Großherzogtum Baden – Vom Splitterstaat zum Musterländle

 In Auswanderung, Bundesstaaten, Unkategorisiert

Badener und Schwaben können über ihre Unterschiede abendfüllend diskutieren. Dabei werden die Badener von den Schwaben gerne als Gelbfüssler bezeichnet.

Dafür lassen es sich die Badener nicht nehmen, mit Autoaufklebern wie „Schwaben schaffe, Badener denke“ herumzufahren. Autoaufkleber? Okay, während meiner Studentenzeit in Konstanz waren sie sehr „in“, sie ist allerdings schon etwas her.

Dabei stammen die Badener eigentlich von den Schwaben ab – jedenfalls der südliche Teil (sorry Süd-Badener!). Der Vollständigkeit halber: Der nördliche Teil war fränkisch (Glück gehabt Nord-Badener) ab.

Und obwohl beide Bundesstaaten nun schon lange (genau seit 1952) in EINEM Bundesland namens „Baden-Württemberg“ vereinigt sind, gibt es die Rivalität noch heute (und die abendfüllenden Diskussionen sicher auch!). Vielleicht hat sie aber auch einen geschichtlichen Hintergrund?

Zur Kaiserzeit waren es jedenfalls noch zwei Bundesstaaten – das Königreich Württemberg (wird später auch noch vorgestellt) und das Großherzogtum Baden, welches wir jetzt näher betrachten.

Zunächst mal geographisch: Baden gehörte mit Bayern, Württemberg, Hessen und dem damaligen Reichsland Elsaß-Lothringen zu den süddeutschen Staaten. Was die Grenzen und Landschaften angeht, werden diese in der „Landeskunde des Großherzogtum Baden“ von 1911 perfekt zusammengefaßt:

Baden breitet sich über das Alpenvorland der Oberdeutschen Hochebene, über den Jura, die Oberrheinische Tiefebene, den Schwarzwald und Odenwald, endlich über das Schwäbisch-Fränkische Hügelland aus, hat also überaus reich und wechselvoll gestaltete Oberflächenformen. Von einer natürlichen Grenze des Landes kann aber nur im Süden und Westen gesprochen werden. Hier bildet zunächst (abgesehen von einigen kleinen Unterbrechungen) der Bodensee und dann der aus ihm abströmende Rhein bis in die Gegend von Basel die Südgrenze Badens gegen die Schweiz, also gegen das Reichsausland. Im Westen trennt derselbe Strom Baden gegen Elsaß-Lothringen und gegen die Bayrische Pfalz. Die Nord- und Ostgrenze gegen Hessen, das rechtsrheinische Bayern, Württemberg und das preußische Hohenzollern läuft ohne natürliche Bedingtheit so, wie sie sich die geschichtlich allmählich ausgebildet hat, von der Rheinebene bergauf und –ab über den Odenwald, das Fränkische und Schwäbische Hügelland, den Schwarzwald, den Jura und die Oberdeutsche Hochebene bis zum Bodensee zurück. Das ist im Gegensatz zur natürlichen eine künstliche Grenze. In diesen Grenzen bildet Baden eine einheitliche, geschlossene Fläche.

Nur einige ganz kleine Landesteile (Exklaven) liegen innerhalb der südlichen und östlichen Nachbarstaaten; ebenso ist das zusammenhängende badische Gebiet nur durch unbedeutende fremde Gebietseinschlüsse (Enklaven) unterbrochen.

Mit Ausnahme der Stadt Konstanz liegt ganz Baden auf der rechten Rheinseite, auf die das Schweizer Gebiet bei Basel an einer bei Schaffhausen an drei Stellen herübergreift.

Die Fläche Badens bedeckt 15 000 (genau 15068) km2, das ist der 36. Teil des Deutschen Reiches. Größer als Baden sind die deutschen Staaten Preußen, Bayern, Württemberg (autsch), fast gleich groß Sachsen, Elsaß-Lothringen und Mecklenburg-Schwerin, wesentlich kleiner alle übrigen.

So weit die geographische Einordnung. Bleibt die spannende Frage nach den Enklaven und Exklaven in Baden?

Beispiel einer Exklave – Büsingen

Exklaven gab es einige, waren sie auch nur winzig. Deshalb hatten sie auch keine militärische Bedeutung und waren eher aus der Geschichte begründet.

So z.B. Büsingen am Hochrhein, was bis heute (!) eine deutsche Enklave in der Schweiz ist. Zunächst, d.h. im 16. Jahrhundert war Büsingen eigentlich österreichisch, wurde aber durch Schaffhausener Vögte regiert. Dann kam 1658 der österreichische Lehnsherr Eberhardt im Thurn an die Macht. Es kam zum Streit: Er wurde des heimlichen Katholizismus beschuldigt, damals ein Verbrechen, und von der eigenen Familie nach Schaffhausen entführt. Dort wurde er vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt – zunächst sollte er sogar zum Tod verurteilt werden! Erst 1699 kam er frei und wurde wieder (allerdings schwer angeschlagen) in seine Ämter eingesetzt. Er ließ es sich nicht nehmen, tatsächlich zum römisch-katholischen Glauben zu konvertieren. Konnte Schaffhausen 1728 die Rechte von anderen abhanden gekommenen Dörfern, den sogenannten Reia-Orten (nach einer Region in der Schweiz genannt) wiedergewinnen, behielten die Österreicher aus Ärger über die Entführung des Lehnsherrn Büsingen für sich. In der Folgezeit gehörte die Stadt noch kurz zu Württemberg (von 1805-1810), danach zu Baden. Und dort blieb sie auch bis heute. Inzwischen ist sie zu Baden-Württemberg gehörig und mit einigen Zollfreiheiten ausgestattet. Es gäbe weitere spannende Ex- und Enklavengeschichten zu erzählen, aber das würde den Rahmen sprengen.

Schauen wir uns dagegen die größten Städte des damaligen Baden an, gab es darunter zwei Großstädte mit über 100 000 Einwohnern. Das waren Mannheim (193 379) und die Hauptstadt Karlsruhe (134 161). Danach folgten Freiburg (83 328), Pforzheim (69084) und Heidelberg (56 010), Konstanz (27 582), Baden (22 066), (heute Baden-Baden), und Offenburg (16 844). Die genauen Einwohnerzahlen sind in Klammern und alle Zahlen sind von 1910. (Quelle Landeskunde Dr. Neumann, 1911)

Den Landstrichen und Städten Badens und dem Treiben ihrer damaligen Bewohner widmet sich ausführlicher dieser Artikel, der in Kürze erscheint.

