hält kann es nun loslassen. Die Dame kann losreiten, bzw. noch warten bis ihr Kavalier ebenfalls sein Pferd bestiegen hat und gemeinsam mit ihm losreiten.

Beim Absteigen hält ein Helfer das Pferd wieder am Kopf, der Kavalier stellt sich links ans Pferd. Die Dame nimmt den linken Fuß aus dem Bügel, nimmt das rechte Bein aus dem oberen Horn und schwingt ihren Körper etwas nach links hinten, sodass sie komplett auf die linke Seite hinter die Hörner zum Sitzen kommt. Sie rafft ihr Kleid, um nicht hängen zu bleiben und reicht dem Kavalier beide Hände. Dann gleitet sie mit dessen Hilfe elegant zu Boden. Geschickte Reiterinnen können alleine absteigen, wenn sie ihr Pferd gut kennen und dies brav stehenbleibt. Sehr leichte Damen können über den Steigbügel aufsteigen, wenn sie gelenkig genug sind um ihren Schwerpunkt sehr schnell über den Pferderücken zu bekommen, so dass der Sattel nicht rutschen kann. Sie legen dann ihr rechtes Bein wie im Herrensattel zunächst nach rechts und legen es dann wieder über den Pferdehals um das obere Horn.

Berühmte Damensattel-Hersteller waren bis ca. 1950 z.B. Hermes in Paris sowie Champion&Wilton, Owen und Mayhew in London. Für einen guten Damensattel muss man heute – so wie früher – tief in die Tasche greifen. Lässt man sich einen alten Sattel aufarbeiten, muss dieser an das Pferd und die Reiterin angepasst werden. Dies können heutzutage nur noch wenige Sattler. Hier ist man mit mindestens EUR 2000,– dabei, nach oben gibt keine Grenzen. Zum Sattel gehört noch der Balanceriemen, der Sattelgurt und eine passende Schabracke oder Satteldecke. Ein kleines Täschchen für das Taschentuch rundet das Bild ab. Dieses wird auf der Offside, also rechts am Sattel angebracht. Für die Jagd kann man auch ein sogenanntes Sandwich Case oder Hunting Canteen anbringen, darin ist Platz für ein Getränk und wie der Name schon sagt, ein Sandwich für die Pause. Die Firma Swaine&Adebey in London hat wunderschöne Taschen aus Leder hergestellt, Sandwich und Getränk fanden ihren Platz in silbernen Behältern, die genau hineinpassen. Diese Sandwich Cases oder Hunting Canteens sind heute schwer zu bekommen und haben Preise um die EUR 300,– aufwärts. Zur Adjustierung des Pferdes kommt neben der Kandare auch gern Vorderzeug hinzu, falls der Sattel nach hinten rutscht, bzw. ein Schweifriemen, falls der Sattel nach vorne rutschen sollte. Normalerweise sollte der Sattel aber so passend wie möglich sein, dass weder das eine noch das andere nötig ist.

Derzeit erlebt das Reiten im Damensattel eine Renaissance. Es gibt in fast jedem Land Reitschulen mit guten Ausbildern für das Reiten im Damensattel. Über die Websites der nationalen und internationalen Damen-Reitclubs kann man sich gut informieren und austauschen. In Pferdeshows, Musicals, auf Messen und im Zirkus gibt es mindestens eine Nummer im Damensattel. Es ist einfach schön und elegant anzusehen. Wenn dann das Pferd korrekt nach den Grundsätzen der Dressur ausgebildet und vorgestellt wird, ist das ein Hochgenuss für jeden Zuschauer, egal ob Laie oder Kenner. Probieren Sie es doch selbst mal aus.

Kontakt: Reiten im Damensattel e.V. in Deutschland,

www.damensattel-deutschland.de

The Side Saddle Association in England

www.Sidesaddleassociation.co.uk

Hier noch ein paar amüsante (und wahre!) Auszüge aus den alten Reitlehren:

„Die Dame soll nicht pfefferstossen“, bedeutet dass die Damen beim Traben sich nicht im Sattel werfen lassen soll. Dies ist unangenehm für das Pferd und bringt die Reiterin aus der Balance so dass sie nicht korrekt auf das Pferd einwirken kann.
(aus Adolf Schlaberg: Die Dame als Reiterin, 1906)

Wunderbar und hochaktuell:

„Deshalb kann nicht oft genug wiederholt werden: Weiche, stetige Führung, ruhiger Sitz und weiches Annehmen und Nachgeben erhalten das Pferd in Gefühl und Gehorsam“

„Wenn Sie, meine Damen, angenehm und ohne Ärger mit Ihrem Pferde reiten wollen, so behandeln Sie dasselbe nicht als ihren Untergebenen, sondern als Ihren Freund. Finden Sie sich durch Entgegenkommen bei seinen Eigentümlichkeiten mit ihm ab. Jede rohe Behandlung ist zu vermeiden, keine wilden Hetzen, keine harte Bestrafung. Am allerwenigsten darf ein Rucken und Reißen im Maule mit der Kandare stattfinden“

„Das Festhalten des Gesäßes auf dem Sattel ist dabei von besonderer Wichtigkeit, denn es vermittels die Gefühlsverbindung zwischen Pferd und Reiterin. Zwischen diesen beiden Faktoren findet nämlich eine fortwährende Gefühlsäußerung und Gefühlsübertragung, gewissermaßen ein Hin- und Hertelegrafieren von Empfindungen statt, welche in den beiderseiten Gehirnen auslaufen …“
(aus Richard Schönbeck: Der Damen-Reitsport, 1904)

Für den interessierten Leser anbei alte Reitlehren aus den beiden letzten Jahrhunderten, die es gelegentlich antiquarisch zu kaufen gibt:

Freifrau Helene von Rheiffen: Die Dame zu Pferde, 1907

Adolf Schlaberg: Die Dame als Reiterin, 1906

Richard Schönbeck: Der Damen-Reitsport, 1904

Neuere Bücher sind:

Dorothee Falteijsek: Im Damensattel – eine Reitlehre für die Frau

Nicole Künzel: Eleganz im Damensattel

Branderup Bent und Gottschalck Silke: Elegance im Damensattel

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