GESCHICHTEN AUS DEM CAFÉ DES WESTENS

 In Alltagsleben, Gastbeitrag, Kunst, Unkategorisiert, Zeitgeschehen

Ein Gastartikel von Regina Stürickow

Der Wiener Cafétier Hans Kirchner hatte um 1895 in dem gerade erst errichteten Haus Kurfürstendamm 18/19, Ecke Joachimsthaler Straße 8/9, einem für den westlichen Vorort typischen, reich mit Stuck verzierten Prachtbau, mit seinem „Kleinen Café“ das erste Kaffeehaus am Kurfürstendamm eröffnet. In den 1950er-Jahren entstand hier das berühmte „Kranzler-Eck“ mit dem gleichnamigen Café. Das wirtschaftliche Risiko war für Kirchner keineswegs gering, bot doch die künftige Prachtstraße zu dieser Zeit einen eher trostlosen Anblick. Die Gedächtniskirche war gerade im Bau, der Kurfürstendamm noch von unzähligen Brachflächen beherrscht.

So sah es im Berliner Westen Anfang des 20. Jahrhunderts aus

Als wenig später ein italienischer Koch das Café übernahm, hatte sich bereits eine Stammkundschaft, bestehend aus Künstlern verschiedenster Provenienz, aus Malern, Musikern, Schriftstellern, Schauspielern und Lebenskünstlern, herausgebildet. Das Café wurde unversehens zum wichtigsten Treffpunkt der Berliner Bohème und nannte sich inzwischen, seinem Standort entsprechend, Café des Westens

1904 übernahm Ernst Pauly das Café von seinem italienischen Schwager und ließ ein Jahr später die erste Etage zu Spiel- bzw. Billardsälen umbauen. Das Ambiente des eigentlichen Cafés jedoch ließ er unangetastet. Pauly wusste nur zu gut, dass seine Stammgäste die verräucherte, stickige Luft, die billigen, schäbigen Gobelins an den Wänden und den schwülstigen Deckenstuck liebten. Das alles gab dem Café seinen eigentümlichen Charme. Der Journalist Georg Zivier, selbst noch Stammgast im Café des Westens, nannte es eine

absichtlich unelegante Insel der halbschattigen Künstler […], die in der rauchschwadigen Luft gegen den Pomp und das Tschingderabum des Wilhelminischen Zeitalters zu Protest saßen. Jeder Schluck Kaffee, den sie hier tranken, auf Pump oder gegen bar, war eine Manifestation gegen die Stuckfassaden des Kurfürstendamms, gegen die von Damast und Tafelsilber schwellenden Gaststätten des Großbürgertums, gegen die Sieben-Zimmer-Wohnungen und überhaupt gegen die Luxuswelt, die viele erst zu schätzen begannen, als es sie nicht mehr gab.

Ein anderer Stammgast, der expressionistische Maler und Grafiker Ludwig Meidner, den vor allem seine apokalyptischen Stadtlandschaften bekannt machten, beschrieb die Eigenart des Cafés des Westens wie folgt:

Es unterschied sich von zahlreichen Lokalen des Kurfürstendamms, da es nicht so elegant ausgestattet war wie jene, sondern ein unauffälliges Interieur zeigte und nicht anders war als die durchschnittlichen Cafés jener Zeit. Man konnte dort bei einer Tasse Kaffee oder einem Glase Bier, die beide je 25 Pfennig kosteten, die ganze Nacht hindurch sitzen bis früh um fünf Uhr, ohne dass man von einem Kellner ermahnt wurde, etwas Neues zu bestellen. 

