Marie Königin beider Sizilien – Sisis mutige Schwester

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Ein Gastartikel von Christian Sepp

An einem Sommerabend des Jahres 1872 tobt in Bayern ein Sommersturm über den Bergen rund um den Tegernsee. Im Langenau-Tal, in der Nähe von Wildbad Kreuth, geraten ein paar Ausflügler mit einem Pferdewagen in das Unwetter. Der heftige Sturm wirft innerhalb weniger Minuten zahlreiche Bäume um, dem Wagen ist der Rückweg versperrt. Man spannt die Pferde aus, lässt den Wagen stehen und bahnt sich in pechschwarzer Nacht den Weg zurück nach Wildbad Kreuth. Mittendrin im Geschehen ist niemand geringer als eine ehemalige Königin: Marie von Neapel, die wenige Jahre zuvor als »Heldin von Gaeta« europaweit zu einer Berühmtheit wurde. Ihrer Mutter, Herzogin Ludovika in Bayern, berichtet die Ex-Königin am 31. Juli 1872 über das Gewitter:

»Es war ein wahres Wunder, dass wir nicht erschlagen wurden, und keines von uns wird die Nacht sobald vergessen. Den Leuten ist es unbegreiflich, wie wir uns mit Pferden in einer Stockfinsternis aus dem Wald herausarbeiten konnten; bei Tag besehen sieht es wie das Ende der Welt aus. Ich musste trotz der Gefahr so lachen, denn in unseren triefenden Kleidern über die Bäume steigend und springend sahen wir recht lächerlich aus

Herzogin Ludovika dürfte beim Lesen dieser Zeilen geschmunzelt haben: So kannte sie ihre Tochter, mutig und verwegen, selbst in lebensgefährlichen Situationen frohgemut den Widrigkeiten des Lebens trotzend. Schon bei ihrer Geburt hatte die kleine Marie für Furore gesorgt.

Sturzgeburt in Possenhofen

Am 4. Oktober 1841 weilte Herzogin Ludovika in Bayern in ihrem geliebten Park des Schlosses Possenhofen am Ufer des Starnberger Sees, als unvermittelt die Wehen einsetzten. Gerade schaffte man es noch vom Garten in das Schloss, wo im Salon im Erdgeschoss die Geburt stattfand. Es war nicht Ludovikas erste Geburt, drei Söhne und zwei Töchter hatte sie bereits zur Welt gebracht, aber keines ihrer Kinder hatte es so eilig gehabt wie Töchterchen Marie im Oktober 1841.

Drei Wochen nach der Geburt stattete Königin Elise von Preußen Possenhofen einen Besuch ab. Die Königin war eine ältere Schwester Ludovikas und Patentante einer ihrer Töchter, der kleinen Herzogin Elisabeth in Bayern. Elise staunte nicht schlecht: Ludovika war bereits wieder auf den Beinen und nutzte die Gelegenheit für eine »Promenade von beynahe 2 Stunden«, bei der die preußische Königin zusehen musste, dass sie ihrer Schwester hinterher kam.

Herzogin Ludovika und ihr Gemahl, Herzog Maximilian in Bayern, gehörten einer Seitenlinie des in Bayern herrschenden Hauses Wittelsbach an. Innerhalb des Familiengefüges hatten sie kaum Pflichten und frönten einem ruhigen Leben, das sich zwischen München und dem Starnberger See abspielte. Zeitgenossen fiel auf, dass das Paar mehr oder weniger nebeneinander her lebte. Das Familienoberhaupt hatte noch ein eigenes Domizil, Schloss Unterwittelsbach in der Nähe von Aichach, wo der Herzog ohne seine Familie der Jagd frönte. In München besaß man mit einem Palais an der Ludwigstraße einen der prachtvollsten Privatbauten der Residenzstadt. Hier verbrachte man die kalte Jahreszeit.

Fast genau zwei Jahre nach Marie kam ebenfalls auf Schloss Possenhofen ein weiteres Kind zur Welt, abermals ein Mädchen, das auf den Namen Mathilde getauft wurde. Aufgrund seiner zarten Konstitution wurde die kleine Herzogin von ihrer Mutter »Spatz« gerufen, ein Kosename, der Mathilde ihr Leben lang bleiben sollte. Marie und Mathilde waren von Kindesbeinen an fast unzertrennlich. Und sollten es ihr Leben lang bleiben.

