Was geschah vor 110 Jahren im Sommer?

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Der Diebstahl der Mona Lisa
Kaum zu glauben, aber das Bild mit dem berühmtesten Lächeln der Welt wurde im August 1911 tatsächlich gestohlen! Die „Woche“ vermeldet dazu:

„Der Raub der Mona Lisa hat in der ganzen Kulturwelt Trauer und Entrüstung hervorgerufen. Jeder Gebildete kennt und liebt das holde, lächelnde Antlitz der schönen Neapolitanerin Lisa, der Gattin des Florentiner Francesco del Giocondo, das Leonardo da Vinci 1503 gemalt hat. Das Verschwinden dieses unsterblichen Meisterwerkes aus dem Louvre hat jeden Kulturmenschen tief betrübt…“

Am Schluss heißt es: „Aber wir wagen kaum zu hoffen, daß das Meisterwerk Leonardos wiedergefunden sein wird, wenn unsere Leser dies Heft in die Hand nehmen.“

Obwohl die Pariser Polizei fieberhaft nach dem Täter suchte und als Verdächtigen sogar Picasso verhörte, sollte es mehr als zwei Jahre dauern, bis das Bild wieder auftauchte – in Italien.

Ein Kunsthändler in Florenz bekam einen Brief von Peruggia – so hieß der Dieb, der das Bild gegen eine Zahlung von 500.000 Lire an Italien zurückgeben wollte. Sozusagen als Raubkunst, die Napoleon angeblich aus Italien nach Frankreich gebracht hatte. Das stimmte aber in diesem Fall nicht, der französische König Franz I., der ab 1515 an der Macht war, hatte es gekauft.

Der Kunsthändler ging zur Polizei und der Bildräuber Peruggia wurde verhaftet und zu 7 Monaten Haft verurteilt. Bei seiner Freilassung wurde der patriotische Dieb bejubelt. Nach seiner Aussage hatte er den Raub alleine bewerkstelligt. Den Louvre kannte Peruggia gut – als Handwerker hatte er zwischen 1910/11 ein paar Monate als Glaser dort gearbeitet und dabei an dem Gehäuse mitgearbeitet, welches das Bild schützte. Eine Nacht vor dem Raub versteckte er sich im weißen Kittel, wie ihn Kopisten trugen, im Schrank und nahm das Bild nachdem die Putztrupps ihre Arbeit erledigt hatten, von der Wand und versteckte es unter seinem Kittel. Es war ein Montag und das Museum war geschlossen.

Einige Fragen bei dem Raub blieben ein Geheimnis – z.B. ist das Bild recht klein (77×53 cm), aber schwer, da auf Pappelholz gemalt und war mit einem verglasten Kasten geschützt. Laut Peruggias Aussage hatte er aber keine Helfer beim Transport – oder doch?

Die Mona Lisa würde es wissen. Durch den Raub wurde sie noch bekannter und berühmter. Sie lächelt wieder an ihrem angestammten Platz – seit Anschlägen auf das Bild ist es nunmehr mit Panzerglas gesichert.

Die letzte Prinz Heinrich Fahrt – Team England gegen Team Deutschland

Im Juli 1911 fand diese Fahrt zum letzten Mal statt. Da es beim Wettbewerb 1910 einen schweren Unfall gegeben hatte, war beschlossen worden, es nicht mehr als Rennen zu veranstalten, sondern als Touristische Rundfahrt. Der von Prinz Heinrich gestiftete Pokal war 1910 schon vergeben worden – an Ferdinand Porsche verlost, der in diesem letzten Jahr der Wettfahrt gewonnen hatte. Immerhin gab es doch einen kleinen Wettbewerb – Deutschland und England traten als Teams gegeneinander an. Die Deutschen hatten ungerade und die englischen gerade Startnummern.
Mit dabei als Fahrer war für das deutsche Team – der Namensgeber des Rennens und begeisterter Automobilist, Prinz Heinrich. Wie auch in den Vorjahren saß er selbst am Steuer.
Auch auf der englischen Seite war Prominenz dabei, z.B. Sir Arthur Conan Doyle, der Schöpfer von Sherlock Holmes. Los ging es in Bad Homburg und danach über Münster und Osnabrück nach Bremerhaven. Dort wurden die Autos verschifft – denn der Rest der Fahrt fand auf englischem Boden statt. Genaueres über die Fahrt und deren Verlauf, anhand eines Tagebuchs mit vielen Originaldokumenten erzählt, könnt Ihr in diesem Artikel nachlesen. Auch, wer am Ende gewann. Kleiner Spoiler: Dem neuesten (Fußball-)Trend entsprechend… 😉

Mysteriöser Tod eines Schauspiel-Stars im Rhein
Sie war eine der schönsten Frauen der Belle Époque, gefeierte Schauspielerin, Stil-Ikone und It-Girl – Geneviève (Ginette) Lantelme (1883-1911). In der ersten August-Ausgabe der Zeitschrift „Die Woche“ heißt es unter der Rubrik „Die Toten der Woche“ lapidar:

„Mme. Lantelme, die berühmte französische Schauspielerin, verunglückte auf einer Rheinfahrt am 25. Juli.“

Einen Tag später wurde ihre Leiche am Ufer des Rheins angespült. Die Todesursache: Ertrinken. Es hieß, sie wäre von der Yacht ihres reichen Ehemanns Alfred Edwards, dessen Ehefrau Nr. 5 sie war, gefallen. Natürlich gab es alsbald Spekulationen: Hatte ihr Ehemann vielleicht nachgeholfen? War sie -entgegen ihres Rufes als fröhliches Pariser Kind- vielleicht lebensmüde gewesen? Oder waren bei ihrem Tod Alkohol oder Drogen im Spiel?

