Ein Lehrerinnenseminar der 1. Stunde – Callnberg

 In Alltagsleben, Aus dem Frauenleben, Frauenberufe, Frauenleben, Gastbeitrag, Unkategorisiert, Zeitgeschehen

Lehrerin – einer der ersten Berufe, der auch für Frauen zugänglich wurde. Im 19. Jahrhundert entstanden die ersten Ausbildungsstätten für Lehrerinnen, oft waren sie höheren Töchternschulen angegliedert. Das Lehrerinnenseminar in Callnberg/Sachsen war einer der ersten Schulen für Lehrerinnen und in Sachsen eine ganze Weile auch die einzige. Wie es zur Gründung der Schule kam, wie das Lehrerinnenseminar entstand, was für Fächer unterrichtet wurden und wie der Alltag im Internat aussah – das alles erzählt uns Gastautor Patrick Bochmann  im nachfolgenden Artikel, an dessen Ende ich ihn persönlich vorstelle.

Ein kleines, heute fast vergessenes Territorium inmitten von Sachsen, die Schönburgischen Lande, waren moderne Vorreiter in der Lehrer- und Lehrerinnenausbildung.
Das sehr rückschrittliche sächsische wie auch deutsche Bildungswesen war im 19. Jahrhundert eng mit der Kirche verbunden. Lehrer waren oftmals zugleich die Pfarrer oder Gemeindevorsteher. Die Lehrkräfte der einfachen Volksschulen hatten kaum eine nennenswerte, fast nie universitäre Ausbildung. Seminare bestanden in Sachsen bereits, jedoch nur für Männer.

Die Reformierung des Bildungswesens war Fürst Otto Victor v. Schönburg-Waldenburg (1785-1859) ein besonderes Anliegen, womit er seiner Zeit weit voraus war. Für ein Stiftungsgeld in Höhe von 60.000 Talern wurde 1856 das Lehrerinnenseminar in der von den Schönburgern gegründeten, damals noch selbständigen Stadt Callnberg gegründet, die erste „Berufsschule“ für Lehrerinnen in Sachsen überhaupt. Der spätere Direktor Kurze beschreibt die Reaktion darauf: „Da die Ausübung von Berufen durch Frauen vor 70 Jahren ganz selten, vielfach sogar völlig unbekannt war, begegnete man dieser Gründung mit Mißtrauen, Abneigung, ja Feindseeligkeit.“. Das Callnberger Seminar blieb 19 Jahre lang das Einzigste Sachsens.
Umfangreiche Erfahrungen hatte man bereits mit dem Seminar für Lehrer in Waldenburg (1844) und dem Droyßiger Seminar für Lehrerinnen (1852) machen können.

So könnten Schülerinnen des Lehrerinnen-Seminars ausgesehen haben: Aufnahmen vom Callnberger Fotoatelier M. Fung:

Am 12.02.1855 erwarb Fürst Otto Victor das Grundstück des Webwarenfabrikanten Christian Friedrich Leberecht Zill mit den darauf befindlichen hufeisenförmig angelegten Gebäuden für 15500 Taler. Die vorhandenen Gebäude, welche in Albert Schiffners 1845 erschienenen „Beschreibung von Sachsen und der Ernestinischen, Reußischen und Schwarzburgischen Lande“ als „palastmäßige Fabrik für Spirituosen nebst starker Viehmästung“ bezeichnet wurden, eigneten sich für die Nutzung als Schulgebäude offensichtlich.

Der Stiftungsbrief vom 02.02.1855 regelte alles Notwendige:
„Der Zweck der Anstalt ist dieser, der Schule entwachsene, unverehelichte Frauenzimmer, welche unbescholten und sonst wohlerzogen sind und bereits gewisse durch eine Aufnahmeprüfung zu ermittelnde Kenntnisse und Fertigkeiten erlangt haben, auch körperlich dazu tüchtig sind, zu Lehrerinnen an elementaren und höheren Töchterschulen[…] und zwar in dem Maße, daß hierbei eine gründliche pädagogische Durchbildung sowohl theoretisch als auch praktisch erzielt werde.“ (vgl. StA C 377, KA Z SCALL Sem 21). Bereits da war die Absicht einer tieferen (evangelischen) Religiösität formuliert worden.

