Erzherzogin Sophie von Österreich – Sisis böse Schwiegermutter oder gerechtes Familienoberhaupt?

Ein Gastbeitrag von Petra Herzberg

Eine Frau zwischen absoluter Pflichterfüllung und Familiendramen

Erzherzogin Sophie war die Mutter von Kaiser Franz Joseph I. von Österreich und auch von Erzherzog Maximilian, ihrem besonderen Liebling, dem späteren Kaiser von Mexiko. Sie hatte insgesamt vier Söhne, die das Erwachsenenalter erreichten.

Durch die Heirat ihres Ältesten Franz Joseph mit Elisabeth, Prinzessin in Bayern, wurde sie zu Sisis Schwiegermutter. In der gängigen Historie genoss sie jeoch keinen guten Ruf. Besonders durch die verkitschten Sissi-Filme der 50iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde sie zur „bösen“ Schwiegermutter degradiert, die Sisi kritisierte, bespitzelte und ihr die Kinder wegnahm.

Aber war das wirklich so? Schauen wir uns doch einmal genauer das Leben von Sophie an, die zwischen absoluter Pflichterfüllung ihrem Land gegenüber und in diversen familiären Zwickmühlen steckte. Als Familien-Oberhaupt und Beraterin ihres Sohnes Franz Joseph gelang es ihr Sisi gegenüber gerecht und freundlich zu sein, was oft übersehen wurde. 

Erzherzogin Sophie als ältere Frau (zeitgenössische Lithografie)

Kindheit und Jugend

Sophie Friederike Dorothea Wilhelmine von Bayern erblickte am 27. Januar 1805 in München das Licht der Welt – mitten in eine Zeit des Umbruchs, denn in ihrem Geburtsjahr siegte Napoleon bei Austerlitz. Die Angst der großen europäischen Monarchien, die sich seit der Französischen Revolution steigerte, fand in dieser Niederlage ihre Bestätigung. Im Jahr 1815, als Sophie zarte 10 Jahre alt wurde, saß der Wiener Kongress zusammen und handelte die Neuordnung Europas aus. Es war ein leiser Versuch der antiquierten Kräfte zu der Ordnung vor der Französischen Revolution zurückzukehren. Doch längst hatten sich durch die Napoleonischen Kriege, freiheitsliebende und nationale Ideen im damaligen Europa ausgebreitet.

Sophie war eine Tochter von König Maximilan Joseph von Bayern und seiner zweiten Ehefrau Friederike Karoline Wilhelmine von Baden (1776–1841). Sie war die Zwillingsschwester der späteren Königin Maria von Sachsen. Ihre ältere Schwester, Elisabeth Ludovika von Preußen sowie eine weitere Schwester, nämlich die Mutter von Sisi, Ludovika Wilhelmine von Bayern sowie eine jüngere Schwester, Maximiliane, die aber sehr jung starb, rundeten das Sextett der bayerischen Prinzessinnen ab. Zudem hatte sie noch weitere Halbschwestern, die aus der ersten Ehe ihres Vaters mit Wilhelmine von Hessen-Darmstadt stammten. Ludovika heiratete Max Joseph in Bayern. Dadurch wurde Sisi nicht nur Sophies Nichte, sondern auch gleichzeitig ihre Schwiegertochter.

Die kleine Sophie war ein sehr hübsches Mädchen und ihr vom bekannten Münchener Maler Joseph Karl Stieler gemaltes Portrait wurde später von König Ludwig I. in seine berühmte Schönheiten Galerie aufgenommen, wo es noch heute im Schloss Nymphenburg hängt und zu besichtigen ist. Sophies Eltern kümmerten sich persönlich um ihre Kinder, da sie diese zu modern denkenden Menschen erziehen wollten. Natürlich gab es feste Regeln, z.B. legten die Eltern sehr großen Wert auf Pünktlichkeit.

