Das Landleben Anfang des 20. Jahrhunderts – eine Einführung

 In Alltagsleben, Landleben, Unkategorisiert, Zeitgeschehen

Leben heute in Deutschland 20% der Bevölkerung auf dem Land in Dörfern und Ortschaften mit bis zu 10. 000 Einwohnern, so waren es 1871 noch über 60%. Die Mehrzahl der Bevölkerung arbeitete in der Landwirtschaft und in den meisten Ländern dominierte die Agrarwirtschaft. Das änderte sich mit der Industrialisierung – immer mehr Menschen strömten in die Städte, um dort Arbeit zu suchen und sich eine Existenz aufzubauen. Sie wollten der schweren körperlichen und auch schlecht bezahlten Landarbeit entfliehen.

Vom Landleben gab es schon immer verschiedene Vorstellungen. Insbesondere die (nicht auf dem Land lebenden) Städter betrachteten das Landleben verklärt und romantisch. Davon zeugen vor allem zahlreiche Gemälde, die das ländliche Leben verkitscht darstellen: Beliebte Genreszenen dieser Zeit zeigen bäuerliche Familien beim Kirchgang, im Gasthaus und spielende oder Tiere hütende Kinder.

In der Realität waren viele Kleinbauern arm, die Kinder „mussten“ in der Landwirtschaft mitarbeiten, worunter der Schulbesuch litt und die Familien kamen gerade so „über die Runden“. Eine Katastrophe war, wenn ein Elternteil starb und das andere die Kinder alleine versorgen musste. Eine soziale Absicherung gab es nicht.

Wo liegt aber nun die Wahrheit über das Landleben? Meine Vermutung: irgendwo dazwischen. Das Landleben war weder nur hart noch nur idyllisch. Sicherlich waren die meisten Bauern wirklich nicht wohlhabend, für heutige Verhältnisse arm. Trotz alledem konnten sie sich und ihre Familien selbst versorgen und hatten mit der Großfamilie einen Familienverbund, der sich gegenseitig unterstützte und so oft Ausfälle und Krankheiten kompensieren konnte. Die Großeltern lebten meist noch mit im Haushalt – sie halfen mit, solange sie konnten, wurden dafür im Alter aber auch mit versorgt. Die Kinder mussten mitarbeiten, aber kannten es auch nicht anders. Als größeren Verbund gab es die Dorfgemeinschaft – auch in dieser half man sich gegenseitig, feierte gemeinsam Feste, tauschte sich aus und kannte sich – was ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugte. Natürlich gab es auch da Konflikte – ob zwischen Dorfbewohnern oder innerhalb der Großfamilie.

Das Leben auf dem Land war geprägt durch den Jahresrhythmus des Anbaus auf den Feldern und der Viehaufzucht und -haltung. Die wenige Freizeit war mit Handarbeit, Lesestunden und geselligen Beisammenseins ausgefüllt. Langeweile hatten sicherlich die wenigsten.
Die Kinder spielten in ihrer Freizeit meist draußen oder mit dem wenigen Spielzeug, was sie besaßen.

Über das Landleben zu schreiben, hat für mich auch eine persönliche Komponente. Mein Vater stammt aus einem Kleinbauernhof in Thüringen. Meine Großeltern sind noch in der Kaiserzeit aufgewachsen, mein Vater wurde Ende der 30er Jahre als jüngstes von drei Geschwistern geboren. Von seiner Kindheit erzählt er gerne, die ganze Familie liebt seine „Geschichten von früher“. Obwohl zeitlich später, lief vieles im Landleben noch ganz ähnlich wie einige Jahrzehnte davor ab, von den politischen Verhältnissen einmal abgesehen. Seine Sicht auf das damalige Dorfleben ist durchaus humorvoll und auch etwas davon geprägt, dass er vieles gar nicht anders kannte. So war es einfach selbstverständlich, dass die Kinder in der Landwirtschaft mithalfen. Als wirklich schlimm empfand er das aber nicht.

Die Höhepunkte im Alltag des Jahres, wie der sonntägliche Kirchgang und das anschließende Festessen (im Sonntagsanzug!), die jährliche Kirmes, Feiertage wie Ostern und Weihnachten waren sicherlich überschaubarer als heute, das Leben insgesamt vorhersehbarer und aus unserer Sicht unspektakulärer.

Aber sind wir heute mit unserem materiellen Wohlstand und den vielen Möglichkeiten, die das Leben nunmehr bietet, heute wirklich glücklicher als die Menschen damals waren?

Die Sehnsucht nach der Überschaubarkeit des Landlebens, dem Zusammengehörigkeitsgefühl in Familie und Dorf und der landschaftlichen Idylle gibt es jedenfalls nach wie vor – auch wenn sie heute anders als damals daherkommt. Abgesehen davon, hat auch dieses neue Landidyll mit der Realität bäuerlichen Lebens in der heutigen Zeit nicht allzu viel zu tun.

In einer neuen Reihe wird das damalige Landleben von verschiedenen Gastautoren beleuchtet und ich denke, dass so die vielen Facetten des Landlebens dargestellt werden können.

Starten möchte ich mit Gastautor Georg Jäger aus Österreich. In seinem Artikel erzählt er von Frauen, Männern und Kindern im Alpenraum, die trotz schwerer Arbeit am Existenzminimum lebten: Ob Männer mit wenig Grundbesitz („Söllhäusler“ genannt), die als Ziegenhirten, Maulwurffänger oder im Kleingewerbe arbeiteten oder Bäuerinnen, die neben der Feldarbeit oft noch mit Nebenerwerben als Trägerinnen oder Wäscherinnen Geld verdienen mussten.
Dieses harte Leben ist für uns heute schwer vorstellbar – wie hart es war, aber auch, dass diese Bauern trotzdem Lebensfreude hatten, kann man in diesem Artikel nachlesen:

Vergessene Zeugen des Alpenraums (Autor Georg Jäger)
Abseits der großen Landstrasse – Leben im Odenwald (Autor Manfred Göbel)

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