Was geschah vor 110 Jahren im April?

 In Alltagsleben, Aus dem Frauenleben, Unkategorisiert, Was geschah vor 110 Jahren, Zeitgeschehen

Für alle Neulinge, welche die Rubrik noch nicht kennen, gibt es hier eine Einführung dazu.

Kriegsgefahr! Ein Länder-Konflikt beunruhigt Europa

Ein Krieg steht unmittelbar bevor! Und zwar zwischen der k&k Donaumonarchie Österreich-Ungarn und Serbien. Diesen Eindruck kann man gewinnen, wenn man die folgenden Zeilen des Artikels liest, der Anfang April in der Sonntagszeitung erschien:

Das Kriegsfieber in Serbien hat seinen Höhepunkt erreicht. Aus allen Schichten der Bevölkerung melden sich Freiwillige zum Kriegsdienst, und auch aus Rußland treffen zahlreiche Kriegsfreiwillige ein. Das berauschende Gift, das der gewissenlose Kronprinz Georg von Serbien durch seine Hetzreden gegen Oesterreich-Ungarn ausstreut, fällt auf einen nur zu empfänglichen Boden. Angesichts der allgemeinen kriegerischen Stimmung des serbischen Volkes ist es für die europäische Diplomatie nicht leicht, die serbische Regierung zur Vernunft zu bringen, zumal Rußland sich nicht rückhaltlos auf die Seite der übrigen Großmächte stellt, die den Frieden zu erhalten sich bemühen. Europa steht einer Abenteuerpolitik gegenüber, deren Ursachen Frivolität und Leichtsinn sind.

Auch die Bilder dazu sprechen die Sprache der Mobilmachung.

Wie war es zu der Situation gekommen und wie waren die außenpolitischen Verhältnisse?

Österreich-Ungarn und Deutschland waren langjährige Bündnispartner, sie hatten schon 1879 unter Wilhelm I. einen Zweibund geschlossen, in dem sie sich bei Kriegen gegenseitig Unterstützung zusicherten. Der Pakt bestand.

Die k&k Monarchie hatte im Herbst 1908 Bosnien-Herzegowina annektiert, die vorher schon unter ihrer Verwaltung standen. Diese Aktion war aber eher „nach hinten“ losgegangen. Warum:

Außenpolitisch:

Die Donaumonarchie hatte sich zwar mit Russland abgestimmt, welche der Annexion zustimmte, allerdings unter der Voraussetzung, die Meerenge „Dardanellen“ zu bekommen, eine strategisch wichtige Durchfahrt. Der Plan ging schief, da eine weitere Großmacht –England- sein Veto dagegen einlegte.

Den Verbündeten Deutschland hatte Österreich-Ungarn mit der Aktion eher vor den Kopf gestoßen, da er vor der Annektierung nicht informiert worden war. Es störte sein gutes Verhältnis zum Osmanischen Reich (zu dem Bosnien-Herzegowina formal gehörte). Wilhelm II. war enttäuscht von Erzherzog Franz Ferdinand, zu dem er eigentlich ein freundschaftliches Verhältnis hatte. Trotzdem sicherte Deutschland der Donaumonarchie im Kriegsfall Unterstützung zu, zuletzt sprach Kanzler Bülow in einer Rede kurz davor (Ende März 09) von „Nibelungentreue“ zu Österreich-Ungarn.

Die europäischen Länder erkannten die Annexion zudem nicht an.

Wirtschaftlich und innenpolitisch

wurde Österreich-Ungarn durch seine Aktion geschwächt – die annektierten Staaten waren arm und der schwelende Nationalismus der Balkanstaaten war so erwacht.

Außerdem gab es intern Streit, wer von den beiden Monarchien – Österreich oder Ungarn- nun die neuen Staatsgebiete verwalten sollte und wollte. Am Ende einigte man sich auf eine gemeinsame Verwaltung.