Im Stiftungsbrief wurden weiterhin festgelegt: Höhe des „Kostgeldes“ für Essen und Wohnung, die Finanzierung der Schule – Schulgeld, die Erst-einrichtung des Seminars, die Besetzung der Lehrerstellen, die Aufnahme der Schülerinnen und letztlich die Übergabe an die sächsische Staatsregierung (vgl. Schramm 1980: 15-17, KA Z SCALL Sem 21).

Der Waldenburger Seminardirektor und zugleich pädagogischer Berater des Fürsten Dr. Friedrich Wilhelm Schütze (1807-1888) musste nun im Auftrag des Fürsten alle Vorbereitungen treffen: Die Hausordnung, die Aufgaben des Direktors und der Lehrkräfte sowie eine 14 Paragrafen umfassende Schulordnung.
Die Verwaltung und Beaufsichtigung der Schule ging auf den sächsischen Staat über. Der Fürst behielt sich aber Zeit seines Lebens ein Mitspracherecht vor und nutzte dies aktiv. So wurden beispielsweise die ersten Lehrpläne zunächst dem Fürst und erst danach dem Kultusministerium zur Genehmigung vorgelegt. Da die fürstliche Familie nach der Zerstörung des Schlosses Waldenburg während der Revolution von 1848/49 in Lichtenstein residierte, hatte Otto Victor oftmals die Gelegenheit, dem Seminar einen Kontrollbesuch abzustatten. Er nahm somit nicht nur auf die theoretische Gestaltung der Lehrpläne, sondern auch auf deren praktischen Umsetzung direkten Einfluss.

Der Direktor Vogel beschreibt die Anfangsschwierigkeiten: „Mit dem festen Glauben, daß die Anstalt, auf den Namen Jesu gegründet, ihren Zöglingen auch die rechte Treue im Lernen und Dienen vermitteln werde, ist er voll Freudigkeit an das schwere Werk gegangen, eine für ganz Sachsen damals so fremdartige Anstalt zur Anerkennung und die hier gebildeten Lehrerinnen zur Verwendung zu bringen.“

Um das Seminar überhaupt eröffnen zu können, benötigte man neben den Regularien nun noch einen Direktor, Lehrer und Schüler (vgl. StAC 377). Fürst Otto Victor behielt sich die Auswahl der Lehrer und des Direktors selbst vor. Wichtig waren ihm die religiöse Grundeinstellung – evangelisch –, solide Französischkenntnisse und er sollte „keine zahlreiche Familie“ haben.
Es wurde 1856 mit 2 Lehrern (Karl Wilhelm Eulitz, Honorarlehrer aus der Lichtensteiner Bürgerschule und Karl Gebauer), 2 Lehrerinnen (Veronika de Rosa aus Den Haag und Ida Springstubbe aus Pommern) begonnen. An weiterem Personal wurden eingestellt: ein Hausmeister (Strumpfwirker Kersten aus Callnberg), eine Verwalterin („Oekonomin“) Frau Gräfe, die für das „Rechnungswesen“ verantwortlich war.

Um am Seminar lernen zu dürfen, mussten Aufnahmeprüfungen bestanden werden. Das Alter der Schüler (15-23) war genauso unterschiedlich, wie die Vorkenntnisse. Wichtig waren Kenntnisse des Alten und des Neuen Testamentes sowie des lutherischen Katechismus. Gutes Lesen, Rechtschreibung und Grammatik sowie ein guter schriftlicher Ausdruck waren selbstverständlich. Alle anderen Fächer (Geschichte, Naturkunde, Geografie und auch Mathematik) hatten nur eine nachrangige Bedeutung. Wichtiger wiederum waren musikalische Fähigkeiten und gemäß der zu erwartenden Stellungen die französischen Sprache.

