„Man zählte die Stunden nicht“ – die Entdeckung des Gardasees als Touristenziel

 In Gastbeitrag, Kunst, Sommerfrische, Unkategorisiert, Zeitgeschehen

Ein Gastartikel von Karin Schneider-Ferber

Ein Sehnsuchtsort ist der Gardasee zu allen Zeiten gewesen. Seit der Antike wurde er wegen seiner idyllischen Lage zwischen Alpenkamm und mediterranem Süden geliebt und geschätzt, von Dichtern wie Catull, Vergil und Dante besungen, von Künstlern, Humanisten und Gelehrten als Rückzugsort aufgesucht. Doch erst das 19. Jahrhundert entdeckte ihn als „massentaugliches“ Reiseziel: Adel, gehobenes Bürgertum und immer mehr erholungsbedürftige Städter strömten an seine Ufer.

Als schön hat man den Gardasee schon immer empfunden. Das „Geschenk der Eiszeit“, hervorgegangen aus dem Schmelzwasser des Etschgletschers vor rund 10.000 Jahren, begeisterte von jeher durch seine Gegensätze: eine schroffe Bergkulisse im Norden, eine flache, sich zur Poebene öffnende Landschaft im Süden, dazu ein mildes Klima, das den Zitronenanbau zuließ und viele endemische Pflanzenarten hervorbrachte, sowie malerische Städtchen und Burgen, deren Geschichte die italienischen Stadtstaaten Verona, Venedig, Mailand ebenso prägten wie die Fürstentümer des Heiligen Römischen Reiches (Tirol/Fürstbistum Trient). Eine reizvolle kulturelle Mischung aus Nord und Süd. Reiche Stadtadlige, Kaufleute und frühe Unternehmer zierten die Ufer schon seit dem 15./16. Jahrhundert mit ihren prächtigen Landsitzen und Villen.

Eine der schönsten davon liegt bis heute auf der der idyllischen Landzunge Punta San Vigilio am Ostufer des Sees, wo sich der Veroneser Humanist Agostino da Brenzone ab 1540 nach antiken Vorbildern eine Gelehrtenvilla mit Gartenanlage errichten ließ, um von seinen arbeitsreichen Tagen in Rom und Venedig auszuspannen. Trotz seiner unbestrittenen Vorzüge blieb der Gardasee dennoch lange außerhalb des Blickwinkels des beginnenden Reiseverkehrs.

Versteckte Schönheit jenseits der Alpen

Die Grand Tours junger Adliger führte zu den führenden Höfen Europas, nach Paris, London, Wien oder nach Venedig, der Stadt des Karnevals und des Vergnügens. Der Jung-Adel sollte mit dieser Reise in das gesellschaftliche Leben eingeführt werden und bedeutende Zeitgenossen kennenlernen. Der Gardasee, abseits der großen Höfe gelegen, war darin nicht eingespeist. Auch die frühbürgerliche Bildungsreise, die infolge der Aufklärung entstand und der intellektuellen Weiterbildung diente, verfolgte andere Ziele: Vervollkommnung des eigenen Wissensstandes durch die Entdeckung fremder Regionen und Epochen. Die Erforschung antiker Kulturen gelang dabei am besten in Süditalien und Rom oder noch besser direkt in Griechenland, wo Ruinen und Tempelanlagen von den untergegangenen Kulturen kündeten. So streifte selbst ein offener Geist wie Johann Wolfgang von Goethe 1786 den Gardasee während seiner Italienreise nur am Rande. Er zeigte sich zwar beeindruckt von den Schönheiten des Sees – „ein köstliches Schauspiel, der Gardasee, den wollte ich nicht versäumen und bin herrlich für meinen Umweg belohnt“ – und begeisterte sich für die mittelalterliche Burg in Malcesine, doch rasch trieb es ihn weiter – nach Rom und Neapel auf den Spuren der klassischen Antike.

Erst die wachsende Naturbegeisterung der frühen Neuzeit, ausgelöst durch den französischen Aufklärer Jean-Jaques Rousseau, der sich „nach den Vögeln des Feldes und den Tieren des Waldes“ zurücksehnte, um einer vermeintlich verkommenen Zivilisation zu entkommen, schuf neue Motivationen für das Reisen. Die Romantik idealisierte die Natur als Fluchtpunkt für den gestressten Großstadtmenschen, der unter der zunehmenden Technisierung und der Hektik und Schnelligkeit des modernen Lebens in den rasch wachsenden Städten litt. Eng verbunden mit der Sehnsucht nach der unberührten Natur war dabei die massive Kritik an der Ständegesellschaft, die durch strenge soziale Normen und Konventionen dem Einzelnen kaum Freiraum für Selbsterfüllung bot. Ein Ausbruch aus dem engen Korsett gesellschaftlicher Zwänge schien nur möglich, wenn man das eigene Umfeld verließ und in eine Art „Gegenwelt“ abtauchte.

