Augusta – die ungeliebte deutsche Kaiserin

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Ein Gastartikel von Karin Feuerstein-Praßer

Kaiserin Augusta? Nie gehört. Ist das vielleicht die Frau von Kaiser Augustus oder so? Eine typische Reaktion, wenn von den Hohenzollerndamen des 19. Jahrhunderts die Rede ist. Königin Luise, die „preußische Märtyrerin“ kennt fast jeder, aber Augusta?

Wer also war diese bemerkenswerte Frau, die ihr kaiserlicher Gemahl Wilhelm I. bisweilen entnervt als „Feuerkopf“ bezeichnete? Von der er aber auch anerkennend sagte: „Die Kaiserin möchte am liebsten jeden verwundeten Soldaten in ein Himmelbett legen“?

Kindheit am Weimarer „Musenhof“

Geboren wurde Augusta am 30. September 1811 im beschaulichen Weimar. Ihr Vater Carl Friedrich war der Erbprinz des kleinen Herzogtums Sachsen-Weimar, ihre Mutter die russische Großfürstin Maria Pawlowna, eine Enkelin Katharinas der Großen und – wie Goethe schmeichlerisch meinte – „eine der bedeutendsten Frauen ihrer Zeit“.

Goethe, der Dichterfürst, gehörte als guter Freund von Augustas Großvater Herzog Karl August gleichsam zur Familie, er las Augusta und ihren Geschwistern Märchen vor, malte mit ihnen oder erklärte den Kindern, wie zum Beispiel eine Sonnenfinsternis entsteht. Augusta war eine aufmerksame Schülerin, die von fachkundigen Lehrern nicht nur in Geschichte, Geografie, Fremdsprachen und evangelischer Religion unterrichtet wurde, sondern auch die strengen Regeln der Etikette beherrschen musste, die an den europäischen Fürstenhöfen unabdingbar waren.

Sie brachte es darin zur Perfektion, war vielleicht ein wenig zu perfekt, sodass sie auf ihre späteren Untertanen oft kühl und unnahbar wirkte, weil sie durch und durch die Majestät verkörperte. Gleichzeitig aber bot ihr die höfische Etikette auch die Möglichkeit, eine Art „Maske“ zu tragen, wenn sie sich verletzt fühlte und unglücklich war. Und das war in ihrem Leben nicht selten der Fall.

Begegnung mit Prinz Wilhelm

Augustas Kindheit jedoch verlief weitgehend unbeschwert. Charlotte von Schiller, die am Weimarer Hof ein- und ausging, meinte einmal, Augusta und ihre Geschwister seien „glücklich wie die Engel“ gewesen. Schon früh kümmerte sich Mutter Maria Pawlowna auch um die späteren Ehemänner ihrer Töchter, die natürlich beide eine „gute Partie“ machen sollten. Und so war es kein Zufall, als im Winter 1826 zwei preußische Prinzen im Weimarer Schloss Station machten, der 1797 geborene Wilhelm und sein jüngerer Bruder Karl, die Söhne des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. und der früh verstorbenen Königin Luise.

Sie waren natürlich nicht aus freien Stücken in die kleine Residenzstadt an der Ilm gekommen, sondern auf „Befehl“ ihres königlichen Vaters, der sich um die Thronfolge sorgte.

Die Ehe seines ältesten Sohnes, des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, drohte nämlich kinderlos zu bleiben, und deshalb mussten nun die Jüngeren für Nachwuchs sorgen. Während sich Karl auf Anhieb in Augustas ältere Schwester Marie verliebte, zeigte Wilhelm nur wenig Interesse an den Prinzessinnen. Zwar fand er die 15-jährige Augusta ganz nett, und „sehr formiert für ihr Alter“, doch zärtliche Gefühle hegte er nicht.

Tatsächlich hing sein Herz nämlich an einer anderen Frau, der bezaubernden Eliza Radziwill, die freilich als Ehefrau nicht infrage kam. Zum einen war sie nicht standesgemäß, zum anderen, fast noch schlimmer, katholisch!