Wir werfen wir zunächst einen Blick zurück:

Wie entstand Baden eigentlich? Der Stammvater des Hauses Baden

Auch hier sind die Schwaben wieder im Spiel. Denn man findet im Herzogtum Schwaben die ersten Spuren der Adelsfamilie namens „Baden“. Sie hatten gemeinsame Vorfahren mit den Zähringern, einem schwäbischen Fürstengeschlecht, die sich nach ihrer Burg Zähringen bei Freiburg benannt hatten.

Der gemeinsame Ahnherr der Zähringer und Badener hieß Berthold mit dem Bart und lebte von 1028-1078. Berthold war mächtig und wollte noch mächtiger werden: Vereinte er schon mehrere Grafschaftsrechte auf sich, hatte ihm Kaiser Heinrich III. aus dem fränkischen Geschlecht der Salier das Herzogtum Schwaben versprochen. Doch der Kaiser starb zu früh, um sein Versprechen einzulösen, und seine Witwe hatte andere Pläne mit Schwaben: Sie übertrug es an einen anderen Kandidaten. Wenigstens wurde Berthold entschädigt und bekam 1061 das Herzogtum Kärnten mit der Mark Verona zugesprochen.

Viel hatte er nicht von dem Besitz, der 1077 schon wieder verloren ging. Aber seine Söhne erbten seine Titel Berthold II., der die schon erwähnte Burg namens Zähringen erbaute, übernahm den Herzogstitel, Hermann I. den Titel des Markgrafen von Verona. Als Name wird der „Markgraf von Baden“ in der ehemaligen Herrscherfamilie bis heute geführt.

Hermann I. gilt als Stammvater des Hauses Baden. Sein Sohn Hermann II. setzte seine Erbansprüche durch: er wurde 1098 in einen staufisch-zähringischen Ausgleich einbezogen, den sein Onkel Berthold II. mit dem Kaiser ausgehandelt hatte. Neben einer Vogtei, die später wieder verlustig ging, bekam er im Zuge dieses Ausgleichs Besitz beim alten Römerort Aquae Aureliae, heute als Baden-Baden bekannt. Oberhalb dieses Ort ließ Hermann II. eine Burg erbauen, die er „Hohenbaden“ nannte. Nach dieser Burg wurde sein Geschlecht zukünftig benannt: In einer Urkunde von 1112 wird er erstmals als „Markgraf von Baden“ bezeichnet – das war sozusagen die Geburtsurkunde der Markgrafschaft Baden und des badischen Geschlechts. Es war übrigens keine Seltenheit, dass sich Adelsgeschlechter nach ihren Stammburgen benannten, siehe die Zähringer.

Auf alle Herrscher, die in der Geschichte Badens eine Rolle spielten einzugehen, würde den Rahmen sprengen, wir konzentrieren uns auf die, welche entweder entscheidend die Geschicke des Landes beeinflussten oder aus anderen Gründen im Gedächtnis geblieben sind.

Nach wechselvollen Geschicken wurde die Markgrafschaft Baden 1535 unter zwei Söhnen von Christoph I. . Es entstanden die Linien Baden-Baden und Baden-Durlach, so bezeichnet nach den Städten, in denen die Markgrafen residierten. Das nunmehr geteilte Land entwickelte sich auseinander: nicht nur wirtschaftlich, sondern auch konfessionell: Baden-Baden (oder die obere Markgrafschaft) blieb nach einigen Konfessionswechseln katholisch, Baden-Durlach schloss sich der Reformation an.

Ludwig Wilhelm von Baden Baden: Der Türkenlouis

Ein ruhmreicher Feldherr der Linie Baden-Baden, der unbedingt erwähnt werden muss, ist Ludwig Wilhelm (1655-1707), genannt der „Türkenlouis“. Warum? Er besiegte im Krieg in Ungarn gegen die Türken als kaiserlicher General-Feldmarschall den Großwesir Mustafa Köprülü – damit war die Gefahr einer osmanischen Invasion Westeuropas erst einmal gebannt.

Jedoch tobte währenddessen im eigenen Land ein Krieg: die französischen Truppen des Sonnenkönigs wüteten am Oberrhein und hinterließen eine Spur der Zerstörung – Städte wie Pforzheim, Durlach, Baden-Baden und Offenburg wurden zerstört und auch das berühmte Heidelberger Schloss ging in Flammen auf – bis heute ist es eine Ruine.

Der Türkenlouis brachte von seinem Feldzug zwar eine reiche Beute heim, neben Zelten, Kanonen und Büffeln auch viele Kisten mit Kunst- und Kulturobjekten – diese wertvollen Mitbringsel sind noch heute im Badischen Landesmuseum (Link) zu bewundern (nur die Büffel nicht). Leider war der Türkenlouis innenpolitisch nicht so geschickt und erfolgreich, wie er auf seinen Feldzügen gewesen war.

Eigentlich wollte er für seine Verdienste vom Kaiser einen höheren Adelstitel bekommen – den bekam er nicht, dafür aber wenigstens eine reiche Frau, Sybilla Augusta von Sachsen-Lauenburg, vermittelt, mit der er in glücklicher Ehe auch 9 Kinder bekam – davon starben jedoch 6 im Kindesalter. Das war damals auch bei reichen Herrschaften keine Seltenheit. Wenigstens wollte er sich noch ein neues standesgemäßes Residenzschloss nach dem Vorbild Versailles bauen – in Rastatt. Auch dieses Palais ist noch heute zu bewundern! Leider starb er schon, bevor es fertig wurde.

Seine Frau Sybilla Augusta hatte zwei Leidenschaften: Bauen und Religion. Sie baute das Residenzschloß in Rastatt fertig, das Schloss „Favorite“ und auch noch einige Kirchen – hier konnte sie ihre beiden Leidenschaften vereinen. Daneben lenkte sie als Regentin immerhin 20 Jahre die Geschicke des Landes , bis sie 1707 das Zepter an ihren Sohn Ludwig Georg übergab – der war dann nämlich volljährig und somit auch regierungsfähig!

Karl Wilhelm von Baden-Durlach (1679-1738) — Gründer von Karlsruhe

In der evangelischen Markgrafschaft Baden-Durlach regierte seit 1709 Karl Wilhelm. Dieser Markgraf war für Veränderungen und hatte eine typisch schwäbische Eigenschaft: Er war sehr sparsam. Karl Wilhelm straffte die Verwaltung und brachte neue Impulse für die Wirtschaft – so führte er den Anbau und die Verarbeitung von Tabak in Baden-Durlach ein. Auf der anderen Seite liebte er einen absolutistischen Lebensstil und Repräsentation. Was ihm dabei noch fehlte, war eine angemessene Residenz. Er beschloss, eine neue Residenzstadt mitten im Wald zu gründen: Karlsruhe.