Die Eröffnung des Lehrerinnenseminars zu Callnberg erfolgteam 20.10.1856 erfolgen. Zudem wurde eine neue Seminarübungsschule errichtet, an der die angehenden Lehrerinnen ihre Fähiugkeiten unter Beweis stellen mussten. Hierzu wurden normale Schüler aus Callnberg unterrichtet.

Die Schule war nun unter schwierigen Vorbereitungen – keine Lehrpläne, gesellschaftliche Vorbehalte, Lehrer und Schülersuche europaweit – eröffnet. Aufnahmeprüfungen gab es auch in späteren Jahren, die Anzahl der Bewerberinnen war immer höher als die der Angenommenen. Das Lehrerinnenseminar zu Callnberg war in ganz Europa bekannt!

Die Anmeldung […] erfolgte beim Direktor […] mit persönlicher Vorstellung und Beibringung eines Geburts- und Taufzeugnisses, eines Impfscheins, eines Zeugnisses über die bisher genossene Bildung […] eines Zeugnisses über die kirchliche Zugehörigkeit und eines ausführlichen versiegelten Gesundheitszeugnisses eines Arztes. [Daraus] muss hervorgehen, dass die Bewerberin nicht an Brustschwäche, grosser Kurzsichtigkeit, Schwerhörigkeit, Bleichsucht […] leidet.“ (vgl. Rost 1907: 94). Zudem musste vorgelegt werden: „ein Zeugniß über sittliche Führung, von dem Beichtvater der Aspirantin ausgestellt […] ein selbstverfaßter Lebenslauf […] die Beweggründe zur Wahl des Lehrerinnenberufes darzulegen hat, endlich eine Erklärung der Aeltern, Pflegeältern oder Vormünder, darüber, daß das Pensionsgeld […] pünktlich eingezahlt […] werden sollen. (Codex 1864: 808).

Die äußerst religiös-evangelisch Prägung der Anstalt von Beginn ihres Bestehens spiegelte sich auch in den Unterrichtsfächern (und deren Reihenfolge). Schnabel bezeichnet das Seminar als eine „halbklösterliche Einrichtung“ (vgl. Schnabel 1988: 408). Deshalb verwundert es nicht, dass die ersten Direktoren alle studierte Theologen waren. Viele Texte aus dem Alten und Neuen Testament mussten stur auswendig gelernt werden. Gleichfalls wurden Lebensläufe bspw. von den Schulreformern Martin Luther und Philipp Melanchthon gelehrt. (vgl. Schramm 1980: 31) LehrerInnen mussten in Ermangelung von Lehrplänen Inhalte ihrer Fächer selbst konzipieren. Großer Wert wurde auf die Fremdsprachausbildung – anfänglich immer mit Muttersprachlerinnen ! – gelegt. Aufsatzschreiben Lesen und Schönschreiben war Alltag der Schülerinnen. Die Naturwissenschaften scheinen von nachrangiger Bedeutung gewesen zu sein. Im Fach Geografie lernte man den Umgang mit dem Globus und das Kartenlesen, die Naturkunde kannte nur Naturbeschreibungen. Mathematik umfasste Kopfrechnen und darüber hinaus nicht viel mehr.

Tägliche Spaziergänge unter Aufsicht der Lehrerinnen waren Pflicht. „Das häusliche Leben der Zöglinge trug den Charakter eines strengen und christlichen Familienlebens in gottseligem Wandel, willigem Gehorsam, Selbstverleugnung und geschwisterlicher Liebe. Der Tagesablauf von früh 5 bis abends 1/210 streng geregelt, gestattete nur ganz wenig Freizeit […]“ (vgl. Kurze 1928: 10). Dies führte selbst im sächsischen Landtag zu Diskussionen:
Ich will nicht speciell darauf eingehen, was ich von der damaligen Seminarbildung halte; nur das will ich bekennen, daß Das, was den Seminaristen in den einzelnen Fächern gegeben wurde, sehr kärglich war, von Methodik kaum die Rede sein konnte und die Erziehung in den Seminaren geradezu eine knechtliche genannt werden musste. Auch zu jener Zeit wurde nicht 12 bis 14 Mal täglich gebetet und dadurch etwa den Seminaristen der Aufenthalt zur Quaal gemacht.“ (Mitteilungen Landtag, 1869, Nr. 30: 928).