So traten neue Reiseziele in den Vordergrund: unberührte Naturräume mit gesunder Luft und reinem Wasser, landschaftlich reizvolle Gegenden mit Bergkulisse und glitzernden Seen, pittoreske Dörfer abseits der großen Kulturzentren und Fürstenhöfe. Der Gardasee erfüllte all die Träume nahezu perfekt. Sonne, Wasser, Wind zum Segeln und ein großartiges Panorama ließen keine Wünsche offen. In Riva del Garda am Nordufer etablierten sich die ersten Zentren des beginnenden Fremdenverkehrs.

Treffpunkt der k.u.k. Monarchie: Arco

Der Hochadel machte es vor: Erzherzog Albert von Österreich, ein Cousin Kaiser Franz Josefs I., ließ sich 1872 nördlich von Riva in Arco im Sarcatal eine fürstliche Winterresidenz errichten, um den strengen Wintermonaten zu entfliehen. Da das nördliche Seeufer des Gardasees mit seinem Hinterland bis 1919 zum Habsburgerreich gehörte, musste er dafür nicht einmal die Landesgrenzen verlassen. Der Erzherzog errichtete an seinem Palast eine großzügige Parkanlage mit über 200 Pflanzenarten – ein Besuchermagnet bis heute, denn im milden Klima gediehen selbst wertvolle exotische Pflanzen wie Palmen, Mammutbäume, Monterey-Zypressen, Seidenbäume, Agaven und Feigenkakteen. Dem rührigen Erzherzog folgen willige und ebenso erholungsbedürftige Standesgenossen: Maria von Bayern, König Albert von Sachsen, Erbprinz Rudolf und Kaiserin „Sisi“ (in diesem Artikel könnt Ihr mehr über ihre Reiseleidenschaft erfahren) sowie im Schlepptau der fürstlichen Besucherschaft der internationale Geldadel. Arco, das über Jahrhunderte hinweg von den Grafen von Arco regiert worden war und daher bereits auf eine lange Tradition als Herrschaftssitz blicken konnte, schaffte mit Leichtigkeit den Sprung zum mondänen Luftkurort. Kurhäuser, Casino und Promenaden erleichterten dem exklusiven Publikum die Suche nach Zerstreuung; die superreichen Feriengäste lebten in prächtigen Zweitwohnsitzen, die  der berühmten Villenstraße „Passegio delle Ville“ ihren Namen gaben. Arco sonnte sich im Ruf eines „Garten Österreichs“.

Zur Kur in Riva

(Groß-)Bürgerlicher ging es dagegen in Riva del Garda direkt am See zu, wo der aus einer Wiener Ärztedynastie stammende Mediziner Christoph Hartung von Hartungen (1849-1917) 1888 ein naturheilkundliches Sanatorium zur Heilung von Zivilisationskrankheiten eröffnete.

Zunächst in drei verschiedenen Villen am Ort, später, ab 1907, in dem direkt am Ufer gelegenen Kurhotel „Villa Belriguardo“ therapierte Christoph von Hartungen mit seinem Sohn Erhard eine zahlungskräftige Klientel stressgeplagter Großstädter – Künstler, Intellektuelle, Diplomaten, Schriftsteller, unglücklich Verheiratete. Christoph von Hartungen, dessen Großvater ein Schüler des Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann gewesen war, verfolgte zur Linderung der Neurasthenie, der Modekrankheit des Fin-de-siècle, einen ganzheitlichen Ansatz zur Stabilisierung seiner Patienten: Sonnenbäder, Warm- und Dampfbäder, Schwimmen und Wassersport, Heilgymnastik, Spaziergänge und gesundes Essen –  kurzum einen genussvollen Erholungsurlaub. Für die sportlichen Aktivitäten errichtete er direkt am See eine Badeanstalt mit „Lufthütten“ und einer Liegehalle.