Die später entstandene Legende besagt, Karl Wilhelm hätte sich auf der Jagd im Hardtwald, in dem später das Karlsruher Schloss entstand, ausgeruht. Dort träumte er von einem Schloss als Mittelpunkt einer fächerförmigen Stadt.

Legende hin oder her, das Schloss wurde gebaut –  inmitten von 32 strahlenförmig angelegten Straßenachsen. Nun fehlten nur noch Bewohner für die neue Stadt mit dem fächerförmigen Grundriss. Mussten die Durlacher Beamten auf Befehl des Markgrafen umziehen, so fehlten doch noch Handwerker, Kaufleute etc. Diese wurden von Karl Wilhelm durch Freiheiten und besondere Vergünstigungen gelockt, nach Karlsruhe zu ziehen. So sagte er kostenlose Bauplätze, die Freiheit von Leibeigenschaft und die Befreiung von Abgaben und Zöllen für 20 Jahre zu. Allerdings durfte nicht jeder kommen – ein gewisses Kapital musste man schon mitbringen und auch den Vorgaben von Karl Wilhelm gehorchen, wie die zu bauenden Häuser auszusehen hatten. Neben Württembergern zogen auch Elsässer und Schweizer zu.

Als Karl Wilhelm 1738 starb, hatte Karlsruhe 2600 Einwohner. Die Konfessionen in der Neustadt Karlsruhe waren übrigens gemischt – auch Katholiken, Reformierte und Juden wurde der Zuzug gestattet, wobei letztere tiefer als ihre christlichen Mitbürger für die Ansiedlungserlaubnis ins Portemonnaie greifen mussten.

Karl Friedrich von Baden (1728-1811) — Reformer und „bester Fürst Deutschlands“  und seine Frau Caroline Luise (1723-1783) – vielseitig interessierte Powerfrau

 Danach folgte ihm sein Enkel Karl Friedrich, unter dem sich Baden wesentlich vergrößern sollte: zu jener Größe, die es auch als Bundesstaat zur Kaiserzeit hatte.

Karl Friedrich war von Anfang an ein Reformer: Er vereinheitlichte das Justizwesen, erneuerte die Sozialfürsorge und das Schulwesen, schaffte die Folter 1767 ab und wohl am spektakulärsten, 1783 die Leibeigenschaft. Dafür waren ihm seine Untertanen so dankbar, dass sie ihm dafür ein Denkmal setzten. Den Obelisken platzierte man an der Straße nach Württemberg. Ein Schelm, wer Böses dabei dachte…Übrigens wurde dort die Leibeigenschaft erst 1817 aufgehoben.

Auch in der Liebe hatte Karl Friedrich ein glückliches Händchen: 1751 vermählte er sich mit Caroline Luise von Hessen-Darmstadt. Waren bei der Schließung der Ehe auch taktisch-politische Gründe im Spiel – sie wurde glücklich!

Denn Caroline Luise war eine intelligente Frau mit klarem Verstand und hoher Intelligenz.

Als frisch gebackene Ehefrau lenkte sie ihren zunächst nicht so begeisterten Angetrauten so, dass sich sein kühler Respekt in Liebe und Begeisterung für seine Frau wandelte. Wie sie das anstellte? Sie gab ihm immer das Gefühl, ihn zu bewundern UND dass die letzte Entscheidung ihm oblag – auch wenn sie die Dinge gemeinsam besprochen hatten. Denn sie stand Karl Friedrich auch bei politischen Angelegenheiten mit Rat und Tat zur Seite.

Caroline sprach fünf Sprachen und war außerordentlich vielseitig interessiert. Umtriebig stand sie mit zahlreichen bedeutenden Zeitgenossen wie z.B. Herder (der Karl Friedrich übrigens auch den obigen Titel „Deutschlands bester Fürst“ verlieh), Goethe, Voltaire und den Komponisten Gluck in Kontakt. So entwickelte sich die Karlsruher Residenz zu einem geistigen und künstlerischen Zentrum. Caroline Luises Leidenschaft galt zum einen der Kunst, zum anderen interessierte sie sich für Naturwissenschaften. Im Schloss hatte sie ein eigenes Laboratorium für physikalische und chemische Experimente.

Sie plante ein botanisches Sammelwerk und ließ auch Mineralien sammeln. Ihr Naturalienkabinett bildet den Grundstock des Staatlichen Naturkundemuseum und ihre Kunstsammlung den Grundstock der heutigen Kunsthalle Karlsruhe.

Neben ihren vielen Aktivitäten war sie auch noch Mutter – sie bekam im Laufe der Zeit drei Söhne, hatte aber auch etliche Fehl- und Totgeburten. Eine Powerfrau! Sehr alt wurde sie allerdings nicht, schon nach einem Treppensturz 1779 war sie gesundheitlich angeschlagen und starb 1783, als sie mit ihrem Sohn Friedrich auf einer Reise nach Paris unterwegs war, an einem Schlaganfall.

Eine zweite Ehe sichert den Fortbestand des Hauses Badens

Karl Friedrich heiratete vier Jahre später erneut – allerdings nicht standesgemäß! „Zur linken Hand“ nannte man damals solche Ehen, die in Adelskreisen immer mal wieder vorkamen.

Er ehelichte die Hofdame Freiin Luise Karoline Geyer von Geyersberg, die er zur Gräfin Hochberg erhob. Wurde sie selbst niemals als ebenbürtige Gemahlin anerkannt, so doch ihre Söhne, „Hochberger“ genannt, als legitime Erben, allerdings erst, als sich das Aussterben der direkten Linie abzeichnete. Nur so konnte der Fortbestand des Hauses Baden ab dem 19. Jahrhundert bis heute gesichert werden. Aber dazu noch einmal später.

 

Unruhen, Kriege und als Folge die Entstehung des Großherzogtums Baden

Mit der Markgrafschaft Baden-Baden, die dem evangelischen Karl-Friedrich 1771 zugefallen war, da es in der katholischen Linie keine männlichen Erben gab, war das Staatsgebiet von Baden zwar immer noch zersplittert, aber größer geworden. Es bekam außenpolitisch mehr Gewicht. Eine latente Gefahr war der mächtige Nachbar Habsburg, der Besitzungen zwischen Teilen Badens hatte. Ein Grund für Karl Friedrich, sich Verbündete zu suchen und so trat er 1785 einem von Preußen begründeten Fürstenbund bei.