Und Serbien? Sah seine nationalen (Erweiterungs-) Pläne durch die Annexion durchkreuzt und begann mobil zu machen:

Was Rußland angeht, war das Land eine Schutzmacht Serbiens (und wie der Text ausführt, kamen noch persönliche Animositäten dazu:

Dazu kommt ferner der gekränkte persönliche Ehrgeiz des russischen Ministers Iswolski, der in dem österreichischen Minister Aehrenthal seinen erfolgreichen Rivalen sieht. Es liegt kein ernsthafter Grund zum Kriege vor und nichts, was denen, die ihn herbeiführen wollen, zur Entschuldigung dienen könnte. Früher wurden Kriege oft geführt, weil Fürsten persönliche Interessen vertraten und es wäre eine unerhörte Niederlage der Vernunft, wenn in unserem aufgeklärten Zeitalter sogar zweier Minister wegen ganz Europa in Flammen gesetzt werden würde.

 Der Schlusssatz des Artikels über die Staaten Europas könnte auch in einer heutigen Zeitung stehen, wenn auch unter anderen Vorzeichen und mit etwas anderer Formulierung:  Statt „dargetan“ würde man heute „gezeigt“ sagen.

 Die Solidarität der Kulturwelt steht auf schwachen Füßen, das haben die Ereignisse der letzten Wochen mit erschreckender Deutlichkeit dargetan.

Aber das die „Gesamtsituation“ im April 1909 in Europa eine unruhige ist, zeigen weitere Meldungen auf der gleichen und der Folgeseite, die ich einfach so wiedergebe (auch mit den Bildern), wie sie dort publiziert wurden:

Die Vermehrung der deutschen Flotte, die Admiral von Tirpitz als seine Lebensaufgabe betrachtet, erregt in England große Besorgnis. Das deutsche Volk ist in großen Nöten, um die Mittel aufzubringen, die der Staatssekretär von Sydow verlangt, denn eine andauernd ungünstige Wirtschaftspolitik hat die Steuerkraft des deutschen Volkes so geschwächt, daß neue Steuern auf großen Widerstand stoßen.

gilt als der zukünftige Oberbefehlshaber der beiden Armeen, die Oesterreich-Ungarn ins Feld zu stellen beabsichtigt, sobald es zum Kriege mit Serbien kommen sollte. Man weiß, daß Erzherzog Franz Ferdinand militärischen Ehrgeiz besitzt. Um so angenehmer wirkt seine ruhige Zurückhaltung gegenüber den serbischen Herausforderungen.

deckte in seiner Rede schonungslos die Mißstände der russischen Armee auf und sprach die Befürchtung aus, daß Rußland infolge seiner militärischen Ohnmacht auf dem Wege sei, in eine ähnliche Lage wie Persien und die Türkei zu kommen, die augenblicklich vom Mitleid ihrer Nachbarn lebten. Die militärische Rückständigkeit Rußlands ist die sicherste Bürgschaft dafür, daß der Ausbruch eines Weltkrieges nicht zu befürchten ist.

der den Oberbefehl über alle Kriegsfreiwilligen übernimmt, die Serbien in einem etwaigen Kriege gegen Oesterreich-Ungarn unterstützen wollen. Ihre aktiven Offiziere hat die russische Regierung die Anteilnahme verboten.

 Dieses Potpourri an Kurznachrichten illustriert, zusammen mit der Hauptmeldung über die Kriegsgefahr, die Befürchtungen vor einem Krieg. Am Ende siegte hier die Vernunft.

Update Messina – das Leben kehrt zurück: Der Wiederaufbau nach der Jahrhundertkatastrophe

In unserer Januar-Ausgabe hatten wir ausführlich über die Jahrhundertkatastrophe berichtet: Erdbeben mit Tsunami im Süden Italiens mit 72.000 – 110.000 Todesopfern. Die ganze Welt nahm damals teil und natürlich wurde schon damals geholfen und für die Überlebenden und den Wiederaufbau der Region, allen voran Messina, der am schwersten betroffenen Stadt, gespendet.