Die Künstlerstammtische, die hier zusammenkamen, waren freilich keine Stammtische im herkömmlichen, kleinbürgerlichen Sinne, sondern Ideenbörsen, auf denen Kunst- und Ästhetikdebatten ausgefochten, Theaterprojekte erdacht, Kontakte zu Verlegern geknüpft, Verträge unterzeichnet und revolutionäre Zeitschriften gegründet wurden. Schriftsteller und bildende Künstler, die eine Neuorientierung in der Kunst propagierten, vornehmlich die Vertreter des Expressionismus, sowie all jene intellektuellen Kräfte, die sich gegen Unterwürfigkeit und blinden Gehorsam gegenüber der Staatsmacht, vor allem aber gegen den Militarismus verbal zur Wehr setzten, gaben sich hier ein Stelldichein: die Dichterin Else Lasker-Schüler, der Verleger und Galerist Herwarth Walden, der elsässische Sozialdemokrat René Schickele, der österreichische Anekdotenerzähler Alexander Roda Roda, der Schriftsteller und Anarchist Erich Mühsam, John Henry Mackay, Peter Hille, Paul Scheerbart, Frank Wedekind, der Kritiker-Papst Alfred Kerr, Carl Sternheim, Leonhard Frank, Salomo Friedländer, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Klabund, Walter Hasenclever, Franz Werfel, Ernst Toller, der Verleger Ernst Rowohlt und viele Maler der Secession. August Bebel, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht tranken hier gern ihren Kaffee, und auch Wilhelm Pieck soll Stammgast gewesen sein. Die Liste der hier ein und aus gehenden Berühmtheiten ließe sich noch seitenlang fortsetzen.

Doch nicht nur die Gäste, auch das Personal machte Kaffeehaus-Geschichte. Der Oberkellner Herr Hahn, dessen Vornamen niemand kannte, galt als der absolute Herrscher des Cafés. Seine Gäste umsorgte er liebevoll-freundlich, doch mangelte es ihm nicht an der gebotenen Autorität. Else Lasker-Schüler gab ihm den Namen „König mit dem Zauberstab“. Der Zauberstab war sein Bleistift, mit dem er so manche Rechnung schrieb, die er dem eigentlichen Schuldner jedoch nie präsentierte. Das Geheimnis dieser scheinbaren Zauberei war Folgendes: Herr Hahn hatte mit zahlungskräftigen Mäzenen stillschweigende Abkommen getroffen, damit jene regelmäßig die Rechnungen ihrer Schützlinge beglichen. So zahlten beispielsweise die Ullstein-Brüder für Erich Mühsam, der Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer für Else Lasker-Schüler. Die großzügigen Spender stellten allerdings die Bedingung, dass nur Essen, Kaffee, Kuchen und Mineralwasser bezahlt werden durften, kein Alkohol. Zu besonderen Anlässen jedoch verwandelte Herr Hahn dann schon einmal auf der Rechnung eine Flasche Wein in ein Wiener Schnitzel.

Der großzügigste unter den Gönnern mittelloser Künstler war der Berliner Kaufmann und Kunstsammler James Simon, ebenfalls häufiger Gast im Café des Westens. Simon, der wohl bedeutendste Mäzen der Stadt, hatte der von Professor Ludwig Borchardt geleiteten Deutschen Orient-Gesellschaft die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt, die es ihr erlaubten, zwischen 1901 und 1914 umfangreiche Ausgrabungen in Ägypten durchzuführen, in deren Verlauf im Dezember 1912 die Nofretete entdeckt wurde. Da Simon die Konzession für die Grabung besaß, erhielt er die Fundstücke als „rechtmäßiges Eigentum“ von den ägyptischen Behörden urkundlich überschrieben. 1913 übergab er sie der Ägyptischen Abteilung der königlich-preußischen Kunstsammlungen als Dauerleihgabe, bevor er sie 1920 dem preußischen Staat schenkte. Der Kunstsammler bewohnte eine Villa im Tiergarten, die einem Museum und gleichzeitig einer Kunsthandlung glich, denn einen Teil der von ihm gekauften Kunstwerke verkaufte er wieder – freilich mit gutem Gewinn. So verfügte er über die finanziellen Mittel, notleidende, aber begabte Künstler großzügig zu unterstützen. Als er von Anton Kuh eher beiläufig erfuhr, wie viele Künstler in Berlin Hunger litten, ließ sich Simon von ihm eine Liste mit Namen und Adressen förderungswürdiger, mittelloser Künstler zusammenstellen. Der noble Kunstfreund hinterlegte diese bei Herrn Hahn und bezahlte von nun an die Rechnungen der auf der Liste aufgeführten Bohémiens. Doch damit nicht genug: So manchem brotlosen Künstler überwies er von Zeit zu Zeit unter fingiertem Absender eine beachtliche Geldsumme.