Unruhe gab es durch die französische Revolution 1789. Zwar entwickelte sich im Reich zunächst keine revolutionäre Bewegung, aber natürlich befürchteten Kaiser und Reichsfürsten ein Übergreifen. Daran hatten sie definitiv kein Interesse. 1792 kam es zum Krieg mit Frankreich. Karl Friedrich schloß sich dem Bündnis gegen Frankreich an. Während der Auseinandersetzungen wurde der Oberrhein verwüstet und 1793 proklamierte Frankreich schließlich den Rhein als seine natürliche Ostgrenze, im nächsten Jahr gingen die linksrheinischen Gebiete Baden endgültig verloren.

Ein kluger Diplomat sorgt dafür, dass Baden zu seiner heutigen Größe wächst!

Alles hätte noch schlimmer kommen können, aber dem Diplomaten Sigismund von Reitzenstein gelang es in Verhandlungen, zunächst einen Waffenstillstand und danach einen separaten Frieden zu verhandeln. Die Bedingungen waren so hart, dass Karl Friedrich zunächst nicht unterschreiben wollte – erst nach einem Jahr war er soweit. Allerdings wurden Baden in diesem Papier schon Entschädigungsansprüche aus Verstaatlichungen kirchlicher Fürsten- und Besitztümer zugesichert. Reitzenstein setzte im Gegensatz zu anderen Kriegsteilnehmern auf die französische Karte – und gewann! Als es nach einem zweiten Krieg 1801 zu Frieden kam, wurde das Reich neu aufgeteilt bzw. geordnet. Geistliche Besitztümer fielen dabei an weltliche Fürsten. Nennenswerten Widerstand seitens der Geistlichen gab es nicht. Und so ging Reitzensteins Rechnung auf: Den minimalen Verlusten Badens auf dem linken Rheinufer standen große Gebietsgewinne gegenüber. Baden gewann den überwiegenden Teil der rechtsrheinischen Kurpfalz hinzu, die sieben Reichsstädte Offenburg, Zell am Harmersbach, Gengenbach, Überlingen, Biberach, Pfullendorf und Wimpfen. Außerdem die rechtsrheinischen Anteile der Hochstifte Konstanz, Speyer, Basel und Straßburg sowie zahlreiche Klöster.

Aber damit nicht genug: Als Bundesgenosse Frankreichs wurde Baden nach dem Friedensvertrag von Preßburg 1805 mit weiteren Gebieten belohnt: die vorderösterreichischen Gebiete wurden unter Baden und Württemberg aufgeteilt.

 

Napoleon als Verbündeter

Napoleon hatte gerne Kontrolle über seine Verbündeten. Um den Bund zu Baden noch weiter zu festigen, wurde eine Ehe zwischen Erbprinz Karl und Napoleons Verwandter Stephanie de Beauharnais arrangiert. Damit sie einen adelig ebenbürtigen Stand bekam, adoptierte Napoleon Stephanie sogar.

Als Bonbon gab Napoleon seinen Bundesgenossen noch Rangerhöhungen: während Bayern und Württemberg Königreiche wurden, reichte es bei Baden nur zum Großherzogtum.

Autsch, Vorteil für Württemberg! 
Baden musste jedoch wie die anderen verbündeten Staaten (auch Württemberg), Gegenleistungen bringen: und zwar Militärkontingente für Frankreich stellen. So kämpften badische Truppen für Frankreich, insbesondere aus dem Russlandfeldzug 1812 kehrten viele Soldaten nicht zurück.

Großherzog Karl (1786-1818): politisch wankelmütig, persönlich standhaft

Der Enkel und Nachfolger von Karl Friedrich trat 1811 auf dem Höhepunkt der Macht Napoleons als Regent Badens an. Entscheidungsfreudigkeit war seine Sache nicht. Und so zögerte er auch lange, ehe er bei den Befreiungskriegen 1813 die Seiten wechselte und der Allianz gegen den bisherigen Bündnispartner Frankreich beitrat. Das war gerade noch rechtzeitig! Denn als beim Wiener Kongress die Neuordnung von Europa erfolgte, verlor Baden wider Erwarten kein Territorium, obwohl Österreich und Bayern ihre verlorenen Besitzungen gerne wiedergehabt hätten. Es war aber auch etwas Glück im Spiel: Baden hatte einen mächtigen Fürsprecher, den russischen Zaren Alexander. Der war nämlich mit der badischen Prinzessin Luise verheiratet, die als seine Frau Zarin Elisabeth hieß.

Obwohl als schwacher Fürst angesehen, konnte Karl in persönlichen Dingen standhaft sein. Auch als Frankreich zum Feind wurde, stand er zu seiner Frau (der Adoptivtochter von Napoleon) Stephanie und trennte sich nicht von ihr – wie von der Verwandtschaft und den neuen Bündnispartnern gefordert.

Stephanie (1789-1860) bekam zwischen 1811 und 1817 fünf Kinder – drei Töchter und auch zwei Söhne, die allerdings kurz nach der Geburt starben. Sie wären erbberechtigt gewesen, die Töchter nicht. Es gab immer mal wieder Spekulationen, ob der ältere kleine Erbprinz ermordet wurde, insbesondere da so die Söhne aus der zweiten Heirat (die „Hochberger“) so erbberechtigt wurden – richtig bewiesen werden konnten die Gerüchte nicht.

Mysterium Kaspar Hauser – Prinzensohn oder Betrüger?

Etliche Jahre später erhielt das Gerücht jedoch wieder neue Nahrung, insbesondere ging es dabei um den Ende September 1812 erstgeborenen Sohn: 1828 tauchte in Nürnberg ein rätselhafter junger Mann mit Namen Kaspar Hauser auf. Seine Sprach- und Schreibkünste waren begrenzt, in einem Begleitbrief schrieb sein Vater, ein Tagelöhner, das Kind wäre ihm 1812 vor die Tür gelegt worden. Er hätte es aufgezogen, aber nicht aus dem Haus gelassen. Schnell wird der Junge zur Sensation – nach seiner Herkunft weiter befragt, erzählt er, dass er in einem lichtlosen Raum in halbliegender Stellung aufgewachsen wäre und erst kurz vor seinem Weggang von einem Unbekannten im Gehen und Schreiben unterrichtet worden wäre – derselbe hätte ihn dann bis vor die Tore Nürnbergs begleitet.

Kaspar Hauser wird angeschaut, herumgereicht, verschiedene Mäzene, die es mehr oder weniger gut mit ihm meinen, kümmern sich um ihn. Er bekommt viel Aufmerksamkeit und wird zum Star. Im Oktober 1829 wird er mit einer Stichwunde aufgefunden – nach Kaspars Aussage ein Attentat. Aber gab es überhaupt einen Attentäter? Denn just zu dieser Zeit ließ auch die Aufmerksamkeit um Kaspar nach.