Sophie als junge Frau porträtiert für die Schönheitengalerie von bayrischen Maler Stieler
Sophie in jungen Jahren (zeitgenössische Lithographie)
Porträt der jungen Sophie (zeitgenössische Lithographie)
Die Erzherzogin (rechts) mit ihrer Zwillingsschwester Maria, der Königin von Sachsen
Fotos Sammlung Petra Herzberg

Heirat und vier Söhne dank Solebäder in Isch

Als Sophie ins heiratsfähige Alter kam, wurde für sie der zweitgeborene Sohn von Kaiser Franz I von Österreich, Franz Karl ausgesucht. Da dies eine sehr hohe Ehre war und es nichts daran zu rütteln gab, auch nicht Sophies Tränen, ergab sie sich ihrem Schicksal. Franz Karl war kein schöner Mann, um einiges älter als Sophie, bieder und einfältig, jedoch humorvoll. Politisch nicht interessiert, verbrachte er seine Zeit lieber mit dem Lenken seiner sechsspännigen Kutsche.

Die erste Begegnung mit ihrem zukünftigen Ehemann war für die junge schöne Frau ein Desaster. Aber politische Gründe hatten Priorität – der Ehemann war schließlich der zweite in der habsburgischen Thronfolge. Der eigentliche Thronfolger, der spätere Kaiser Ferdinand würde aufgrund seiner schweren Epilepsie und anderen Krankheiten keine leiblichen Kinder zeugen können. Daher riss sich Sophie zusammen und fügte sich in ihr Schicksal.

Sie schrieb in ihr Tagebuch, dass sie glücklich werden wollte und alles dafür tun würde, auch wenn es schwer werden sollte. Die Aussteuer war reichlich und tröstete sie ein wenig. Die Schneider hatten Tag und Nacht zu tun, um das Brautkleid zu nähen. Schließlich stand der Tag der Hochzeit fest und sie trat mit Franz Karl am 4. November 1824 in der Wiener Augustinerkirche vor den Traualtar. Franz Karl war sehr verliebt und stolz auf seine wunderschöne Braut und liebte sie sein ganzes Leben lang. 

 

Ehemann Franz Karl als älterer Mann
Sammlung Petra Herzberg

Tatsächlich entwickelte sich die Ehe glücklich, doch Sophie hatte eine Fehlgeburt nach der anderen, insgesamt fünf. Sie zerbrach fast daran. In Wien flüsterte man schon hinter vorgehaltener Hand, Franz Karl solle die „Bayerische“ wieder nach Hause schicken, da sie nicht imstande war, lebende Kinder zu gebären.

Das Ehepaar zu späteren Zeiten
Sammlung Petra Herzberg

In diesen für Sophie schweren Zeiten kam der einzige legitime Sohn von Napoleon Bonaparte und der Habsburgerin Marie Luise Napoleon Franz Joseph Karl (1811–1832), genannt „Fränzchen“ an den Wiener Hof. Als „König von Rom“ und nomineller „Napoleon II.“ wuchs er dort auf.

Zwischen Sophie und dem blonden engelsgleichen Bub entwickelte sich eine Freundschaft, die bald schon von Seiten den jungen Mannes in eine Schwärmerei überging. Er ging in Sophies Räumen ein und aus und brachte ihr täglich Blumen. Er tröstete sie, wenn sie in tiefer Depression wieder eine Fehlgeburt zu beklagen hatte und auch sie strich dem über seine Herkunft grübelnden Jungen verständnisvoll über den blonden Lockenkopf.

Sie war es auch, die ihm beibrachte, dass Napoleon Bonaparte sein Vater war. Fränzchen tanzte mit Sophie auf den Bällen und ging mit ihr ins Theater. Unterstützung und Beistand fand Sophie bei ihrem Gatten Franz Karl nicht, wenn sie wieder eine Fehlgeburt hatte und litt. Er winkte ab und sagte nur: „Ach geh, das wird schon noch.“

Napoleon Franz Karl- ein guter Freund, der jung starb

Nachdem Sophie die ihr verschriebenen Solebäder im salzhaltigen Heilwasser in Ischl regelmäßig genommen hatte, bemerkte sie Ende 1829 dass sie wieder schwanger war. Und endlich – nach 6 Ehejahren – kam am 18. August 1830 ein Bub auf die Welt, der überlebte. Natürlich gab es Gerede ob nicht der Herzog von Reichstadt der Vater ist und ob sie mit ihm nicht zu innig gewesen war. Immerhin sah man sie oft Hand in Hand im Park spazieren gehen. Selbstverständlich war Sophie ihrem Gatten treu und Franz Karl war der rechtmäßige Vater all ihrer Kinder.