Im Epizentrum der internationalen Politik

Das Leben der herzoglichen Familie in Bayern sollte sich grundlegend ändern, als im Sommer des Jahres 1853 sich bei einer Familienfeier im Kurort Ischl Kaiser Franz Joseph I. von Österreich, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, in die blutjunge Herzogin Elisabeth in Bayern verliebte. Da Herzogin Ludovikas ältere Schwester in das österreichische Kaiserhaus eingeheiratet hatte, war man eng verwandt. Nur acht Monate nach der Verlobung in Ischl fand in Wien die pompöse Hochzeit statt. Aus der 16-jährigen Herzogin Elisabeth in Bayern, in der Familie nur »Sisi« genannt, wurde die Kaiserin von Österreich.

Auch im 19. Jahrhundert wurden politische Bündnisse durchaus noch durch dynastische Hochzeiten gefestigt. Da der Kaiser keine Schwestern hatte, die man hätte heiraten können um mit dem Haus Habsburg verwandt zu sein, gerieten die Schwestern der Kaiserin in den Focus des Interesses. Die erste, die dies zu spüren bekam, war Marie.

Einer der europäischen Konfliktherde Mitte des 19. Jahrhunderts war die italienische Halbinsel, die damals noch zersplittert war in verschiedene souveräne Staaten. Da gab es im Norden das Königreich Piemont-Sardinien, dann die kleineren Herzogtümer Modena und Parma, das Großherzogtum Toskana, den Kirchenstaat und ganz im Süden das alte Königreich beider Sizilien, umgangssprachlich auch Neapel-Sizilien genannt. Die reichen Gebiete im Nordosten, die Lombardei und Venetien, gehörten noch zu Österreich. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts gab es die Bewegung, Italien auf einer nationalen Ebene zu einigen, das sogenannte »Risorgimento«. An die Spitze dieser Bewegung stellte sich das Königreich Piemont-Sardinien, das damit zu einer Existenzbedrohung der übrigen Staaten der italienischen Halbinsel wurde, insbesondere für das alte Königreich Neapel.

Die dort herrschende Dynastie der Bourbonen war ziemlich unbeliebt, seit König Ferdinando II. einen Aufstand auf der Insel Sizilien hatte äußerst blutig niederschlagen lassen. Der Monarch hatte sogar nicht davor zurückgeschreckt, die sizilianische Stadt Messina bombardieren zu lassen, weshalb man den ungeliebten König im Volksmund den Spitznamen »Re Bomba« verpasste. Wie sehr der Unmut im Volk schwelte zeigte ein Attentat, das einer seiner eigenen Soldaten auf den König verübte. Der König wurde verwundet, aber überlebte und regierte in Folge mit noch größerer Härte. Für den ältesten Sohn dieses sympathischen Herrschers suchte man nun eine Gemahlin, die möglichst die Beziehung zu Österreich festigten sollte, und kam auf Herzogin Marie in Bayern.

 

»Schön kann er nicht seyn«

Der junge Mann, den es zu verheiraten galt, war Kronprinz Francesco, fünfeinhalb Jahre älter als Marie. Neben der politischen Lage in Süditalien gab es eine weitere Crux für seine Brautschau: Francesco war ein sehr frommer, dafür wenig attraktiver junger Mann. So war Herzogin Ludovika auch nicht überaus glücklich, als die Anfrage aus Neapel eintraf. Man drängte darauf, den Kronprinzen vor der Verheiratung sehen zu dürfen, aber alle Anläufe scheiterten. Als nach langer Wartezeit im Dezember 1857 schließlich ein Porträt des Kronprinzen in Possenhofen eintraf, war die Ernüchterung bei Herzogin Ludovika deutlich zu spüren. Die für ihren trockenen Humor bekannte Herzogin schrieb einer ihrer Schwestern: »Das Portrait des Kronprinzen ist angekommen; schön kann er nicht seyn, wenn es ähnlich ist; aber es ist sehr schlecht gemacht, so alt kann er keinesfalls aussehen.