Schon beim Auftauchen von Kaspar kam das Gerücht auf, es könnte sich bei ihm um den 1812 verstorbenen Erbprinzen handeln, der mit einem sterbenden Säugling vertauscht wurde.

Denn nur nach dem (mit den beiden Söhnen) Aussterben der Zähringer Linie konnten die Hochberger, die Söhne aus der zweiten Ehe Karl Friedrichs mit der Hofdame, als Erbprinzen berücksichtigt werden und an die Macht gelangen. Sollte die zweite Frau, Gräfin Hochberg, das Vertauschen des Sohnes arrangiert haben? Interesse an dieser Version der Geschichte hatte insbesondere das Königreich Bayern. Denn sie hatten immer noch nicht den Verlust ihrer rechtsrheinischen Kurpfalz an Baden verschmerzt. Bei ungeklärter Nachkommenschaft des Herrscherhauses Baden gäbe es eine reale Chance, diese zurückzuerlangen. Und natürlich hat die Kaspar Hauser -Story alle Zutaten einer spannenden Geschichte, die die Menschen bewegte und noch immer bewegt!

Jedenfalls erlitt Caspar Hauser im Dezember 1834 eine weitere gefährliche Stichverletzung – wiederum von einem angeblichen unbekannten Angreifer, der ihn im Hofgarten hatte treffen wollen. Daran starb er einige Tage später und wurde unter großer Anteilnahme begraben.

Jedoch kamen schon zu seinen Lebzeiten starke Zweifel an seiner Geschichte auf, auch von Vertrauten, die engen Kontakt zu ihm hatten. Denn sie hatte doch zu viele Ungereimtheiten, ob es nun sein körperlichen Zustand nach jahrelangem Eingesperrtsein war, sein Wissensstand und auch seine Aussagen, die teilweise widersprüchlich waren.

Heute ist sich die Forschung fast einig, dass Hauser ein Betrüger war und kein vertauschter Erbprinz. Jedoch fasziniert seine Geschichte bis heute die Menschen, oft wurde über seine Geschichte geschrieben, sie wurde mehrfach verfilmt und auch nie wirklich aufgeklärt, z.B. woher Hauser tatsächlich stammte. Restzweifel bleiben also…

Ein Blick ins Land

Bei all den Herrschergeschichten (so spannend sie teilweise auch sind) ist natürlich interessant: Wie sah es währenddessen im Land aus? Denn das Land bestand doch aus sehr unterschiedlichen Regionen, die wichtigsten werden hier (Artikel folgt in Kürze) vorgestellt und kurz erzählt, wie es dort im 19. Jahrhundert „so zuging“.

Der junge Staat – eine neue Verfassung und Integration

Eine weitere wichtige Handlung initiierte Karl noch, bevor er 1818 starb – er setzte eine sehr fortschrittliche Verfassung in Kraft. Ausgearbeitet hatte er sie zwar nicht, sondern sein Finanzrat Nebenius. Sie enthielt jedoch eine Reihe von staatsbürgerlichen Grundrechten:

z.B. die Gleichheit vor dem Gesetz, die Freiheit des Eigentums und der Religionsausübung und die unterschiedslose Steuerpflicht.

Außerdem wurde mit der Verfassung die Einsetzung eines Landtags beschlossen. Diese Ständeversammlung -so hieß der Landtag in Baden, übrigens bis zum Ende des Kaiserreichs, bestand aus zwei Kammern. In der ersten Kammer saßen die Vertreter der alten Stände: die Prinzen, Adel, Reichsfürsten und Abgeordnete der Kirchen und Universitäten.

Die zweite Kammer wurde vom Volk gewählt. Also von den Männern (wie wir wissen, wurde Frauen das Wahlrecht erst 1918 zugestanden -davor durften sie auch auf regionaler Ebene nicht wählen). Und es waren auch nur Männer wahlberechtigt, die volljährig waren und an ihrem Wohnort das Ortsbürgerrecht besaßen – das waren etwa zwei Drittel der männlichen Einwohner.

Was für uns heute alles selbstverständlich klingt, war zur damaligen Zeit ein riesiger Fortschritt – die badische Verfassung war die freiheitlichste im deutschen Bund! Baden wurde so zur konstitutionellen Monarchie – diese Regierungsform sollte auch das spätere Kaiserreich haben.

Natürlich geschah das alles nicht ganz freiwillig – wer verzichtet schon gerne freiwillig auf Macht und Privilegien?

Aber das junge Großherzogtum war in seinen Anfangsjahren vor allem eins: arm. Insbesondere die Kriege hatten ihren Tribut gefordert. Es drohte sogar ein Staatsbankrott. Dazu kam 1816 noch eine katastrophale Missernte, die eine Hungersnot zur Folge hatte.

Klar war gleichfalls, dass es nach den Umwälzungen keine Lösung sein konnte, Steuererhöhungen etc. von oben zu befehlen. Das Volk war unzufrieden, auch wenn die französische Revolution zunächst niedergeschlagen war – Mitbestimmung war das neue Zauberwort und die neue Verfassung auch ein Mittel, das Volk zu besänftigen und bei Laune zu halten.

Diese Verfassung sollte gleichfalls ein Werkzeug sein, die zusammengewürfelten Regionen und ihre Bewohner als Badener zusammenzuschweißen.

Integration war ein großes Thema schon damals! Denn Baden war kein natürlich zusammengewachsenes Land, sondern durch die beschriebenen politischen Entwicklungen entstanden. Der Breisgauer hatte mit dem Odenwäldler nicht viel gemein – und die Schwaben im Bodenseeraum nicht viel mit den Altbadenern rund um das Kernland Karlsruhe.

Es galt im 19. Jahrhundert, ein badisches „Wir-Gefühl“ zu schaffen – was, im nach hinein besehen, gelang!

Zwei Zwischen-Fürsten in der Biedermeierzeit

 Die Biedermeierzeit klingt für uns heute sehr romantisch und nach „der guten alten Zeit“. Wir denken an schöne Möbel aus Kirschholz, gediegene Einrichtung und Familienidyll. Nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig.

Der Name Biedermeier geht eigentlich auf eine erfundene Figur, Gottlieb Biedermeier, einen schwäbischen (!) Dorflehrer zurück, dessen eng begrenzter Horizont und Lebensansichten in Gedichten verspottet wurde. Er hatte übrigens ein reales Vorbild, einen Schulmeister namens Gottlieb Sauter, der aus Baden kam…  
Die geschichtliche Bezeichnung umreißt aber insbesondere den Rückzug ins Private des Bürgertums zu dieser Zeit aufgrund der konservativen und restriktiven Politik. Die Herrscher der einzelnen Länder wollten nach den revolutionären Erhebungen die alten Zustände vor der französischen Revolution wiederherstellen und so ihre Macht sichern. Im Zuge dieser Entwicklung ist immer wieder die Rede von Fürst von Metternich, der als mächtiger Minister des österreichischen Kaisers 1819 die „Karlsbader Beschlüsse“ umsetzte, die die Pressefreiheit und die freie politische Betätigung der Bürger stark einschränkten. Vor diesem Hintergrund muss man auch das Regieren der beiden folgenden Fürsten betrachten.