Mit dem am 26.04.1873 neu erlassenem Volksschulgesetz und der damit einhergehenden Trennung von Kirche und Schule musste auch die Ausbildung der LehrerInnen reformiert werden (vgl. Rost 1907: 42). 1876 wurden die religiösen Fächer zum Unterrichtsfach Religion zusammengelegt, naturwissenschaftliche Fächer kamen hinzu. Mit der Seminarordnung für Volksschullehrer- und Lehrerinnenseminare von 1873/74 (vgl. Moderow 2007: 431-434, Rost 1907: 42) wurden erstmals Lehr- und Prüfungsordnungen verbindlich geregelt. Der Deutsch- und Literaturunterricht erhielt mehr Gewicht, Latein kam gegebenenfalls hinzu, Mathematik und die Naturwissenschaften gewannen an Bedeutung, Geschichte und Geografie wurde getrennt. Musikunterricht durfte eignungsabhängig sein. Die Zeit der Bildungsbegrenzung war beendet.

Das Lehrerinnenseminar war als Internatsschule gestaltet, d.h. die Schülerinnen lernten nicht nur darin, sondern lebten, schliefen gemeinsam, nahmen ihre Mahlzeiten dort ein und verbrachten ihre geringe Freizeit zusammen. Anfänglich kam 50% der Schülerinnen nicht aus Sachsen, ungefähr ab 1900 jedoch waren Nicht-Sachsen Ausnahmen. Für die Beköstigung mussten die Schülerinnen ein „Pensionsgeld“ bezahlen. Tägliche Morgen- und Abendandachten waren genauso üblich, wie der regelmäßige Sonntags-Besuch bei den Armen Callnbergs.

Die anfängliche Atmosphäre in der Schule muss nahezu familiär gewesen sein. Der Direktor lebte mit seiner Familie in der Schule und stellte so auch eine Art Ersatzfamilie für die Schüler dar. Kennzeichen dieser besonderen Situation sind auch die vom Direktor Vogel über Jahrzehnte publizierten kleinen Broschüren unter dem Titel „Vergißmeinnicht. An die fernen Kinder Callnbergs, und nur für sie bestimmt“. Darin berichtete er nicht nur über Ereignisse, Prüfungsthemen und Neuerungen im Seminar selbst, sondern es wurden Listen veröffentlicht über die ehemaligen Schülerinnen und deren aktuellem beruflichem Werdegang. Voraussetzung dafür war natürlich die jeweiligen Rückmeldungen an das Seminar.

Der Tagesablauf der Seminaristinnen war detailliert und streng eingeteilt und ließ keinen bzw. kaum Raum für freie, individuelle Betätigung. Das Seminargelände konnten die Schülerinnen ohne Begleitung einer Aufsichtsperson nicht verlassen. […] Das […] christliche Zusammenleben beinhaltete […] den gemeinschaftlichen Besuch des Gottesdienstes und die Einnahme des Abendmahles. […] Die Kleidung musste stets sauber sein. […] die Freizeit umfasste täglich 4 Stunden und konnte genutzt werden für gemeinschaftliche Ausgänge, Baden, Entspannung und sportliche Betätigung. Die Schülerinnen standen während des gesamten Tages unter Aufsicht des Lehrerpersonals.“ (vgl. Schramm 1980: 35-36).