Die Wochenzeitschriften berichten weiterhin über Messina. Wie sah es drei Monate nach der Katastrophe dort aus?

Zunächst die gute Nachricht: Messina wird wieder aufgebaut:

So groß war die Verzweiflung Italiens kurz nach dem Beben, daß man ernstlich daran dachte, die wenigen noch vorhandenen Ruinen gänzlich zusammenzuschießen und vielleicht nur einen kleinen Stadtteil als eine Art Pompeji des XX. Jahrhunderts der Nachwelt zu erhalten.

So berichtet „Daheim“ und auch andere Zeitschriften in ähnlicher Form. Das hat auch ganz pragmatische Gründe:

Messina darf für die Dauer kein Grab werden. Der Ort, wo es stand, ist für den Verkehr der Waren für den Handel Siziliens viel zu wichtig.

Die schlechte Nachricht:

Drei Monate sind seit der furchtbaren Katastrophe verflossen, die das stolze Messina in einen Schutthaufen verwandelt hat, aber noch immer ist dort alles in der gleichen traurigen Verfassung, wie es sich am Tage nach dem Erdbeben den entsetzten, ihrer ganzen Habe beraubten Überlebenden gezeigt hat; noch immer sind unter Trümmern und Mauerschutt an fünfzigtausend Leichen von Verunglückten begraben, und es zeigt sich gar keine Aussicht, daß mit der Aufräumung und Freilegung der Straßen wie mit der Bergung der Leichen ernstlich begonnen wird

…In den wie von scharfen Messern von oben bis unten durchschnittenen Mietkasernen, in denen ganze Zimmerfluchten von Wind und Wetter freigelegt worden sind, stehen noch immer die ganzen Einrichtungen wie am Vorabend der Schreckensnacht; nur ist es der Gefährlichkeit der einsturzdrohenden Ruinen wegen unmöglich, sie herunterzuholen.

Mit der Bergung der Leichen wurde wohl schon begonnen, wie es an anderer Stelle heißt und auch mit der angegebenen Zahl der noch zu Bergenden muss man vorsichtig sein – damals wurden eine höhere Zahl an Toten als heute vermutet bzw. genannt. In jedem Fall sind sich die Zeitschriften einig, dass in der zerstörten Stadt in punkto Aufräumarbeiten noch nicht viel passiert ist:

Die Regierung beschränkte sich bisher die Bergung der Archive und die größten Wertsachen, soweit sie der Katastrophe entgangen sind.

erzählt die Gartenlaube, aber das gehandelt werden muss, ist eigentlich allen klar, denn die Einwohner Messinas möchten ihre Stadt wiederhaben:

Von den Tausenden, die in der schrecklichen Unglücksnacht ihr nacktes Leben retteten…, ist ein großer Teil wieder nach Messina zurückgekehrt. Nicht allein, um aus den Schuttmassen die Leichen ihrer Lieben und den Rest ihrer Habe auszugraben, sondern um in Messina zu bleiben.

heißt es weiter im Text. Aber wo wohnten die Zurückgekehrten? Die meisten Häuser waren ja tatsächlich zerstört und nicht mehr bewohnbar.