Ludwig I. – Der letzte der alten Zähringer als kurzzeitiger Regent

Nachdem der eher schwache Großherzog Karl 1818 recht jung mit 32 Jahren gestorben war, kam zunächst der jüngste der Söhne aus der ersten Ehe von Karl Friedrich, Ludwig I. (1763-1830) als Großherzog an die Macht.

Ludwig I. hatte mehrere Nachkommen, auch drei Kinder mit seiner bürgerlichen Frau Katharina Werner, die aber -da nicht standesgemäß- nicht erbberechtigt waren. Seine Politik war eher konservativ und reaktionär, am liebsten hätte er die gerade beschlossene Verfassung zurückgenommen bzw. die 2. Kammer ausgeschaltet.  War er deshalb nicht sonderlich beliebt beim Volk? Als er 1830 starb, hielt sich die Trauer über seinen Tod jedenfalls in Grenzen.

Und so wären die Zähringer ausgestorben, hätte nicht Großherzog Karl das Thronfolgerecht der Hochberger festgeschrieben.

Leopold – Ein Hoffnungsträger, der enttäuscht

Nach dem Tod Ludwigs I. kam also 1830 der älteste Hochberger, Leopold, als neuer Regent an die Macht. Er galt als liberal und progressiv und bildete sein Kabinett mit entsprechend fortschrittlich orientierten Ministern um. Gleich am Anfang seiner Regentschaft erließ er ein neues Pressegesetz, was die Zensur lockerte. Allerdings ruderte er bei diesem Gesetz wenig später zurück: Dem Druck von Österreich und Preußen konnte er nicht standhalten und musste das Gesetz 1832 zurücknehmen. Seine Politik wandelte sich und auch im Landtag gewannen konservativere Kräfte die Oberhand.

Verheiratet war er schon seit 1819 mit der schwedischen Prinzessin Sophie Wilhelmine, die eine Urenkelin seines Vaters war. Mit dieser Heirat hatte er sich selbst und seine „zweifelhafte“ Herkunft aufgewertet, taktisch sicherlich auch von der Familie gelenkt.

Es war damals in Herrscherkreisen die Regel, „taktisch“ zu heiraten, um Einfluss und Macht zu behalten oder sogar zu vergrößern. Deshalb waren in Europa auch alle Herrscher um drei Ecken miteinander verwandt (um es mal etwas profan auszudrücken). Seine Frau Sophie engagierte sich in der Sozialfürsorge, die beiden bekamen im Laufe der Jahre acht Kinder, darunter den kommenden Regenten Friedrich I.

Auch wenn Leopolds Politik in den vierziger Jahren wieder liberaler wurde, wirklich beliebt war auch er nicht und auch die Parteien der Opposition (in der zweiten Kammer) waren uneins über den Regierungskurs: Während die gemäßigten Liberalen den Kurswechsel von Leopold mittrugen und für eine Politik der kleinen Schritte waren, wollten die Radikalen eine Republik – und die derzeitige konstitutionelle Monarchie „radikal“ abschaffen.

Mit diesen Forderungen stießen sie bei vielen Landesbewohnern auf offene Ohren. Denn ein großer Teil der Bevölkerung war unzufrieden, nicht zuletzt, weil es ihnen wirtschaftlich nicht gut ging. Schon damals gingen Banken pleite – als das Bankhaus Salomon von Haber zusammenbrach, drohte den drei größten Fabriken von Baden, der Keßlerschen Maschinenfabrik in Karlsruhe, der Spinnerei und Weberei in Ettlingen sowie der Zuckerfabrik in Waghäusel das Aus. Gleichfalls damals sprang zwar dann der Staat ein und gewährte durch eine staatliche Garantie den Weiterbestand der Firmen. Aber auch der Landbevölkerung ging es nicht gut, teilweise hungerte sie. Schuld daran waren vor allem Missernten, aber auch die Erbteilung, die dafür sorgte, dass die jüngeren Geschwister beim Erbe des Hofes leer ausgingen.

Revolution! Ein Fürst muss fliehen!

So war es kein Wunder, dass es nach dem Ausbruch der französischen Februarrevolution 1848 auch in Baden zu Unruhen kam. Es gab mehrere große Volksversammlungen, aber auch massive Proteste, bei denen Ämter gestürmt und Herrensitze geplündert wurden. Die Situation wurde kritisch und deshalb lenkte die Regierung ein und war plötzlich zu Kompromissen bereit.

Natürlich war andererseits klar, dass sich die Monarchie freiwillig nicht selbst abschaffen würde und so beschlossen die Radikalen unter der Führung von Friedrich Hecker, den bewaffneten Kampf aufzunehmen. Er brach mit 50 Mann in Konstanz auf und war überzeugt, weitere Zehntausende würden sich ihrem bewaffneten Kampf anschließen. Da hatte er allerdings das revolutionäre Potential der badischen Bauern überschätzt. Es kamen nur ein paar hundert Bauern, mit anderen revolutionären Kolonnen vielleicht wenige Tausend, zusammen und diese wurden von den badischen und hessischen Truppen leicht überwältigt und in die Flucht geschlagen. Hecker und sein Mitstreiter Struve konnten entkommen – andere hatten nicht so viel Glück, so wurde gegen mehrere Tausende Badener ermittelt und 850 der Kämpfer verhaftet. Damit waren die Unruhen aber noch nicht zu Ende.

Nachdem die bei der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche beschlossene Reichsverfassung 1849 gescheitert war, gab es (nicht nur) in Baden neue Aufstände. Auch das Militär schlug sich dieses Mal auf die Seite der Aufständischen. So musste Leopold mit seiner Familie und auch die Regierung aus Karlsruhe fliehen. Das Volk regierte mit seiner provisorischen Regierung jedoch nur ein paar Wochen. Denn Leopold ersuchte Preußen um Hilfe. Mit einem 35 000 Mann starkem preußischen Heer wurde die Revolution niedergeschlagen. Nach drei Monaten kehrte Leopold mit Prinz Wilhelm, dem Kommandanten der preußischen Truppen, der später als Wilhelm I. der erste Kaiser des deutschen Kaiserreichs werden sollte, nach Karlsruhe zurück. Die preußischen Besatzer gingen hart gegen die Aufständischen vor, es gab 75 Todesurteile und weiteren Tausenden wurde der Prozess gemacht. Unter dem Druck Preußens wurden fast alle liberalen Errungenschaften der vergangenen Jahre rückgängig gemacht.