Der angeschlagene Gesundheitszustand von Fränzchen verschlechterte sich und er hatte starken röchelnden Husten. Gern spielte er mit Baby Franz Joseph, genannt Franzi. Jedoch entzog man ihm den Kontakt aus Angst, dass er das Baby anstecken könnte. Er erschien auch bei Sophie immer seltener.

Schließlich gestand ihr Doktor Malfatti, Sophies Leibarzt, der sich auch um Fränzchen kümmerte, dass es nicht gut um den jungen Mann stand und verordnete ihm Bettruhe. Als er immer schwächer wurde und ihm schon die Zähne ausgefallen waren, nahm Fränzchen Sophies Hände in seine und flüstere: „Sophie, ich habe immer nur dich geliebt. Ich habe nie eine andere Frau berührt…“Das Geständnis erschreckte Sophie: ein junger Mann von 21 Jahren, ein Adonis an Charme und Schönheit hatte niemals die Liebe kennengelernt? Ihr zuliebe? Noch ein paar Tage kämpfte der Herzog mit der Krankheit, dann gab er auf. Er starb als „Herzog von Reichstadt“ im Alter von nur 21 Jahren am 22. Juli 1832 an Lungentuberkulose im Schloss Schönbrunn. Sophie war untröstlich über den Verlust ihres guten Freundes. Sein Leichnam wurde in der Kaisergruft unter der Kapuzinerkirche in Wien beigesetzt. 

Gemälde Sophie mit dem jungen Franz Joseph (Stieler)

 

Mit ihrem Erstgeborenen Franz Joseph hatte Sophie eine große Aufgabe und frühe Pläne, ihn zum künftigen Thronerben zu erziehen und auf dieses hohe Amt vorzubereiten. Franz Joseph war von 1848 – 1916 ununterbrochener Kaiser von Österreich und seit 1867 auch König von Ungarn. Kein Kaiser war länger im Amt als er. 

Auf die Geburt von Franz Joseph folgten in schöner Reihenfolge die drei Söhne Maximilian, Karl-Ludwig und das Nesthäkchen Ludwig-Viktor, den man nur Lutzi-Wutzi nannte. Die Buben wurden unter vorgehaltener Hand die „Salzprinzen“ genannt. Sophie bekam 1835 noch eine Tochter, Maria Anna, die aufgrund von epileptischen Anfällen nur 4 Jahre alt werden durfte und hatte noch eine weitere Totgeburt. 

Die Salzprinzen: von li nach re: Karl-Ludwig, Ludwig Viktor, Franz Joseph und Ferdinand Maximilian
Bild Sammlung Petra Herzberg

Das Verhältnis von Sophie und Sisi 

Durch den Thronverzicht ihres Gatten Franz Karl stieg Sophie zwar nicht zur Kaiserin auf, doch sie gewann an politischem Einfluss. Sohn Franz Joseph war unerfahren und seiner Mutter völlig ergeben. In ihr fand er seine wichtigste Beraterin und emotionale Stütze. Obwohl sich Sophie nicht offen in die tagespolitischen Entscheidungen einmischte, war sie der energische und politische Entscheider hinter ihrem Sohn. Als „heimliche Kaiserin“ wurde sie zu einer Hassfigur der liberalen Kräfte der Monarchie.

Sophie war gegen eine Föderalisierung der Monarchie, die den vielen unterschiedlichen Volksgruppen Mitspracherechte gegeben hätte. Vor allem sah sie in den Ungarn eine Rotte revolutionärer Hitzköpfe, die am Untergang der Habsburgermonarchie arbeiteten. Sie bevorzugte eine starke Präsenz Österreichs in deutschen Landen, wo der traditionelle Vorrang innerhalb der deutschen Fürsten aufrechterhalten werden sollte.