Herzogin Ludovika trennte sich nur schwer von ihren Töchtern und war daher erleichtert, dass man einen Grund hatte, die Heiratsverhandlungen noch hinauszuschieben, denn bei Marie war bisher noch die erste Menstruation ausgeblieben. Dies verschaffte Mutter und Tochter noch ein halbes Jahr, dann aber gab es keinen Grund mehr und die Dinge nahmen ihren Lauf: Kurz vor dem Weihnachtsfest 1858 überreichte der neapolitanische Gesandte in München die offizielle Brautwerbung des Königs beider Sizilien und am 8. Januar des darauffolgenden Jahres fand in der Allerheiligenhofkirche die Hochzeit statt. Es war eine Trauung »per procurationem«, also in Abwesenheit des Ehemannes, eine damals durchaus übliche Prozedur. Die 17-jährige Marie musste also tatsächlich eine Ehe eingehen, ohne ihren Zukünftigen auch nur einmal gesehen zu haben. Hinzu kam, dass die Herzogin keine Begleitung in ihre neue Heimat mitnehmen durfte um sich möglichst schnell einzugewöhnen und die neue Sprache zu sprechen. Allein zwei Kanarienvögel blieben Marie als Erinnerung an ihre Heimat.

 

Die »Heldin von Gaeta«

Der Weg nach Süditalien führte Marie von München über Wien nach Triest und von dort aus per Schiff nach Bari, wo sie zum ersten Mal neapolitanischen Boden betrat. Einen Tag nach ihrer Ankunft fand eine zweite Hochzeit statt, dieses Mal in Anwesenheit des Ehemannes. Die Neapolitaner bekamen eine außerordentlich attraktive Kronprinzessin. Marie hatte regelmäßige Gesichtszüge, dunkle Haare und dunkle, mandelförmig geschnittene Augen.

Es wurde ein schwerer Start in der neuen Heimat: Sieben Tage nach Maries Ankunft starben kurz nacheinander zwei junge Frauen aus der Verwandtschaft an Typhus. Den abergläubischen Neapolitanern galt Marie dadurch als »Jettatora«, als Unglückbringerin. Und der nächste Todesfall sollte nicht lange auf sich warten lassen. Vier Monate später starb »Re Bomba«. Aus dem Kronprinzen und seiner Frau wurden König Francesco II. und Königin Marie beider Sizilien. Die Königin war gerade einmal 17 Jahre alt.

Das neue Königspaar saß gerade einmal ein Jahr auf dem Thron, da brach ein Sturm über sie herein. Im Mai 1860 landete der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi mit einer Armee aus Freiwilligen, dem »Zug der Tausend«, auf Sizilien. Garibaldi brachte innerhalb von kürzester Zeit das neapolitanische Königreich zum Einsturz. Als sich seine Truppen der Hauptstadt näherten, flüchteten Francesco II. und Marie nach Norden und suchten in der Festung Gaeta Schutz. Die Festung genoss einen legendären Ruf, schon der große Napoleon hatte sich an ihr die Zähne ausgebissen.

Von Gaeta aus schickte das Königspaar einen Hilferuf nach dem anderen Richtung Wien. Aber dem Kaiser von Österreich waren die Hände gebunden. Erst im Jahr zuvor hatte er einen Krieg in Oberitalien gegen das Königreich Sardinien-Piemont und seine Verbündeten verloren und die Lombardei abtreten müssen. Einen weiteren Krieg konnte Franz Joseph I. nicht riskieren. So war man in Gaeta auf sich alleine gestellt. Marie war das einzige weiblich Mitglied der Familie, das in der belagerten Festung ausharrte und die junge Königin begeisterte alle Anwesenden durch ihren Mut und ihre Coolness. Ein französischer Journalist beobachtete aus nächster Nähe ihre scheinbar unerschütterliche Gelassenheit und berichtete: »Die reizende Königin der beiden Sicilien hat Heldenmut in den Adern. Sie ging heute auf den Batterien spazieren, die Kugeln schlugen von Zeit zu Zeit in ihre Nähe; sie lächelten bei ihrem Pfeifen