Wilhelm haderte mit seinem Schicksal, schrieb verzweifelte Briefe an seine Schwester Charlotte, in denen er ihr sein Herz ausschüttete und seinen Liebeskummer offenbarte. Zwar zeigte auch der König Verständnis für seinen bis über beide Ohren verliebten Sohn – doch die Staatsräson hatte Vorrang: Es blieb Wilhelm letztlich nichts anderes übrig, als Prinzessin Augusta auf väterlichen „Befehl“ zu heiraten!

Ankunft in Berlin

Augusta, inzwischen 17 Jahre alt, blickte noch mit jugendlichem Optimismus in die Zukunft. Zwar hatte sie durchaus Kenntnis von ihrer schönen Nebenbuhlerin, aber noch glaubte sie ganz fest, mit der Zeit könnte sie Wilhelms Herz doch noch gewinnen. Welch ein Irrtum!

Im Juni 1829 holte Wilhelm seine junge Braut von Weimar ab, um sie wenige Tage später in Berlin vor den Traualtar zu führen. Meister Goethe verabschiedete seinen Schützling mit den Worten: „Möge es ihr wohl ergehen und dem ungeheuer weiten und bewegten Element“ – womit er auf ihr neues Leben in der preußischen Hauptstadt an der Spree anspielte.

Der Umzug vom Weimarer „Musenhof“ ins preußisch-nüchterne Berlin glich einem wahren Kulturschock. Zwar wurde Augusta von Wilhelms Familie freundlich aufgenommen, doch das Verhältnis zu ihrem Gemahl blieb unterkühlt. Eliza Radziwill schwebte wie ein dunkler Schatten über dem frischgebackenen Ehepaar. Etwas anderes kam hinzu: Augusta langweilte sich entsetzlich. Gerne hätte sie etwas Sinnvolles getan und, dem Beispiel ihrer Mutter folgend, karitative Aufgaben übernommen, um sich für Arme und Kranke einzusetzen. Doch diesen Bereich deckte bereits Kronprinzessin Elisabeth ab, und der musste Augusta als Ranghöherer den Vortritt lassen.

Etwas anderes kam hinzu. In Augustas Briefen nach Weimar ist immer wieder von einer „chronischen Schwermut“ die Rede, von der die Außenwelt aber nichts erfahren sollte. Nur ihrem jüngeren Bruder Karl Alexander konnte sie ihr Herz ausschütten: „Da ich mich unaufhörlich beobachte und sehr genau kenne, habe ich herausgefunden, dass einem solchen Schwermutsanfall meistenteils einige Tage vorangehen, in denen ich mich leicht und unternehmungslustig fühle, als könne ich es mit der ganzen Welt aufnehmen. Ein schlimmes Zeichen. Erwache ich eines Morgens, ist diese Stimmung verflogen und ich empfinde eine bleierne Schwere. Am nächsten Tag verfolgen mich schwarze Vorstellungen, Ängste und überflüssige Verärgerungen, am folgenden Tag ziehen in dichten Reihen Erinnerungen an mir vorüber, natürlich nur quälende…Und ist alles richtig vorbereitet, kommt der Anfall. Er setzt sich überall fest, im Kopf, im Herzen und im ganzen Körper; ich wollte arbeiten, es war einfach unmöglich…“

Wie sich heute unschwer erkennen lässt, litt Augusta unter einer bipolaren Störung, manisch-depressiven Phasen, die ihr die Freude am Leben nahmen. Doch trotz dieser schweren Belastung war und blieb sie ein Vorbild an Selbstbeherrschung, Pflichterfüllung und fürstlicher Haltung. Da half ihr die „Maske“, dass niemand merkte, wie es tatsächlich in ihrem Innersten aussah. Leider hat sie diese „Maske“ nur selten abgenommen.