Eine von der Bohème ebenfalls geliebte Persönlichkeit war der „rote Richard“, der rothaarige, buckelige „Zeitungskellner“ Richard Frankewitz, der die Zeitungswünsche all seiner Stammgäste kannte. Der rote Richard versorgte die Gäste nicht nur mit Zeitungen, sondern übernahm hin und wieder auch die Rolle eines Vermittlers – etwa zwischen einem jungen Talent der Feder und einem Verleger. Mitunter lieh er seinen stets in finanziellen Nöten befindlichen Gästen auch Geld – allerdings nur gegen Quittung und fette Zinsen. Der Zeitzeuge Balder Olden erinnerte sich in einem Artikel in der „Berliner Morgenpost“ vom 29. Mai 1932:

Ein Junge im Kellnerfrack, rotlockig, bucklig, gelblichen Gesichts und mit entzündeten Augen, trug Zeitungen vom Ständer zu den Tischen, von den Tischen zum Ständer, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Dem Uneingeweihten schien er zwecklos wie eine Ameise. Das war unser Richard. Er kannte jeden und wusste, was in jeder Zeitung stand. Er brachte einem Gast den Artikel, den er selbst geschrieben hatte, dem anderen alle Kritiken über seine letzte Premiere, dem Maler Reproduktionen seiner Bilder, und zugleich trug er briefliche oder mündliche Botschaften.

15 Jahre trug der rote Richard im Café des Westens Zeitungen aus. Nach der endgültigen Schließung des Cafés 1919 verdingte er sich, so erinnert sich Olden, als Zeitungskellner in einem „musikdurchbrausten Bierpalast“. Doch sein Herz „war nicht dabei“. Frankewitz starb 1932 im Alter von 43 Jahren.

Nicht von ungefähr zog gerade dieser Ort die Berliner Bohème in Scharen magisch an. Ohne Zweifel hatte auch die Nähe der Ausstellungsräume der Berliner Secession zur Popularität des Cafés in Künstlerkreisen beigetragen. Darüber hinaus sah man sich im „Neuen Westen“ nicht nur intellektuell, sondern auch räumlich vom wilhelminischen Staat weiter entfernt als etwa in den gutbürgerlich-preußischen Cafés Unter den Linden oder in der Friedrichstraße. Hier, im „Neuen Westen“, schien sich ein Experimentierfeld für völlig neue Lebensformen aufzutun.