Doch aller Heldenmut war umsonst. Als schließlich die Lebensmittel knapp wurden und in Gaeta Typhus ausbrach, wurde die Lage aussichtslos und man sah sich zur Aufgabe genötigt. Am 13. Februar 1861 unterzeichnete Francecso II. die Kapitulation, einen Tag später zogen er und die Königin mit den verbliebenen Gefolgsleuten ab. Ein Dampfschiff brachte sie nach Rom, wo ihnen der Papst Schutz anbot. Wenige Wochen nach dem Fall von Gaeta wurde in Turin der König von Sardinien-Piemont zum König von Italien ausgerufen. Da Rom nicht als Hauptstadt zur Verfügung stand begnügte man sich mit Florenz.

 

Sehr, sehr viele Feinde

In Rom fiel die Anspannung der vergangenen Monate von Marie ab, sie war blass und dünn geworden und bei der Audienz mit Papst Pius IX. flossen viele Tränen. Doch Beistand war auf dem Weg: Maries jüngere Schwester Mathilde wurde mit dem Grafen von Trani verheiratet, einem Halbbruder des abgesetzten Königs, der ebenfalls in Rom im Exil lebte. Damit waren die unzertrennlichen Schwestern wieder vereint.

Das Leben in Rom war für Marie und Mathilde allerdings nicht einfach. Durch ihre Berühmtheit war Marie zum Aushängeschild des abgesetzten Königshauses geworden. Doch noch war die italienische Einigung nicht vollendet – der Kirchenstaat war weiterhin unabhängig und Venetien verblieb bei Österreich. Alle Kräfte, die eine Rückkehr der Bourbonen nach Neapel verhindern wollten, richteten sich nun mit voller Wucht gegen die ehemalige Königin. So wurden unter anderem Nacktbilder von Marie in Umlauf gebracht, die sich als plumpe Fälschungen entpuppten. Man hatte einfach den Kopf der Königin auf einen nackten Frauenkörper montiert, das funktionierte auch ohne Photoshop. Marie war sich bewusst, dass sie sehr,sehr viele Feinde hatte, wie sie in einem Brief nach München betonte.

Gleichzeitig bot die junge Frau auch genügend Angriffsfläche. Im Exil langweilte sich Marie ostentativ und erregte durch ihr selbstbewusstes Auftreten großes Aufsehen in der Öffentlichkeit. So notierte der in Rom lebende Historiker Ferdinand Gregorovius in sein Tagebuch: »Die Exkönigin fährt noch immer mit ihrer Schwester allabendlich auf dem Corso und exponirt sich zu sehr der Menge. Sie reitet, raucht, schießt mit Pistolen im Quirinal, kutschiert mit vier Pferden vom Bock.« Marie teste die Grenzen ihres Standes aus. Ihr Mut wurde nun zu einer Gefahr, denn sie wurde leichtsinnig. Sehr leichtsinnig.

 

Eine geheime Geburt im Kloster

Knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft in Rom reiste Marie zusammen mit ihrer Schwester und deren Ehemann überstürzt nach Bayern ab. In München suchte die Ex-Königin umgehend den Familienarzt auf, der ihre Befürchtungen bestätigte: sie war schwanger. Eigentlich eine erfreuliche Nachricht. Allerdings nicht, wenn man weiß, dass Francesco II. unter einer Phimose litt und bisher nicht in der Lage gewesen war, die Ehe körperlich zu vollziehen. Marie war also von einem anderen Mann schwanger. Eine absolute Katastrophe.

