Was geschah vor 110 Jahren im 2. Halbjahr? Teil 1

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Was geschah im Herbst bis zum Jahresende 1911?

Auch Lieblingsprojekte -wie die eigentlich monatlich geplante Reihe „Was geschah…“- müssen manchmal anderen Prioritäten weichen! Aber natürlich möchte ich Euch auf jeden Fall auf dem Laufenden halten, was bis zum Ende von 1911 (genauer von September bis Dezember) noch so alles geschah! Hier deshalb die komprimierte Fassung – nach Themen sortiert:

Zeitgeschichtliche Ereignisse: 

Elbtunnel wird eingeweiht

Zur Vollendung eines Riesenwerkes Deutscher Tiefbautechnik lautet die Unterschrift zum Bild in der Zeitschrift „Woche“, welches das pompöse Eingangsportal zeigt. Der Tunnel wurde am 7. September für Fußgänger und am 30.11.11 für Fahrzeuge eröffnet. 

Den Tunnel benötigte man, da die Stadt -wie viele andere Großstädte- boomte. Es entstanden neue Hafenanlagen und Fabrikbauten auf der Südseite der Elbe, die bis dato nur per Fährdampfer (und einer Straßen- und Eisenbahnbrücke, welche die Elbe überquerten) erreicht werden konnten. Deren Kapazität war begrenzt – und so wurde auch der zunächst gefasste Plan, eine riesige Schwebefähre über die Elbe zu errichten, fallen gelassen.

Vorausgegangen war eine vierjährige Bauzeit unter dem jungen, erst 26-jährigem Ingenieur Otto Stockhausen. Der bezog bei Baubeginn 1907 direkt eine Wohnung am Tunnel und verschob seine geplante Hochzeit bis zur Beendigung des Bauvorhabens. Tatsächlich heiratete er dann die Verlobte, der er 1907 einen Heiratsantrag gemacht hatte- allerdings durch den Stress des Baus komplett ergraut! Tragisch: Er sollte nur drei Jahre älter werden – 1914 fiel er gleich zu Beginn des 1. Weltkrieges, neben seiner Frau hinterließ er einen einjährigen Sohn.

Während des Baus der zwei Tunnelröhren gab es manche Schwierigkeiten – um ein Eindringen des Wassers zu verhindern, musste mit Druckluft gearbeitet werden. Die Arbeiter wurden an den höheren Druck gewöhnt, manche vertrugen ihn jedoch nicht. Ein Arzt wurde eingestellt, um den Gesundheitszustand der Arbeiter zu beobachten und zu kontrollieren. Daneben wurden auch ein Affe und ein Hund vor dem Bohrschild eingesetzt, da sie besonders empfindlich auf Sauerstoffmangel reagierten. Fielen sie um, war Gefahr im Verzug! 

Alles in allem gab es aber beim Einsatz von ca. 4400 Arbeitern nur einige wenige Todesfälle. Durch die Eröffnung des Tunnels wurde der Arbeitsweg vieler Menschen und der Transport von Industriegütern erleichtert.

Die Tripolisfrage – Krieg zwischen Italien und der Türkei

Kriege und Unruhen gab es in diesen Jahren einige, dazu gehörte auch der Konflikt zwischen der Türkei, dem damaligen Osmanischen Reich, und Italien, später oft „Die Tripolisfrage“ genannt.

Wie es dazu kam? Italien machte aus Zeiten des römischen Reichs existierende Ansprüche geltend – wobei sie mit diesem Angriff auch geschickt von innenpolitischen sozialen Problemen ablenken wollten. Das kommt uns aus der heutigen Zeit doch irgendwie bekannt vor, oder?
Die Industrialisierung war in Italien nie richtig angekommen, größere Teile der Bevölkerung waren arm und viele suchten ihr Glück durch Auswanderung. 

Mit der Eroberung der Landstriche um Tripolis sollte angeblich Siedlungsgebiet für auswanderungswillige Italiener bereit gestellt werden als Alternative zur Auswanderung nach Nord-Amerika. 

Der zu erobernde Landstrich (der letztlich auch erobert wurde) hatte jedoch entgegen italienischer Behauptungen keinen fruchtbaren Boden und war deshalb für potentielle Aussiedler wenig geeignet. So schnell wie es sich die Italiener vorgestellt hatten, war das Gebiet nicht zu erobern. 