Eine ganze Reihe namhafter Künstler wohnte bereits im „Neuen Westen“, in Schöneberg, Charlottenburg oder Wilmersdorf – wenn auch meist nur vorübergehend. Der Gründer des Kabaretts „Überbrettl“, Ernst von Wolzogen, wohnte am Kurfürstendamm 14/15, der Architekt August Endell in der Nr. 24, der Bakteriologe Robert Koch in der Nr. 25, später Nr. 52, der Großgastronom August Aschinger in der Nr. 37, der Schauspieler Otto Gebühr in der Nr. 65, der Geiger und Komponist Fritz Kreisler in der Nr. 67, die Schauspielerin und Tänzerin Olga Desmond in der Nr. 70, der Begründer des Malik-Verlages, Wieland Herzfelde, in der Nr. 76, der Kunsthistoriker und Direktor der Nationalgalerie Hugo von Tschudi in der Nr. 100, später Nr. 196, der Erfinder Rudolf Diesel in der Nr. 113, die Schauspielerin Tilla Durieux in der Nr. 125, der ungekrönte König der Kleinkunst Rudolf Nelson in der Nr. 186, die Schauspielerin Agnes Sorma in der Nr. 196, der Geiger Josef Joachim in der Nr. 217 und der Tenor Leo Slezak in der Nr. 225. Der Schriftsteller Salomo Friedländer wohnte ab 1906 nur wenige Schritte vom Kurfürstendamm in der Johann-Georg-Straße 20 in Halensee, und ganz in der Nähe, in der Ringbahnstraße 119, wohnte der Dichter Christian Morgenstern. Der Architekt Walter Gropius lebte nur wenige Minuten vom Café des Westens entfernt, in der Rankestraße 16; Max Slevogt in der Pension Lingnau in der Tauentzienstraße 1. Und der Komponist Richard Strauss zog 1898 in die Knesebeckstraße 30, 1903 dann in die Joachimsthaler Straße 17. Der Architekt und Designer Henry van de Velde wohnte während seines Berliner Aufenthaltes 1899 bis 1902 in der Nürnberger Straße 36.

Ernst von Wolzogen gründete im Café des Westens sein „Überbrettl“, das erste Berliner Kabarett, und Max Reinhardt, zu jener Zeit noch Charakterdarsteller am Deutschen Theater, rief in einem Hinterzimmer sein Kabarett „Schall und Rauch“ ins Leben. Auch aus der Flut der Zeitungen und Zeitschriften, die vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin erschienen waren, verdankten zwei herausragende Publikationen ihr Entstehen den Künstlerstammtischen im Café des Westens: Herwarth Waldens expressionistische Zeitschrift „Der Sturm“, jenes bedeutende Forum der literarischen und künstlerischen Avantgarde, sowie Franz Pfemferts „Die Aktion“, die sich weitaus politischer und kämpferischer als „Der Sturm“ gab und der es sogar gelang, trotz der rigiden Zensur gegen den wilhelminischen Militarismus energisch Stellung zu beziehen.

Das gutbürgerliche Berlin schaute zwar nicht unbedingt ablehnend, aber doch kopfschüttelnd auf das Café und nannte es „Café Größenwahn“ wegen seiner illustren Gästeschar, die zwar jede Menge Geist, aber keinen Pfennig Geld mitbrachte. Die Loyalität des Hauses gegenüber seinen mittellosen intellektuellen Gästen war tatsächlich einzigartig. Die Kellner übersahen es ganz diskret, wenn sich ein Gast sein Abendbrot selbst mitbrachte und nur ein Glas Wasser bestellte. Und der Besitzer Ernst Pauly würdigte seine wenig lukrativen Gäste, indem er seinen Kellnern verbot, die Karikaturen, Skizzen und Porträts, die die Maler, allen voran Ottmar Begas, mit Vorliebe auf die Marmorplatten der Tische kritzelten, zu entfernen. Vielmehr ließ er die Zeichnungen mit Glasplatten schützen, um sie so für die Nachwelt zu bewahren. Die Marmorplatten sind leider nicht erhalten geblieben.

Mit der Zeit mischten sich die gut situierten, gut gekleideten Bürger aus dem „Neuen“ und „Alten“ Westen mit dem bunten Künstlervölkchen. Einer der Stammgäste, der Maler, Zeichner, Schriftsteller und Journalist Edmund Edel, schildert das Zusammentreffen dieser beiden konträren sozialen Schichten:

Zuerst kam der solide Bürger seltener in diesen Raum, der für die Parnassjünglinge reserviert zu sein schien. Und mit Staunen erblickte der Bürger diese Männer und diese Frauen, die so ganz anders ausschauten wie der Herr Meyer oder die Frau Direktor Schulz. Und die Meyers und Schulzes sperrten Mund und Nase auf ob den merkwürdigen Haarfrisuren beiderlei Geschlechts …

