Was geschah vor 110 Jahren im April?

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Reisewelten in Berlin – die erste Tourismus-Messe der Welt wird eröffnet!

Reisen, ach reisen können – jetzt in den goldenen Tagen – in die Welt hinaus, in blaue Ferne!…Ja, wer das könnte!“

So steht es im Artikel einer Aprilausgabe der Zeitschrift „Die Woche“ zur obigen Ausstellung. Reisen – gerade ein sensibles Thema (seufz). Wenn einer eine Reise tut, dann…hat er sich vorher auf einer Reiseausstellung informiert. Idealerweise wenigstens! In der Kaiserzeit begann der Tourismus zu boomen – man fuhr in die Sommerfrische, um dort gesunde Land- oder Meeresluft zu genießen, wanderte in den Bergen, ob nun im Harz oder in den Alpen. Die besonders gut Betuchten fuhren in exotische Länder und unternahmen Kreuzfahrten auf Riesen-Luxuslinern – manche davon allerdings mit tragischem Ausgang (siehe Titanic)…

Der Verein der Berliner Kaufleute und Industrieller, der sich seit 1879 für die wirtschaftliche Entwicklung Berlins engagierte, hatte das wirtschaftliche Potential des Tourismus erkannt und organisierte die allererste Tourismus-Messe. Nach dem 2. Weltkrieg knüpfte man daran an und 1966 entstand die ITB (Internationale Tourismus-Börse), die seitdem jährlich in Berlin stattfindet (2020 aufgrund Corona ausgefallen, 2021 als virtuelle Veranstaltung).
Eröffnet wurde die Messe laut der „Woche“ am 1. April 1911, laut Plakat schon eher…

Die Reiseausstellung war ein Experiment – wie würde man die Reiselust der Besucher anregen können? Schon damals wählte man dafür eine ansprechende Gestaltung – mit der Aufstellung von „Landschaftsbildern, Szenen und Gruppen“. Es sollte keine „Papierausstellung“ mit „Basarcharakter“ und „schreiender Reklame“ werden, sondern ein „ästhetischer Genuß“ mit dem man die Reisenden umschmeicheln und neue Kundschaft gewinnen wollte.
Im Artikel werden die einzelnen Aussteller aufgeführt, die uns gleich verraten, was damals schon beliebte Reiseländer waren:

„Zwei große Reiseländer, Oesterreich und die Schweiz, waren die ersten, die auf die Pläne eingingen und ihre Beteiligung in großzügiger Weise zusagten; ihnen folgten schnell andere Staaten, wie Norwegen, Schweden, Dänemark, Belgien usw.“

Auch die beliebtesten deutschen Reisegebiete wurden aufgezählt, die dort natürlich präsent waren:

„Königreich Sachsen, Württemberg, Elsaß-Lothringen, die thüringischen Staaten, Hessen, Braunschweig, Anhalt, ferner der Bund deutscher Verkehrsvereine, die Ostseebäder, die Insel Rügen, das Riesengebirge, der Harz, einzelne Städte usw.“

Man scheute als keinen Aufwand und keine Mühen, um sich attraktiv zu präsentieren – ob nun Schweden mit einem Diorama des Freiluftmuseum Skansen, die Insel Rügen mit einem Panorama ihrer Steilküste samt Kreidefelsen, Österreich mit einer Trachtenausstellung und die Schweiz mit gemalten „grandiosen Alpenszenen“.

Auch originelle Ideen wurden umgesetzt – so präsentierte die Stadt Frankfurt/Main zwei elektrische Straßenbahnwagen – einen von 1884, im Artikel als „vorsintflutlich“ bezeichnet und einen „funkelnagelneuen“ mit den letzten technischen Verbesserungen.

Insgesamt meinte der Verfasser des Artikels: „Experiment gelungen“ und anscheinend fanden das die Besucher auch, die zahlreich in die Ausstellung strömten. Reisen war beliebt und der Tourismus prosperierte – bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges.