Interesse an der Politik

Der Himmel hellte sich ein wenig auf, als Augusta am 18. Oktober 1831 ihr erstes Kind zur Welt brachte, einen Sohn namens Friedrich Wilhelm, der später einmal als Friedrich III. deutscher „99-Tage-Kaiser“ werden würde. Wenige Jahre später folgte noch eine Tochter, Luise, dann kamen keine Kinder mehr.

Augustas Hoffnungen hatten sich aber nicht erfüllt, glücklich war ihre Ehe keinesfalls, und der Schatten Eliza Radziwills wollte auch nach deren frühem Tod nicht weichen. Doch Augusta hatte seit ihrer Ankunft in Berlin enorm an Selbstbewusstsein gewonnen.

Nicht selten ging sie Wilhelm auf die Nerven, wenn sie wieder einmal alles besser zu wissen glaubte, auch und vor allem in politischen Fragen. Der „Feuerkopf“ eben. Anders als die konservative Hohenzollernfamilie konnte man Augusta als gemäßigt-liberal bezeichnen, d.h. sie war durchaus dafür, dem Volk mehr Rechte zuzugestehen, Preußen zumindest eine Verfassung zu geben, so wie es die Bestimmungen des Wiener Kongresses schon 1815 vorgesehen hatten. Bislang aber war nichts dergleichen geschehen. Wie recht Augusta mit ihrer Forderung hatte, auch wenn man sie gerne als „Kassandra“ verspottete, zeigte sich spätestens 1848, als in Berlin die Revolution ausbrach und Wilhelm als verhasster „Kartätschenprinz“ vorübergehend außer Landes fliehen musste, weil man ihm vorwarf, er habe den Befehl gegeben, auf die Demonstranten zu schießen.

„Mildes Klima“ am Rhein

In Preußen änderte sich freilich nur wenig, abgesehen davon, dass Wilhelms Bruder, der seit 1840 als Friedrich Wilhelm IV. auf den Thron saß, seinem Land eine oktroyierte Verfassung gab. Wilhelm jedoch, der mehrere Wochen im englischen „Exil“ verbracht und intensiv mit Queen Victoria und ihrem deutschen Gemahl Albert verbracht hatte, war nachdenklich geworden. Hatte Augusta nicht doch recht gehabt? War eine konstitutionelle Monarchie vielleicht die Lösung, eine Staatsform, die, ähnlich wie in England, aus den Untertanen mündige Bürger machte? Diese Ansicht festigte sich in den nächsten Jahren weiter, die Wilhelm als Gouverneur der 1815 entstandenen Rheinprovinz in Koblenz verbrachte.

Für Augusta waren das wohl die glücklichsten Jahre ihres Lebens. Die Wogen ihrer Ehe schlugen nicht mehr ganz so hoch, nun, da sie auch politisch an einem Strang zogen. Und davon angesehen fand Augusta in Koblenz endlich das Betätigungsfeld, das sie sich immer gewünscht hatte: Sie suchte den Kontakt zu karitativen Einrichtungen und unterstützte sie nach Kräften, ganz ungeachtet der Tatsache, dass es sich meist um katholische Institutionen handelte, die das protestantische Preußen bislang wenig beachtet hatte.

Augusta, die in Berlin immer etwas kühl und steif gewirkt hatte, war nun zum ersten Mal richtig beliebt, zumindest bei der rheinischen Bevölkerung. Glücklich schrieb sie an ihre Mutter: „Ich kann gar nicht sagen, wie sehr die vielen Zeichen der Anhänglichkeit, wo ich vor sechs Monaten als Fremde ankam, mich rühren. Ich habe das noch gar nicht verdient, aber es ist mir eine Befriedigung, dass es mir gelingt, ein in diesen Gegenden bislang unbekanntes Vertrauen zu erwecken.“

In der Koblenzer Zeit ist es ihr tatsächlich gelungen, eine Brücke zwischen dem katholischen Rheinland und dem protestantischen Preußen zu bauen, und die Menschen begannen allmählich, diese Brücke dankbar zu betreten.