Der Ruf des Sanatoriums verbreitete sich rasch. Alle, die sich mühselig und beladen fühlten, pilgerten bald nach Riva: Heinrich und Thomas Mann, ihre Schwester Carla, Karl May mit seiner Frau Emma, das Schriftstellerpaar Clara und Hermann Sudermann, Sigmund Freud, Rudolf Steiner, Christian Morgenstern oder die Schauspielerin und Kaisermuse Katharina Schratt. Die „Villa Belriguardo“ bot ihnen jeden nur erdenklichen Luxus zur Regeneration: Komfortable Zimmer, elektrisches Licht, Zentralheizung, Bibliothek, Gesellschaftsräume und Spieltische. Jeder, der aus seinem Alltag ausbrechen wollte, kam hier auf seine Kosten. Thomas Mann erhielt bei seinem ersten Aufenthalt 1901 strenges Schreib- und Leseverbot verordnet, um seine angespannten Nerven zu beruhigen. Das Landschaftsbild war dabei Teil des Genesungsprogramms, so wie es von Hartungen in einem Werbeprospekt selbst ankündigte: „Es befindet sich wohl kaum im südlichen Europa ein zweites Plätzchen, das ebenso günstig als wahrhaft schön gelegen, sich zu jeder Jahreszeit Kranken und Erholungsbedürftigen als solch ein Gesundheitsheim darböte.“

Die „Auszeiten“ zeigten Erfolg. „Hier ist es schön, und ich erhole mich merklich“, stellte Thomas Mann fest und ließ sich von der besonderen Atmosphäre in Hartung´schen Sanatorium zu seinem weltberühmten Roman „Der Zauberberg“ (1924) inspirieren.

Mit der Eisenbahn über die Alpen

Dank des Ausbaus der Verkehrswege über die Alpen kamen immer mehr Menschen in den Genuss eines Kurlaubes am Gardasee. Die Eisenbahn brachte sie rasch und preiswert an ihr Ziel. 1864 begannen die Arbeiten zum Bau der Brennerbahn, die den Alpenhauptkamm zwischen Innsbruck und Bozen überqueren sollte. Die anspruchsvolle Strecke, die 800 Höhenmeter in kurzer Distanz mit Hilfe von Brücken und Tunneln überwinden musste, war bereits 1867 fertig gestellt. Nun gab es endlich eine gefahrlose und kurze Verbindung zwischen den Gebieten diesseits und jenseits der Alpen. Durch die Eisenbahnlinien Verona-Trient/Trient-Bozen, die bereits seit 1858/59 bestanden, hatte der Reisende aus dem Norden Anschluss für seine Weiterfahrt nach Oberitalien. Über die Bahnstationen Rovereto und Mori ließ sich fortan das Nordufer des Sees leicht erreichen. Noch bequemer wurde die Anfahrt, nachdem 1891 von Mori ausgehend eine schmalspurige Lokalbahn in die Nobelorte Arco und Riva eingerichtet worden war.

Über diesen Schienenweg erreichte auch drei junge, aufstrebende Dichter im Jahr 1909 Riva del Garda: Max Brod, sein Bruder Otto und Franz Kafka. Alle drei keineswegs reich und von einem Brotberuf lebend, kamen sie nur für einige Tage zur Entspannung in den Süden. Sie suchten eine kreative Schaffenspause. Die Nobelunterkünfte waren ihnen zwar zu teuer, doch boten sich in Riva inzwischen preiswertere Pensionen zur Übernachtung an. Die Hartung´schen Lufthütten standen auch Tagesbesuchern offen. Die besondere Atmosphäre eines unbeschwerten Sommertages am Gardasee hat wohl keiner so treffend eingefangen, wie Max Brod (1884-1968) in seinem „Nachruf auf eine Badeanstalt“: „Trägheit und Frische vereint, Genuss und Gesundheit zugleich – es könnte für unser Bad kein besseres Symbol geben, kein besseres für das Arbeitsjahr, das wir durch die Verjüngungskraft des reinen Gardaseewassers vorzubereiten gedachten (…) Wie lud das alles zur Ruhe ein! Wie war es heiter, sorglos, gütig und in Gottes Hand! Man zählte die Stunden nicht, die man hier an der Schwelle von Natur und Menschenwelt, von Land und Wasser verbrachte; hier schied sich nichts, durch die Ritzen der Bretter, auf denen man lag, blickte man lange, lange ins blaugrüne, klare Wasser und sah die Millionen winziger, strichförmiger Fischlein vorüberziehen“, erinnerte er sich später an die glücklichen Stunden zurück. Kafka kehrte nach diesem Aufenthalt 1913 nochmals nach Riva zurück, um sich von Erhard von Hartungen medizinisch beraten zu lassen. Das Sanatorium mit seinen Gästen faszinierte ihn, er verliebte sich und verarbeitete seine Eindrücke später in der Erzählung „Jäger Gracchus“.