Die Champagne bebt! Aufstand der Winzer

Schon zu Kaisers Zeiten war Champagner ein Getränk der Reichen und Schönen. Insbesondere in Deutschland war das prickelnde Getränk beliebt, wie ein Artikel der „Woche“ zu Champagner im allgemeinen und die Unruhen im besonderen erzählt. Im Gegensatz zu den Franzosen, welche ein Glas Champagne nur zu besonderen Anlässen trinken würden, heißt es zu den Deutschen:

„Uns ist der Champagner längst nicht mehr das Festgetränk bei besonders feierlichen Anlässen. Unsere Väter mochten ihn noch für Taufen, Hochzeiten und für Kaisers Geburtstag aufsparen, wir genehmigen eine Flasche Pommery auch bei einem geselligen Beisammensein, das mit Feierlichkeit nicht das geringste zu tun hat, und die Witwe Clicquot (Veuve Clicquot) war in Deutschland von jeher populärer als in Frankreich.“

So, so. Wir handhaben es heutzutage eher wieder wie die Väter von damals, alleine wegen des Preises. Meine Vermutung dazu ist, dass Champagner zu dieser Zeit erschwinglicher war. Tatsächlich ist auch in den Romanen der Zeit öfter von Champagner, der bei etlichen Anlässen getrunken wird, die Rede. Champagner kostete mehr als Sekt, aber nicht ein Vielfaches davon. Das wäre meine praktische Erklärung! Deutschland war jedenfalls schon damals ein dankbarer Abnehmer des französischen Nationalgetränks…

Zu den Unruhen, im Februar des Jahres war in Frankreich ein Gesetzentwurf verabschiedet worden, dass nur noch aus der Champagne stammende Weine als Champagner bezeichnet werden dürften. Damit war das Aube-Department außen vor und die Winzer darin wütend!

Dazu kam, dass das gesamte Anbaugebiet unter wirtschaftlicher Not litt – die vergangenen Jahre hatte es des öfteren Mißernten gegeben. Zusätzliche Wut entfachte bei den Winzern die Praxis der großen Champagnerproduzenten, aus externen Gebieten günstigere Trauben einzukaufen. Dazu muss man wissen, dass die Winzer kleinerer Anbaugebiete nicht selbst Champagner herstellten, da sich das wirtschaftlich nicht rentiert hätte, sondern ihre gesamte Ernte an die großen Häuser verkauften. Das ist übrigens bis heute so.

All diese Faktoren kamen zusammen und es knallte! In diesem Fall aber keine Korken. Die Winzer taten sich zusammen, zündeten einige der großen Champagnerfabriken (so wurden sie damals genannt) an, verwüsteten Weinkeller, zerstörten Champagnerflaschen und fackelten Weinstöcke ab. Die französische Armee musste anrücken, um die Gemüter zu beruhigen und das Gebiet wieder unter Kontrolle zu bringen.

Wie die Sache ausging? Im Mai/Juni wurde dem Aube-Department erlaubt, eine Art Champagner zweiter Klasse anzubauen und man beschlosss, dass zur Herstellung des edlen Getränks nur noch Trauben aus der Champagne verwendet werden durften.

3 Fakten zu Champagner, die ich (bis zu meiner Recherche) noch nicht wußte:

Cuvee – alle Champagner werden aus verschiedenen Trauben gekeltert, sind also „Verschnitte“, um eine gleichbbleibende Qualität zu erzielen
Dosage – bevor die Flaschen verschlossen werden, wird ein Flüssigkeit hinzugefügt (um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen), die ein Geheimnis des jeweiligen Herstellers ist, den charakteristischen Geschmack mit ausmacht und auch eine Zuckerlösung sein kann…
Gerüttelt (nicht gerührt!) werden alle Flaschen, um die Hefe (der 2. Gärung) aus der Flasche zu entfernen – für 21 Tage – heute meist per Maschine und nicht mehr per Hand

Aus Adelskreisen

Ein Zeppelingruss für das Silberpaar
Am 8. April feierte das württembergische Königspaar Silberhochzeit. Der Namensvetter des Kaisers, der württembergische König Wilhelm II. feierte das Jubiläum mit seiner zweiten Frau, Königin Charlotte. Fünf Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau, Prinzessin Marie, hatte er sie geheiratet.

Der König galt als volksnah und pflegte zusammen mit seiner Frau eher einen großbürgerlichen Lebensstil ohne viel „Tam-tam“. Mit dem Kaiser und seiner Liebe für das Militär verband ihn außer dem gemeinsamen Vornamen wenig.
Eine „eigenartige Huldigung“ (O-Ton Sonntagszeitung) bekam das Paar vom Grafen Zeppelin – er warf bei seine Fahrt mit dem neuesten Zeppelin-Modell „Deutschland“ ein Blumenbouquet per Fallschirm ab – ob es genau im Schloßhof vor dem Jubelpaar samt Gästen landete, ist aber nicht überliefert.