Augustas Sympathie für die Katholiken gründete auch auf der Religion Maria Pawlownas, die ihren russisch-orthodoxen Glauben nach der Heirat beibehielt. Als Kind hatte Augusta die Mutter oft zu den Gottesdiensten begleitet, die Herz und Sinne ihrer Ansicht nach eher ansprachen als die vergleichsweise nüchternen Predigten protestantischer Pfarrer.

„Todfeind“ Bismarck

Doch die schöne Koblenzer Zeit ging jäh zu Ende, nachdem König Friedrich Wilhelm IV. mehrere Schlaganfälle erlitten hatte und daher sein Amt nicht mehr ausüben konnte. Wilhelm und Augusta kehrten 1858 zurück an die Spree, wo Wilhelm die Regentschaft für seinen erkrankten Bruder übernahm und nach dessen Tod 1861 als Wilhelm I. neuer König von Preußen wurde.

Tatsächlich erlebte das Land jetzt so etwas wie einen „liberalen Frühling“. Wilhelm umgab sich mit liberalen Ministern und fast hatte es den Anschein, als sei die konstitutionelle Monarchie in greifbare Nähe gerückt. Doch alles kam anders, Wilhelm scheiterte an einer Militärreform, die seine Minister nicht mittragen wollten, die traten zurück und Wilhelm dachte an Abdankung. Die entsprechende Urkunde war schon vorbereitet, doch sein 30-jähriger Sohn weigerte sich strikt, den Thron über den gestürzten Vater zu besteigen.

Damit war der „liberale Frühling“ zu Ende. Um weiterregieren zu können, brauchte Wilhelm einen politischen Hardliner, der rücksichtslos die Linie des Königs durchsetzte. Er fand ihn in Otto von Bismarck, den er 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten ernannte. Bismarck wurde zum „Todfeind“ der liberal denkenden Augusta, die von ihm wiederum als „alte Fregatte“ bezeichnet wurde. Vor allem in der nationalen Frage hatten beide grundsätzlich verschiedene Ansichten.

Während Augusta die Einigung Deutschlands, die seit den Befreiungskriegen auf der politischen Agenda stand, ausschließlich auf friedlichem Wege wünschte, war Bismarck der Ansicht, dieses Ziel könne nur durch „Blut und Eisen“ erreicht werden. Es dauerte nicht lange, und er ließ seinen markigen Worten Taten folgen: Drei blutige Kriege, die im Januar 1871 schließlich die Gründung des Deutschen Reiches zur Folge hatten und Wilhelm I. die Kaiserkrone einbrachten.

Einsatz für die Notleidenden

Das Leid, das diese Kriege zahllosen Menschen gebracht hatte, ganz gleich welcher Nationalität, bedrückte Augusta zutiefst und weckte in ihr den Wunsch, Linderung zu schaffen. Man kann Augusta durchaus als überzeugte Pazifistin bezeichnen, und das zu einer Zeit, als es diesen Begriff noch gar nicht gegeben hat. 1866 gründete die Königin, unterstützt von Henri Dunant, den Vaterländischen Frauenverein, der eng mit dem Roten Kreuz zusammenarbeitete und sich zunächst auf militärische Krankenpflege, Kriegsopfer und Katastrophenhilfe konzentrierte. Doch schon bald kamen weitere Aufgabengebiete hinzu: Unterstützung von Arbeitslosen, Einrichtung von Suppenküchen, Waisenhäusern, Gründung neuer Krankenanstalten, die ihren Namen trugen.

Die Preußenkönigin und spätere Kaiserin wurde zur Schirmherrin weiterer Vereine, auch des Augusta-Krankenhauses in Berlin. Dabei kümmerte sie sich keineswegs nur um repräsentative Fragen, sondern stattete dem Hospital auch zahlreiche persönliche Besuche ab, um nachzusehen, ob auch alles nach ihren Vorstellungen ablief. Sie scheute noch nicht einmal davor zurück, die Kranken in der Typhus-Baracke zu besuchen, auch wenn die immer große Angst hatte, sich selbst anzustecken.