Samstags war Badetag. Auch die individuellen Verhaltensweisen wurden reglementiert. „Auf Reinhaltung des Körpers, der Kleidung und der Wäsche haben die Schülerinnen sorgfältig bedacht zu sein; insbesondere sind Mund und Zähne am Morgen und vor dem Schlafengehen zu reinigen.“ Wollte man die „Klavierübungsstunden“ tauschen, musste dies vom Direktor genehmigt werden! Ordnung und Sauberkeit waren höchstes Gut, selbst die Benutzung der Papierkörbe war geregelt. Es gab dafür verantwortliche Schülerinnen – „Ordnerinnen“. Auch wurde Wert auf Sparsamkeit – Gasflamme – gelegt. Für die Verpflegung der Schülerinnen und Lehrer war die Wirtschafterin des Seminars zuständig. Zum 1. Und 2. Frühstück gab es Kaffee und Butterbrötchen, zum Mittag täglich eine Suppe sowie Fleisch und Kartoffeln, am Wochenende wurde Braten serviert. Zum Abendbrot gab es im Winter Warmbier oder im Sommer Bierkaltschale, wiederum eine Suppe sowie Brot mit Wurst- und Käseaufschnitt. Man legte Wert auf mindestens viermal Obst pro Woche – sofern es nicht zu teuer war! Dies war auch der Grund, weshalb in den 20er Jahren der Obstanbau in den Seminargärten forciert wurde. Auch wurden auf der Seminarwiese Kartoffeln angebaut. All dies bewerkstelligten die Schülerinnen selbst!

Insgesamt waren ca. 70-80 Schülerinnen am Seminar und wurden von durchschnittlich 10-12 LehrerInnen unterrichtet. (vgl. ausführliche Statistik zu allen sächsischen Seminaren 17. Bericht des Sächs. Seminarlehrervereins, 1912). Im Vergleich dazu wurden in Lehrerseminaren durchschnittlich 800-1000 Schüler aufgenommen!

Die Callnberger Anstalt war nicht unumstritten. „[…] das Institut Callnberg bei Weitem nicht die Zwecke erreicht […] werden Gouvernanten gebildet und deshalb wird es viel vom Auslande benutzt.“„Ich habe Lehrerinnen kennen gelernt, welche in diesem Institute gebildet worden sind. Die Eine kam in ihr elterliches Haus mit der Anschauung zurück, daß das Tanzen die achte Todsünde sei, und nur, nachdem diese Lehrerin längere Zeit in vernünftiger Umgebung sich befunden hatte, wurde sie von diesem Glauben wieder bekehrt. Die andere Lehrerin […] stand im Dienste einer mir verwandten Familie. Diese Lehrerin liebte es, die ihr anvertrauten Kinder, wenn sie mit Ihnen spazieren ging, gern auf Kreuzwege und an Wegweiser zu führen und ließ sie da niederknieen und beten […]. (Mitteilungen Landtag 1869 Nr. 30: 932).

Trotz der Kritiker hatte sich das Callnberger Seminar im Laufe der Jahre eine durchaus beachtliche Reputation und Anerkennung erarbeitet. Welche familiäre Herkunft hatten nun die Schülerinnen? „Unter den Vätern waren je 1 Schlosser, Schmied, Gärtner, Postschaffner, unterer Hüttenbeamter, Reisender, Buchhalter, Verwaltungskontrolleur, Bahnhofsinspektor, Postmeister, Ingenieur, Apotheker, Fabrikant, Rittergutsbesitzer, 3 Kaufleute, 7 Volksschullehrer, 3 Lehrer an höheren Schulen, 6 Pfarrer.“ (Rost 1907: 105-107). Aber ca. nur 1% der weiblichen Bevölkerung ergriff den Beruf der Lehrerin zwischen 1856 und 1914.

Die Absolventinnen des Lehrerinnenseminars konnten nach erfolgreicher Prüfung eine Tätigkeit in Volksschulen, höheren Mädchenschulen oder auch als Privatlehrerin aufnehmen. Der allgemeine Lehrermangel bedingte die Anstellung von Lehrerinnen, dies wurde jedoch nur als notwendiges Übel ungern akzeptiert.