Die Regierung beabsichtigt, den in überraschender Zahl Wiederkehrenden ein neues Stadtviertel außerhalb der Trümmerstadt auszuweisen, aber es wird vornehmlich von unternehmungslustigen Fremden bevorzugt. Die Messinaer selbst ließen sich aus ihrem Messina nicht vertreiben und überall zwischen traurigen Ruinen, auf Plätzen und den breiteren, unter dem Schutt begrabenen Straßen sind ganze Reihen von Zelten, Flugdächern und Holzhütten entstanden, roh zusammengenagelt und ohne jedwege Einrichtung…So rasch erfolgte die Wiederkehr der Überlebenden, daß sie sich gar nicht die Zeit nahmen selbst in den wichtigsten Straßen den Schutt, der sie sie in stockwerkhohen Hügeln füllt, beiseite zu schaffen. Mitten über sie hinweg, zwischen den Trümmern von Möbeln, Bildern, Balkonen, hervorstehenden Tragschienen, geborstenen Röhrenleitungen, Balkenstücken hindurch, auf und ab werden Fußwege festgetreten, auf Schutthügeln selbst Baracken erbaut und in diesen Geschäfte eröffnet. Am lebhaftesten war diese Barackenbauwut im Süden der Ruinenstadt, auf der großen Piazza Cairoli und den» Viale S. Martino, wo bereits Hunderte von Baracken mit Kaufläden der verschiedensten Art stehen, dazu Schnapsläden, Speisehäuser, Bureaus von Rechtsanwälten und Ärzten, Barbierläden, endlich Fleisch-, Fisch und Gemüsemarkt mit dem lebhaftesten Verkehr dazwischen.

Dort erheben sich auch die Holzschuppen, in denen vorläufig die städtischen Ämter, die Post und die lokalen Hilfskomitees untergebracht sind, während der Regierungssitz sich immer noch auf einem Dampfer im Hafen befindet, mitten zwischen Dutzenden anderer, die ganze Berge von Baumaterial aus allen Teilen des Erdkreises herbeischaffen.

 Der Regierungssitz auf einem Dampfer im Hafen! Neugebaut wird jedoch auch im Süden der Stadt:

Der Hauptsitz der offiziellen Bautätigkeit ist indessen das weite Plateau, das sich die Meeresküste entlang im Süden der zerstörten Stadt hinzieht und in dem so herrlichen Camposanto seinen Abschluß findet. In den Orangen- und Zitronenhainen, die es beschatten, hat das Erdbeben nicht eine Blüte entblättert, nicht ein Zweiglein geknickt…

Dort sind seit Wochen verschiedene ausländische Hilfskomitees mit der Herstellung der neuen Bretterstadt beschäftigt, dicht aneinandergebaut stehen schon lange Reihen von Holzhäusern da, ein kahler, nüchterner Anblick, kein Vergleich zu dem Messina, das war. Hoffentlich liegt aber dort der Keim zu einem künftigen gleich großen, gleich schönen. Kaum ist eine Baracke fertig, so wird sie auch schon von Familien gestürmt, die immer noch in Frachtwaggons untergebracht sind.

Die Holzbaracken wurden durch Spenden finanziert:

Die Wohnungen brachten ihnen die Hilfskomitees der verschiedenen Länder, vornehmlich Amerikaner und Deutsche.

und teilweise von der italienischen Regierung bestellt, insbesondere auch aus Deutschland importiert, wie „Daheim“ berichtet:

Auch die italienische Regierung hat allenthalben, besonders bei deutschen Firmen, Baracken nach verschiedenen Systemen bezogen, die eben aufgestellt werden. Die deutschen Arbeiter, die mit dem Material hierhergesandt wurden, leben ganz so wie die Obdachlosen, schlafen unter Brettern, die sie sich zu Flugdächern zusammenstellen, und kochen ihre Mahlzeiten im Freien.

Deutschland, schon damals eine Exportnation. Und so brachte die Naturkatastrophe, so schlimm sie auch war, mit dem Wiederaufbau der Stadt auch Arbeit – nicht nur für die Einheimischen, sondern auch für Auswärtige (und sicherlich nicht nur deutsche):

Das Material für Tausende von Holzbaracken, Hütten, Zelten war binnen wenigen Wochen eingetroffen, und sie aufzustellen, erforderte ebenfalls Massen von Arbeitern.

Es entstanden zunächst Barackenstädte, die die Gartenlaube mit denen im amerikanischen wilden Westen vergleicht:

So spielten sich in den Wochen zwischen den Ruinen von Messina Vorgänge ähnlicher Art ab wie in den über Nacht aus dem Boden springenden Minenstädten des rauhen amerikanischen Westens, und heute gleicht das altehrwürdige, aus Homer Zeit stammende Messina wirklich eher einer solchen Bretterstadt aus den Felsengebirgen.