Daher sind auch ihre Bemühungen zu verstehen, ihren ältesten Sohn mit einer Tochter ihrer Schwester Ludovika aus dem bayrischen Haus Wittelsbach zu verheiraten. Die Idee gelang: 1854 heiratete Franz Joseph seine Cousine Elisabeth, genannt Sisi. Herzogin Ludovika war mit ihren beiden ältesten Töchtern, Helene und Elisabeth nach Ischl gereist, um den Geburtstag Kaiser Franz Josephs am 18. August zu feiern. Bei dieser Gelegenheit wollte sie ihm natürlich ihre beiden heiratsfähigen und attraktiven Töchter als mögliche Heiratskandidatinnen vorstellen. Den Schwestern Ludovika und Sophie war es egal, welches der Mädchen das Rennen machte, Hauptsache Franz Joseph entschied sich für eine von beiden.

Das einzige erhaltene Familienfoto, in der Mitte vorne Sophie, links neben ihr Sisi mit Rudolf auf dem Schoss
Bild Sammlung Petra Herzberg

Franz Joseph entschied sich für die jüngere, ungezwungene Elisabeth und ließ über Sophie bei Ludovika um ihre Hand anhalten. Mit einem „einem Kaiser gibt man keinen Korb“ gab Elisabeth ihr Einverständnis und wunderte sich mit den Worten „wie kann er sich für mich entscheiden, ich bin doch so unbedeutend“. Die Frische und Ungezwungenheit seiner Cousine hatten ihn überzeugt. Er schwärmte bei seiner Mutter „Ach wie frisch sie ist wie eine aufspringende Mandel und sie hat Lippen wie Erdbeeren“. Helene, genannt Nené oder auch Lenza, immer etwas ernst, jedoch gebildet und nicht unattraktiv heiratete später den Erbprinzen Maximilian von Thurn und Taxis, den sie bis zu seinem frühen Tod liebte.

Sophie kaufte die Kaiservilla in Ischl für 31440 Gulden und ließ das Gebäude E-förmig ausbauen. Damit erwies sie Schwiegertochter Elisabeth eine symbolische Referenz. Diese Villa war Sophies Geschenk an das Kaiserpaar zur Hochzeit 1854. Sie erfüllte als kaiserlichem Arbeitsplatz Franz Joseph über fünfzig Jahre lang ein Rückzugsrefugium, diente ihm als geschätztes Sommerfrischedomizil und Treffpunkt der Familie. Noch heute befindet sich die Villa im Besitz eines Nachkommens von Sisi – Hausherr ist Markus von Habsburg, der dort noch lebt. (Hier wird die Villa, die man besichtigen kann, als Museums-Tipp vorgestellt).  

In der blutjungen Elisabeth sah Sophie zunächst eine nach ihren Vorgaben leicht zu formende Kaiserin. Jedoch wurde sie überraschenderweise vom starken Eigenwillen und Widerstand ihrer Schwiegertochter und Nichte überrumpelt. Die bekannte Darstellung Sophies als „böse Schwiegermutter“ stimmt jedoch nicht. Hier trafen unterschiedliche Ansichten über die Rolle einer Kaiserin aufeinander. Sophie hatte auf diese Position bewusst verzichtet, während Elisabeth mehr oder weniger ohne ihr Zutun diese Rolle übernehmen musste. Elisabeth war freiheitsliebend, dabei selbstbestimmt aufgewachsen und wollte sich nicht verbiegen lassen. 

Sisi im weissen Spitzenkleid mit einem Buch in der Hand Portrait ca. 1960
Eine junge und unerfahrene Kaiserin: Elisabeth, genannt Sisi
Bild Sammlung Petra Herzberg

Da Sophie die bestimmende Person am Wiener Hof der 1850er Jahre war, machte  Elisabeth als unerfahrene Ehefrau und junge Mutter sie für ihre schwierigen Anfangsjahre am Wiener Hof verantwortlich. Sisi lehnte die ihr zugedachte traditionelle Rolle einer Kaiserin schlichtweg ab. Man erwartete von ihr, dass sie sich als treusorgende Ehefrau und hingebungsvolle Mutter ganz dem Fortbestand der Dynastie widmen solle. Es war einfach nicht erwünscht, dass sie sich in die Politik einmischte oder ihre Ideen und Vorschläge einbringen durfte.

Man darf nicht vergessen, dass Sophie in vielerlei Hinsicht die von Sisi nicht wahrgenommene Position als „erste Frau des Reiches“ ausfüllte. Auch innerhalb der Familie war Sophie die emotionale Mitte und sie war für ihre Enkelkinder eine wichtige Mutterfigur.