Lebhaft interessierte sich Augusta vor allem für die wissenschaftliche Seite von Hygiene und Krankenpflege, denn sie wollte aus „ihren“ Krankenhäusern Musteranstalten machen, vor allem, was die hygienischen Zustände betraf. Schließlich hatte schon die englische Krankenschwester Florence Nightingale, mit der Augusta in Briefkontakt stand, durch Beachtung der einfachsten Hygienevorschriften die Sterblichkeitsrate in britischen Lazaretten deutlich senken können. Im engen Austausch stand Augusta auch mit Rudolf Virchow, der an der Berliner Charité arbeitete und damals als einer der bedeutendsten Mediziner seiner Zeit galt.

Augustas unermüdliches Engagement für die Armen, Kranken und Verwundeten hat ihr viel Lob und Anerkennung eingebracht. Auch Wilhelm meinte anerkennend: „Die Kaiserin möchte jeden verwundeten Soldaten in ein Himmelbett legen.“

Der „Feuerkopf“

Inzwischen war Reichskanzler Otto von Bismarck der eigentliche „Chef“ des Deutschen Reiches, was den den alternden Wilhelm bekanntlich zu der Bemerkung veranlasste, es sei „nicht leicht, unter Bismarck Kaiser zu sein“. Auch Augusta stand nach wie vor in Opposition zu Bismarck, denn sie traute ihm einfach nicht und fürchtete, er verfolge nur seine eigenen Interessen. Nach wie vor bombardierte sie Wilhelm daher mit ihren politischen Ideen und Verbesserungsvorschlägen, auch wenn der die deutsche Politik längst nicht mehr mit ihr erörterte. In späteren Jahren ging Augusta schließlich so weit, ihr Schlafzimmer heimlich durch ein Hörrohr mit Wilhelms Arbeitszimmer zu verbinden, um ohne Wissen ihres Mannes dessen Gespräche mitverfolgen zu können. Bisweilen setzte sie sich auch auf die eiserne Wendeltreppe, die zum Arbeitszimmer führte, um die Unterhaltung belauschen zu können. Da die alten Herren meist laut sprachen, konnte sie oben auf der Treppe jedes Wort verstehen. Nicht selten harrte sie stundenlang auf den Stufen aus, und ihre Kammerfrauen mussten sie sogar dort frisieren. Bismarck beklagte sich häufig, dass Augusta auch heimlich hinter der offenen Tür lausche.

Alle Menschen, die sie gut kannten, wussten um den schwierigen Charakter der Kaiserin. „Keine einfache Natur“, schrieb ein Vertrauter, „zu beklagen und zu bewundern“.

Und doch hat sich Augusta schließlich mit ihrem „Todfeind“ Bismarck ausgesöhnt. Grund war vor allem die Tatsache, dass sie ihren Sohn, den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, für völlig ungeeignet hielt, die Kaiserkrone zu tragen. Und wie Bismarck, der großen Einfluss auf den jungen Mann hatte, war auch sie der Ansicht, dass ihr 1859 geborener Enkel Wilhelm ein wesentlich besserer Monarch sein würde.

Pflichtbewusstsein bis zum Schluss

Augustas letzte Lebensjahre waren von persönlichen Tragödien überschattet, schweren Krankheiten, den Folgen eines schlimmen Sturzes, der sie zwang, an Krücken zu gehen und dem vorzeitigen Tod ihres einzigen Sohnes, der nach dem Ableben des greisen Wilhelm I. im März 1888 als Friedrich III. für nur 99 Tage auf dem Kaiserthron saß. Allerdings hatte sie – im Interesse des Deutschen Reiches und der Hohenzollern-Monarchie – nicht gewünscht, dass Friedrich Wilhelm seinen Vater beerbt. Nun wurde tatsächlich ihr geliebter Enkel als Wilhelm II. neuer deutscher Kaiser. Das hat Augusta zum Anlass genommen, sich im Dezember 1888 bei Bismarck ausdrücklich zu bedanken: „Lieber Fürst! Sie haben unserem unvergesslichen Kaiser treu beigestanden und meine Bitte der Fürsorge für seinen Enkel erfüllt…Deshalb fühle ich mich berufen, Ihnen nochmals zu danken und dabei auf die Fortdauer ihrer Hilfe zu rechnen…“