Oberste Maxime war es für alle Beteiligten nun, möglichst keine Spuren zu hinterlassen, so dass es bis heute nicht möglich ist, verlässliche Informationen in den entsprechenden Archiven zu finden. So ist auch der Name des Vaters des Kindes bis heute nicht bekannt. Was sich allerdings nicht ganz vertuschen ließ waren die nun folgenden Beratungen im Familienkreis. Auf Schloss Possenhofen gab es eine Krisensitzung, zu der selbst der Kaiser von Österreich erschien. Man schickte Marie erst einmal auf Kur und schob die Strapazen der Belagerung von Gaeta vor. Es folgten weitere Familienräte, unter anderem in Passau und in Traunstein. Schließlich begab sich Marie Anfang Oktober 1862 nach Augsburg, wo ihr ältester Bruder Ludwig mit seiner Familie lebte. Direkt nach ihrer Ankunft zog sie sich in das dortige Kloster St. Ursula zurück, wo sie nach Meinung der historischen Forschung am 24. November 1862 eine Tochter zur Welt brachte. Quellen, die dies zweifelsfrei belegen, existieren aber nicht. Das Kind wurde angeblich sofort getauft und an Pflegeeltern oder nach anderen Darstellungen an den leiblichen Vater übergeben.

Die Klosterchronik belegt, dass Marie bis zum 10. Januar 1863 in St. Ursula blieb. Bei ihrem Abschied beschenkte die ehemalige Königin die Klosterfrauen großzügig, und auch der bayerische König zeigte sich gegenüber dem Kloster mehr als generös. Von Augsburg aus begab sich Marie auf das kleine Schlösschen Biederstein nördlich von München, das ihrer Mutter Ludovika gehörte.

Schon in Augsburg hatte Marie hochrangigen Besuch erhalten. Ziel war es, die Ex-Königin zu einer Rückkehr zu ihrem Ehemann zu bewegen. Denn Francesco war bereit dazu, seiner Frau den Fehltritt zu verzeihen. Schließlich erklärte sich Marie zur Rückkehr bereit. Im April 1863 nahm sie Abschied von ihrer Familie und reiste nach Rom zurück. Dazu musste sie einen großen Umweg in Kauf nehmen, denn sie durfte italienisches Staatsgebiet nicht berühren. In Marseille bestieg sie eine Fregatte, die sinnigerweise den Namen »La Conception« – »Die Empfängnis« – trug und die Marie zurück in die Ewige Stadt brachte.

 

Zwischen Paris und dem Starnberger See

Dass dem ehemaligen König von Neapel tatsächlich an einer Aussöhnung gelegen war zeigt die Tatsache, dass er sich nach der Rückkehr seiner Frau einer entscheidenen Opration unterzog. Im Dezember 1869 wurde das Paar Eltern einer Tochter. Sogar Kaiserin Elisabeth von Österreich kam zur Taufe nach Rom. Zur großen Trauer der Eltern verstarb die Prinzessin im Alter von drei Monaten. Als es im selben Jahr zum Krieg zwischen Frankreich und Preußen kam, nutzten italienische Truppen die Chance und eroberten den Kirchenstaat, dem Papst blieb schließlich nur der Vatikan. Da Francesco nie auf seine Ansprüche verzichtet hatte, blieb dem ehemaligen Königspaar keine andere Wahl, als Rom zu verlassen.

Nachdem 1870 die italienische Einigung abgeschlossen war, sanken die Chancen der Bourbonen auf eine Restauration in Neapel gen Null. Damit richteten sich Francesco und Marie nun endgültig auf ein Leben im Exil ein. Um in der Nähe ihrer Familie zu sein, kaufte Marie von ihrem Bruder Ludwig Schloss Garatshausen am Ufer des Starnberger Sees, das in direkter Nachbarschaft zu Possenhofen lag. Viel Zeit verbrachte man auch in Wildbad Kreuth, einem Besitz, der Maries Onkel Prinz Karl von Bayern gehörte. In der kalten Jahreszeit zog man nach Paris, wo das ehemalige Königspaar zuerst in Saint-Mandé wohnte, später in Neuilly-sur-Seine. Hier gründete Marie, die eine ebenso begeisterte Reiterin wie ihre Schwester Sisi war, ein Institut für Rennpferde und eröffnete einen Laden für exklusive Spitze.

Francesco, dessen Schicksal es war, als junger Mann den Thron eines dem Untergang geweihten Königreichs zu erben, blühte im Exil sichtlich auf. Er wurde zu einem allseits geschätzten und gern gesehenem Familienmitglied. Von seinen zahlreichen Nichten und Neffen nur liebevoll »Onkel König« genannt fehlte er auf keiner Familienfeier. Im Alter von 58 Jahren starb Franceso II. in Arco am Gardasee, ehrlich betrauert von seiner Frau und der ganzen Familie.