Grandhotels und Promenaden

Immer mehr Erholungsbedürftige suchten den Gardasee auf, vor allem dessen Westufer, wo bereits Mailänder und Brescianer Unternehmer prachtvolle Villen errichtet hatten. Die „Brescianer Riviera“ schwang sich zu einem der elegantesten Reiseziele der Belle Époque auf. Um 1880 begann der österreichische Hoteliers Louis Wimmer seine bescheidene Pension in Gardone in das „Grand Hotel Gardone Riviera“ umzuwandeln. Mit Erfolg. Der internationale Geldadel zeigte sich zufrieden. Weitere Luxushotels eröffneten in Maderno, Gardone, Riva und Salò. Daneben entstand eine breite Palette einfacherer Häuser für weniger betuchte Gäste; die zuvor eher bescheidenen Ortschaften putzten sich für ihr neues Publikum zunehmend heraus. 1901 legte der Hauptort der „Brescianer Riviera“, Salò, seine berühmte Flaniermeile Lungolago Giuseppe Zanardelli an. Hier konnte man direkt am Wasser promenieren: Sehen und gesehen werden hieß die Devise der Prominenz. Hotelterrassen, gepflegte Gärten und Grünanlagen machten aus den vormals bescheidenen Gemeinden kleine Schmuckstücke.

Das Ostufer brauchte insgesamt etwas länger für die touristische Erschließung. Der Wahl-Italiener und Schriftsteller Paul Heyse (1830-1914), der seit 1899 ein Jahrzehnt lang die Winter statt im trubeligen München in seiner Villa in Gardone Riviera am Gardasee verbrachte, beschrieb in seinen Novellen die beschauliche Verträumtheit des Ostufers, an dem nur selten Ausflugsdampfer Halt machten. Selbst die Punta San Vigilio, ein Juwel aus vergangenen Tagen, wurde selten aufgesucht. Erst später trafen in der Locanda San Vigilio Berühmtheiten wie Zar Alexander III., der König von Neapel, der britische Premierminister Winston Churchill oder der Filmstar Laurence Olivier ein.

Kulturaustausch dank Urlaub

Heyse, der viel bewunderte Erfolgsschriftsteller aus München, seit 1910 Literaturnobelpreisträger, ging mit wachen Augen durch seine Wahlheimat. 1902 veröffentlichte er seine „Novellen vom Gardasee“, in denen er seine Eindrücke und Beobachtungen wiedergab. So schilderte er die prekäre Lage der Arbeiter in der Papierfabrik von Toscolano, die landwirtschaftlichen Tätigkeiten in den Oliven- und Weinbergen, die einseitige Ernährung der ärmeren Bevölkerungsschichten in den Fischerdörfern sowie den rasanten Wandel der beschaulichen Gemeinden zu Kur- und Touristenzentren. Dabei beschrieb er Gasthäuser und Tavernen, die er selbst besucht hatte, oder Dorffeste wie in Salò, denen er selbst beigewohnt hatte. Auch Heyses literarische Helden sind – wie die Gäste des Sanatoriums in Riva – auf der Suche nach Gesundung. Sie leiden unter sozialen und familiären Konflikten, hervorgerufen durch überholte Moral- und Sittenvorstellungen eines kaputten Gesellschaftssystems, sehnen sich nach Freiheit, Selbstverwirklichung und einem einfachen, gelingenden Leben. Die Schönheit der Landschaft, die Ruhe des Sees, die Licht- und Farbenspiele, die Natur an sich wird zum Heilmittel für die geschundenen Seelen.

Paul Heyse, gewiss kein flüchtiger Gast am Gardasee, wurde zu einem herausragenden kulturellen Vermittler zwischen Deutschland und Italien. Er übersetzte zeitgenössische italienische Dichter, sammelte italienische Volkslieder und Märchen, und brachte mit seinen detaillierten Landschaftsschilderungen den Deutschen ein Stück Italien nach Hause. Der Gardasee war ihm eine „herrliche Naturwirkung“. Er verbrachte „die Küste entlang wandernd, unter den hohen Lorbeerwipfeln, welche die Straßen übernickten, unvergessliche Stunden“. Jeder, der selbst einmal den Gardasee besuchte, wird diese Erfahrung mit ihm teilen.

Karin Schneider-Ferber (M.A.), Jahrgang 1965, hat schon lange ein Faible für den Gardasee – und ein Faible für Geschichte sowieso. In Augsburg studierte sie dieses Fach und dazu Kunstgeschichte.
Inzwischen lebt sie als freie Autorin in Berlin, hat eine Reihe von Büchern und Publikationen zu Themenbereichen der mittelalterlichen Geschichte geschrieben und verfasst Artikel für Geschichtszeitschriften.

 

Im Buch „Kleine Geschichte des Gardasees“, dieses Jahr beim Pustet Verlag erschienen, erzählt sie die ganze Geschichte des Gardasees, der schon seit der Antike ein Sehnsuchtsziel war. Hier kann man es erwerben.

Neuste Artikel

Kommentieren