Familienoberhaupt und erste Beraterin des Kaisers
Bild Sammlung Petra Herzberg

Kurzer Exkurs Sissi-Filme

Die historische Kaiserin Elisabeth hatte tatsächlich den Rufnamen Sisi und nicht Sissi. Und auch die echte Schwiegermutter Sophie unterschied sich vom Bild in den Sissi-Filmen der 1950er. Als Sophie Friederike von Bayern wurde sie 1805 in das junge neunzehnte Jahrhundert hineingeboren. Ihr ganzes Leben war geprägt von den Nachwirkungen der Ereignisse, die zur Zeit ihrer Geburt stattgefunden haben. Die Sissi-Filme wurden als Glücklich-Macher nach den Kriegsjahren fürs ausgebombte Volk gedreht. Der Inhalt gaukelte den vom Krieg gezeichneten Menschen eine heile Welt, dargestellt von gutaussehenden Schauspielern, vor.

Allerdings war insbesondere die Darstellung von Sissi durch die junge Romy Schneider und von Franz Joseph durch Karl-Heinz Böhm, so überzeugend, dass die Filme bis heute sehr populär geblieben sind.

Der große Konflikt mit dem spanischen Hofzeremoniell

Der junge Kaiser begann seine Karriere also mit einem strengen Regime. Zugeständnisse an Revolutionäre wurden zurückgenommen. Durch das Konkordat regierte die Kirche in das Leben der Bürger und Bürgerinnen mit hinein und viele Aufständische wurden hingerichtet. Im Hintergrund agierte vor allem die Kaisermutter Sophie, ganz im Sinne ihres verstorbenen reaktionären Schwiegervaters Kaiser Franz I.

In seinen ersten Regierungsjahren war Mutter Sophie dem jungen und unerfahrenen Kaiser eine große Stütze und gehörte zu seinen wichtigsten Ratgebern. Sophie als „Schattenkaiserin“ gab den Takt vor und Kaiser Franz Joseph war in den ersten Jahren eigentlich nur der Ausführer ihrer Ideen. 

Wie auch in den Sissi-Filmen dargestellt, wurde das Zimmer für das erste Kind (ein Mädchen, das nach Sophie getauft wurde), in einem Trakt neben den Wohnräumen der Schwiegermutter Sophie eingerichtet. Das war im Hause Habsburg Tradition. Dahinter stand weniger eine Besitzergreifung der „bösen“ Schwiegermutter, sondern das Hofzeremoniell, das seine Wurzeln im Mittelalter hatte. Eine Etikette, die vor allem den Sinn hatte, eine von Gott abgeleitete hierarchische Herrschaftsordnung darzustellen. Dazu zählte auch der Abstand der Schlafräume der Kinder zum Herrscherpaar. Die ersten drei Kinder wurden von Ammen gestillt und von der sogenannten Kindskammer, deren Vorsitz Erzherzogin Sophie inne hatte, betreut.

Nach der Geburt der zweiten Tochter Gisela verlegte Sisi in Abwesenheit ihrer Schwiegermutter jedoch die Kinderzimmer wieder in ihre Nähe. Sisi musste sich anmelden, wenn sie ihre Kinder sehen wollte. Sie wehrte sich, kämpfte erst um ihre Kinder, gab schließlich zermürbt auf und ging auf Reisen. Einmal noch konnte sie sich bei den rüden Erziehungsmaßnahmen ihres Sohnes Rudolf durchsetzen. Doch hätte der Bub sie als Mutter mehr als dieses eine Mal gebraucht. Als Elisabeth das erkannte, war es aber zu spät und die Schüsse in Mayerling 1889 waren bereits gefallen….

Die kleine Gisela
Rudolf als kleiner Soldat...
Kaiser Franz Joseph mit seinen Kindern Gisela und Rudolf
Bilder Sammlung Petra Herzberg

Bei Sisis letztgeborener Tocher Marie Valerie machte sie eine Ausnahme. Dieses Kind wurde von ihrer Fürsorge und Liebe dermaßen überschüttet, dass Marie Valerie später in ihr Tagebuch schrieb, dass ihr das zu viel war. Sisi sprach mit ihr nur ungarisch. Marie Valerie wollte aber lieber deutsch sprechen und bei ihrem Vater sitzen und ihm zuschauen wenn er arbeitend am Schreibtisch saß. Stattdessen musste sie mit der unsteten rastlosen Mutter ständig auf Reisen gehen.