Zusammengefaßt kann man sagen: der Aufbau der Stadt würde dauern, aber dank seiner Bewohner und auch der Hilfe von außen kehrte das Leben in die Ruinen von Messina drei Monate nach der Katastrophe langsam zurück!

In einer Million Fortbewegungsarten um die Welt – wetten, dass?

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Ein Rad hatte Entertainer Max Duffek nicht ab! Hier bei einer der spektakuläreren seiner 1 Million Fortbewegungsarten!Original aus Stadtarchiv 93326 Abensberg

Das war das Vorhaben von Max Duffek. Eine Million Fortbewegungsarten? Dass dies möglich war, hatte der Lebenskünstler und Marketingprofi errechnet. Und so wettete er nach dem Motto „Top, die Wette gilt!“ Die Gartenlaube erzählt in ihrem Artikel davon:

 Die Wettleidenschaft treibt merkwürdige Blüten, und je seltsamere Formen diese Wetten annehmen, je größer ist naturgemäß das Interesse, mit dem sie vom Publikum verfolgt werden. Besonders beliebt sind bizarre Reisen. Bald verpflichtet sich einer, zu Fuß, bald ohne einen Pfennig Geld um die Erde zu reisen und sich den Unterhalt unterwegs zu erbetteln. …Max Duffek, ein bekannter Artist, sucht sie alle zu übertrumpfen. Er wettete mit mehreren Sportsleuten, daß er die alte solide Erde in nicht weniger als eine Million verschiedener Bewegungsarten umkreisen wollte, und das Debüt, das er bei Beginn dieser tollen Wette am 28. April den Berlinern gab, war immerhin von ganz erstaunlicher „Vielseitigkeit“. Auf dem Schloßplatz in Berlin trat er am genannten Tage seine Wanderung an, indem er die zur Nationalgalerie führende Treppe „im Handstand“ hinunterlief. (Die nötige Übung für diese etwas ungewöhnliche und schwierige Gangart hatte er sich erworben, als er – gleichfalls infolge einer Wette, die ihm 2100 Mark eintrug- die 900 Stufen des 555 Fuß hohen Washington-Monuments in 581/2 Minuten auf die gleiche Art hinunterstieg.)

Tatsächlich hatte der 1877 geborene Max Duffek, der zunächst in einer Bäckerei in München als Gehilfe gearbeitet hatte, sein Hobby Turnen alsbald zum Beruf gemacht. Dazu kam schauspielerisches und musikalisches Talent – er konnte eine Reihe von Musikinstrumenten spielen. Zunächst verdingte er sich bei privaten Veranstaltungen als Entertainer – bald war er ein gefragter Varietékünstler. In New York kam er mit der Wette, von der die Gartenlaube im obigen Artikel berichtet, in die Schlagzeilen. Sogar in der New York Times wurde von seinem Abstieg auf Händen berichtet. Obwohl er nach dem Abstieg vom immerhin 169 Meter hohen Obelisken erstmal kurz bewußtlos wurde, stieg er – ganz Profi- kurz darauf in ein Taxi und meinte auf die Frage, wie es ihm ginge: Gut, nur die Handgelenke seien noch ein bisschen steif. So war er schon international bekannt. Sein neuer „Coup“ sollte ihn noch bekannter machen und so erzählt die Gartenlaube weiter von seinem Start in Berlin:

alle Originalaufnahmen aus dem Stadtarchiv 93326 Abensberg freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Auf dem Schloßplatz angekommen, schnallte er sich flugs Rollschuhe unter – ausnahmsweise nicht unter die Hände – fuhr schnellen Tempos die Linden entlang, warf sich dann auf ein zufällig dahstehendes Fahrrad (der Besitzer wird begeistert gewesen sein…), benutzte ein Auto, einen Omnibus, schwang sich auf den Gaul eines Lastwagens und erfreute dann eine militärische „Ablösung“ durch einen Parademarsch im Handstand. Unsre Bilder zeigen den Fortgang dieser mehr als seltsamen Art zu reisen, die so bald wohl keine Nachahmung finden dürfte, denn es ist eben nicht jeder ein „Artist“ von solch universeller Beherrschung der Glieder. Duffek, ein geborener Münchener, der jetzt im 32. Jahre steht, hofft auf dieser drei bis vier Jahre berechneten Reise durch artistische Vorführungen auch noch Geld zu verdienen.