Zu diesem Zeitpunkt hatte Augusta noch wenig mehr als ein Jahr zu leben. Schon Anfang der 80er Jahre meinte ihr Leibarzt: „Eigentlich müsste die Kaiserin schon längst tot sein, nur ihre Energie hält sie aufrecht – und der Wunsch, dem Kaiser bis zuletzt zur Seite zu stehen.
Doch nach wie vor erfüllte Augusta ihre Pflichten mit der gleichen Energie wie in den Jahren zuvor, zwar stets im Kampf mit ihrem gebrechlichen schmerzenden Körper, geistig aber ausgesprochen rege – und noch immer die „geborene Majestät“.

Augusta starb am 7. Januar 1890 im Alter von 78 Jahren und fand ihre letzte Ruhestätte im Mausoleum des Parks von Schloss Charlottenburg. Trotz all ihrer Verdienste ist Augusta nie eine „Landesmutter“ gewesen: „Sehr geachtet, aber nicht beliebt und volkstümlich“, schrieb die Kölnische Zeitung in einem Nachruf:

„Sie war die geborene Kaiserin und niemand konnte besser als sie die Majestät repräsentieren, aber es war ihr weniger verliehen, im Umgang sich schlicht, einfach und natürlich zu geben. Man glaubte etwas Absichtliches zu merken.

Doch Wilhelm II. zeichnete ein anderes Bild seiner Großmutter, denn ihrem Enkel zeigte sich ohne „Maske“:

Die Kaiserin, die im allgemeinen einen zeremoniösen Eindruck machte…war im kleinen Kreis oder nur gar unter vier Augen warm und herzlich und liebevoll besorgt.

Ein „Feuerkopf“ vielleicht, aber keine „alte Fregatte“, die Bismarck in Augusta gesehen hatte. Höchste Zeit also, das Zerrbild der Kaiserin ein wenig zurechtzurücken!

Über die Autorin:

Karin Feuerstein-Praßer ist unseren Lesern und Leserinnen bereits durch ihre Artikel über Alice von Battenberg, die Schwiegermutter von Queen Elisabeth II.  und der letzten deutschen Kaiserin Auguste Viktoria bekannt.

 

Geboren 1956, studierte sie Geschichte, Philosophie und politische Wissenschaften an der Universität Köln. Inzwischen sind zahlreiche Veröffentlichungen von ihr erschienen – besonders faszinieren sie adlige Frauen und ihre Schicksale (aber nicht nur!).

 

Über die Kaiserin Augusta hat die Autorin eine im Verlag Piper erschienene Biographie mit dem Titel „Augusta – Kaiserin und Preußin“ geschrieben.
Als Historikerin schreibt sie außerdem seit vielen Jahren für die Zeitschrift G/Geschichte.

Vom Leben der letzten deutschen Kaiserin Auguste Viktoria, der Ehefrau ihres Enkels Kaiser Wilhelm II., erzählt Karin Feuerstein-Praßer in diesem Artikel.
Wer mehr über ihre Tochter Luise erfahren will, in diesem Artikel zum Bundesstaat Großherzogtum Baden ist von ihr die Rede, wurde sie doch die Ehefrau des langjährigen Regenten Großherzog Friedrich I.
In diesem Artikel wird u.a. vom Kurleben und auch der Geschichte der Kurstadt Baden-Baden erzählt, in der Augusta und ihr Mann, König (und später Kaiser) Wilhelm I. regelmäßige Gäste waren.

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