Die jüngste Sisi-Tochter Marie Valerie
Bild Sammlung Petra Herzberg

“Es ist nicht einfach, verwandt zu werden“

Die Sissi-Filme sind vor mehr als 70 Jahren gedreht worden. Erzherzogin Sophie starb vor 150 Jahren. Heute, in der westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts kommt es sehr selten vor, dass eine Ehefrau in den Haushalt der Familie des Mannes ziehen muss. Aber immer noch bestehen Schwiegermutter-Zuschreibungen. Vielleicht steckt ja hinter diesen traditionellen Zuschreibungen auch ein einfaches menschliches Grundproblem: Plötzlich kommen fremde Menschen zusammen und sollen jetzt ein nahes Verhältnis herstellen. Und das ist eben oft einmal äußerst brüchig. 

Im Jahre 1848 war der Thronverzicht des regierungsschwachen Kaisers Ferdinand I als ein Neubeginn die einzige Chance, um die Monarchie neu zu ordnen. Laut der historischen Forschung erwies sich Sophie während der chaotischen Revolutionen als der „Einzige Mann bei Hofe“ und bewies in dieser Zeit ihren starken Führungssinn. So soll sie an der Entlassung von Staatskanzler Metternich großen Anteil gehabt haben. Gemeinsam mit Kaiserin Maria Anna bewog Sophie zielstrebig den Kaiser zum Thronverzicht zugunsten ihres Sohnes Franz Joseph. Sie verzichtete auf den Thron und bestärkte ihren Ehemann Franz Karl, dem nächsten in der Thronfolge, zugunsten ihres gemeinsamen Sohnes Franz Joseph zurückzustehen. So wurde der erst 18jährige Franz Joseph am 2. Dezember 1848 Kaiser, ohne jemals Thronfolger gewesen zu sein.

Die von einigen Biografen der Kaiserin Elisabeth und später in den Sissi-Filmen von Marischka verbreitete Ansicht, Sophie sei für Elisabeth eine „böse Schwiegermutter“ gewesen, lässt sich in der neueren Forschung jedoch nicht aufrecht erhalten. In ihrer erhaltenen Brief-Korrespondenz mit anderen Familienmitgliedern findet sich kein böses Wort über die junge Kaiserin. 

Erzherzogin Sophie war Namensgeberin und Taufpatin ihrer 1855 geborenen ersten Enkelin, die nur „Baby“ genannt wurde. Doch das Mädchen starb mit zwei Jahren vermutlich an der Ruhr während einer Ungarnreise. Sisi haderte lange mit sich und war untröstlich, gab sich am Tod der kleinen Sophie die Schuld, da Erzherzogin Sophie davon abgeraten hatte, beide Kinder mit auf eine beschwerliche Reise zu nehmen. Die jüngere zweite Tochter Gisela erkrankte zwar auch, erholte sich aber schnell wieder. Noch in größter Trauer um ihr „liebes Baby“ bemerkte sie dass sie erneut schwanger war. Am 21. August 1858 erblickte als drittes Kind der lang erwartete Thronfolger Rudolf das Licht der Welt. 

Die mächtigste Frau der Habsburger Dynastie seit Marie Theresia
Bild Sammlung Petra Herzberg

Tod und Erinnerungen an Erzherzogin Sophie

Der schwerste Schlag für Sophie war das Scheitern ihres Lieblingssohnes Maximilian als Kaiser von Mexiko. Jeden Tag wartete sie auf Nachricht aus Mexiko. Jedoch war ein Brief bis zu 6 Wochen unterwegs und so hinkte sie den Nachrichten immer um Wochen hinterher. Nachdem Maximilian 1867 durch Benito Suarez erschossen wurde, zog sie sich aus der Politik zurück. Auch sah sie ihre Ideale angesichts des Österreichisch-Ungarischen Ausgleichs und der Einführung der konstitutionellen Monarchie ab 1867 als endgültig gescheitert. Sie zog sich vom Hof zurück, spürte immer mehr das Alter, und kränkelte. Nach einem Besuch im Burgtheater zog sie sich eine schwere Lungenentzündung zu, an der sie am 28. Mai 1872 starb. Sisi eilte an ihr Sterbebett und wachte zwei Tage bis Erzherzogin Sophie für immer einschlief. Sophie liegt ebenfalls in der Wiener Kapuzinergruft begraben.