Aber von vorne: Die 1883 in Paris geborene Mathilde Fossey stammte aus einfachen Verhältnissen. Ob sie als Teenager in einem Bordell landete, ist nicht sicher, sicher ist, dass sie schon in diesem Alter an mächtige Männer verkauft und alsbald von einigen die Geliebte wurde – eine Kurtisane, wie man es damals nannte. Alsbald nannte sie sich „Geneviève Lantelme“, der Nachname war der Mädchenname ihrer Mutter.

1901 spielte sie in einer winzigen Rolle zum ersten Mal Theater und hatte Blut geleckt. In einer Art Nachruf der „Woche“ wird ihre Geschichte erzählt und sie dabei „Ginette“ genannt. Ihr damaliger Spitzname? Nicht nur mit Schönheit und Eleganz beeindruckte Ginette Frauen und Männer, sondern auch mit ihrem Temperament. Sie gab nicht vor „fein“ zu sein und fiel sowohl durch ihre spektakulären Hüte, als auch durch ihre lustige Art und ihr lockeres Mundwerk auf – Ginettes Abfuhren waren berühmt!

1903 besuchte sie eine Schauspielschule in Paris – danach arbeitete sie am Theater Réjane, das der gleichnamigen berühmten Schauspielerin gehörte. Zu dieser Zeit war sie schon die Freundin des berühmten Medienmogul Edwards, den sie am Anfang ihrer Schauspielkarriere über ein Stück, dass er geschrieben hatte, kennenlernte. Allerdings war er zunächst noch offiziell mit Ehefrau Nr. 4 zusammen, erst 1909 heirateten die beiden. Im Artikel wird mehr als angedeutet, dass ihr Edwards mit seinem Geld den Weg zur bekannten Schauspielerin ebnete. Aber gleichzeitig, dass „nur“ Geld nicht gereicht hätte – ihr Talent zum Boulevard war vorhanden und die Rollen, die sie spielte, oft von den Autoren auf ihre Persönlichkeit zugeschnitten, spielte sie gut. Vermutlich war ein Grund für ihren Erfolg, dass sie trotz ihres Aussehens, welches sie mit ihrer Garderobe zu unterstreichen wusste, im Grunde ein „Pariser Mädel“, eine „von uns“ geblieben war. In Paris war sie schon ein Star – wie hätte die Zukunft für sie aussehen können?

Im Artikel heißt es dazu etwas theatralisch:

„Ob sie mehr gekonnt hätte, als sich in ihrem eigenen Wesen widerzuspiegeln; ob sie nicht nur ein Temperament war, sondern auch eine Gestalterin, das hätte uns die Zukunft gelehrt, deren Grab nun der Rhein geworden ist. Der Rhein ist der Strom der Legenden.“

Und Legenden wurden um Ginettes Tod gesponnen – Legenden, die nie ganz aufgeklärt werden konnten. Noch 2015 machte sich eine französische Journalistin auf den Weg nach Xanten, um ihre These zu untermauern, dass die Schauspielerin eines gewaltsamen Todes gestorben war.
Der Heimatschriftsteller Michael Lehmann, der 2018 einen Artikel zu ihrem Tod verfasste, meint dazu: „So tragisch der Tod der schönen, jungen Lantelme auch war, es lässt sich anhand der vorhandenen Quellen und Ermittlungen wohl ausschließen, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelte“ (Quelle: RP Online 18. Juni 2018).
Und so werden die genauen Umstände, warum „Ginette“ Lantelme in Rhein ertrank, wohl für immer im Dunkeln bleiben. Auf dem berühmten Pariser Friedhof „Père-Lachaise“ liegt sie nun begraben.

Bayreuther Festspiele 1911 – Berühmtheiten aus der Musikwelt, die heute keiner mehr kennt

Oder doch? Entschuldigung an alle Experten, die jetzt entrüstet mit dem Kopf schütteln: Natürlich kenne ich Dr. Hans Richter (1843-1916), den (laut wikipedia) „legendären“ Dirigenten, Lilly Hafgreen-Waag (1884-1965), die berühmte Opernsängerin, die (hihi) mit „Gatten links“ abgebildet ist oder auch Anna Bahr-Mildenburg (1872-1947), gleichfalls eine der damals erfolgreichsten Wagner-Interpretinnen ihrer Zeit sowie last but not least Opernsänger Hans Breuer (1868-1929), auf dem Foto mit Familie zu sehen.