Und die Meyers und die Schulzes erzählten Bekannten und Verwandten von ihrer verblüffenden Entdeckung und weckten damit wiederum deren Neugier. Immer mehr Bürger kamen in das inzwischen berühmte Café am Kurfürstendamm – und sie lernten diese Umgebung mehr und mehr schätzen:

So kam es, dass sich der Bürger an dieses Café gewöhnte und, nachdem seine erste Neugier überwunden war, es zur lieben Gewohnheit sich machte, wie sein Antipode, der Bohemien, den Abendtrunk dort zu nehmen. Und nun ging jahraus, jahrein der Bürger mit dem Künstler in dieses Café, und viele zarte Bande umschlangen beide Gemeinschaften. Es ist sogar nicht ausgeschlossen, dass die jüngere Bürgergeneration des Cafés des Westens einen Spezialtyp Marke „Größenwahn“ mit auf die Welt gebracht hat. Das Café des Westens als Erzieher des Kurfürstendammlers!

Nicht die konservativen, kaisertreuen Kleinbürger, sondern das wohlhabende, aufstrebende Bürgertum, das sich auf seine Weise gegen die Bevormundung durch die Obrigkeit zu wehren suchte, fand immer häufiger den Weg hierher. Bald gab es im Café des Westens einmal in der Woche je einen Stammtisch der „Bürgerlichen“ und der „Geldaristokraten“. Sonnabends kamen die Bürgerlichen, von den Stammgästen „die Schusters“ genannt, montags die Geldaristokraten, die Geldsäcke, Industrielle und Bankiers, darunter Walther Rathenau, der spätere Außenminister der Weimarer Republik, und der Bankier Carl Fürstenberg.

Einen Eindruck vom Alltag im Café des Westens, der nach ungeschriebenen Regeln ablief, vermittelt Max Krell in seinen Erinnerungen: „Das Café war schon am späten Vormittag voll besetzt, mit einer Einschränkung: an jedem der runden Marmortische saß nur ein Gast, denn hier wurde gearbeitet.“ Störungen wurden eher mit einem missmutigen

Knurren beantwortet. Zwischen zwölf und eins bevölkerten in der Regel junge Frauen das Café. Es waren jedoch „keineswegs kleine Ladenmädchen, die damals noch nicht intellektuell angereichert waren“, so berichtet Krell,

dafür Elevinnen der Reinhardt-Schule, junge Kunstgewerblerinnen und Komparsinnen des eben aufstrebenden Films. Diese neuen, durchaus nicht lungenschwindsüchtigen Mimis der Bohème brachten eine leicht mondäne Note mit, sie hörten artig zu, wenn die Weisen redeten, und fühlten sich schon eines künftigen Ruhms teilhaftig.

 Am Abend war das Café Sammelpunkt einer bunten, schillernden Gesellschaft. Dann trafen hier Menschen zusammen, die sich sonst eher aus dem Weg gegangen wären:

Zu voller Orchesterbesetzung schwoll das „Café des Westens“ am späten Abend an, vor und nach dem Theater. Da gab es keine Trennung der Generationen, der Stile, der Anschauungen, der Kunstsparten, und selbst die Träger von Frack und Abendkleid aus den Grunewaldvillen suchten an Premierenabenden Tuchfühlung mit den Habitués des Cafés. Vielleicht versprachen sie sich Groteskbilder aus dem Zoologischen Garten der literarischen und künstlerischen Fauna und wurden darin sicherlich enttäuscht, denn wir waren im Grunde genommen zivilisierte Leute.

Und wenn allmorgendlich um halb vier der Oberkellner Hahn sein vertrautes „Feierabend, meine Herrschaften!“ verkündete, war der nahe Aufbruch zwar unvermeidlich, doch ging die Bohème nicht etwa nach Hause. Von hier zogen sie, vor allem diejenigen, die kein Zuhause hatten, für gewöhnlich ins Café Steinplatz, das jetzt öffnete.