Die Lehranstalt hatte sich endgültig etabliert. Nachdem 1885/86 der 1. Anbau an das Hauptgebäude erfolgte, wurde 09/1896 bis 11/1900 ein umfangreicher großer Um- und Erweiterungsbau durchgeführt, finanziert durch das Königreich Sachsen. Die heutige Fassade mit den Renaissance-Giebeln entstand.
Am 04.01.1922 erließ das Volksbildungsministerium eine Verordnung an die Seminare, dass ab Ostern 1922 keine neuen Schüler mehr aufgenommen werden sollten. Am 08.Mai 1922 wurde ein Seminarumwandlungsgesetz beschlossen. Die Existenz des Sächsischen Lehrerinnenseminars zu Callnberg und der damit verbundenen Seminarübungsschule endete mit der Umwandlung in eine Deutsche Oberschule 1928 – Das Lehrerinnenseminar hieß ab 1928 „Fürstlich-Schönburgische Deutsche Oberschule“.
Die von Fürst Otto Victor v. Schönburg-Waldenburg gegründete Schule existiert als humanistisches Gymnasium heute noch am gleichen Ort und hat unterschiedliche Gesellschaftssysteme mit divergierenden Bildungs-vorstellungen erlebt. Ihre Existenz aber verdankt sie dem Weitblick des damaligen Landesherren.

Gastautor Patrick Bochmann ist in Lichtenstein geboren. Seine erste Passion ist die Medizin, seine zweite (nicht völlig überraschend): Geschichte – und das schon seit seiner Schulzeit! Während seines Medizinstudiums an der TU Dresden hat er sich für die berufliche Ausbildung der Frauen im 19. Jahrhundert interessiert und seine Dissertation folgerichtig zum Thema „Frauen in der Naturheilbewegung“ verfasst. Dass er sich darüber hinaus für die Geschichte seiner Heimat begeistert, zeigt sein vielfältiges Engagement: so ist er Ortschronist seiner Heimatstadt und in weiteren Museums- und Geschichtsvereinen aktiv.

In Kontakt kamen wir, als ich durch die Geschichte „Die Schicksale einer Lehrerin“ aus dem Preisausschreiben der Gartenlaube auf Callnberg gestossen war und bei meinen Recherchen herausfand, dass sich Patrick Bochmann intensiv mit der Geschichte dieses Lehrerinnenseminars beschäftigt hatte.