 

Bemerkenswert für 1911: Es herrscht Gleichberechtigung, 50/50 Quote erfüllt! War die Musikwelt progressiver Vorreiter? Jedenfalls waren Frauen auf der Bühne als Stars präsent.
Zu den Festspielen und den Bildern schreibt die Woche:

„In Baireuth sind diesmal wieder die berühmtesten Sänger und Dirigenten bemüht, das große Werk Richard Wagners würdig darzustellen. Die vielen Fremden, die jetzt die Stadt der Festspiele bevölkern, zeigen einander auf der Promenade und in den Straßen voll Interesse die bekanntesten Persönlichkeiten. Mit Ehrfurcht betrachtet man die sympathische Gestalt des großen Dirigenten Hans Richter, mit großem Interesse spricht man von der „Kundry“ dieses Jahres Frau Bahr-Mildenburg, neben der der prächtige Charakterkopf ihres Gatten Hermann Bahr überall auftaucht. Im Theater selbst ist alle Welt tief ergriffen und hoch begeistert. Besonderen Eindruck machten in der „Siegfried“-Aufführung Herr Breuer als Mime und Ernestine Schumann-Heink als Erda, in den „Meistersingern“ Lilli Hafgren-Waag als Evchen.“

So, nun sind alle zu sehenden Berühmtheiten vorgestellt. Gleichzeitig zeigt der Bericht, die Vergänglichkeit des Ruhms. Die Festspiele immerhin werden nach wie vor veranstaltet – es stellt sich die Frage, wieviele der illustren Mitwirkenden und Gäste der diesjährigen Festspiele wohl in 110 Jahren (das ist dann 2131) noch bekannt sein werden – vorausgesetzt, die Festspiele finden bis dahin weiterhin statt…

Pack die Badehose ein…Bademoden von damals

Mit einer Badehose war es weder für Frauen noch für Männer getan! Also man trug natürlich Hosen (abgesehen von der elitären Nacktbade-Bewegung), aber nicht nur. Für die Frauen waren darüber Badekleider angesagt, das Badekostüm der Herren war ein Einteiler – meist geringelt.
Bei den Frauen war es komplizierter – wie sie die „sehr verwickelte Bekleidungsfrage“, lösten, ist in den Bildern zu sehen.

Originaluntertitel:

von links nach rechts:
1 Blaues Seidenkostüm mit Litzen
2 Rosa- und grünkarierter Anzug
3 Alpakaanzug mit Schlitzrock
4 Hellblauer Satinanzug
5 Badekostüm aus buntem Satin

Dazu erzählt der Text aus einer Frühjahrsausgabe der „Woche“, dass diese Kleider nicht nur zum Baden getragen wurden, sondern verstärkt (und wahrscheinlich vorwiegend) auch am Strand:

„In vielen Seebädern hat sich das stundenlange Aufhalten im Badeanzug als feststehende Regel eingeführt…Es ist auch recht angenehm, ohne den lästigen und in jedem Fall einengenden Zwang der üblichen Kleider sich im Sand zu sonnen.“

Das bedeutete mehr Freiheit als bei sonnigem Wetter den ganzen Tag im langen Kleid mit diversen Unterkleidern, oft auch noch mit Korsett, zu verbringen.
War das der eigentliche Anfang der kürzeren Röcke, sozusagen durch die Hintertür? Denn als Kleidungsstück für den Alltag wurde der Rock erst Anfang der 20er Jahre kürzer.

Wie man sieht, sind die Badekleider als auch die Kopfbedeckungen dazu durchaus variantenreich! Komplettiert wurde der Strandlook mit geschnürten Sandalen oder „Leinenschuchen“. Wenn es im Text heißt, mit dieser Badetracht wäre „der Gipfel der Vollkommenheit noch nicht erreicht“, wissen wir, wie sie sich in der Zwischenzeit bei Männer und Frauen weiterentwickelt hat. Heute ist vergleichsweise weniger Stoff notwendig, aber wenn man sich manche Badegäste anschaut, wünscht man sich mehr Bedeckung durchaus zurück…

Ich hoffe, ich konnte Euch mit dieser sommerlichen Ferienausgabe, in der einmal die leichteren Themen dominieren, unterhalten! Und wo Ihr auch immer den Text gelesen habt, ob auf dem Laptop, Smartphone oder ipad, bitte diese Geräte auch ruhig einmal beiseite legen! Vor allem, wenn Ihr mit anderen am Tisch sitzt, ist auch eine direkte Unterhaltung etwas Schönes. Wenn ich manche an Tischen in Lokalen oder Cafés beobachte, scheint das in Vergessenheit geraten zu sein.
Aber ich möchte keinen missionieren! Euch wünsche ich einen weiteren entspannten Sommer, ob zuhause oder im Urlaub.
Falls Ihr zu den Festspielen in Bayreuth seid – Ausschau nach Berühmtheiten halten, nicht nur aus der Musikwelt. Und für alle See-Urlauber: viel Spaß beim Baden, ob mit oder ohne Badekostüm.

Sommerliche Grüße schickt Euch

Eure Grete

PS: Wer wissen möchte, was im Juli 1908 und 1909 sowie im August 1908 und 1909 los war, die Links führen zu den jeweiligen Artikeln.

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