Baden – ein Auswanderungsland

All das zusammen, die schlechte Wirtschaftssituation, die politische Unterdrückung und auch eine fehlende Zukunftsvision, dass sich alles zum Besseren wenden würde, bewog viele Badener dazu, auszuwandern. Schon vorher hatte es Auswanderungswellen gegeben, insbesondere nach besonderen Krisenjahren: 1816/17 und 1832/33. Nach der gescheiterten Revolution wanderten ab Ende der 1840er Jahre ca. 80.000 Menschen aus Baden aus. So auch der populäre Revolutionsführer Friedrich Hecker, der im mittleren Westen zum Farmer wurde und Zeit seines Lebens politisch aktiv blieb. Die USA war das Hauptziel der Auswanderer, einige wanderten auch ins Elsass sowie in benachbarte Bundesstaaten aus.

Friedrich I. – Musterfürst und langjähriger Regent

Nachdem sein Vater Leopold 1852 gestorben war, hätte eigentlich Friedrichs älterer Bruder, Erbprinz Ludwig II. (1824-1858) das Land regieren sollen. Dieser war jedoch aufgrund einer schweren Erkrankung (damals hieß es „geisteskrank“, heute würde man wahrscheinlich von schweren Depressionen sprechen) nicht regierungsfähig. So regierte ab 1852 sein jüngerer Bruder Friedrich I. als Regent, der 1856 selbst den Titel Großherzog annahm.

Im gleichen Jahr heiratete er die Prinzessin Luise von Preußen, die einzige Tochter des späteren Kaisers Wilhelm I. Beide sollten in den folgenden Jahrzehnten ein vorbildlich regierendes Herrscherpaar sein, unter deren Führung Baden zum liberalen „Musterländle“ wurde.

 

Reformen und „Kulturkampf“ – der Kampf zwischen Staat und katholischer Kirche

Friedrich I. war ein Reformer: So führte er völlige Gewerbefreiheit ein, gewährte den Juden ab 1862 als erster deutscher Staat vollkommene Gleichberechtigung und stellte die Justiz und Verwaltung in den 1860er Jahren neu auf.

Ein wichtiges Thema der Innenpolitik, was sich im späteren deutschen Reich fortsetzen sollte, war -und das nicht nur in Baden – der Kulturkampf – damit war eigentlich insbesondere der „Kampf“ zwischen dem Staat und der katholischen Kirche gemeint. Zwei Drittel der Bevölkerung von Baden war immerhin katholisch.

Die evangelische Kirche war „Staatskirche“ und somit besser verzahnt mit dem Staat. Jedoch beanspruchte auch die katholische Kirche Privilegien – sie wollte sich nicht vom Staat maßregeln oder „kontrollieren“ lassen, z.B. durch einen weltlichen Oberschulrat, der die kirchliche Schulaufsicht ablösen sollte. Andere Streitpunkte waren staatliche Prüfungen für Neupriester, die Einführung der Zivilehe 1870 und konfessionell gemischte Schulklassen. Der Konflikt ging bis in die 1880er Jahre und wurde nicht zuletzt auch dadurch „entschärft“, dass Papst Pius IX., der die „Unfehlbarkeit des Papstes“ proklamiert hatte (was ihn in Konflikt mit den weltlichen Herrschern, wie Kaiser Wilhelm I. brachte, die sich auch unfehlbar fanden), 1875 starb und ein gemäßigterer Papst (Leo XIII., für alle die es genau wissen wollen) folgte. Soweit der Ausflug in damalige Konflikte zwischen Kirche und Staat – die jedoch auch die ersten Jahre der Innenpolitik des frischgegründeten deutschen Reichs prägen sollte.

Geschickter Seitenwechsel/ Baden wird Bundesstaat im Deutschen Reich

Apropos, wie war die Rolle Badens bei der Gründung des deutschen Reichs? Zunächst stand Baden als Mitglied des deutschen Bundes 1866 beim Krieg um die Vorherrschaft im deutschen Reich zwischen Österreich und Preußen auf der Seite Österreichs. Aber wie schon davor, wechselte man geschickt die Seiten. Nach der Niederlage Österreichs gegen die Preußen in der Schlacht bei Königgrätz 1866 löste sich der deutsche Bund auf und Baden näherte sich den Preußen an. Nicht zuletzt familiär bedingt, war doch Luise die Tochter des Preußenkönigs! Man stelle sich mal vor, die eigene Frau wäre aus der Familie des Kriegsgegners. Ja, natürlich gibt es manche innerfamiliären Streitigkeiten, aber das war eine ganze Nummer größer.

Lange Rede, kurzer Sinn, als es dann nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich, bei dem auch Baden an der Seite Preußens bzw. des norddeutschen Bundes kämpfte, im Schloss Versailles zur Ausrufung des ersten deutschen Kaisers kam, war sein Schwiegersohn Friedrich I. der Erste, der das Hoch auf den neugekrönten Monarchen Wilhelm I. ausrief.

Die engagierte Landesmutter

Luise, die Preußenprinzessin, wuchs derweil in ihre Rolle als vorbildliche Landesmutter. Hatte sich schon Friedrichs Mutter Sophie karitativ engagiert – Luise hob das soziale Engagement des badischen Fürstenhauses auf ein neues Niveau. Sie gründete einen Frauenverein, der alsbald viele Ortsverbände in den Städten und Gemeinden hatte. Zunächst brauchte sie einen Grund, warum solche Vereine notwendig waren. Sie fand ihn -sehr geschickt: für die Versorgung Verwundeter zu Kriegszeiten.  Besonderer Schwerpunkt war deshalb zuerst die Krankenpflege, später kam Kinderpflege hinzu. So unterstützte sie die Ausbildung und Berufstätigkeit von Frauen. Ihr besonderes Augenmerk galt dabei den unverheirateten Frauen, die zu dieser Zeit, zusammen mit den Witwen und Geschiedenen (dem sicher kleinstem Teil) immerhin 60 Prozent der Frauen ausmachten. Bis dato waren sie eher Problemfälle – ohne Ausbildung und soziale Absicherung fielen sie den Familien zur Last. So bekamen sie eine Aufgabe und konnten nicht zuletzt selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Für verheiratete Frauen waren Familie und Kinder nach wie vor erste Priorität – da war Luise dann doch konservativ.