Quellen:
Die Eröffnung des Evangelischen Lehrerinnen-Seminars zu Callnberg bei Lichtenstein, In: Sächs. Kirchen- und Schulblatt, 1856, Nr. 14
Dresdner Journal Koeniglich Saechsischer Staatsanzeiger, Nr. 156 v. 08.07.1856
Lichtenstein-Callnberger Anzeiger 18.11.1900, Nr. 268 (1. Beilage)
Das Lehrerinnenseminar zu Callnberg. Ein Gedenkblatt zur Feier des 50jährigen Bestehens. 20. Oktober 1906, In: Unsere Heimat. Ill. Monatsschrift für Heimat, Volkstum, Vaterland. VI. Jg., Nr. 2 S.33-36
Gahlings, Ilse, Moering, Elle (1961) Die Volksschullehrerin. Quelle & Meyer, Heidelberg
Hausordnung des Lehrerinnen-Semseminars zu Callnberg, 03.10.1914, Koch & Pester Lichtenstein
Höser (1906) Das Königliche Lehrerinnen-Seminar zu Callnberg. Festschrift zur Feier des 50jähr. Bestehens der Anstalt. Otto Koch & Wilhelm Pester, Lichtenstein
Kleinau/Opitz (1996) Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung, Bd. 2 Vom Vormärz bis zur Gegenwart. Campus Frankfurt/M.
Kurze, A. (1928) Das Sächsische Lehrerinnen-Seminar zu Callnberg in der Zeit von Michaelis 1906 bis Ostern 1928. Otto Koch & Wilhelm Pester, Lichtenstein
Kurze , A. Fürstlich-Schönburgische Deutsche Oberschule 1927 Nachrichten aus dem Schuljahre 1926/27. Otto Koch & Wilhelm Pester, Lichtenstein
Kurze , A. Fürstlich-Schönburgische Deutsche Oberschule 1928 Nachrichten aus dem Schuljahre 1927/28. Otto Koch & Wilhelm Pester, Lichtenstein
Lahr, Gunnar (2001) Das Lehrerinnenseminar zu Callnberg. Hausarbeit Allgemeine Erziehungswissenschaften. TU Chemnitz
Inspektionsausordnung des Lehrerinnen-Semseminars zu Callnberg, 03.10.1914, Koch & Pester Lichtenstein
Meyer, Kurt (1956) Festschrift Oberschule Lichtenstein 100 Jahre 1856-1956. Rich.Giegling Nachf. Lichtenstein
Meyer, Johannes (1931) Ein Jahrhundert sächsische Schulgeschichte 1831-1931. Robert Noske, Borna
Mittheilungen über die Verhandlungen des Landtags. II. Kammer. 1864, 1869
Poste, Burkhard (1993) Schulreform in Sachsen 1918-1923, Peter Lang, Frankfurt
Reichel, Andreas, M.A. (2014) Die sächsische Schulreform in der Weimarer Republik, Phil. Dissertation, Technischen Universität Dresden
Rost, Bernhard (1907) Die Sächsischen Lehrerinnenseminare in ihrer geschichtlichen Entwicklung und ihrem gegenwärtigen Stande. Roth & Schunke, Leipzig
Sächsische Schulzeitung. Organ d. Sächsischen Lehrervereins, 1906, 1922, 1923, 1928
Schramm Angela (1981) Das Fürstliche und Königliche Lehrerinnenseminar zu Callnberg von seiner Gründung bis zur Umwandlung in eine Deutsche Oberschule von 1856 bis 1928/29, Diplomarbeit, Martin-Luther-Universiät Halle, Sektion Erziehungswissenschaften, Wissenschaftsbereich Geschichte der Erziehung, Halle
Schreyer, Eduard (1864) Codex des im Königreiche Sachsen geltenden Kirchen- und Schul-Rechts. 2. Aufl.
B. Tauchnitz, Leipzig
Seydewitz, Paul v. (1879) Codex des im Königreiche Sachsen geltenden Kirchen- und Schul-Rechts. Supplementband B.Tauchnitz, Leipzig
Simon, August(1910) Quellschriften zur Geschichte der Volksschule und der Lehrerseminare im Königreiche Sachsen. Verlag der Dürr`schenBuchhandlung, Leipzig
Schnabel, Werner (1988/89) Die drei ehemaligen sächsischen Lehrerinnenseminare. Ihre Geschichte, Organisation, Bedeutung.In: Sächsische Heimat 37 334-337 (Teil I), 385-388 (Teil II), 408-410 (Teil III), 38 15-17 (Teil IV), 56-58 (Teil V)
Vogel (1881) Gedenkblatt zur Feier der Erinnerung an das 25jähr. Bestehen des Königlich Sächsischen Lehrerinnen- Seminars zu Callnberg am 1. Oktober 1881
Zur Schulfrage. In: Constitutionelle Zeitung, Nr. 250 v. 25.10.1860, Dresden
Kreisarchiv Zwickau (KA Z) S LICH Gym, SCALL Sem
Hauptstaatsarchiv Dresden (HStA D) 11125 Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts
(12696-12698/3, 12610-12620/6, 23000, 12638-12639/1, 12881/197, 12828, 12836-12837, 13232)
Hauptstaatsarchiv Chemnitz (HStA C)
Herrschaft Lichtenstein 30590 (0374, 0632, 0274)
Herrschaft Waldenburg 30593 (0313, 0318, 0319, 0320, 0322, 0323, 0185, 0182, 1015, 1016)

Neuste Artikel

Kommentieren