 Ging die Rechnung von Max Duffek nun auf und gewann er die Wette? Ja! Sein Vorhaben gelang – bis ins Jahr 1914 reiste er in alle bevölkerten Erdteile. Dort ritt er auf allen möglichen Tieren, u.a. auf einem Vogel Strauß, einem Nashorn, Alligatoren und Büffeln, er sprang von Brücken, benutzte Traktoren, Leiterwagen, Rasenmäher und Segelflieger zur Fortbewegung, schwamm, hüpfte, tanzte, kletterte, radelte und ruderte sich durch die verschiedenen Stationen seiner Weltreise. Die jeweilige Presse berichtete gerne und Max Duffek verstand sich gut zu inszenieren mit seinem typischen Outfit und der karierten Schirmmütze, die er immer trug.

Begleitfotos zum Gartenlaube-Artikel

Waren es tatsächlich eine Million Fortbewegungsarten? Wer weiß das schon so genau – es war kein Zweiter mit zum Zählen…aber der Slogan klang einfach zu gut! Nach seiner Reise kaufte sich der Weltenbummler Anfang der 20er Jahre ein Haus in München, wurde dort sesshaft und richtete ein Museum ein – über sich und seine verrückten Aktivitäten! Das wurde jedoch leider im 2. Weltkrieg zerstört. Sportlich war er fit bis ins hohe Alter, bis er 1969 starb – tragischerweise an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

Wen noch mehr Fakten zu dem Allround-Talent interessieren – hier der Link zum Artikel (Seite 4) von Winfried Meier, bei dem ich mich für die weiteren Informationen zu Max Duffek bedanke, wie auch dem Startarchiv Abendsberg für die Originalaufnahmen.

Windgetriebene Autos: Eine damalige Erfindung – für die Zukunft wiederentdeckt          

Wenn das Bild nicht wirklich historisch überliefert wäre, würde man es nicht glauben: Tatsächlich erzählt die Gartenlaube in einer Aprilausgabe über „einen fürstlichen Kraftwagen von 1599“. Okay, motorisiert waren die damaligen Kraftwagen noch nicht, sie wurden mit Windenergie betrieben. Das obige Fahrzeug wurde mit seinen Segeln vom niederländischen Mathematiker Simon Stevin erdacht. Zunächst (mal wieder, wie leider einige bahnbrechende Erfindungen) für Kriegszwecke –die Niederlande befanden sich zu dieser Zeit im Krieg.

Aber auch nach dem Krieg – wahrscheinlich auch wegen fehlender „autogerechter“ Straßen- konnte sich die Erfindung damals noch nicht durchsetzen.

Doch nicht zuletzt aus Umweltgründen wird in dieser Zeit händeringend nach Antriebsalternativen für die Fahrzeuge der Zukunft gesucht. Wie man am Beispiel des Tesla sieht, ist auch der Elektroantrieb nicht DIE Zukunftslösung. Und so kann auch Geschichte Lösungen für die Zukunft liefern: In diesem Fall sind mehrere Autokonzerne bereits dabei, Automobile mit Windantrieb zu konstruieren – bisher sind diese Entwicklungen jedoch noch im Versuchsstadium und streng geheim. Sicher ist in jedem Fall, diese Entwürfe werden anders aussehen als das obige Fahrzeug – man darf gespannt sein!