Technik: Absturz des Hydro-Aeroplans
In der Märzausgabe als 1. Fortsetzung vorgestellt, folgt in der Aprilausgabe leider schon ein jähes Ende dieses neuen „Aeroplans“ zu Wasser. Es stürzte ab. In der Woche heißt es zum Bild:

„Der Hydroaeroplan Fabres ist in Monaco erprobt worden, hat aber wenig Glück gehabt. Wohl gelang zuerst ein Aufstiegsversuch, und der Apparat konnte sich auch tatsächlich über das Wasser emporschwingen. Dann aber trieb ein Windstoß den Apparat gegen die Uferfelsen, wo er zerschellte.“

Und der Pilot? „Kam mit dem Schrecken davon, man zog ihn völlig unversehrt aus dem Wasser.“

Ein Nachbau des Flugzeugs „Hydravion“ genannt, ist übrigens im Flughafen Marseille zu sehen, aber nur für abfliegende Passagiere (da es sich im Sicherheitsbereich befindet).

Das älteste Wohnhaus Deutschlands – steht heute noch!
Ob es nun wirklich das ältestes Wohnhaus auf deutschem Boden ist, darüber streiten sich die Geister. In einer Ausgabe der Sonntagszeitung von 1911 wird es als solches vorgestellt. Heute wird das im Rheingau bei Oestrich-Winkel gelegene Haus als „ältestes Steinhaus Deutschlands“ beworben.

Unter mehreren Theorien gibt es die (welche auch von der Sonntagszeitung vertreten wird), dass es zuerst vom Mainzer Erzbischof Rabanus Maurus (1780-1856) bewohnt war – also um ca. 850 erbaut wurde. Mehrere Jahrhunderte war es das Stammhaus der Familie Greiffenclau. Später wohnten Bedienstete des Schloss Vollrads darin und noch später – wir sind mittlerweile im 20. Jahrhundert angelangt brannte es aus – das war 1964. Danach wurde es vom
damaligen Besitzer Erwein Graf Matuschka-Greiffenclau (da der Name nicht so häufig vorkommt, wohl ein Nachfahre) mit verschiedenen Förderungen wieder aufgebaut – etwas anders allerdings, wenn man das Bild von 1911 mit den heutigen vergleicht.
Ja, das Haus gibt es noch und ich war dort, hier die Beweisfotos! Die Geschichte des Hauses verläuft auch in diesem Jahrhundert wechselvoll: nach einer langjährigen Nutzung als Restaurant zog eine Stiftung ein und inzwischen steht das Haus wieder zum Verkauf.

Für alle potentiellen Interessenten: Es ist idyllisch – aber direkt an der B 42 gelegen und mit kleinen Fenstern – damals ein Schutz vor der Kälte.

In dieser Ausgabe gibt es mal wieder etwas zu gewinnen – den Ausstellungskatalog zur Ausstellung im Bröhan Museum in Berlin „Luigi Colani und der Jugendstil“ zusammen mit zwei Eintrittskarten! Hier wird das Museum als Tipp vorgestellt.

Frage: Zu welchem baulichen Ensemble gehörte das Museumsgebäude einst?

Das Gewinnspiel ist beendet und die meisten hatten auch die richtige Lösung parat: Das Museumsgebäude gehörte einst zum Ensemble des Charlottenburger Schlosses. Gewonnen hat Günter S. – herzlichen Glückwunsch!

Immer noch gilt es, Geduld zu haben. Wie sagt man so schön: „Augen zu und durch“ und auf die Zeit danach freuen, wenn die Geschäfte, Restaurants und alle Kultur-Einrichtungen wieder geöffnet haben und immer mehr Menschen geimpft sind…

Bis dahin: Freut Euch an den kleinen Dingen, genießt die Frühlingsnatur in all ihren Facetten und lasst im familiären Kreis ruhig einmal die Korken knallen – es muss ja nicht gleich ein gerütteltes Cuvee-Getränk sein.

Ich würde mich freuen, Euch bei der nächsten Ausgabe wieder als Leser zu begrüssen!

Herzlichst

Eure Grete

Was im April 1908 und 1909 geschah, könnt Ihr in diesen Artikeln nachlesen.

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