Freilich erregte das Café einige konservative Gemüter, denen es als „Sammelstätte wilder Bohème und zügellosen, teilweise verkommenen Literatentums“ galt, „wo Edelanarchisten und verkannte Genies Orgien der wechselseitigen Beweihräucherung feierten und emanzipierte Weibchen ihre Losgelöstheit von aller bürgerlichen Gesittung“ schamlos zur Schau stellen. Die „Kaffeehauslungerei“ stand im krassen Gegensatz zur kleinbürgerlichen Werteskala und wurde gar als die unfruchtbarste Form, Zeit um die Ohren zu schlagen, gebrandmarkt.

Im Sommer 1913 wurde das Café ohne jede Vorankündigung „wegen Renovierung“ vorübergehend geschlossen. Ernst Pauly zog in einen Neubau, in den Union-Palast, das spätere „Haus Wien“, am Kurfürstendamm 26, wo er im September des gleichen Jahres sein neues Café des Westens eröffnete. Das alte blieb zwar bestehen, wurde jedoch einer Luxusrenovierung unterzogen. Bis 1919 firmierte im Berliner Adressbuch das alte neben dem neuen Café ebenfalls als Café des Westens. Dem Ersten Weltkrieg hatte es standgehalten, konstatierte der Schriftsteller und Journalist Georg Zivier, nicht aber der Renovierungssucht seines Besitzers:

Schwer zu sagen, ob es Tücke war, geboren aus plötzlicher Abneigung gegen das Künstlervölkchen, oder ob der Cafetier seine Gäste so falsch einschätzte, daß er das „Café Größenwahn“ in einen Salon mit Gobelins, feinen Sesseln und Tischen, goldgerahmten Spiegeln und gekachelter Toilette umwandelte. Jedenfalls, die Bohème Berlins wandte sich schaudernd ab.

 Jetzt wehte hier ein anderer Wind: Die Kellner hatten von nun an auf Verzehr zu achten. Kredite wurden nicht mehr gewährt. Else Lasker- Schüler wurde sogar, weil sie nichts verzehrte, eines Tages des Lokals verwiesen. Die Bohème war empört und suchte sich eine neue Bleibe. In der Folgezeit wurde das Café immer wieder umgebaut und entwickelte sich nach und nach zum modernen Tanzcafé. Joseph Roth blickte in seinem Artikel „Vernichtung eines Kaffeehauses“ 1927 wehmütig auf das alte Café des Westens zurück, das nun, nach erneuter Renovierung, ganz in Weiß mit futuristisch anmutenden Lichtsäulen und grauem Linoleum-Fußboden mit weißen Streifen im Stil des neuen Zeitgeistes erstrahlte. Die gemütlichen Lehnsessel waren durch moderne Stahlstühle ersetzt worden – ein steriles, hygienisches Ambiente ohne jede persönliche Atmosphäre. Der freundliche Herr Hahn, der gute Geist des alten Cafés, war schon lange nicht mehr da. „Er konnte den Weg des Kaffeehauses nicht mitmachen, diesen Weg, der immer von Deutschland zum Broadway hinstrebt und der immer wieder am Kurfürstendamm endet“, schrieb Roth.

Wie dem auch sei, die Bohème nahm dieses neue Ambiente nicht an, zog einige Hundert Meter ostwärts und ließ sich im Romanischen Café häuslich nieder.

Regina Stürickow ist in Berlin geboren und natürlich auf dem Kurfürstendamm aufgewachsen. Sie studierte Slawistik und Osteuropäische Geschichte, promovierte 1989 und lebt seitdem in Berlin und Paris. Sie hat bei Elsengold zahlreiche Romane und Sachbücher zur (Kriminal-)Geschichte Berlins veröffentlicht und gilt als Wiederentdeckerin des bekannten Kriminalisten Ernst Gennat.

Der Text ist ein Auszug aus Regina Stürickow: Der Kurfürstendamm. Elsengold Verlag, Berlin 2021.

Das Buch ist erhältlich unter: www.elsengold/produkt/der-kurfuerstendamm/

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