Aus dem Frauenleben:

Die erste Schulschwester in Deutschland

Manche Pionierin ist in keinem wikipedia oder google-Eintrag zu finden, so auch Marie Kruschka – die erste Schulschwester im Kaiserreich. Im Artikel der Sonntagszeitung heißt es zu ihr:

„Die Stadt Charlottenburg hat die Schwester Marie Kruschka als Schulschwester verpflichtet. Als solche hat sie sich in schwereren Krankheitsfällen ausschließlich der Pflege erkrankter Schüler und Schülerinnen zu widmen.

Schon damals gab eine genderkorrekte Schreibweise! Aber das nur nebenbei. Was „ausschließlich“ bedeutet? Wahrscheinlich durfte sie sich nicht um erkrankte Lehrer und Lehrerinnen kümmern…

Polarforscherin Josephine Peary – Die Gattin des Kommandeurs

Josephine Peary hat einen Wikipedia-Eintrag. Zum Glück! Denn im Artikel „Über die Bedeutung und Ziele der Polarforschung“ ist zwar auch ein Bild von ihr (auf dem sie recht grimmig schaut) abgebildet, aber kein Vorname – und wie schon in der Überschrift angedeutet, lautet die Bildunterschrift „Die Gattin des Kommandeur Peary“. Die Gattin war aber selbst Polarforscherin. Als Tochter deutscher Einwanderer 1863 in den USA geboren (ihr Mädchenname war Diebitsch), heiratete sie jung den Polarforscher Robert Peary, dessen unbedingter Wille war, als erster Mensch zum Nordpol zu gelangen. Sie unterstützte ihn aktiv dabei und begleitete ihn bei seinen Expeditionen. Josephine Peary gilt als erste weiße Frau, die in der Arktis überwinterte. Darüber schrieb sie 1893 ein Buch: „My Arctic Journal – a Year among Ice-Fields and Eskimos“, was übrigens als Reprint erhältlich ist. In dieser Zeit lebte sie auch mit den Inuit-Frauen und lernte viel von ihnen – z.B. die Herstellung von Kleidung aus Fellen – wie man sieht, hatte sie ihren Gatten damit bestens ausgestattet! In ihrem Buch schildert sie ihren Blick auf das Leben der Inuit. Auch ihre erste Tochter bekam sie im Winter in der Eiswüste.

Trotz seiner Eskapaden hielt sie immer zu ihrem Mann – als er ihr im September 1909 schrieb „I have the DOP (dammned old pole) (Übersetzung: Ich habe den verdammten alten Pol geschafft), war sie glücklich. Nach seinen Angaben erreichte er den Nordpol am 6. April 1909.

Bis heute ist allerdings nicht klar, ob es Peary oder sein ehemaliger Schiffsarzt Dr. Frederik Cook als Erster zum Nordpol schafften. An den Darstellungen beider Polarforscher kamen Zweifel auf, ob sie wirklich dort gewesen waren. In den USA gilt Peary jedoch heute noch als Entdecker des Nordpols. Er starb bereits 1920. Josephine wurde 1955 von der National Geographic Society für ihre Verdienste um die Arktis geehrt –gerade noch rechtzeitig, bevor sie im gleichen Jahr starb. Über ihr Leben gibt es den Film von 2014 „Nobody wants the night“ mit Juliette Binoche in der Hauptrolle.

Am Schluß wird es österlich – ja, der Osterhase ist nicht auf dem schönen alten bunten Bild, aber dafür die Eierlieferanten. Ich wünsche Euch einen lustigen April – laßt Euch ruhig mal veräppeln am 1. – auch in dieser Ausgabe hat sich übrigens ein kleiner Scherz versteckt (der in der Mai-Ausgabe aufgelöst wird)! Und ansonsten probiert doch mal ein paar neue Fortbewegungsarten auf Euren Wegen aus, ob nun zur Arbeit oder in den Garten –sie müssen ja nicht gleich so akrobatisch wie die von Max Duffek sein.

In diesem Sinne wünsche ich Euch entdeckerische Osterfeiertage – bis zum schönen Mai grüßt Euch

herzlichst

Eure Grete

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