Die libyschen Einwohner empfanden die Eindringlinge nicht als Befreier, da sie sich mit der Herrschaft durch das osmanische Reich arrangiert hatten. So leisteten sie erbitterten Widerstand. Insbesondere auf türkischer Seite starben viele Soldaten, viele arabische Einwohner wurden in einer Art Progrom im Oktober 1911 erschossen, unter denen wohl auch unbeteiligte Frauen und Kinder waren. 

Die deutsche Presse berichtete über den Krieg ausführlich, war aber mit Stellungs- und Parteinahmen vorsichtig. Mit Italien war man gemeinsam mit Österreich-Ungarn im Dreierbund vereinigt, zum Osmanischen Reich unterhielt man freundschaftliche Beziehungen. 

Erst im Oktober 1912 wurde der Krieg mit dem Frieden von Ouchy beendet. Zwei Landstriche, heute Gebiete von Libyen, damals des Osmanischen Reichs, die Kyrenaika sowie Tripolitanien mit Hauptstadt Tripolis, mussten am Ende an Italien abgetreten werden.

Revolte in Wien – die Krawalle um den Ottakring

Die„Woche“ meldete zum Bild „Massendemonstrationen im Hinblick auf die drohende Teuerung. Tatsächlich waren die Preise schon gestiegen – durch Mißernten und hohe Weltmarktpreise für Lebensmittel hatten sich die Warenpreise dermaßen verteuert, dass sich viele Arbeiter z.B. kaum mehr Fleisch leisten konnten. 

Zur Demonstration vor dem Parlament hatte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei aufgerufen und viele (die Angaben variierten zwischen 36.000-100.000) Arbeiter waren dem Aufruf gefolgt. 

Als sich die zunächst friedliche verlaufende Versammlung auflösen wollte, fiel ein Schuss – von wem er abgefeuert wurde, konnte nie ermittelt werden. Dies löste eine Kette von Ereignissen aus – es kam zu Steinwürfen, Fensterscheiben gingen zu Bruch und die Polizei und das Militär rückten gegen die Demonstranten vor. Dessen harter Kern zog sich in den Arbeiterbezirk Ottakring zurück. Dort wurden Barrikaden errichtet, es kam zu Plünderungen und Beschädigungen. Vier Arbeiter starben, daneben gab es 149 Verletzte und fast 500 Verhaftungen. Die Unruhen sind ein weiteres Beispiel, welcher Sprengstoff soziale Not und Hunger unter der Bevölkerung birgt. 

Stellt sich die Frage: Gab es auch in Deutschland Teuerungen? Ja! Und nicht nur dort, auch in anderen europäischen Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Belgien. In den Wochenzeitschriften waren die höheren Lebensmittelpreise, insbesondere von Fleisch, ein Thema und man suchte nach Ursachen. Dabei wurde u.a. festgestellt, die Menschen würden zu viel Fleisch essen, was gar nicht gesund wäre…Diese Themen sind also so neu nicht…

Eine Ausstellung wird verschoben

Und last (but not least) eine kleine Meldung, die 110 Jahre danach traurig stimmt, erschienen in der Ausgabe Nr. 51 von 1911 in der Rubrik „Die sieben Tage der Woche“ für den 15. Dezember:

„Die für 1913 geplante deutsch-englische Ausstellung in London wird vorläufig auf das Jahr 1914 verschoben, weil Zweck, Förderung des Einvernehmens zwischen Deutschland und England, nur erreicht werden kann, wenn eine politische Verständigung vorausgegangen ist.“

Die blieb leider auch bis 1914 aus….

Im II. Teil geht es um Neuigkeiten aus dem Frauenleben: die erste Hochschule für Frauen entstand, die ersten weiblichen Fliegerinnen erkämpften sich ihre Fluglizenz und beim Meisterschaftsfrisieren wurden die schönsten „Theaterfrisuren“ prämiert💇🏻‍♀️. Im III. Teil wird über ein Erdbeben in Deutschland, zwei adelige Hochzeiten, Schönheitskonkurrenzen in den Nachbarländern berichtet und die Frage gestellt: Kommt die Flugdroschke?

Was in den Jahren 1908 und 1909 geschah, könnt Ihr unter diesen Links nachlesen.

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