Baden als liberales Musterländle

Unter der Führung Friedrich I. entwickelte sich Baden zu einem liberalen und fortschrittlichen „Musterländle“. Ein Indiz für die Fortschrittlichkeit einer Regierung war zu dieser Zeit auch immer, wie das Wahlrecht gehandhabt wurde. Das war in Baden für die jeweilige Zeit schon immer sehr fortschrittlich gewesen und das sollte sich bis zum Ende des Kaiserreichs fortsetzen. 1870 wurde das allgemeine und gleiche Wahlrecht eingeführt, 1904 das direkte Wahlrecht (immer nur für Männer). Schon damals nahmen übrigens neue Parteienkonstellationen in Baden ihren Anfang – sind wir etwas großzügig und rechnen das heutige Baden-Württemberg dazu. Hier wurde 2011 der erste grüne Ministerpräsident gewählt. Aber schon in der Kaiserzeit, gab es ab 1905 eine neue Art der Zusammenarbeit von Parteien, den sogenannten „Großblock“. Hier bildeten Nationalliberale, Sozialdemokraten und Demokraten einen Block. Die Badener Sozialdemokraten mussten für ihre konstruktive Haltung mitzuarbeiten (statt als Oppositionsparteien nur abzulehnen) manche Kritik von der SPD-Führung aus Berlin einstecken. Ähnlichkeiten mit heute existierenden Parteien sind übrigens rein zufällig.

Und so lebten und regierten Luise und Friedrich I. glücklich bis an ihr Lebensende…So kann man das von diesem Ehepaar ganz bestimmt sagen und zumindest für Friedrich trifft es bis zum Lebensende zu.

Bilder von den Festtagen anläßlich der goldenen Hochzeit und dem 80. Geburtstag von Friedrich I. 1906 in Karlsruhe. Dazu gab es eine landwirtschaftliche Ausstellung, die von Friedrich I. eröffnet wurde. Aus allen Teilen Badens kamen Einwohner zu diesem Fest.

1906 wurde die Goldene Hochzeit und der 80. Geburtstag von Friedrich noch prachtvoll gefeiert.

Im darauffolgenden Jahr starb der beliebte Monarch. Er wurde in der großherzoglichen Grabkapelle in Karlsruhe begraben, die 1896 gebaut wurde und die Ruhestätte von 18 Mitgliedern des Hauses Baden ist.

Bewahrer und letzter Regent: Friedrich II./ Der 1. Weltkrieg

Von den drei Kindern, die Friedrich und Luise hatten, folgte der älteste Sohn Friedrich (1857-1928) seinem Vater und wurde als Friedrich II. der letzte Regent von Baden. Verheiratet war er mit Hilda von Nassau (18641952) — die Ehe blieb kinderlos.

Friedrich II: war eher ein Bewahrer als ein Macher – Zeit seines Lebens hatte er unter dem Pantoffel seiner dominierenden Eltern gestanden – und laut Zeitzeugen blieb das auch so bis zum Tod seiner Mutter Luise.

Zu Beginn des 1. Weltkrieges gab es auch in der Badener Bevölkerung viel Kriegsenthusiasmus – badische Truppen zogen mit in den Krieg. Je länger der Krieg voranschritt und je mehr die Bevölkerung die Folgen wie Versorgungsengpässe und massive Preissteigerungen spürte, desto mehr verschwand die Euphorie.  Ganz abgesehen von den vielen gefallenen männlichen Familienangehörigen, die zu betrauern waren.

Als der 1. Weltkrieg im November endete und die Novemberrevolution auch schnell auf Baden übergriff, wurde dort am 9. November eine Volksregierung eingesetzt. Zwei Tage später kam es zu einem Volksauflauf vor dem Schloß – der Großherzog mußte fliehen und erklärte am 22. November seinen Verzicht auf den Thron – gleichfalls für den potentiellen Thronfolger Max von Baden, seinen Vetter.

Das Ende des Großherzogtums

Max von Baden wurde bekannt als letzter Reichskanzler des Kaiserreiches, er führte die Regierungsgeschäft einen Monat, bevor er das Reichskanzleramt an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert übergab.

Bereits am 14. November 1918 rief die provisorische badische Regierung die „freie Volksrepublik“ aus. Festgeschrieben wurde der Übergang von der Monarchie zur „demokratischen Republik“ in einer neuen Verfassung. Diese wurde am 13. April 1919 mit einer Volksabstimmung angenommen.

Luise überlebte das Großherzogtum um einige Jahre – zunächst musste sie die Enttäuschung und auch ihren Bedeutungsverlust verkraften, unterstützte jedoch bis zum Schluß karitative Projekte – sie starb 1923 in Baden-Baden. Dass sie als Landesmutter in guter Erinnerung geblieben war, zeigte die starke Anteilnahme der Bevölkerung an ihrem Tod – Tausende zogen an ihrem Sarg in der Schlosskapelle vorbei, um Abschied zu nehmen.

Ist die Rivalität zwischen Baden und Württemberg nun historisch begründet? Sicherlich war es für die Badener ein Dämpfer, dass Württemberg Königreich und sie „nur“ Großherzogtum wurden. Ansonsten sind es eher die bekannten Klischees, die als Grund für die Rivalitäten genannt werden – die Badener liberal, die Schwaben fleißig etc.

Die Mehrheit zur Volksabstimmung für die Vereinigung der beiden Länder (korrekt waren es drei, die als Zonen nach dem Krieg gebildet wurden: Baden, Württemberg-Hohenzollern und Württemberg-Baden) 1951 war recht knapp.

Trotzdem würde ich, knapp 70 Jahre nach der Vereinigung der beiden Bundesländer sagen: Wer sich neckt, der liebt sich! Auch wenn es in den Fußballstadien manchmal noch anders klingt.

Für die Unterstützung bei diesem Text möchte ich mich insbesondere ganz herzlich bei Annette Borchardt-Wenzel bedanken. Sie ist eine profunde Kennerin von Baden und hat dazu das Buch „Kleine Geschichte Badens“* verfasst. Gleichfalls spannend erzählt sind ihre Bücher (für alle Liebhaberinnen von interessanten Frauenschicksalen) „Die Frauen am badischen Hof“ * und auch ihr neuestes Buch „Frauen in Baden“*,erschienen 2018.

Vielen Dank auch an das Badische Landesmuseum und alle weiteren Institutionen, die für den Artikel Bilder zur Verfügung gestellt haben!

Und an meinen Mann, meinen besten Kritiker und Testleser, der Euch übrigens vor weiteren acht Seiten badischer Geschichte bewahrt hat. Als er diese erste Fassung las, schaute er mich danach an und meinte „zu lang und deshalb laaaaangweilig“. Ich habe gekürzt und hoffe, Ihr habt Euch nicht gelangweilt 😉 !

Als nächster Bundesstaat folgt: Königreich Sachsen.

 

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