In Bad Ischl erinnert seit 1830 die „Sophien Esplanadeam Ufer der Traun an sie. Etwas außerhalb von Bad Ischl befindet sich ein Aussichtspunkt mit dem Namen „Sophien Doppelblick. Von dort sieht man den Wolfgangsee und den Dachstein (Hausberg von Bad Ischl) zugleich. Dieser Platz war einer von Sophies Lieblingsorten.

Im Wienerwald erinnert die „Sophienalpe“ an Erzherzogin Sophie, denn hier hat sie regelmäßig die Sommer verbracht. In Wien sind die „Sofien Säle“ nach ihr benannt. Die heutige Rotunden Brücke über den Donaukanal trug 1824 -1918 ihr zu Ehren den Namen „Sophienbrücke“. Ihr Tod war ausschlaggebend dafür, ein in den Vorstädten geplantes Krankenhaus nach ihr Sophienspital zu nennen. Es war bis 2017 in Betrieb. Eine Gedenktafel erinnert im Stiegenhaus eines nach Erzherzogin Sophie benannten Wohnhauses in der Apollogasse im 7 an sie.

Und in ihrer Geburtsstadt München wurde die „Sophienstrasse“ nach ihr benannt. 

Im Laufe der Zeit musste Sophie der Freiheitsliebe ihrer Schwiegertochter nachgeben. Aber auch zum Erhalt der alten Ordnung, die bei ihrer Geburt in Gefahr geraten schien, konnte sie immer weniger beitragen. Die Schlacht bei Königgrätz 1866 und den Ausgleich mit Ungarn erlebte sie noch mit. Es waren genau diese Ereignisse, die als Beginn für das Ende der Dynastie gesehen werden konnten. Das Ende bekam Erzherzogin Sophie nicht mehr mit. Mit ihr starb im Jahr 1872 wohl die mächtigste Frau der Habsburger Dynastie seit Kaiserin Maria Theresia. Die Reduzierung auf die „böse Schwiegermutter von Sisi“ wird ihrer historischen Rolle überhaupt nicht gerecht.

Über die Autorin:

Petra Herzbergs erste Passion ist die berühmte und beliebte Kaiserin Sisi und ihre Familie. Nicht nur, dass sie alle (deutschen) Bücher, die es zum Leben von Kaiserin Elisabeth und ihrem Mann Kaiser Franz Joseph gibt, gelesen hat, sie sammelt neben den Büchern auch Bilder, Fotos und Figuren rund um Kaiserin Elisabeth.

Porträt Sisi Autorin Petra Herzberg

Gefragt, wann ihre Begeisterung für Kaiserin Sisi begann, erzählt sie dass sie das erste Buch über Sisi, die Biographie von Brigitte Hamann „Kaiserin wider Willen“ 1981 bei ihrer Großmutter entdeckte und verschlang. Danach hatte sie Feuer gefangen und las mehr zum Leben der faszinierenden Person Sisi. Sie begann die Bücher zu sammeln und ihre Leidenschaft hat sie bis heute auch an viele Stätten, wo die Kaiserin zeitweise lebte, hingeführt.

Ob nun ihr geliebtes Wien, wohin sie regelmäßig reist, Budapest oder auch Korfu. All das passiert –bis jetzt- aber in ihrer Freizeit. Beruflich ist sie seit vielen Jahren erfolgreich in der Bankenbranche tätig. Es gibt noch eine zweite Passion, die sie, aber das mehr zufällig, mit Kaiserin Sisi teilt: das Reiten, gerne auch im Damensattel, ihr Ausgleich vom Großstadtleben am Wochenende. Und wenn dann noch Zeit bleibt – dann sitzt sie an ihrem Buch. Ratet mal, zu welchem Thema…

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