Marie überlebte ihren Mann um mehr als 30 Jahre. Sie sollte noch erleben, dass in Deutschland am Ende des Ersten Weltkriegs die Throne stürzten und die Republik ausgerufen wurde. 1919 lebte Marie wieder in München und residierte im »Königshof« am Stachus. Man konnte beobachten, wie die hochbetagte »Heldin von Gaeta« mutig und gelassen wie eh und je in der unruhigen Zeit der Räterepublik »hochaufgerichtet im Kugelhagel ausging, der am Stachus fast in Permanenz pfiff«, wie die ehemalige Hofdame Marie von Redwitz berichtet.

Zusammen mit ihrer Schwester Mathilde zog sie zurück in ihr Elternhaus, dem Herzog-Max-Palais in der Ludwigstraße. Vom Balkon des Palais aus konnten die beiden Schwestern am 5. November 1921 den Trauerzug beobachten, mit dem das letzte bayerische Königspaar zu Grabe getragen wurde. Selbst der Tod konnte die beiden Schwestern nur kurz trennen – Marie starb am 19. Januar 1925, Mathilde nur wenig später am 17. Juni 1925.

Nach ihrem Tod überführte man Maries Leichnam, ebenso wie den von Franceso, nach Rom, wo beide an der Seite ihrer früh verstorbenen Tochter in der Chiesa Santo Spirito dei Napolitani bestatten wurden. Knapp 60 Jahre später, im Jahre 1984, überführte man ihre sterblichen Überreste nach Neapel, in die Grablege der Bourbonen in der Basilica di Santa Chiara.

Über den Autor:

Christian Sepp wuchs in München und im Salzburger Land auf. Schon von seiner Jugend an begeisterte er sich für antike Mythen, europäische Herrscherfamilien und gute Geschichten. Folgerichtig studierte er in München Geschichte und machte sich nach Stationen in London und im Filmgeschäft 2013 als Historiker und Autor selbstständig.

Gleich sein Debüt, die Biographie über Sisis Schwester Sophie Charlotte, war sehr erfolgreich: Mittlerweile liegt es in der dritten Auflage vor und wurde ins Ungarische übersetzt.

Inzwischen hat er weitere Bücher zu historischen Themen verfasst, insbesondere das Geschlecht der Wittelsbacher ist ein Schwerpunkt seines literarischen Schaffens. Daneben hält er Vorträge und Lesungen zu historischen Themen.

Zu Sisis Mutter Ludovika hat er dieses Buch geschrieben: „Ludovika. Sisis Mutter und ihr Jahrhundert.“ – auf Bürgerleben ist gleichfalls ein Artikel über Ludovika dazu erschienen.

Wer weiterlesen möchte:

Christian Sepp: Sophie Charlotte. Sisis leidenschaftliche Schwester. München: August Dreesbach Verlag 2017 (3. Auflage). ISBN 978-3-944334-66-0. Leider derzeit vergriffen.

Unter dem Titel „Zsófia Sarolta“ liegt die Biographie seit kurzem in ungarischer Übersetzung vor.

Christian Sepp (Hrsg.): Erinnerungen an Großmama. Aufzeichnungen der Amelie von Urach über Herzogin Ludovika in Bayern. Eine kritische Quellenedition. München: Allitera Verlag 2021.

Auf dieser Seite findet Ihr mehr Informationen zum Autor Christian Sepp und seinen Büchern.

Für alle Interessierten, diese Artikel sind auf Bürgerleben zur österreichischen Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi, erschienen:

Sieben Geheimnisse von Kaiserin Sisi“, „Sisis Reisen – Flucht oder Abenteuer“ und „Sisi und der Reitsport vor 150 Jahren“

Zu ihrer Familie ist der Artikel „Sophie Charlotte – das dramatische Schicksal von Sisis kleiner Schwester“ vom Autor erschienen sowie von Petra Herzberg „Erzherzogin Marie Valerie – die Lieblingstochter von Kaiserin Sisi„.

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